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Schule

Herr Moser, wie gerecht ist das Schweizer Bildungssystem?

Ob es ein Kind aufs Gymnasium schafft, hängt in den meisten Fällen noch immer von seiner Herkunft ab, sagt Urs Moser. Der Bildungsexperte über die Gerechtigkeit des Schweizer Bildungssystems, sinnvoll verbrachte Freizeit und die Frage, ob Eltern die Hausaufgaben ihrer Kinder begleiten sollten.  
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Daniel Winkler / 13 Photo
 
Durch einen verwunschenen Garten führt der Weg zum Institut für Bildungsevaluation. An der Haustür kein Schild, im Treppenhaus kein Wegweiser. Urs Moser steht auf dem Treppenabsatz. Blaues Hemd, modische Brille. «Sie sind hier schon richtig», sagt er und lächelt. Er führt die Besucher in ein Sitzungszimmer. Das Gespräch kann beginnen. 

Herr Moser, wie erreichen wir Chancengleichheit in der Schule? 

Wir können uns ihr nur annähern, sie jedoch nicht erreichen. Chancengleichheit bleibt eine Illusion.

Eine Illusion? 

Ja, die Chancen sind nie für alle gleich. Kinder haben nur Chancen auf einen Bildungsabschluss, wie die Matura, wenn sie die notwendigen Voraussetzungen mitbringen und sich dafür entscheiden. Ob Kinder Chancen nutzen, hängt erstens von ihren Anlagen und dem Bildungshintergrund der Eltern ab und zweitens von ihren Entscheidungen.

Aber Kinder und Jugendliche sollten doch gleiche Chancen haben, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft?

Das sollte so sein, wird aber nie so sein. Nicht alle Eltern haben die gleichen Möglichkeiten, in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Eltern mit wenig Wissen und wenig Zeit, mit geringen emotionalen und finanziellen Möglichkeiten können ihr Kind nicht gleich unterstützen wie gebildete und wohlhabende Eltern, die alles daransetzen, dass ihr Kind erfolgreich durch die Schule kommt. 
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Urs Moser im Gespräch mit unserer stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann.
Urs Moser im Gespräch mit unserer stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann.

Es kommt demnach immer auf den Bildungshintergrund der Eltern an. 

Von Bedeutung können auch finanzielle Mittel sein, die für zusätzliche Förderung eingesetzt werden, oder die Kenntnisse der Möglichkeiten innerhalb unseres Bildungssystems. 

Aber solche Ungleichheiten müssen doch abgebaut werden! 

Daran wird ja auch gearbeitet. Der Abbau von sozialen Ungleichheiten ist allerdings nicht ganz so einfach. Chancengleichheit setzt Bildung voraus, weshalb zunehmend in die Frühförderung investiert wird – und zwar bereits vor dem Kindergarten. Nur lässt sich dies nicht so einfach umsetzen. Der Staat kann ja nicht ab Geburt für benachteiligte Kinder zum Beispiel Sprachkurse verordnen; er kann sie höchstens anbieten. Die Eltern haben das Recht, ihre Kinder innerhalb eines gesetzlichen Rahmens so zu erziehen, wie sie es für richtig halten.

... und sie nicht in den Sprachkurs zu geben. 

Chancen sind immer an Personen gebunden. Diese entscheiden letztlich, ob sie eine Chance ergreifen oder nicht. Tun sie es nicht, heisst das noch lange nicht, dass das Bildungssystem ungerecht ist oder nichts gegen den Abbau von sozialen Ungleichheiten unternommen wird. Deshalb halte ich Chancengleichheit auch nicht für einen besonders treffend gewählten Begriff. Ich spreche lieber von Chancengerechtigkeit.

2 Kommentare

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Von Clara am 18.12.2017 18:02

Massgebend sind doch nicht die Defizite sondern die Ressourcen, auf denen man aufbauen kann.
Warum wird die ganze Kinder- und Jugendzeit in Schulzimmern verbracht, wenn der Bildungserfolg letztendlich von den Eltern abhängt?
Warum Milliarden in ein Bildungssystem investieren, wenn das heutzutage youtube, Lernapps etc. besser weil individueller können?
Die Pädagogik von Urs Moser scheint im 19. Jahrhundert stehen geblieben zu sein.

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Von Sascha am 18.12.2017 14:34

In Basel Stadt sind sie einfach weniger fremdenfeindlich als in St. Gallen.

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