Das alte Lied von den Noten - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Das alte Lied von den Noten

Lesedauer: 4 Minuten

Die Leistungsbewertung von Schülerinnen und Schülern mittels Noten ist verzerrend und schon lange umstritten. Höchste Zeit, dass sich die Schule hin zu einem zeitgemässen, fairen und am Kind orientierten System der Beurteilung weiterentwickelt. Hierzu braucht es auch das Vertrauen der Eltern.

Die Bewertung von Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler durch Noten ist wahrscheinlich so alt wie die Schule selbst und nicht erst seit heute umstritten. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts untersuchten Studien systematisch die Prüfungs- und Beurteilungspraxis an öffentlichen Schulen. Diese stellten schon damals die Legitimation der Bewertungen grundsätzlich infrage. Spätestens ab den 1950er-­Jahren wurden die wissenschaftlichen Bedenken dann auch in der Praxis diskutiert.

Dass die Notenthematik bis heute immer wieder hochkocht, hat sicherlich auch mit der Existenz Dutzender unwiderlegter Untersuchungen zu tun. Diese zeigen, dass herkömmliche Leistungsurteile sehr anfällig für eine Reihe von Verzerrungen sind und deshalb an der eigentlichen Leistung unserer Kinder vorbeiurteilen. Denn Noten vermitteln eine Scheingenauigkeit. Die Lernfortschritte der einzelnen Schülerinnen und Schüler sind weder erfasst noch sichtbar gemacht, und ausschliesslich mit Noten können Leistungen nicht adäquat abgebildet werden.

Ungleiche Voraussetzungen

Zur Veranschaulichung: Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihren Kindern, während diese das Fahrradfahren erlernen, Noten geben. Wie und was würden Sie beurteilen? Die Schnelligkeit, wie das vonstattengeht? ­Hätte die Tatsache, dass Ihr Kind hinfällt und wie oft das geschieht, auch Einfluss auf Ihre Note? Ein Kind, das die Möglichkeit hat, ein Laufrad zu benutzen, bevor es auf ein richtiges Velo umsteigt, geniesst mit Bestimmtheit den Vorteil, das Gleichgewicht auf einem Zweirad bereits halten zu können. Es ist folglich viel schneller fähig, auf ein Velo zu steigen und loszupedalen als eines, das noch nie auf einem zweirädrigen Gefährt sass und sich diese Balancefähigkeit zuvor nicht aneignen konnte.

Lernfortschritte sind in Noten weder erfasst noch sichtbar ­gemacht, und Leistungen ­können mit Noten allein nicht angemessen abgebildet werden.

Wie sollen diese Kinder nun bewertet werden? Das Kind mit dem Laufrad lernt logischerweise schneller und mit weniger Unfällen Velo zu fahren als jenes, das das erste Mal mit einem Zweirad unterwegs ist. Demzufolge müsste das zweite Kind die schlechtere Note bekommen, auch wenn es gar nicht die gleichen Voraussetzungen und Chancen hatte wie unser erstes Kind. Kann dann schlussendlich die gesetzte Zahl aufzeigen, wie und was das Kind gelernt hat und wo es noch üben sollte?

Dagmar Rösler ist Primarlehrerin in Bellach SO und Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.
Dagmar Rösler ist Primarlehrerin in Bellach SO und Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.

Was sich hier wie eine Posse liest, ist für Lehrerinnen und Lehrer eine tägliche Gratwanderung und ein Leben mit Widersprüchen. Vor allem in den ersten Schuljahren tummeln sich in den Klassen Kinder mit verschiedenen Leistungsniveaus, ungleichen Voraussetzungen und in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Aus diesem Grund haben Lehrerinnen und Lehrer ja auch den berechtigten Auftrag, innerhalb der Klasse nach Möglichkeit differenziert zu unterrichten. Das heisst, die Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, zu fordern und zu fördern, wo sie sich in ihrem Leistungsstand gerade befinden.

