Noten: Zutrauen vermitteln statt überbewerten
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Zutrauen vermitteln statt Noten überbewerten

Lesedauer: 4 Minuten

Nach dem Übertritt in die Primarschule bekommt ein Kind irgendwann die ersten Noten. Welche Bedeutung diese haben, hängt nicht zuletzt von der Einstellung der Eltern ab.

Text: Christian Hugi
Bild: Pexels

Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihr ­erstes Zeugnis, liebe Leserin, lieber Leser? Bei mir zumindest hat dieses einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Fragt sich bloss: warum eigentlich? Schliesslich war ich damals in der ersten Klasse und hatte nicht wirklich eine Vorstellung von der Aussagekraft oder Bedeutung einer solch abstrakten Form der Beurteilung, welche sich zudem auf einen Zeitraum von einem ganzen Jahr bezog.

Ich verstand zwar, dass meine Noten Grund zur Freude waren, genoss das elterliche Lob dazu und nahm den Batzen vom Grosi stolz entgegen. Vor allem aber war ich sieben und also eigentlich generell an Handfestem und Unmittelbarem interessiert; etwa am Spiel mit den Freunden, an den Ameisenländern, die ich hingebungsvoll kreierte, und am roten Saft, den ich aus den Pfingstrosen presste – sehr zum Ärger meiner Grossmutter.

Ich erkannte mit sieben Jahren nicht, dass diese Zeugnisnoten eigentlich keine momentane Leistungsrückmeldung sein sollten, sondern sich vielmehr auf die ganze erste Klasse bezogen. Ich wusste nichts über die Bewertungsgrundlagen oder welche Leistungen konkret gemessen und bewertet wurden. Nein, wie eigentlich alle Kinder dieses Alters lernte ich einfach, weil es das war, was in der Schule passierte, weil die Lehrerin und die Eltern es wollten und weil es meistens ganz okay war oder sogar Spass machte. Warum also hat sich dieses Zeugnis so in meine Erinnerung eingebrannt?

Das Umfeld prägt das Lernen

Heute weiss ich: Hauptgrund für den starken Eindruck war das familiäre Umfeld mit seinen Erwartungen und Reaktionen. Eltern, Verwandte und andere Bezugspersonen, wozu natürlich auch die Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrpersonen zählen, prägen das Lernen und die Erwartungshaltung der Kinder in hohem Mass. Das Zeugnis wird wichtig, weil das Umfeld es für wichtig hält oder für wichtig erklärt. Weil das Zeugnis überhaupt erst durch das und mit dem Umfeld zum Thema wird.

Das heisst aber auch: Wir Erwachsene haben es in der Hand, wie sich die Kinder zum Zeugnis stellen und ob wir das Zeugnis und die Noten zum Mass aller schulischen Dinge machen.

Um es gleich klar zu sagen: Das sollten wir auf keinen Fall tun! Denn Noten und Zeugnisse taugen nicht als Motivationsgrundlage für das Lernen der Kinder in der Schule. Kinder sind motiviert zu lernen, weil dies die Natur des Menschen ist, ganz besonders in den jungen Jahren.

Vor allem in den ersten ­Schuljahren muss das ­Fördern im Vordergrund ­stehen – eigentlich immer.

Kinder lernen in der Schule ausserdem noch, weil das Umfeld es will, weil man in der Schule eben lernt und nicht zuletzt, weil es oft auch Freude bereitet. Es ist darum eine der Hauptaufgaben der Schule und von uns Lehrpersonen, die Kinder zu fördern, sie in ihrem Lernen zu bestärken, zu fordern und weiterzubringen.

Nun hat die Schule aber eben auch den gesellschaftlichen Auftrag, das Lernen und die schulischen Leistungen zu beurteilen und früher oder später auch, die Kinder zu selektionieren. Fördern und bestärken einerseits, gleichzeitig beurteilen und selektionieren andererseits führt oft in ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Besonders dann, wenn das Kind den Anforderungen (noch) nicht gerecht wird. Und das kommt recht häufig vor.

