Herr Moser, wie gerecht ist das Schweizer Bildungssystem? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Herr Moser, wie gerecht ist das Schweizer Bildungssystem?

Lesedauer: 7 Minuten

Ob es ein Kind aufs Gymnasium schafft, hängt in den meisten Fällen noch immer von seiner Herkunft ab, sagt Urs Moser. Der Bildungsexperte über die Gerechtigkeit des Schweizer Bildungssystems, sinnvoll verbrachte Freizeit und die Frage, ob Eltern die Hausaufgaben ihrer Kinder begleiten sollten.  

Durch einen verwunschenen Garten führt der Weg zum Institut für Bildungsevaluation. An der Haustür kein Schild, im Treppenhaus kein Wegweiser. Urs Moser steht auf dem Treppenabsatz. Blaues Hemd, modische Brille. «Sie sind hier schon richtig», sagt er und lächelt. Er führt die Besucher in ein Sitzungszimmer. Das Gespräch kann beginnen. 

Herr Moser, wie erreichen wir Chancengleichheit in der Schule? 

Wir können uns ihr nur annähern, sie jedoch nicht erreichen. Chancengleichheit bleibt eine Illusion.

Eine Illusion? 

Ja, die Chancen sind nie für alle gleich. Kinder haben nur Chancen auf einen Bildungsabschluss, wie die Matura, wenn sie die notwendigen Voraussetzungen mitbringen und sich dafür entscheiden. Ob Kinder Chancen nutzen, hängt erstens von ihren Anlagen und dem Bildungshintergrund der Eltern ab und zweitens von ihren Entscheidungen.

Aber Kinder und Jugendliche sollten doch gleiche Chancen haben, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft?

Das sollte so sein, wird aber nie so sein. Nicht alle Eltern haben die gleichen Möglichkeiten, in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Eltern mit wenig Wissen und wenig Zeit, mit geringen emotionalen und finanziellen Möglichkeiten können ihr Kind nicht gleich unterstützen wie gebildete und wohlhabende Eltern, die alles daransetzen, dass ihr Kind erfolgreich durch die Schule kommt. 
Urs Moser im Gespräch mit unserer stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann.
Urs Moser im Gespräch mit unserer stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann.

Es kommt demnach immer auf den Bildungshintergrund der Eltern an. 

Von Bedeutung können auch finanzielle Mittel sein, die für zusätzliche Förderung eingesetzt werden, oder die Kenntnisse der Möglichkeiten innerhalb unseres Bildungssystems. 

Aber solche Ungleichheiten müssen doch abgebaut werden! 

Daran wird ja auch gearbeitet. Der Abbau von sozialen Ungleichheiten ist allerdings nicht ganz so einfach. Chancengleichheit setzt Bildung voraus, weshalb zunehmend in die Frühförderung investiert wird – und zwar bereits vor dem Kindergarten. Nur lässt sich dies nicht so einfach umsetzen. Der Staat kann ja nicht ab Geburt für benachteiligte Kinder zum Beispiel Sprachkurse verordnen; er kann sie höchstens anbieten. Die Eltern haben das Recht, ihre Kinder innerhalb eines gesetzlichen Rahmens so zu erziehen, wie sie es für richtig halten.

… und sie nicht in den Sprachkurs zu geben. 

Chancen sind immer an Personen gebunden. Diese entscheiden letztlich, ob sie eine Chance ergreifen oder nicht. Tun sie es nicht, heisst das noch lange nicht, dass das Bildungssystem ungerecht ist oder nichts gegen den Abbau von sozialen Ungleichheiten unternommen wird. Deshalb halte ich Chancengleichheit auch nicht für einen besonders treffend gewählten Begriff. Ich spreche lieber von Chancengerechtigkeit.

Was wäre denn gerecht?