Nur, bei der Notengebung hat dann diese Differenzierung des kindlichen Entwicklungsstandes aufzuhören. Am Ende einer Lern­einheit werden alle wieder mit der gleichen Elle gemessen, und es muss meist anhand von Tests in einer Momentaufnahme festgehalten werden, wie viele Aufgaben richtig gelöst oder wie viele Fragen richtig beantwortet worden sind. Anhand eines bestechend einfachen Systems (Zahlen von 1 bis 6), welches Schülerinnen und Schüler wie auch Eltern in unserem Land seit Generationen prägt, wird also der Lernstand unserer Kinder festgehalten.

Denken Sie bitte wieder an das Beispiel mit dem Erlernen des Velofahrens. Noten haben den trügerischen Vorteil, dass sie einfach aufzuzeigen scheinen, wie das Kind in einem bestimmten Thema abgeschnitten hat. Sie sind ein altbewährtes Mittel, Leistungen und vielleicht auch Anstrengungen von Schülerinnen und Schülern zu etikettieren. Noten sind aber kein taugliches Mittel, um einen Lernprozess oder eine Lernentwicklung aufzuzeigen. Deshalb hat die Schule schon seit mehreren Jahren den Auftrag, nicht nur summative (bilanzierend mittels Noten), sondern auch formative (förderorientierte) und prognostische Beurteilungen vorzunehmen.

Letztere basieren auf einer engen Kommunikation zwischen Lehrerinnen und Lehrern und ihren Schülerinnen und Schülern und sollen ebenfalls Einfluss auf die Zeugnisnote des Schülers oder der Schülerin haben. Sie geben Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit, jenseits eines starren Zahlensystems auf die Lernprozesse der Kinder einzugehen. So weit, so gut. In der Praxis wird es dann schwierig, wenn Zeugnisnoten als reine Durchschnittsrechnungen von geschriebenen Schulprüfungen gesehen werden. Vielerorts geraten Lehrerinnen und Lehrer unter Druck, wenn die Zeugnisnoten nicht dem errechneten Durchschnitt entsprechen.

Fürs Leben statt für Noten lernen 

Auch wenn der Abschied von Althergebrachtem und Bekanntem nicht leicht ist, das Ziel der Schule muss langfristig sein, neue Wege der Leistungsbegleitung und -bewertung zu suchen und zu erproben. So, dass Können, Querdenken, Kreativität, Fantasie, aber auch Fähigkeiten wie Durchhaltewillen, Zusammenarbeit mit anderen, Teamgeist, Anstrengungsbereitschaft und Frustrationstoleranz besser berücksichtigt werden können. Denn wenn schulisches Streben nur auf «Notenerwerb» zielt, Unterricht zum «teaching to the test» oder «learning for the test» mutiert, lernen wir alle an dem vorbei, was in Zukunft immer wichtiger wird: Kreativität, soziales Lernen und die Fähigkeit, mit Fantasie Probleme zu lösen.

Die Noten wie einen heiligen Gral zu behandeln, ist nicht mehr zeitgemäss und bremst die Schule in ihrer ­Entwicklung aus.

Um es ganz sachlich auf den Punkt zu bringen: Mit dem Wandel in unserer Gesellschaft – der fortschreitenden Digitalisierung, der Kompetenzbeurteilung in Verbindung mit dem Lehrplan 21, der schulischen Integration und der Anerkennung der Unterschiedlichkeit unserer Kinder – muss das Bewertungssystem in unserer Schule ebenfalls einen Wandel erfahren. Dies kann nur mit einem transparenten Bewertungssystem und einem klaren, interkantonalen Konzept erfolgreich sein, welches nebst oder anstelle von Noten auch das professionelle Ermessen von Lehrerinnen und Lehrern zulässt. Vonseiten der Eltern wiederum braucht es Vertrauen in die Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern, damit diese die Schülerinnen und Schüler in die Zukunft führen können. Schliesslich sollte es sowohl Eltern als auch Lehrerinnen und Lehrern in der Sache ja nur um eines gehen: eine faire, zeitgerechte und am Kind orientierte Beurteilung, die es dort abholt, wo es gerade steht.

