«Wir sind auch ohne Noten eine Leistungsschule»
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«Wir sind auch ohne Noten eine Leistungsschule»

Lesedauer: 2 Minuten

Seit 2017 verzichtet die Luzerner Primarschule Staffeln während des Semesters auf Noten. Schulleiter Robert Klemm, Klassenlehrerin Daniela Muff und Juliette Kopp, verantwortlich für integrative Förderung und Deutsch als Zweitsprache, berichten.

Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: Fabian Hugo / 13 Photo

Juliette Kopp: «Es gibt viele Möglichkeiten, die Leistung eines Kindes zu beurteilen. Dies muss nicht immer anhand einer abschliessenden Lern­kontrolle stattfinden. Wir dokumentieren ­stattdessen den Lernweg und schauen etappenweise, was ein Kind schon kann oder noch üben muss. Dazu helfen uns unter anderem ­Kriterienraster, die die Lernziele zu einem Thema erklären und auf denen wir Lehrpersonen regelmässig festhalten, wo das Kind steht.»

Daniela Muff: «Kurze Lerngespräche unter vier Augen und schriftliche Rückmeldungen sind ein zentrales Element unserer Feedbackkultur – und ein Beurteilungsinstrument. Lernkontrollen gibt es auch, aber sie sind nicht der einzige Anlass für eine Beurteilung. Auch ein Lern­gespräch kann es sein: Ein Kind gibt Bescheid, wenn es bereit ist, ein Lernziel unter Beweis zu stellen. Dann plant eine Lehrperson 10 bis 15 Minuten Zeit für es ein.»

Die Kinder vergleichen sich weiterhin, aber sie schubladisieren sich nicht mehr so rasch wie früher.

Daniela Muff, Klassenlehrerin

Kopp: «Wir versuchen, möglichst unterschiedliche Formen von Lerndokumentationen oder Beurteilungen einzubauen: schriftlich, mündlich, Gruppen- oder Projektarbeiten. So ist für jedes Kind etwas darunter, das ihm liegt. Für manche Inhalte nehmen wir uns mehr Zeit und die Kinder kommen auch mal einzeln zu uns, um ihren Lernstand zu zeigen, bei anderen setzen wir auf weniger aufwendige Methoden.»

Muff: «Die Lerngespräche schätzen Kinder sehr. Da thematisieren wir in 10, 15 Minuten aktuelle Fragen: Wie geht es mir, was kann ich besonders gut, wo muss ich noch üben? So entwickelt das Kind ein immer differenzierteres Bild seiner Stärken und Schwächen.»

Kopp: «Dazu trägt sicher auch die Arbeit mit den Kriterienrastern bei. Die Raster wenden die Kinder auch an, um sich gegenseitig zu beurteilen, etwa beim Vorlesen.»

Muff: «Es heisst dann nicht einfach: Du liest schlecht. Sondern: Da hast du gestockt, die Lautstärke war gut, das Tempo etwas schnell. Die Kinder vergleichen sich weiterhin, aber sie schubladisieren sich nicht mehr so rasch wie früher. Allgemein habe ich den Eindruck, dass sie motivierter lernen.»

Robert Klemm: «Durch den intensiven Austausch zwischen Kind und Lehrperson, der oft schriftlich dokumentiert wird, sind die Eltern auch ohne Noten über den Lernstand informiert. Dann ist das halbjährliche Zeugnis auch keine Überraschung. Insgesamt haben wir heute weder mehr noch weniger Aufwand mit Elternarbeit. Denn unsere Lehrpersonen können ihre Einschätzung mit zahlreichen gesammelten Beobachtungen und Leistungsnachweisen gut dokumentieren.»

Der Verzicht auf Noten ist kein ­Verzicht auf Leistung.

Robert Klemm, Schulleiter

Kopp: «Manche Eltern fragen sich, ob Kinder ohne Noten ausreichend auf die Leistungs­gesellschaft vorbereitet seien: Im Job würden sie auch bewertet.»

Klemm: «Der Verzicht auf Noten ist kein ­Verzicht auf Leistung. Der Jobvergleich hinkt: Wie oft haben Angestellte ein Qualifikations­gespräch – einmal im Jahr? Kinder sind einer konstanten Beurteilung ausgesetzt. Wir sind durchaus eine Leistungsschule. Aber wir ­verfolgen einen ­Leistungsbegriff, bei dem die persönliche ­Entwicklung im Fokus steht.»

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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