Ein Bildungssystem, das sich darum bemüht, soziale Ungleichheiten durch spezifische Angebote für Kinder aus sozial benachteiligten Familien zu reduzieren, und somit Chancen ermöglicht, herkunftsbedingte Defizite zu kompensieren. 
Urs Moser ist Titularprofessor für Pädagogik an der Universität Zürich und seit 1999 Geschäftsleiter des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich sowie Mitglied der nationalen Projektleitung für Pisa-Studien. Er ist Vater zweier Töchter und lebt mit seiner Familie in Zürich
Urs Moser ist Titularprofessor für Pädagogik an der Universität Zürich und seit 1999 Geschäftsleiter des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich sowie Mitglied der nationalen Projektleitung für Pisa-Studien. Er ist Vater zweier Töchter und lebt mit seiner Familie in Zürich

Und, welche Note geben Sie dem Schweizer Bildungssystem in Sachen Chancengerechtigkeit?

 Keine schlechte. Die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schulstufen ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden. Wer beispielsweise im Kanton Zürich eine Matura machen will, hat zahlreiche Möglichkeiten, dies zu tun. Man kann nach der sechsten Klasse ins Langzeitgymnasium übertreten, nach der achten oder neunten ins Kurzzeitgymi, eine berufliche Grundbildung mit Berufsmatura machen oder die Maturität nach der Berufsausbildung nachholen. Mit den kognitiven Voraussetzungen und der notwendigen Motivation schafft man das.

Was Kindern aus weniger bildungsnahen Familien entgegenkommen dürfte.

Absolut – wer in seiner Entwicklung weiter ist, sich mehr Wissen angeeignet hat und sich über die berufliche Zukunft im Klaren ist, kann Dinge anders bewerten und Entscheidungen bewusster fällen als in den Primarschuljahren. 

Nun müssen beispielsweise im Kanton Zürich Primarschüler eine Prüfung absolvieren, um ans Langzeitgymna­sium zu kommen. In Luzern nicht, da zählt der Notendurchschnitt. Wie gerecht ist das? 

Damit sprechen Sie eine zweite Ursache von sozialen Ungleichheiten an. Schaut man sich die Schnittstellen im Bildungssystem an, beispielsweise den Übergang von der Primarschule zum Gymnasium, lassen sich Schwächen nachweisen. Da geht es nicht nur fair zu und her.

«Hausaufgaben abzuschaffen würde die Ungleichheit eher noch verstärken.» 

Urs Moser

Ich könnte mir vorstellen, dass es in Luzern grundsätzlich leichter ist, ans Gymnasium zu kommen. Sollten Familien nicht besser dorthinziehen? 

Sie als bildungsnahe Person könnten sicher Einfluss auf die Lehrperson nehmen, damit ihr Kind den Notendurchschnitt für das Gymnasium erreicht. 

In Kantonen ohne Aufnahmeprüfung ist der Druck auf die Lehrperson demnach höher? 

Natürlich. Aber es ist auch in Luzern nicht so, dass die Eltern einfach entscheiden, auf welche Schule ihr Kind kommt. Es gibt Beurteilungsgespräche über Noten, Leistungen und Verhalten, und am Schluss wird gemeinsam ein Entscheid gefällt. Wenn Eltern bei der Wahl des passenden Schulangebots für ihre Kinder beteiligt sind, kann die Herkunft allerdings eine Rolle spielen. Eltern von Akademikerfamilien erwarten, dass ihre Kinder ebenfalls ans Gymnasium gehen.

Unter diesem Gesichtspunkt scheint das Modell mit einer Aufnahmeprüfung gerechter. 

Das könnte man so sehen. Es kommt zu einem unabhängigen Entscheid, mit dem die Eltern nicht direkt etwas zu tun haben. Indirekt sind sie jedoch auch am Prüfungsentscheid beteiligt, indem finanzstarke Familien ihren Kindern für stattliche Summen private Prüfungsvorbereitungen ermöglichen.

Viele Bildungsexperten plädieren dafür, die Hausaufgaben abzuschaffen, da sie Ungerechtigkeiten im Bildungssystem noch verschärfen. So ihre These.  

