Akademisierung ist kein Schimpfwort -
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Akademisierung ist kein Schimpfwort

Lesedauer: 4 Minuten

Für die einen sind die hohen Anforderungen in der Ausbildung eine positive Entwicklung, die zu besser qualifizierten Lehrpersonen führt. Andere befürchten, junge Talente würden abgeschreckt. Manche sehen darin sogar einen Grund für den Mangel an Lehrerinnen und Lehrern.

Text: Jörg Berger
Bild: Pexel

Zu viele junge Fachkräfte verlassen den Lehrerinnen- und Lehrerberuf schon nach wenigen Jahren. Nicht selten wird hierfür die sogenannte Akademisierung der Ausbildung mitverantwortlich gemacht. Die hohen akademischen Anforderungen seien abschreckend und führten nicht dazu, dass junge Lehrkräfte auf den Schulalltag bestmöglich vorbereitet werden, so die Hauptkritik.

Meiner Meinung nach ist die Forderung nach mehr praxisrelevanten Themen anstelle wissenschaftlicher Arbeiten logisch und dringlich. Die Pädagogischen Hochschulen sind gut beraten, diese ­Kritik anzunehmen und sie gemeinschaftlich mit der Politik zu besprechen.

Die gestiegenen Anforderungen an Schule und Unterricht werden nach wie vor stiefmütterlich behandelt.

Dennoch glaube ich, dass die Akademisierung zu Unrecht in Verruf geraten ist. Im Endeffekt kommen wir nicht darum herum, die geeignetsten Personen für den Lehrberuf zu finden und ihnen die bestmögliche Ausbildung zu bieten.

Es gibt eine Reihe wichtiger Gründe, warum es so wichtig ist, dass Lehrpersonen sehr gut ausgebildet sein müssen.

Eine gute Beziehung zu den Kindern genügt längst nicht mehr

Die gestiegenen Anforderungen an Schule und Unterricht werden meines Erachtens nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Oft heisst es, dass es der Lehrperson «nur» gelingen muss, eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Diese sei die einzige Voraussetzung für gutes Lernen.

Weit ge­fehlt! Die aktuellsten Erkennt­nisse zur Lehr- und Lernforschung zeichnen ein anderes Bild von gutem Unterricht. Nachfolgend beschreibe ich kurz sieben Qualitätsansprüche an Lehrpersonen. Danach können Sie für sich selbst entscheiden, ob Sie unvorbereitet – sprich ohne Ausbildung, in der diese Kompetenzen und Fertigkeiten vermittelt wurden – vor eine Klasse treten würden.

7 Qualitätsansprüche an Lehrpersonen

  • 1. Klassenführung

In einer gut geführten Klasse wird die Unterrichtszeit optimal zum Lernen genutzt. Die Lehrpersonen beherrschen ein effizientes Zeitmanagement, eingespielte Übergänge, eine sorgfältige Vorbereitung und einen vorausschauenden und konstruktiven Umgang mit Disziplin­problemen.

  • 2. Motivational-emotionale Unterstützung

Lehrpersonen pflegen einen wertschätzenden Umgang mit ihren Schülerinnen und Schülern. Sie fördern die Selbstwirksamkeit und das Verantwortungsgefühl der Lernenden für ihren eigenen Lernfortschritt, lassen diese den Unterricht mitgestalten, würdigen individuelle Leistungen und gehen konstruktiv mit Fehlern um.

  • 3. Auswahl der Themen

Die im Unterricht vermittelten Inhalte dienen dem Kompetenzaufbau, motivieren die Schülerinnen und Schüler, indem sie einen Alltagsbezug aufweisen und zielorientiert, schüler-, sach- und situationsgerecht aufgebaut, kommuniziert und anschaulich, nachvollziehbar und fachlich korrekt vermittelt werden.

  • 4. Kognitive Aktivierung

Lehrpersonen leiten die Schülerinnen und Schüler mittels komplexer Aufgaben an, eigene Lösungswege zu entwickeln. Durch einen fachlich anspruchsvollen Dialog über Lerninhalte gewinnen Lehrpersonen Einblick in die individuellen Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler.

  • 5. Bestmögliche Aufbereitung und Vermittlung von Inhalten

Lehrpersonen wählen vielfältige Aufgabentypen, achten auf eine gute zeitliche Verteilung der Übungsphasen und nutzen relevante Einblicke in die individuellen Lernprozesse zur gemeinsamen Aufarbeitung, für konstruktive Rückmeldungen und gezielte Unterstützung.

  • 6. Beurteilung und Feedback

Lehrpersonen erheben fortlaufend, wo sich die einzelnen Schülerinnen und Schüler in Bezug auf die zu erwerbenden Kompetenzen befinden, um die weitere Gestaltung des Unterrichts darauf auszurichten und um ein qualitativ hochstehendes und konstruktives Feedback zu geben.

