Karrierenachteil Elternhaus - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Karrierenachteil Elternhaus

Lesedauer: 4 Minuten

Die Schweiz hat zwar ein durchlässiges Bildungssystem, dennoch entscheidet vor allem die soziale Herkunft der Kinder über ihre Schullaufbahn – und zwar oft schon im Vorschulalter.

Text: Sandra Markert
Bild: Fabian Biasio / Keystone

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator Schweiz

Die Eltern Landwirte, die Tochter Uni-Professorin? Kein Problem, sollte man meinen. Das Schweizer Bildungssystem gehört zu den durchlässigsten der Welt. Auch wer zunächst eine Berufsausbildung macht, kann später über Berufsmaturität beziehungsweise Passerelle noch studieren. So weit zumindest die Theorie.

Tatsächlich aber beträgt der Anteil der Kinder an Gymnasien, deren Eltern ebenfalls das Gymnasium besuchten oder über einen höheren Bildungsabschluss verfügen, in der Schweiz 70 Prozent – und das seit vielen Jahren. «Soziale Herkunft und Bildung verhalten sich ultrastabil zueinander, da sind kaum Änderungen zu beobachten», sagt Rolf Becker, Professor für Bildungssoziologie am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Bern.

Wer nach den Ursachen sucht, landet immer wieder bei einem Faktor: dem Elternhaus. Die meisten Mütter und Väter sehen für ihr Kind den Bildungsweg, den sie selbst eingeschlagen haben – und unterstützen diesen auch entsprechend. So gaben im Rahmen einer Studie der unabhängigen Stiftung Mercator Schweiz im Jahr 2022 mehr als zwei Drittel der befragten Eltern mit gymnasialem Abschluss an, sich diesen auch für ihre Kinder zu wünschen. Bei den Eltern mit Berufsausbildung präferieren diesen Weg hingegen nur ein Viertel der Befragten für ihr Kind.

«Man will seinem Kind nichts empfehlen, was man selbst nicht kennt», sagt Stefan Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern. Vergessen würden Eltern dabei, dass ihr Wissen und ihre Erfahrungen über den jeweiligen Bildungsweg aufgrund des Altersunterschiedes zum Kind in der Regel rund 30 Jahre zurücklägen – und häufig nicht mehr der Realität entsprächen. Hinzu kommt: Ein akademischer Bildungsweg mit Gymnasium und Studium dauert wesentlich länger als eine Berufsausbildung. «Wenn ich dies als Elternteil finanziell gut abfedern kann, gerade auch dann, wenn der gewählte Weg scheitert, dann bin ich auch eher bereit dazu, einen solchen Bildungsweg zu unterstützen, als wenn das Geld knapper ist», sagt Wolter.

Je besser das elterliche Gehalt, desto höher die Gymnasialquote

Darüber hinaus haben Besserverdienende mehr Möglichkeiten, sich Nachhilfe oder eine Privatschule zu leisten. So überrascht es nicht, dass sich der Zusammenhang von Bildung und Einkommensklasse auch in der Mercator-Studie sehr deutlich zeigt: Je besser die Eltern verdienen, desto höher ist der Anteil derjenigen, die ihre Kinder aufs Gymnasium schicken wollen oder Kinder haben, die dieses besuchen.

Auch die gesellschaftliche Fallhöhe spielt eine grosse Rolle. «Alle Eltern haben das gleiche Ziel: dass es den Kindern nicht schlechter gehen soll als ihnen selbst. Die Kinder dürfen bildungsmässig also nicht absteigen», sagt Bildungssoziologe Becker. Akademikereltern würden dadurch von Beginn an eine höhere Bildungsmotivation mitbringen – weil es nur den Weg abwärts gibt. «Und Akademikern ist das Sozialprestige wichtiger, während Nichtakademiker eher auf den ökonomischen Wert der Ausbildung schauen», so Wolter.

Ein Kind kann das, was es an frühkindlicher Förderung verpasst hat, in der Schule kaum mehr aufholen.

Melanie Häner, Bildungsexpertin Universität Luzern

Ganz entscheidend ist aber auch, dass Kinder aus Akademikerhaushalten kognitiv bereits nachweislich besser ausgestattet ins Bildungssystem starten – und sich dadurch zumindest in den ersten Jahren in der Schule auch leichter tun. «Kognitive Fähigkeiten werden zu einem Teil genetisch vererbt und zum anderen je nach Elternhaus auch von Beginn an unterschiedlich gefördert», sagt Melanie Häner, Bildungsverantwortliche am Institut für Schweizer Wirt­schaftspolitik an der Universität Luzern.