Jedes Kind entwickelt sich ­individuell

In der Regel hängen das Lernen und der Lernfortschritt stark mit der persönlichen Entwicklung zusammen. Diese verläuft weder bei allen gleich noch linear, sondern individuell und in Wellen. Das ist normal. So fangen auch nicht alle Babys zur gleichen Zeit an zu krabbeln oder zu sprechen. Und Ende Kindergarten können manche Kinder ihren Namen noch nicht richtig schreiben, während andere schon fast fliessend lesen und kurze Sätze verfassen.

Niemandem käme in den Sinn, einem Baby für sein Laufenlernen eine Note zu geben oder das Kindergartenkind, das seinen Namen noch nicht korrekt schreibt, zu tadeln. Stattdessen bleiben wir geduldig und vertrauen darauf, dass der nächste Entwicklungsschritt kommt, und unterstützen die Kleinen immer wieder aufs Neue.

Mit dem Schuleintritt ändert sich das häufig. Bei mir hiess es damals etwa: «In der Schule pfeift dann ein anderes Vögelchen.» Und oft werden auch heute noch von vielen Erwachsenen Noten oder das Zeugnis mahnend erwähnt. Beurteilung und Selektion werden dadurch viel zu früh in den Vordergrund gerückt.

Dabei ist es wichtig, dass sich die Kinder mit Vertrauen auf das eigene Können, mit Gelassenheit und Motivation auf die Schule und das Lernen einlassen können. Vor allem in den ersten Jahren muss der Förderaspekt unbedingt im Vordergrund stehen – eigentlich immer.

Zeugnis ist im Alltag schnell vergessen

Nicht zuletzt auch, um dem Spannungsfeld zwischen Fördern und Selektionieren in der Beurteilung gerecht zu werden, unterscheidet der Lehrplan zwischen der formativen, der summativen und der prognostischen Beurteilung. Zunehmend wird heutzutage der Fokus aus den zuvor erläuterten Gründen auf die formative Beurteilung gelegt. Dazu gehören laut Lehrplan «die Einschätzung des Lernstands der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers und die Beobachtung von Fortschritten und Problemen in ihrem individuellen Lernprozess».

Im Gegensatz dazu konzentriert sich die summative Beurteilung auf den Leistungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt, also zum Beispiel nach einer Lerneinheit, einem Semester oder einem Schuljahr. Die prognostische Beurteilung wird in Bezug auf Übertrittsentscheidungen relevant und stützt sich auf die anderen beiden Beurteilungsformen ab.

Viel wichtiger als das Zeugnis und die Noten sind der Lernfortschritt und die Lernmotivation der Kinder.

Bald verlässt Ihr Kind den Kindergarten und wechselt an die Primarschule. Irgendwann wird auch sein erstes Zeugnis mit Noten ausgestellt werden, je nach Kanton schon ab der ersten Klasse. Viel wichtiger als das Zeugnis und die Noten sind aber der Lernfortschritt und die Lernmotivation der Kinder. Denn das Notenzeugnis ist im Schulalltag schnell vergessen.

Leistungsbereitschaft fördern

Am Ende sind die Mitschülerinnen und Mitschüler und die tagesaktuellen Ereignisse und Befindlichkeiten, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Wissen um den eigenen Lernfortschritt für den Schulerfolg viel entscheidender. Es sind darum auch diese Aspekte, auf die wir Erwachsenen den Fokus legen sollten – nicht auf Noten, Zeugnisse oder gar einen allfälligen Gymi-Übertritt, der noch weit weg ist.

Das heisst nicht, dass wir keine Erwartungen an die Kinder stellen dürfen, sondern bloss, dass sich diese möglichst nicht auf Noten oder das Zeugnis beziehen sollen. Hilfreicher ist stattdessen, wenn wir die kindliche Leistungs- oder Anstrengungsbereitschaft fördern und einfordern.

So signalisieren wir dem Kind, dass wir ihm Lernfortschritte zutrauen, insbesondere auch dann, wenn etwas anstrengend ist. Wir zeigen, dass wir uns freuen über das, was es schon kann, was es anpackt, unternimmt und lernt. Genauso, wie Sie als Eltern das gemacht haben, seit die Kleinen, eben erst auf die Welt gekommen, jeden Tag einen weiteren kleinen oder grossen Entwicklungsschritt vor den anderen setzen.

Christian Hugi

Christian Hugi
ist Primarlehrer in der Stadt Zürich, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV) und Mitglied der ­Geschäftsleitung des Dachverbands ­Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH).

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