Plötzlich Lehrerin, plötzlich Lehrer!
Viele Schulen konnten offene Stellen aufs neue Schuljahr nur mit Mühe besetzen. Mancherorts mussten notfallmässig Personen mit wenig oder gar keiner pädagogischen Ausbildung eingestellt werden. Was heisst das für die Qualität des Unterrichts?
Die hohe Qualität der öffentlichen Schule ist ein Eckpfeiler und eine historische Errungenschaft der Schweiz. Sie ist von zentraler Bedeutung für das demokratische Zusammenleben und den Wirtschafsstandort. Eltern sollten demnach darauf vertrauen können, dass ihre Kinder unabhängig vom Wohnort und der Lehrperson eine qualitativ hochstehende Ausbildung erhalten.
Prekäre Situation
Es ist derzeit jedoch schwierig, qualifizierte Lehrpersonen zu finden. In fast allen Kantonen können im aktuellen Schuljahr offene Stellen für Lehrpersonen, insbesondere auf der Primarstufe, nur mit grosser Mühe besetzt werden. Dies hängt einerseits mit dem generellen Fachkräftemangel zusammen und hat andererseits auch spezifische Ursachen.
Demografische Gründe
Ein wichtiger Grund ist die demografische Entwicklung. Die geburtenstarke Generation der Babyboomer geht in den nächsten Jahren in Pension. Gleichzeitig treten in den naher Zukunft sehr geburtenstarke Jahrgänge ins Schulsystem ein; rund 120 00 zusätzliche Schülerinnen und Schüler in den nächsten zehn Jahren. Ein historischer Höchststand.
Diese beiden Entwicklungen werden seit Jahren vom Bundesamt für Statistik dokumentiert und wären vorhersehbar und damit langfristig planbar gewesen. Die Berufsverbände der Lehrpersonen, die Verbände der Schulleitungen und der Schweizer Bildungsbericht warnen seit Jahren vor diesem schwelenden Problem.
Kaschierte Probleme
Dennoch haben viele kantonale Erziehungsdirektionen lange verneint, dass es einen strukturellen Personalmangel an Schulen gibt. Zu Beginn eines neuen Schuljahrs verkündeten die Schulbehörden jeweils stolz, dass wieder alle Stellen besetzt werden konnten.
Eine Verschlechterung der öffentlichen Schule findet schleichend statt.
Die wichtige Frage, sowohl aus Sicht der Schülerinnen und Schüler sowie der Eltern als auch der Berufsverbände, ist jedoch: Mit wem wurden diese Stellen besetzt? Es geht nämlich nicht nur um einen quantitativen Personalmangel, sondern vielmehr auch um einen qualitativen.
Mittlerweile geben endlich auch Erziehungsdirektorinnen und -direktoren öffentlich zu, dass an Schulen akuter Personalmangel herrscht. Doch dies ist ein spätes Eingeständnis, nachdem das Problem jahrelang kaschiert wurde.
Diverse Notfallmassnahmen
Momentan überschlagen sich die Schulträger mit den unterschiedlichsten Notfallmassnahmen. Quereinsteiger-Programme werden ausgebaut, pensionierte Lehrpersonen zurückberufen, Studierende der Pädagogischen Hochschulen werden schon vor Abschluss des Basisstudiums voll angestellt, manche Lehrpersonen unterrichten Fächer oder Stufen, für die sie nicht ausgebildet wurden, Klassengrössen werden erhöht, Pädagogische Hochschulen bieten verkürzte Ausbildungsgänge an, Personen ohne pädagogische Ausbildung werden eingestellt.
Strukturelle Mängel beheben
Diese Notfallmassnahmen dienen aber bestenfalls der Symptombekämpfung, da die Ursachen struktureller Natur sind:
- Es ist kein Zufall, dass die meisten Stellen gerade in der Primarschule schwer zu besetzen sind. Obschon in den ersten Zyklen die breiteste Aufbau- und Integrationsarbeit mit der maximalen Vielfalt an unterschiedlichen Potenzialen und Herausforderungen auf Seiten der Kinder geleistet wird, sind die Löhne deutlich tiefer als auf der Sekundarstufe.
- Eine Verschlechterung der öffentlichen Schule findet schleichend statt und ist kaum direkt beobachtbar. Wenn der Bahn oder einer Airline Fachpersonal fehlt, fallen Züge oder Flüge aus. Das merkt man deutlich und lässt Rufe nach Massnahmen laut werden. Die Schule hat diese Option nicht. Sie muss stattfinden. Am ersten Schultag führt jemand die Klasse. Wenn sich aber niemand auf ausgeschriebene Stellen bewirbt, müssen diese notfallmässig besetzt werden. Manche dieser kurzfristig angestellten Personen bewähren sich im Unterricht. Aus Sicht der Kinder ist dies erfreulich, aber es vermittelt den Eindruck, dass der Lehrberuf gar nicht so anspruchsvoll sein kann. Dies unterwandert die Ansprüche an voll qualifizierte Lehrpersonen. Zudem wird die erhöhte Belastung der Schulteams übersehen, die sich gezwungen sehen, ihre unerfahrenen neuen Kolleginnen und Kollegen nebenbei «on the job» auszubilden, zusätzlich zu ihrer eigenen Unterrichtsverpflichtung.
- Manche Politiker schlagen als Lösung des Problems Mindestpensen für Lehrpersonen vor. So gibt es im Kanton Genf beispielsweise nur Stellen mit einem Pensum von 50 Prozent oder mehr. Einen minimalen Anstellungsgrad festzulegen, übersieht aber die vielfältigen Gründe, warum viele Lehrpersonen Teilzeit arbeiten. Diese reichen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis zum Selbstschutz vor einem Burnout. Damit Lehrpersonen grössere Pensen annehmen können, braucht es entsprechende Begleitmassnahmen.
Zusammenarbeit von Eltern und Lehrpersonen
Lehrpersonen und Eltern müssen sich gemeinsam dafür einsetzen, die verantwortlichen Bildungspolitikerinnen und -politiker in die Pflicht zu nehmen, zeitgemässe und attraktive Arbeits- und Anstellungsbedingungen für Lehrpersonen zu schaffen, damit geeignete und motivierte Personen Lehrerin oder Lehrer werden und langfristig im Beruf bleiben wollen. Die Behörden dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen, indem sie die Qualitätsanforderungen reduzieren, aber darauf verzichten, notwendige Investitionen vorzunehmen.
Die Behörden dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen, indem sie Qualitätsanforderungen reduzieren, aber auf notwendige Investitionen verzichten.
Der Berufsverband LCH begrüsst Massnahmen, welche die Attraktivität des Berufs steigern und die Qualität der öffentlichen Schule hochhalten. Der Lehrberuf ist ein anspruchsvoller Beruf, welcher eine gründliche Ausbildung erfordert.
Personen, welche nur eine verkürzte oder gar keine pädagogische Ausbildung erhalten haben, können den hohen Anforderungen kaum gerecht werden. Sie müssen ausreichend begleitet und nachqualifiziert werden. Notmassnahmen müssen befristet sein; sie werden strukturelle Missstände nicht dauerhaft beheben können. Es braucht den gemeinsamen Einsatz aller Akteure, damit alle Kinder von qualifizierten Lehrpersonen unterrichtet werden, welche ihre individuellen Potenziale fördern und lebenslange Lernfreude vermitteln.