In der heutigen Schule, wo Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Leistungsniveaus in einer Klasse sitzen, wo es um die Kompetenzorientierung geht, wo man ins digitale Zeitalter aufbricht, ist es auch höchste Zeit, das Bewertungssystem zu modernisieren. Die Noten dabei wie einen heiligen Gral zu behandeln, ist nicht mehr zeitgemäss und bremst die Schule in ihrer Entwicklung aus.

Dagmar Rösler
ist Primarlehrerin in Bellach SO und Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.

Alle Artikel von Dagmar Rösler

Mehr lesen zum Thema Noten:

2404 dossier schulangst schulverweigerer sonja hasler elternmagazin fritzundfraenzi hg
Psychologie
«Es ist okay, Angst zu haben»
Flucht ist nicht immer eine gute Lösung, weiss Psychologin Sonja Hasler. Sie arbeitet mit Kindern, die unter Schulangst leiden.
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox.
Advertorial
Globi, jetzt auch bei tonies®
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox. Ab Juli erzählt er den Kindern Geschichten – natürlich auf Schwyzerdütsch.
24-03-körper-privatschule-mercator-sandra-markert-schweizer-elternmagazinfritzundfraenzi hg
Lernen
Das erhoffen sich Eltern von einer Privatschule
Nicht einmal fünf Prozent der Schweizer Schülerinnen und Schüler besuchen eine private Lerneinrichtung. Die Mehrheit der Eltern kann sich jedoch vorstellen, ihr Kind dorthin zu schicken.
Schule ohne Noten: Schulleiter Philippe Villiger erzählt.
Lernen
«Beim Lernen zählen die eigenen Fortschritte»
Schulleiter Philippe Villiger erzählt, warum seine Schule seit acht Jahren auf Notenzeugnisse verzichtet und welche Erfahrungen sie damit macht.
Verzicht auf Noten. Portrait von Michael Renaudin, Co-Präsident des Elternrats Länggasse in Bern.
Lernen
Schule ohne Noten: «Wir wissen, wo unsere Tochter steht»
Verzicht auf Schulnoten auf der Oberstufe? Michael Renaudin hält viel vom neuen Modell, ortet aber auch einige Stressfaktoren.
Lernen
Schulnoten unter der Lupe
Das Thema Schulnoten polarisiert. Wir haben Expertinnen und Experten gebeten, gängige Meinungen dazu einzuordnen.
Lernen
Schule ohne Noten: «Ist ‹gut› gut genug?»
Schule ohne Noten. Fünf Jugendliche an der Gesamtschule Schüpberg in Schüpfen BE gehen diesen Weg und erzählen.
Alternativen zur Note. Lehrer sitzt im Klassenzimmer mit Kind und bespricht dessen Leistung.
Lernen
Alternativen zur Note – ein Überblick
Ist eine Leistungsbeurteilung ohne Noten möglich? Welche Alternativen zu Noten gibt es? Stimmen aus der Bildungsforschung ordnen ein.
Lernen
Karrierenachteil Elternhaus
Die Schweiz hat zwar ein durchlässiges Bildungssystem, dennoch entscheidet vor allem die soziale Herkunft der Kinder über ihre Schullaufbahn.
Schule ohne Noten
Lernen
«Wir sind auch ohne Noten eine Leistungsschule»
Seit 2017 verzichtet die Luzerner Primarschule Staffeln während des Semesters auf Noten. Der Schulleiter und zwei Lehrerinnen berichten.
Lernen
Die Krux mit den Noten
Schulnoten, ja oder nein? Dieses Dossier beleuchtet den Stand der Debatte, alternative Beurteilungssysteme und was Kinder zum Lernen brauchen.
Alternativen zur Note. Lehrer sitzt im Klassenzimmer mit Kind und bespricht dessen Leistung.
Fritz+Fränzi
Schulnoten: Unser Thema im Februar
