Schluss mit der Selektion - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Schluss mit der Selektion

Lesedauer: 3 Minuten

Am Ende der Primarschulzeit werden Kinder hierzulande in verschiedene Leistungsniveaus eingeteilt. Das ist alles andere als gerecht, findet der höchste Schweizer Schulleiter und fordert ein radikales Umdenken.

Text: Thomas Minder
Bild: Adobe Stock

In der Schweiz werden seit der Harmonisierung der Volksschule – also der Vereinheitlichung des Schulsystems auf Volksschulstufe – in den meisten Kantonen nach den zwei Kindergarten- und sechs Primarschuljahren Kinder in verschiedene Leistungsniveaus eingeteilt. Aber warum erfolgt diese Selektion? Wozu dient dieser Schritt? Und ist das zukunftsgerichtet?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir in der Geschichte des Schweizer Schul­wesens etwas weiter zurückgehen. Die Stände Bern und Zürich beauftragten im frühen 17. Jahrhundert die Gemeinden mit der Organisation der Schulen. Ab 1750 gab es erste Bestrebungen, die Unterrichtsmethoden auf die Lernenden zuzuschneiden und den Lehrstoff auf das praktische Leben auszurichten. Diese Bemühungen gingen auf den Einfluss der Pädagogen Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi zurück. 

Die Selektion nach der sechsten Klasse entspringt einer Zeit, als die Bildung im Teenageralter Privilegierten vorbehalten war.

Ab circa 1830 wurden in vielen Kantonen Schulgesetze geschaffen und Lehrerseminare gegründet. Damit war der Grundstein für die Volksschule, wie sie heute in ihren Grundzügen noch immer besteht, gelegt. Nach sechs Jahren Primarschule folgte eine Ergänzungsschule und für höhere Ansprüche wurden Sekundarschulen gegründet. Allerdings war der Besuch der Schule noch nicht überall obligatorisch. Die allgemeine Schulpflicht wurde erst in der Bundesverfassung 1874 festgelegt. Sie regelte jedoch nicht die Dauer der Schulzeit. Diese lag in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden.

Vier klassische Funktionen

Die Selektion nach der sechsten ­Primarklasse ist historisch gewachsen und entspringt einer Zeit, als die Bildung im Teenageralter Pri­vilegierten vorbehalten war. So beschreibt der emeritierte öster­reichische Pädagogikprofessor Helmut Fend in seiner Theorie die vier klassischen Funktionen von Schule:

  • Qualifikation: Die Schule bereitet die Kinder auf das spätere Leben vor.
  • Sozialisation: Die Kinder werden gesellschaftlich integriert. Genau wie in der Familie wird erwünschtes Verhalten in der Schule bewusst und unbewusst trainiert.
  • Legitimation: In der Schule werden gesellschaftliche Grundwerte vermittelt. (So fusst zum Beispiel die Schule in der Schweiz auf christlichen Grundsätzen und demokratischen Werten.) 
  • Selektion: Die Schülerinnen und Schüler werden auf unterschiedlich anforderungsreiche Schultypen und Berufe sortiert. 

Noten sind nicht objektiv

Während in Frankreich und den nordischen Ländern keine Selektion stattfindet, besuchen Jugendliche in Deutschland und der Schweiz nach der Primarschule unterschiedliche Schultypen, die vielerorts – aber nicht überall – auf einer äusseren Differenzierung basieren. Diese Selektion wird aufgrund von Noten vorgenommen.

Noten sind nicht objektiv. Die in der Schule vorgenommene Be­wertung hängt von vielerlei Faktoren ab. So spielt es für die Note eines ein­zelnen Schülers eine Rolle, ob die Klasse­ eher leistungsstark oder schwächer ist. Und welche Lehrperson die Note setzt. Auch die individuelle Entwicklung eines Kindes spielt eine grosse Rolle. So ist das räumliche Vorstellungsvermögen beispielsweise stark abhängig von der Reife des Hirns. Die Entwicklung eines Kindes verläuft nicht linear und keinesfalls bei allen Elfjährigen gleich. Dennoch werden die Kinder sehr oft mit denselben Unterrichtsinhalten konfrontiert und an der Erreichung von gleichen Zielen gemessen.

Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie, formulierte es in einem Interview mit diesem Magazin 2018 so: «Das Alter von zwölf Jahren ist der absolut falsche Zeitpunkt für diese Selektion. Die Hirnforschung zeigt zur Genüge, dass genau in jener Zeit das Gehirn in einer radikalen Umbauphase ist. Der Frontalkortex ist in heller Aufregung, es ist die schlimmste Phase im Leben eines Kindes.»

Dass der sogenannte strukturelle Rassismus einen Einfluss auf die Notengebung hat, ist ebenfalls erwiesen. So wird ein Aufsatz, der von einem Mädchen mit mittel­europäischem Namen geschrieben wurde, tendenziell besser bewertet als jener des Jungen mit südosteuropäischem Namen. Andrea Müller hat also die besseren Chancen auf eine gute Aufsatznote als Mustafa Demiroglu, um ein fiktives Namensbeispiel zu nennen.

Selbst gewähltes Lernniveau

Dennoch vertrauen wir auf ­diese gesetzten Werte und nehmen mit ihrer Hilfe eine Selektion vor, die danach in Stein gemeisselt ist. Auch wenn zwischen verschiedenen Niveaus der Sekundarschule in manchen Kantonen eine gewisse Durchlässigkeit herrscht (zum Beispiel Sek A, B, C im Kanton Zürich), ist sie im Gymnasium nicht gegeben. Ausserdem werden den Jugend­lichen Stempel aufgedrückt, die mitunter nicht gerechtfertigt sind und Lernkarrieren nachhaltig negativ beeinflussen.

Wenn wir also am Schluss der Primarschule die Zeugnisnoten verwenden und Schülerinnen und Schüler in Real-, Sekundar- und Gymnasialklassen einteilen, dient das in keiner Weise der Chancen­gerechtigkeit. In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 4. März 2023 bemängelt denn auch Katharina Maag Merki, Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich, dass aufgrund des frühen Zeitpunkts der Selektion bereits bei Eltern­gesprächen in der vierten Klasse der Übertritt ins Gymnasium zentrales Thema sei. Dabei bilden sich die Profile eines Kindes erst später aus.

Wir sollten innerhalb des Unterrichts unterschiedlich schwierige Lernangebote zur Verfügung stellen.

Immer wieder schauen wir neidisch auf die guten Pisa-Resultate von Finnland. Dort kennen sie – wie oben beschrieben – keine Selektion. Und doch erreichen die Jugend­lichen die Bildungsziele, und das offensichtlich besser als gleichaltrige Schweizerinnen und Schweizer.

Es gibt alternative Modelle, in denen das unterschiedliche Lernniveau berücksichtigt wird. So zeichnet sich das Churer Modell dadurch aus, dass den Lernenden Aufgaben auf drei unterschiedlichen Anspruchsniveaus angeboten werden. Deren Wahl erfolgt durch die Kinder und Jugendlichen selbst. Die Studien von John Hattie, dem wahrscheinlich meistzitierten Bildungsforscher der letzten Dekade, stützen dieses Modell. Die Selbsteinschätzung des eigenen Lernniveaus der Schülerinnen und Schüler figuriert auf Platz zwei der Rangliste mit den Einflussfaktoren auf den Lernerfolg. 

Wenn wir es in der Schweizer Volksschule also richtig gut machen möchten, müssen wir mit den traditionellen Modellen aufräumen und die Selektion abschaffen. Stattdessen sollten wir innerhalb des Unterrichts unterschiedlich schwierige Lernangebote zur Verfügung stellen, und die Kinder und Jugendlichen wählen das Niveau selbst aus.

Thomas Minder
ist Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter VSLCH und leitet die Volksschulgemeinde Eschlikon TG auf Stufe Kindergarten und Primarschule.

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