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Schule

Eine Chance für Mohamed

Ob man ans Gymnasium kommt oder nicht, entscheidet in der Schweiz die Herkunft. Das Programm ChagALL soll für mehr Chancengleichheit sorgen. Wie begabte Migrantinnen und Migranten  für eine höhere Schullaufbahn fit gemacht werden.
Text: Evelin Hartmann
Bilder: Roshan Adihetty / 13 Photo
Essay, Abhandlung, Erörterung – das sind Textformen, die Neuntklässler kennen sollten, wenn sie eine Mittelschule besuchen wollen. An diesem Mittwochnachmittag stehen diese Begriffe an der Schultafel des Gymnasiums Unterstrass in Zürich. Karolina Zegars Blick schweift zwischen der Tafel und ihren Schülern hin und her. «Welche weiteren Wörter sind euch fremd?», fragt die Lehrerin in die Runde. Mohamed Axmed Macow schaut auf sein Blatt, steht auf, geht zur Tafel und schreibt «Metaebene». Mohamed ist ein guter Schüler, ein sehr guter sogar. Nur Deutsch macht ihm Probleme. Dass der 16-Jährige am Mittwochnachmittag zum Unterricht kommen muss, während alle anderen seiner Kollegen freihaben, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Mohamed ist froh, einer von 26 Teilnehmern des Migrationsprojekts ChagALL zu sein.

«Es ist erwiesen, dass junge Migranten, die aus bescheidenen finanziellen Verhältnissen stammen, wenig Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss haben», sagt Jürg Schoch, Direktor des Gymnasiums Unterstrass. Unabhängig davon, wie begabt sie seien. Aus diesem Grund wurde 2008 das Programm ChagALL, Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn, ins Leben gerufen. Seither wurden 137 begabte jugendliche Migrantinnen und Migranten neben ihrem Regelunterricht gecoacht und geschult. Mit dem Ziel, sie für die Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium, einer Berufsmittelschule oder Fachmittelschule fit zu machen. Träger des Programms ist – ebenso wie für das Gymnasium Unterstrass – der Verein für das Evangelische Lehrerseminar Zürich, finanziert wird es durch zwei Stiftungen.

Die Hürde liegt für junge Migranten hoch

Mohamed ist ein grosser, schlaksiger Junge, seine kurzen Locken sind schwarz, sein Teint ist dunkel. Seine Familie kommt aus Somalia, die seines Banknachbarn aus Afghanistan. Montenegro, Portugal, Marokko, Rumänien: Die Programmteilnehmer stammen aus aller Herren Länder. Was sie eint, ist ein hohes intellektuelles Potenzial sowie ein Elternhaus, in dem weder Mutter noch Vater die deutsche Sprache in die Wiege gelegt bekommen haben – und die nur über bescheidene finanzielle Mittel verfügen. Letzteres muss per Steuerausweis nachgewiesen werden. «Bei uns bewerben sich immer wieder ausländische Eltern, die alles andere als bedürftig sind», sagt Stefan Marcec, Lehrer am Gymnasium Unterstrass und operativer Leiter des Programms. Er betont, wie hoch die Hürden sind, um überhaupt aufgenommen zu werden.
«Wir raten den Eltern, ihren Kindern die Freiheit zu lassen, lernen zu können»
Stefan Marec, Lehrer am Gymnasium Unterstrass
Jeden April kontaktiert Stefan Marcec Sekundarschulen im Raum Zürich, Winterthur und Dietikon. Lehrer, die vom Potenzial eines oder mehrerer ihrer Achtklässler über- zeugt sind, können diese per Empfehlungsschreiben vorschlagen. Zumeist leben diese Schüler in der ersten oder zweiten Generation bei uns. Auch sie müssen ein Motivationsschreiben verfassen.

Was folgt, ist ein stufenweise durchgeführtes Aufnahmeverfahren, welches ein schriftliches Assessment, die Erfassung von psychologischen und intellektuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie, in einem weiteren Schritt, ein ausführliches Aufnahmegespräch umfasst. Wer dann immer noch dabei ist, hat gute Chancen, ausgewählt zu werden.

Mitra drohte Zwangsverheiratung. Dann wurde sie Klassenbeste.

Haben die Schüler den Sprung ins Programm geschafft, werden sie zusammen mit ihren Eltern an einem Informationsabend über den Verlauf, die Rechte und Pflichten im Programm informiert und gebeten, einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben. Erst danach gelten die Jugendlichen als aufgenommen.
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Für eine bessere Konzentration: Mohamed (rechts) und die anderen Teilnehmer lernen Übungen zur Entspannung.
Für eine bessere Konzentration: Mohamed (rechts) und die anderen Teilnehmer lernen Übungen zur Entspannung.
«Wir raten den Eltern, ihren Kindern die Freiheit zu lassen, lernen zu können», sagt Stefan Marcec. Das heisst, weniger auf die jüngeren Geschwister aufpassen oder im elterlichen Geschäft mithelfen – dafür mehr Zeit zum Lernen zu haben. «In der Regel sind diese Eltern sehr einsichtig und stolz auf ihre Kinder.»