Den Schulen müsse man aber zugutehalten, dass die Unter­schiede ab Schuleintritt zumindest nicht grösser werden. Wohl aber bleiben sie konstant. «Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass ein Kind das, was es an frühkindlicher Förde­rung verpasst, in der Schule kaum mehr aufholen kann», sagt Häner.

Die Eltern besser über verschiedene Bildungswege informieren

Von Chancengleichheit ist das Schweizer Bildungssystem also weit entfernt – auch wenn Rolf Becker darauf hinweist, dass zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung der Mei­nung sind, dass es diese Chancen­gleichheit gibt und jeder, der sich bemüht, es auch schaffen kann. Und weil so viel von den Eltern abhängt, sind die Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, auch begrenzt.

Was man den Expertinnen und Experten zufolge aber tun kann: möglichst alle Eltern über verschie­dene Bildungswege informieren, beispielsweise über Studienbera­tungen, Stiftungen oder Vereine. «Es gibt Studien aus Deutschland, die zeigen, dass es hier durchaus Effekte gibt», sagt Becker.

Eine wei­tere Möglichkeit sieht er darin, den Zugang zu verschiedenen Schul­arten möglichst einfach zu gestal­ten. «Ein Kind, das im Emmental wohnt, muss vielleicht lange mit dem Bus zum nächsten Gymnasium fahren, ein Kind in Zürich nicht. Auch solche Faktoren haben Ein­fluss auf Bildungsentscheidungen», sagt Rolf Becker.

Kindern würde es zudem helfen, wenn die Wahl der weiterführenden Schulart nicht schon nach sechs Schuljahren an­stehen würde. «Bei einer späteren Selektion hätten Schülerinnen und Schüler länger Zeit, den Vorsprung aufzuholen, den viele Akademiker­kinder an frühkindlicher Bildung aus dem Elternhaus mitbringen», sagt Häner.

Das Bildungssystem braucht mehr Lehrpersonen mit Migrationshintergrund

Dem steht im Weg, dass auch Lehr­personen nur Menschen sind – und mitnichten neutral, was die Unter­stützung ihrer Schüler anbelangt. «Wir haben fast nur Lehrpersonen ohne Migrationshintergrund. Oft reicht es schon, dass jemand sich aufgrund seiner Kultur anders ver­hält und deswegen von der Lehrperson automatisch weniger geför­dert wird. Als Folge bringt er dann auch die erwartete geringere Leis­tung», erklärt Bildungsexperte Wol­ter.

Er plädiert für mehr standardi­sierte und extern durchgeführte Prüfungen, die es in der Schweiz bislang kaum gebe. «Das würde hel­fen, die Lehrereffekte, die die Leis­tungsbeurteilung beeinflussen, zu minimieren – zugunsten von mehr Chancengleichheit.» Profitieren würden davon seiner Meinung nach alle – auch Kinder aus Akademikerfamilien. Denn längst bekannt ist auch, dass viele unter ihnen, die auf dem Gymnasi­um oder später an der Universität landen, massiv überfordert sind. «Nur ein Drittel der Kinder, die aufs Gymnasium gehen, arbeitet später tatsächlich in einem Beruf, der ein Studium erfordert. Die anderen zwei Drittel kommen nicht durchs Gymnasium, gehen nicht studieren, brechen das Studium ab oder arbei­ten trotz Abschluss in einem Beruf, der auch ohne Studium funktioniert hätte», sagt Wolter.

«Welche Schule will die Schweiz?»

Die Stiftung Mercator Schweiz hat gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Sotomo Ende 2022 landesweit rund 7700 Erwachsene – ein Drittel davon Eltern von schulpflichtigen Kindern – gefragt, wie deren ideale Schule aussieht. Am wichtigsten ist den Befragten demnach, dass die Kinder gern zur Schule gehen, Freude am Lernen haben und in ihrem eigenen Tempo sowie individuell gefördert lernen können. Diesen Wunschvorstellungen stehen Dinge wie Prüfungen und Hausaufgaben als wichtigste Belastungsfaktoren gegenüber.

Mercator ist eine private, unabhängige Stiftung, die Handlungsalternativen in der Gesellschaft aufzeigen möchte, unter anderem im Bereich Bildung und Chancengleichheit.

Studienbericht 2023 zum Download

Sandra Markert
ist freie Journalistin und Mutter von drei Kindern im Kindergarten- und Primarschulalter. Sie lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

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