  • 7. Umgang mit Vielfalt

Heterogenität ist zu begrüssen und stellt gleichzeitig eine fundamentale Herausforderung für die Lehrpersonen dar, denn die Vielfalt unter den Schülerinnen und Schülern gilt es zu berücksichtigen, damit jede Schülerin und jeder Schüler angemessen gefördert wird.

Weiterbildungschancen ­bereichern den Beruf und die Schulen

Sollte Ihnen nach diesen Zeilen bereits etwas schwindlig zumute sein, bedenken Sie: Von den Elternkontakten, der gemeinsamen Unterrichtsentwicklung, den diversen Schulan­lässen, dem Verständnis für sonderpädagogische Bedürfnisse von Kindern und der Einarbeitung neuer Teamkolleginnen und -kollegen war hier noch gar nicht die Rede. In Anbetracht dieser Qualitätsansprüche ist eine theoretisch fundierte Ausbildung mit einem hohen Praxisbezug unabdingbar.

Um in der Schweiz Lehrerin oder Lehrer zu werden, muss man heute ein dreijähriges Studium absolvieren. Zugang hat jede und jeder mit einem eidgenössischen Maturitätszeugnis. Wer die Passarelle nach der Berufsmatura wählt, absolviert das Studium in vier Jahren.

Eignungstest vor der ­Ausbildung brächte Anerkennung

Anfänglich wurde erwartet, dass die Akademisierung des Lehrberufs zu einer grösseren öffentlichen Anerkennung führe. Doch dass sich der Lehrberuf neben angesehenen Berufen im Medizin- und Rechtsbereich einreiht, bezweifle ich.

Erst eine stärkere Auswahl der geeignetsten Persönlichkeiten würde die öffent­liche Wahrnehmung des Lehrberufs verändern. Wie man das erreichen kann? Mit einem mehrtägigen Eignungstest nach finnischem Vorbild. Dort wird nur jede zehnte Bewerberin beziehungsweise jeder zehnte Bewerber zum Studium zugelassen. So ist es ein echtes Privileg, Lehrerin beziehungsweise Lehrer zu werden. Und dies dürfte sich sogar in Zeiten des Mangels an Lehrpersonal mittel- und langfristig positiv auswirken.

Entscheidend ist, dass wir die fundierte Ausbildung von Lehrpersonen wieder als etwas Erstrebenswertes sehen.

In der Vergangenheit sahen Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz für sich kaum Entwicklungsmöglichkeiten, geschweige denn Kar­rierechancen. Dies hat sich dank der Autonomie der Volksschule gewandelt: Schulleitungen sind etabliert, Lehrpersonen mit zusätzlicher Verantwortung im Informatikbereich gefragt und Heilpädagoginnen und -pädagogen unterstützen den Schulbetrieb in anspruchsvollen Situationen.

Dass sich Lehrerinnen und Lehrer weiter ausbilden und spe­zialisieren, liegt auf der Hand. Ich erachte dies als eine positive Entwicklung, da so den Lehrpersonen ermöglicht wird, auf dem neuesten Stand der pädagogischen Forschung und Methoden zu bleiben und ihre Teams als Teacher Leader – als Personen mit Spezialfähigkeiten – zu bereichern.

Kurzfristig müssen die Schulen mit dem Mangel an gut ausgebildeten Personen irgendwie klarkommen. Die höheren Anforderungen an die Lehrpersonen, die besseren Weiterbildungsmöglichkeiten und die grössere öffentliche Anerkennung hätten langfristig allesamt positive Auswirkungen für den Lehrberuf und würden ihren Beitrag zur Überwindung der Mangelsituation leisten. Entscheidend ist, dass wir die fundierte, qualitativ gute Ausbildung von Lehrpersonen auf akademischem Niveau wieder als etwas Erstrebenswertes sehen.

Ausserdem hat sich die Bildungspolitik das sinnvolle Ziel gesetzt, dass 95 Prozent der Menschen in der Schweiz einen Abschluss auf der Sekundarstufe 2 (Matura oder Berufslehre) haben. Leider sind wir mit einer Quote von 88 Prozent weit davon entfernt. Zu viele Jugendliche brechen ihre Ausbildung ab, vor allem aufgrund mangelnder überfachlicher Kompetenzen wie zum Beispiel Selbstmanagement, Selbstregulation und Sozialkompetenzen. Es wird also weiterhin top ausgebildete Lehrpersonen brauchen.

Jörg Berger
ist Mitglied der Geschäftsleitung des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) und Co-Leiter der Schule Knonau ZH.

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