So wie Mutter und Vater von Mitra Karimi, 18 Jahre alt und Schülerin des Gymnasiums Unterstrass. Als sie 12 Jahre alt war, sind ihre Eltern mit ihr aus Afgha­nistan geflohen. Das Mädchen sollte zwangsverheiratet werden. Heute lebt die Familie in Zürich, der Vater arbeitet als Logistiker, die Mutter ist Hausfrau. Beide sprechen nur gebrochen Deutsch.

Das sind schlechte Startbedin­gungen im Schweizer Bildungssys­tem. Und doch, an ihrer Sekundar­schule gehörte Mitra zu den Klassenbesten. «Aber den Sprung ans Gymnasium hätte ich nie alleine geschafft», ist sie sich sicher. Nach bestandener Aufnahme ins Pro­gramm fuhr sie jeden Mittwoch­ nachmittag und Samstagmorgen zum Extra­-Unterricht, wurde in Mathematik, Deutsch und Franzö­sisch sowie Geometrie geschult. Zwei Lehrpersonen arbeiten im Pro­gramm jeweils zusammen, eine Gymnasial­ und eine Sekundarkraft. «Zusätzlich vermittle ich regelmäs­sig Konzentrations­- und Entspan­nungsübungen, erkläre, wie man sich und seine Arbeit bestmöglich organisiert», ergänzt Stefan Marcec.

Die Motivation der Jugendlichen im ChagALL-Programm ist gross

«Das Programm ist sehr anspruchs­voll und erfordert ein hohes Mass an Motivation und Durchhaltewillen», betont Karolina Zegar. Die Lehrerin hatte 2012 von ChagALL gelesen und sich beworben. «Hier wird den Schü­lern vermittelt: Ihr habt eine reale Chance, wenn ihr euch anstrengt. Das hat mir damals keiner mit auf den Weg gegeben», erinnert sich die gebürtige Polin. Sie will es heute als Lehrperson anders machen.
Zwei Mal pro Woche gibt es Förderunterricht.
Zwei Mal pro Woche gibt es Förderunterricht.
«Euer Job ist es, eure Fehler zu analysieren. Deshalb schreibe ich euch die korrekte Lösung immer an den Rand», sagt sie und schaut in die fragenden Gesichter ihrer Schüler. In Deutsch haben sie fast alle Schwächen. Das sei normal. «Grundsätzlich sind die Motivation und die Leistungsbereitschaft sehr hoch. Nur haben wir seit ein paar Jahren immer wieder Motivationsprobleme bei einzelnen Schülern. Das war zu Beginn des Projekts nicht so», erin­nert sich Karolina Zegar. Warum das so ist, wisse sie nicht. In den ersten Jahren nach Projektstart waren es 12 bis 14 Teilnehmer pro Schuljahr, nun sind es 24 bis 26 Teilnehmer, die jedes Jahr aufgenommen werden.

Viele Eltern können nicht einmal die Schulbücher bezahlen

Valeria Casty hat den Sprung ans Gymnasium mittlerweile geschafft. Ihr Vater, ein Spanier, kam mit 13 Jahren in die Schweiz, ihre Mutter mit 28. Sie stammt aus Kolumbien, hatte dort studiert. Ihr Vater ist Tele­matiker. Beide Eltern sprechen heu­te gut Deutsch. Warum also kam Valeria zu ChagALL? «Ich glaube, in meinem Jahrgang hatte es noch freie Plätze», erklärt sie. Benachteiligt ist sie also nicht – oder nicht so wie die anderen Teilnehmer. Trotzdem ist sie sicher, dass sie die spezielle Förde­rung nötig hatte. «In Deutsch war ich schwach.»
«Ihr habt eine reale Chance, wenn ihr euch anstrengt. Das hat mir damals keiner mit auf den Weg gegeben.»
Karolina Zegar, Lehrerin und gebürtige Polin
Die 17-­Jährige erinnert sich noch gut daran, wie es war, jeden Mitt­wochmittag in den Bus Richtung Unterstrass zu steigen, wenn alle anderen ihrer Kolleginnen freihatten und nach Hause konnten.

Natürlich versuche man Motiva­tionstiefs im Projekt aufzufangen, unterstützend zur Seite zu stehen. Aber die Regeln seien streng, sagt Programmleiter Stefan Marcec. Man erwarte absolute Pünktlichkeit. Und wer mehr als einmal unentschuldigt fehle, werde abgemahnt. Dass ver­einzelt Schüler vorzeitig ausschei­den, weil sie zum Beispiel eine Lehr­ stelle gefunden haben, komme vor.

«Warum tust du dir diesen Stress an?», sei Valerie manchmal von ihren ehemaligen Mitschülern ge­fragt worden, die nach der Schule eine Ausbildung begonnen hatten. «Heute beneiden sie mich», sagt die Gymnasiastin. Eine KV­-Ausbildung wäre für sie nichts gewesen. «Ich möchte unbedingt Lehrerin wer­den.» Hat sie als ehemalige Pro­grammteilnehmerin einen Sonderstatus am Gymnasium? «Nein, ich falle nicht auf», sagt sie. Ihre Eltern haben einen ähnlichen Bildungshintergrund wie die anderen Eltern und können ihr beim Lernen helfen, sie bei ihrer Berufswahl beraten.