Sie bilden das Leistungsvermögen nur ungenügend ab. Trotzdem halten sich die Noten hartnäckig. Weshalb das so ist und was die Alternativen taugen.
Lernen
So gehen Kinder gerne in die Schule
Viele Kinder starten mit Freude in die erste Klasse. Damit dies so bleibt, müssen drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sein.
Lernen
Die Not mit den Noten
Schulnoten stressen Schülerinnen und Schüler. Auch Lehrpersonen empfinden sie oft als unfair. Dennoch halten sie sich. Warum eigentlich?
Schluss mit der Selektion
Gesellschaft
Schluss mit der Selektion
Die Selektion nach der Primarschule ist ungerecht, findet unser Kolumnist und fordert ein radikales Umdenken.
Schule ohne Noten
Elternbildung
Eine Aargauer Schule geht neue Wege ohne Noten
Die Aargauer Schule Rütihof unter der damaligen Schulleiterin Lisa Lehner verzichtet auf Noten. Mit Erfolg!
Noten
Lernen
Zutrauen vermitteln statt Noten überbewerten
Nach dem Übertritt in die Primarschule bekommt ein Kind irgendwann die ersten Noten. Deren Bedeutung hängt nicht zuletzt von der Einstellung der Eltern ab.
«Hilfe
Elternbildung
«Hilfe, muss ich meine Tochter für gute Noten belohnen?»
Unsere Tochter, 10, besucht die 4. Klasse. Am letzten Elternabend erklärte uns ihre Lehrerin, dass sie uns empfehle, die Kinder für gute Noten zu belohnen.
Video-Serie: Wie sollen Eltern auf schlechte Noten reagieren?
Video
Wie sollen Eltern auf schlechte Noten reagieren?
In der Serie «Und was denkst du?» befragen Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund Jugendliche rund um die Themen Schule, Eltern, Freundschaft und Zukunft.
Erziehungsmythen: Soll man Kinder für gute Noten mit Geld belohnen?
Entwicklung
Gute Noten sollte man mit Geld belohnen. Stimmt’s?
Die Mythen der Kindererziehung. Die Stiftung Elternsein, Herausgeberin des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi, geht 15 Erziehungsmythen auf den Grund.
Fabian Grolimund Kolumnist
Gesellschaft
Schüler brauchen Feedback statt Noten
Unser Kolumnist Fabian Grolimund findet sich als Vater mitten im Streit um Sinn und Unsinn von Noten wieder.
Wir erzählen: Selbstliebe ist wichtiger als Noten
Familienleben
Wir erzählen: «Selbstliebe ist uns wichtiger als gute Noten»
Bedingungslose Liebe ist das, was Rahel in ihrer Kindheit erfahren hat. Und jetzt möchte sie das an ihre Kinder weitergeben.
«Jeder kann Bestnoten schreiben!»
Gesellschaft
«Jeder kann Bestnoten schreiben!»
Herr Mehrzad, beim Lesen Ihres Buches habe ich mich ein bisschen gefragt, für wen sie es geschrieben haben. Vermutlich für Schülerinnen oder Schüler, die ohnehin schon strebsam unterwegs sind… Ich habe während meiner Schulzeit festgestellt, dass Schulnoten erstaunlich wenig mit Intelligenz zu tun haben. Da gab es sehr intelligente Klassenkameraden mit schlechten Noten und solche, […]
Welchen Einfluss haben die Schulnoten bei der Berufswahl?
Berufswahl
Welchen Einfluss haben die Schulnoten bei der Berufswahl?
Herauszufinden, was man will, ist schwer genug. Und schon kommt die nächste Herausforderung: Genüge ich den Anforderungen? Bin ich gut genug für meinen Traumberuf? Eine Studie mit 514 Jugendlichen* kommt zu einem erfreulichen Resultat: Der Aussage «Ich habe die Ausbildung gewählt, die mich am meisten interessiert hat» stimmen 58 Prozent voll und ganz zu, weitere […]