Medien und Informatik im Kindergarten

Bild: Maike und Neele Frisch / frisch-fotografie.de
Um unsere Kinder auf die digitale Zukunft vorzubereiten, führt der Lehrplan 21 ein neues Schulfach namens «Medien und Informatik» ein – bereits auf Kindergartenstufe. Müssen nun also bereits Kindergärtner mit Smartphone und Tablet hantieren?
- Kinder in diesem Alter setzen digitale Medien vor allem unterhaltungsorientiert ein. Sie schauen fern, spielen Games und hören Musik. Mit zunehmendem Alter kommen weitere Aspekte wie Telefonieren oder Versenden von Kurznachrichten hinzu.
- Kinder werden häufig durch ihr Umfeld zu digitalen Aktivitäten angeregt. Die Hauptmotive für ihre Nutzung digitaler Medien sind Spass, Unterhaltung und Neugier.
- Die Nutzungszeit von digitalen Medien hängt von der Vermittlung und den Regeln der Eltern ab. Auch beeinflussen die Jahreszeit und das Wetter die Nutzung. Je mehr Alternativen die Kinder haben, desto weniger nutzen sie digitale Medien. Während die zeitliche Kontrolle des Nutzungsverhaltens gut durchsetzbar ist, stellt die Kontrolle der Inhalte die Eltern vor grössere Herausforderungen.
- Die Eltern sind unsicher in Bezug auf die «richtige Medienerziehung» und den optimalen Einsatz von Medien. Sobald die Kinder die Fähigkeit besitzen, selbständig Geräte zu bedienen und nach Inhalten zu suchen, sind sie nicht mehr von der Einwilligung der Eltern abhängig. Die Eltern müssen in diesem Moment also ein Stück weit die Kontrolle über die Nutzung abgeben. Auch vor dem «Handyalter» haben einige Eltern diesbezüglich Respekt.

Entspannung für die Eltern
Vier- bis Fünfjährige als Nutzer von digitalen Geräten: Erziehungsexperten, Medienpädagogen, Lehrer und Magistraten nehmen diese Tatsache zum Anlass, sich von einer rein analogen Kindheit zu verabschieden. «Die Vorstellung einer medienabstinenten frühen Kindheit entspricht mehr einer romantischen Verklärung als der Realität», schreibt das Autorenteam des Amtes für Volksschulen und Sport des Kantons Schwyz in einem Positionspapier zum Lehrplan 21 und dem Fach «Medien und Informatik».
Je mehr Alternativen sie haben, desto weniger nutzen Kinder digitale Medien.
Im Kindergarten steht das Spielen stark im Vordergrund – und das soll auch so bleiben. «Das Spielen ist der Ausgangspunkt allen Lernens», sagt Lukas Teufl, Psychologe und Väterforscher. «Die Kinder lernen sich und die Umwelt durch das Spiel kennen.» Es wird beobachtet, ausprobiert und erprobt. Diesem natürlichen Forscherdrang trägt auch das neue Fach «Medien und Informatik» Rechnung. Der Kindergarten zählt dabei zum sogenannten ersten Zyklus, welcher vier Klassen umfasst: erstes und zweites Kindergartenjahr und erste und zweite Klasse. Dieser erste Zyklus sieht im Kindergarten den Aufbau von Kompetenzen in den Bereichen Medien, Informatik und Anwendung vor. Eine explizite Anzahl an Lektionen wird dabei nicht vorgegeben – dies liegt in der Entscheidungskompetenz der Kantone.
Sie entscheiden ebenfalls, ob die Präsenz von Computern und Internet schon im Kindergarten oder erst in der 1. und 2. Klasse aufzubauen ist (dort sind sie verbindlich festgeschrieben). Empfohlen wird lediglich, dass die Kindergartenlehrpersonen jährlich mindestens ein aktives Mediengestaltungsprojekt durchführen. «Es geht dabei nicht nur darum, digitale Werkzeuge vorzustellen oder sie als Unterstützung zur Stoffvermittlung oder zum Lernen zu verwenden», sagt Eveline Hipeli. «Im Vordergrund stehen Experimentieren, Beobachten, Ausprobieren.» Die Kinder werden von blossen Konsumenten zu Produzenten und lernen dabei viel.»
- Lernen durch Handeln
- Aus Fehlern lernen
- Vorausschauendes und vernetztes Denken
- Logisches und analytisches Denken
- Problemlösekompetenzen und das Finden eigener, kreativer Lösungswege
- Symbolverständnis (zum Beispiel Smileys)
- Kreativität und Vorstellungskraft
- Soziale Kompetenzen u. a.
Was sieht der Lehrplan vor?
- Die Schülerinnen und Schüler können sich in der physischen Umwelt sowie in medialen und virtuellen Lebensräumen orientieren und sich darin entsprechend den Gesetzen, Regeln und Wertesystemen verhalten.
- Sie können Medien und Medienbeiträge entschlüsseln, reflektieren und nutzen.
- Sie können Erfahrungen Gedanken, Meinungen und Wissen in Medienbeiträgen umsetzen und unter Einbezug der Gesetze, Regeln und Wertesysteme auch veröffentlichen.
- Sie können Medien interaktiv nutzen sowie mit anderen kommunizieren und kooperieren.