Da bin ich anderer Meinung. Es würde nur dazu führen, dass sich Kinder aus bildungsfernen Familien nach der Schule gar nicht mehr mit schulischen Dingen beschäftigen, während bildungsnahe Eltern sich trotzdem mit ihren Kindern hinsetzen, das Gelernte überprüfen und ihnen eigene Aufgaben geben würden. Mit Hausaufgaben wird ja letztlich auch das Ziel verfolgt, bestimmte Fertigkeiten zu üben und die Kinder zum selbständigen Arbeiten hinzuführen. Zudem bieten Hausaufgaben eine Möglichkeit, Eltern und Kinder dazu zu bringen, miteinander über Schule und Unterricht zu sprechen. Meines Erachtens wird kaum mehr Gerechtigkeit erreicht, indem man Angebote abbaut, nur weil sie nicht von allen Kindern gleich genutzt werden können. 

Man könnte das Problem mit Hausaufgabenbetreuung nach dem Unterricht lösen oder gleich Tagesschulen einführen. Was könnten Tagesschulen leisten? 

Beim Ziel «Abbau von sozialen Un­­gleichheiten» geht es immer um eine sinnvolle Nutzung der Zeit. Manche Eltern können nicht dafür sorgen, dass ihre Kinder die Freizeit sinnvoll nutzen. Das kann eine Tagesschule leisten. Damit meine ich nicht, zwischen 16 und 18 Uhr unter Aufsicht büffeln. Sinnvoll Zeit verbringen bedeutet vor allem sich bewegen oder frei spielen, Sport treiben, musizieren, basteln, programmieren – einfach etwas, das Freude bereitet und in einem guten Rahmen stattfindet. Für Kinder, die nachmittags nicht betreut werden, weil die Eltern arbeiten, wäre das ein Riesenvorteil. 
Urs Moser spricht mit seinen Kindern immer wieder über die Schule - aber das mit Interesse und ohne Druck.
Urs Moser spricht mit seinen Kindern immer wieder über die Schule – aber das mit Interesse und ohne Druck.

Die Chancen sind aber auch zwischen städtischen und ländlichen Gebieten ungleich verteilt. 

Definitiv! Die Chance, ein Gymnasium zu besuchen, hängt nicht nur von den Fähigkeiten und vom Elternhaus ab, sondern vor allem vom Wohnort. In Basel-Stadt ist die statistische Chance für den Besuch eines Gymnasiums doppelt so gross wie im Kanton St. Gallen.

Warum das? 

Der Kanton Basel-Stadt hat sich stärker auf die Nachfrage nach der gymnasialen Ausbildung ausgerichtet. Zum einen entspricht dies einem Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler beziehungsweise ihrer Eltern, zum andern kann es aber auch als Reaktion auf den Fachkräftemangel interpretiert werden. Es gibt mehr gymnasiale Ausbildungsplätze als in anderen Kantonen. Weil es in Basel nicht mehr intelligente Schülerinnen und Schüler gibt als im Kanton St. Gallen, sind die Hürden für einen Platz im Gymnasium in Basel mit grosser Wahrscheinlichkeit niedriger als in St. Gallen. Aus der Perspektive der Bildungsgerechtigkeit betrachtet, wäre es wünschenswert, dass die Anforderungen für bestimmte Ausbildungen in jedem Kanton gleich sind.

In einer unserer letzten Ausgaben berichteten wir über ChagALL, ein Förderprogramm für begabte Migranten, die durch zusätzlichen Unterricht fit für das Kurzzeitgymnasium gemacht werden sollen. Ihre Eltern können ihnen diese Unterstützung nicht bieten. Helfen solche Programme? 

Sehr sogar, weil das Programm einem Bedürfnis entspricht und die Jugendlichen ein Ziel vor Augen haben: den Übertritt in die Mittelschule. Dabei treffen zwei wesentliche Erfolgsfaktoren aufeinander: Die Schüler sind hochmotiviert, und die Betreuung im Programm ist ausreichend und effektiv. Beide Faktoren sind notwendige Bedingungen für den Erfolg eines Förderprogramms. 