Damit ist sie die grosse Ausnahme. Viele Eltern von Programmteilnehmern können nicht einmal die Schulbücher zahlen, geschweige denn Unterstützung bei den Hausaufgaben bieten. Daher ist für Schülerinnen wie Mitra das Folgeprogramm ChagALL+ so wichtig. «Das erste halbe Jahr nach Übertritt an die Mittelschule haben die Schüler weiterhin jeden Samstagvormittag Unterricht», erklärt Stefan Marcec, um Unterrichtsstoff aufzuholen, Fragen stellen zu können. Und auch danach gebe es auf Wunsch Förderstunden. Kommen die meisten Programmteilnehmer zu ihm an die Schule? «Nein, viele streben einen Abschluss an der Berufs- beziehungsweise Fachmittelschule an», sagt der Gymnasiallehrer.
Französisch ist ein beliebtes Fach. Deutsch bereitet vielen mehr Probleme.
Französisch ist ein beliebtes Fach. Deutsch bereitet vielen mehr Probleme.
Letztendlich schaffen rund 80 Prozent der ChagALL-Teilnehmer den Übertritt an die gewünschte Schule und bis zu 70 Prozent von ihnen den angestrebten Abschluss. Eine Quote, auf die man stolz ist am Gymnasium Unterstrass.

Mohamed hofft, einer von denen zu sein, die es schaffen. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Deutschunterricht beendet. Er klappt sein Heft zu. Jetzt geht’s weiter mit Französisch, danach mit Mathematik. Am Abend, wenn seine vier jüngeren Geschwister schlafen oder fernsehen, wird er lernen. Mohamed hat ein grosses Ziel: ein Ingenieurstudium an der ETH Zürich. Er wäre der erste in seiner Familie.

Zur Autorin

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Evelin Hartmann ist selbst Migrantin und hat manchmal Mühe, ihrer vierjährigen Tochter zu folgen, die jetzt schon besser Schwiizerdütsch spricht, als sie selbst jemals lernen wird.

«Das Elternhaus ist entscheidend»

Kinder von Migranten sind an Gymnasien unterdurchschnittlich vertreten – weil sie häufig in sozioökonomisch benachteiligten Familien aufwachsen, sagt Bildungsforscher Urs Moser.
Interview: Evelin Hartmann 

Herr Moser, welche Chancen haben junge Migranten an Schweizer Schulen? 

Das kommt darauf an, wie gut sie von ihren Eltern unterstützt werden können. Kinder von Akademikern haben unabhängig von ihrer kulturellen Herkunft gute Chancen, eine höhere Schullaufbahn zu durchlaufen.

Es kommt demnach immer auf den Bildungshintergrund der Eltern an?

Unter anderem. Von Bedeutung können auch finanzielle Mittel sein, die für zu­sätzliche Förderung, beispielsweise Prü­fungsvorbereitung, eingesetzt werden, oder die Kenntnisse des Bildungssystems.

Sprechen wir von den Migranten, deren Eltern keinen höheren Bildungsabschluss und keine finanziellen Mittel haben.

Ihnen fehlt oft die Unterstützung von zu Hause. Ihre Eltern haben oftmals wenig Zeit, meist mangelt es ihnen an Deutsch­kenntnissen. Sprachliche Defizite können auch dazu führen, dass das Potenzial und der Wille der Kinder, eine höhere Schule zu besuchen, übersehen werden.

Helfen da Programme wie das Migranten- förderprogramm ChagALL weiter?

Sehr sogar, weil die Jugendlichen ein Ziel vor Augen haben: den Übertritt in die Mittelschule. Und es treffen dabei zwei wesentliche Erfolgsfaktoren aufeinander, die Schüler sind hochmotiviert, und die Betreuung im Programm ist ausreichend und effektiv.

ChagALL richtet sich an kognitiv sehr starke Jugendliche. Was muss auf einer breiteren Ebene passieren, um alle Migrantenkinder fördern zu können?

Jede durchdachte und gut ausgeführte Fördermassnahme hilft und ist wertvoll. Natürlich wäre es darüber hinaus wichtig, dass alle Kinder neben ihrer Herkunfts­sprache auch frühestmöglich Deutsch lernen.

Demnach ist eine totale Chancengleichheit nie erreichbar?

Im Sinne, dass jedes Kind sein Potenzial optimal nutzen kann, leider nein. Der Staat kann nicht ab Geburt eines Kindes Sprachförderung verordnen. Vielen Eltern fällt es zudem schwer, ihr Kind in ein Förderprogramm zu schicken, wenn es noch so jung ist. Dies hat nicht zwin­gend etwas mit der Nationalität zu tun.

Urs Moser ist seit 1999 Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich sowie Mitglied der nationalen Projektleitung für Pisa-Studien. Er ist Vater zweier Teenager.



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