Auf Stufe Kindergarten wird nur an den ersten beiden Kompetenzstufen gearbeitet. Erste Stufe: Die Schülerinnen und Schüler können Dinge nach selbstgewählten Eigenschaften ordnen, damit sie ein Objekt mit einer bestimmten Eigenschaft schneller finden (wie Grösse, Farbe, Form und Gewicht). Zweite Stufe: Kindergartenkinder können formale Anleitungen erkennen und ihnen folgen (wie Koch- und Backrezepte, Spiel- und Bastelanleitungen, Tanzchoreografien und Theater).
Weil viele Eltern (noch) nicht über diese Informationen verfügen und jeder Kanton sowie jede Schule individuell informieren, herrscht Verunsicherung. Diese Irritation hat Eveline Hipeli mit ihren Studierenden der Pädagogischen Hochschule Zürich in verschiedenen nicht-repräsentativen Erhebungen ermittelt. «Wir befinden uns in einer Übergangsphase, bis der neue Lehrplan implementiert ist», sagt Eveline Hipeli. Solche Phasen sind oft von Unsicherheit geprägt, zumal ein gemeinsames Verständnis dessen, was gelernt werden soll, fehlt. Viele Eltern verfügten mangels Informationen über eine Art Halbwissen. Die Untersuchung der PHZ ergab, dass «viele Eltern befürchten, dass ihr Kind im Kindergarten auf einem iPad herumwischen, im Internet surfen oder gar einfach im Freispiel gamen würde», so Hipeli.
Für Kindergartenkinder sind Spass, Unterhaltung und Neugier die Hauptmotive,
um digitale Medien nutzen.
Das geschieht in erster Linie durch das Spiel. Zum Beispiel das «Roboter-Spiel»: Hier übernimmt ein Kind die Rolle des Roboters, das andere Kind die Rolle des Programmierers. Der Roboter folgt nur ganz exakten Anweisungen: «Gehe geradeaus!», «Laufe drei Schritte!». Die Kinder werden sehr schnell merken, dass es wichtig ist, die Anweisungen so genau wie möglich zu formulieren, damit der Roboter wirklich macht, was man von ihm will. Ein anderes Beispiel ist das Auffädeln von Perlen nach einem Muster (wahlweise auch Legosteine oder Bügelperlen). Kinder lieben es, einander knifflige Aufgaben zu erteilen. Solche Übungen sind nicht nur sinnvoll für die Förderung der Feinmotorik, sondern bieten den Kindern auch die Möglichkeit, einfache wiederkehrende Abfolgen zu erkennen und zu bilden – Dinge, die zum Grundkonzept des Programmierens gehören.
In erster Linie geht es nicht um Anwenderkompetenzen, sondern um informatisches Denken.
Ebenso gehört zur Informatikkompetenz, Dinge sortieren zu können. Das kann eine Aufräumgeschichte sein oder aber auch, die Klasse nach Grösse, Haarfarbe, T-Shirts und so weiter zu ordnen und dabei zu diskutieren, wie man beim Ordnen vorgehen kann.
Vieles wird schon heute gespielt
Wenn es der Schuletat erlaubt, sind auch Lernroboter wie Beebots im Kindergarten denkbar. Diese sollen den Kindern die Denkweise des Programmierens auf spielerische Weise näherbringen. In der Regel sind dies programmierbare Bodenroboter, wie wir sie vielleicht privat als Rasenmäher- oder Staubsaugroboter kennen. Die Bewegungsrichtung sowie die Anzahl der Schritte können mittels Tasten direkt programmiert werden. «Kinder lernen bei der Arbeit mit den Bodenrobotern vorauszudenken, Geschehnisse einzuschätzen, entsprechende Entscheidungen abzuleiten und eigene Problemlöse-strategien zu entwickeln», meint Eveline Hipeli. Ebenso wichtig sei es für Kinder zu erkennen, dass diese Roboter nicht selbständig denken können, sondern Befehle ausüben, die Menschen ihnen geben
Bei der Arbeit mit Robotern lernen Kinder, dass diese nicht denken können, sondern nur Befehle ausführen.
Gespräche über Medien sind laut Hipeli zentral, zumal Verbote oder Schutzschilder ab einem gewissen Alter nicht mehr wirkten: «Heute laufen Mediengespräche zwischen Kindern und Eltern normalerweise so ab, dass die Mediennutzungszeit im Vordergrund steht.» Das fördere die Medienkompetenz der Kinder jedoch nur bedingt. So wünschten auch die meisten Eltern Unterstützung in Medienangelegenheiten durch die Schule, sagt Hipeli. Sei es, weil Eltern ihre Kinder vor dem World Wide Web beschützen wollen, sei es, weil sie aus eigener Erfahrung um die Sogwirkung der Geräte wissen. Wenn durch informative Gespräche klar werde, dass der «Medien und Informatik»-Unterricht in der Schule auch als Wegbereitung für eine erfolgreiche Berufslaufbahn diene, entwickelten die Eltern oft Verständnis. Daher muss es das Ziel sein, die Eltern so zu informieren, dass Medienbildung für Kinder nicht nur mit Ängsten, sondern auch mit Chancen besetzt ist.»
Informationen und Arbeitsblätter: blogs.phsg.ch/ict-kompetenzen/
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