Wie sehr sollten sich Eltern dafür einsetzen, dass ihre Kinder ihre Chancen ergreifen? Sollte ich beispielsweise als Mutter täglich die Hausaufgaben meines Kindes begleiten?

Es kommt darauf an, wie Sie das machen. Sich als Lehrperson auszugeben und dem Kind ständig zu erklären, wie es geht und was es zu tun hat, ist sicher nicht zielführend. Aber dass man ab und zu nachfragt: «Sag mal, hast du die Hausaufgaben erledigt?», oder: «Hast du dir auch schon einmal Gedanken gemacht, was du später tun möchtest?», ist sicher nicht falsch. Ich finde es wichtig, dass man die Kinder begleitet und ein ganz normales Interesse an schulischen Angelegenheiten und später an den beruflichen Interessen zeigt. Allerdings immer mit Mass und unterstützend.  

Nehmen sich Eltern, gerade wenn sie viel arbeiten, heute zu wenig Zeit für so etwas?  

Das kann ich nicht beurteilen.

Kinder brauchen keine langen Ge­­spräche über Hausaufgaben, aber emotionale Zuwendung und Unterstützung.Wie haben Sie es mit Ihren beiden,  heute fast erwachsenen Töchtern gehalten?

Ich habe immer mit meinen Kindern über ihre Hausaufgaben gesprochen, weil mich das von Berufes wegen interessierte. Und ich habe mit ihnen auch über ihre schulischen und beruflichen Ziele gesprochen. In einer frühen Phase musste ich sie hin und wieder darauf hinweisen, dass sie etwas tun müssen, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen. Aber so etwas lässt sich in einem ganz normalen Alltagsgespräch klären. Je älter sie wurden, desto selbstständiger wurden sie. 

«Ein Kind in schulischen Belangen zu puschen bringt nichts. Unterstützung und angemessene Erwartung hingegen schon.» 

Urs Moser

Davon träumen viele Eltern.

Ich sage nicht, dass es in allen Fällen so reibungslos laufen muss. Ich habe diesbezüglich mit meinen Kindern Glück gehabt. Aber ich habe auch von Anfang an ein gewisses Interesse an ihrer Schullaufbahn gezeigt, ohne sie mit ständigem Nachfragen oder Kontrollieren zu nerven. Wir unterhalten uns auch heute noch gerne über die Schule und die berufliche Zukunft. 

Und worüber genau? 

Ein grosses Thema ist, ob der Unterricht interessant ist und ob die Lehrpersonen gerecht sind. Wenn sie eine Lehrperson besonders toll finden, möchte ich immer wissen, weshalb. Und selbstverständlich sprechen wir darüber, was nach der Schule alles möglich ist. 

Können Eltern ihre Kinder auch zu sehr puschen? 

Natürlich – und es mag auch diese unglücklichen Kinder an den Gymnasien geben, die überfordert und fehl am Platz sind; aber es sind wohl kaum so viele, wie man aufgrund dieser Diskussionen immer wieder hört. Puschen bringt nichts, Unterstützung und angemessene Erwartungen hingegen schon. Wenn man auf die Kinder eingeht, merkt man meist, wo ihre Interessen liegen und wie man sie unterstützen kann. 

Und wenn ein Kind etwas anderes anstrebt als eine höhere Schullaufbahn, dann sollte man dem nachgeben?

Unbedingt. Ein Kind, das weder die kognitiven Voraussetzungen noch die Motivation mitbringt, kann man nicht durchs Gymnasium peitschen. Dafür sind die Anforderungen der Gymnasien in der Schweiz zu hoch. Und wenn das Kind zu einem späteren Zeitpunkt die Matura nachholen und studieren möchte, bestehen in der Schweiz genügend Chancen. 

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