«Mir ist in meinem Leben viel Gutes widerfahren»
Merken
Drucken

«Mir ist viel Gutes widerfahren»

Lesedauer: 2 Minuten

Moreno Isler, 22, ist in der Lehre zum Fachmann Betreuung. Mit 14 stellten erst eine Krebsdiagnose, dann die Folgen der Behandlung sein Leben auf den Kopf.

Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Mit 14 Jahren erkrankte ich an Krebs. Es hiess, mein Hirntumor sei vorgeburtlich angelegt gewesen. Als ich 11 war, hatte er angefangen, sich bemerkbar zu machen. Als Ursache für Kopfschmerzen und Übelkeit wurden zunächst Folsäuremangel, Magenbeschwerden, die Pubertät oder Umzugsstress vermutet. Erst eine Gesichtslähmung führte zum Befund.

Meine Mutter sagte, ich müsse nun ins Spital. Dann mache ich das, dachte ich: operieren und gut ist. Gut war, dass ich nicht wusste, was auf mich zukam: drei Operationen – die längste dauerte elf Stunden –, eineinhalb Jahre Behandlung mit mehreren Zyklen an Chemotherapie und Bestrahlung.

Ich musste mich in Geduld üben, die ich heute als meine Stärke betrachte.

Als all das hinter mir lag, spürte ich mich nicht mehr – ich finde keine anderen Worte für den Zustand damals. Ich hatte viel verpasst, musste die erste Sek wiederholen. Man wollte mir Zeit geben, um mich einzufinden. Was rückblickend das Richtige war, konnte ich damals nur schwer verstehen. Ich war 15, meine Klassenkameraden 13, und meine alten Freunde beschäftigten Themen, die an mir vorbeigegangen waren.

Eine Stütze für andere

Vor der Krankheit war ich sehr sportlich gewesen, jetzt ging nicht mal mehr Velo fahren. Durch die Bestrahlung war mein Sehnerv beeinträchtigt worden, dazu kamen ein Hörverlust, Tinnitus, motorische Probleme und eine verminderte Gedächtnisleistung. Letztere konnte ich inzwischen mit Training aufholen.

Ich wollte das alles nicht: keine Brille, keine Hörgeräte, keinen Haarverlust. Zudem stellte sich heraus, dass meine Nebennierenrinde und Schilddrüse Schaden erlitten hatten, die Ausschüttung lebenswichtiger Hormone beeinträchtigt war. Bis jetzt muss ich viele davon spritzen oder in Tablettenform einnehmen.

Ich lernte, den Fokus auf anderes zu lenken, wenn Angst und Schmerz mich zu überfluten drohten.

Heute arbeite ich mit psychisch beeinträchtigten Menschen. Ich stehe fest im Leben, kann anderen eine Stütze sein. Die Erfahrung, dass es aus dem tiefsten Tal wieder aufwärtsgeht, hat mich gelehrt, den Blick aufs Positive zu richten. Die Haltung habe ich mir erarbeiten müssen. Ich musste mich in Geduld üben, die ich heute als meine Stärke betrachte. Ich verbrachte Stunden mit Warten – auf Ärzte, Befunde, das Ende jeder schmerzhaften Therapie. Ich lernte, in Gedankenwelten abzutauchen, den Fokus auf anderes zu lenken, wenn Angst und Schmerz mich zu überfluten drohten.

Meine grösste Stütze war meine Familie, die immer da war, an mich glaubte und mich ermutigte. Auch mein Kater Charly war sehr wichtig für mich. Zudem hatte ich während der Therapiezeit einen Mentor. Er hatte als Kind die gleiche Diagnose und engagiert sich über die Fachstelle Survivors für Betroffene. Es war wertvoll, mich an jemanden wenden zu können, der weiss, wie es Jugendlichen in meiner Situation geht. Mittlerweile habe ich mich selbst als Mentor zur Verfügung gestellt und gehe regelmässig zu Treffen mit anderen Survivors.

Ich hatte Glück. Das sage ich nicht nur mit Blick auf mein Überleben, sondern auch in Bezug auf Lebenssituationen, denen ich in meiner Arbeit begegne. Mir ist viel Gutes widerfahren, darum will ich Menschen helfen.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

Alle Artikel von Virginia Nolan

Mehr zum Thema Resilienz

Gesellschaft
Nach Unfall im Rollstuhl: «Ich will mich zurück ins Leben stürzen»
Seit einem Motorradunfall ist Fabian Kappeler, 17, querschnittgelähmt. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, bleibt er optimistisch.
2024_06 Pilauts-Bahnen-Familienausflug
Advertorial
Pilatus – Familienerlebnisse in Stadtnähe
Die Pilatus-Bahnen AG bietet mit ihrem vielseitigen Freizeitangebot «2132 Möglichkeiten über Meer».
Video
Mein Kind hat immer Angst
Silvia Zanotta ist Expertin für Angststörungen. Im Kosmos-Kind-Vortrag erklärt sie, wie Eltern betroffenen Kindern helfen können.
Resilienz: Wie wird mein Kind stark?
Erziehung
Wie stärke ich mein Kind? 11 Resilienz-Faktoren
Es gibt Schutzfaktoren, die der Entwicklung von Resilienz zuträglich sind und Kinder für die Stolpersteine im Leben wappnen.
Resilienz
Familienleben
«Eines kann ich: die Guten erkennen»
Für Marissa ist Resilienz keine Zauberkraft, die wir allein aus uns schöpfen. Wichtiger sei es, auf die richtigen Menschen zählen zu können.
Resilienz: Sophie erzählt, was sie wertvoll findet
Familienleben
«Die Kinder sollen wissen, dass sie wertvoll sind»
Sophie erlebte eine schwierige Kindheit und hätte als Teenager gut auf die schiefe Bahn gelangen können. Die Fernsehtechnikerin erzählt, was ihr Halt gegeben hat und wofür sie dankbar ist.
Resilienz: Unser Thema im Juni
Fritz+Fränzi
Resilienz: Unser Thema im Juni
Weshalb die einen schwierige Lebensumstände besser bewältigen können als andere – und wie Eltern die Widerstandskraft ihres Kindes stärken.
Resilienz
Erziehung
Resilienz – das Immunsystem der Seele
Resilienz befähigt uns, trotz Schwierigkeiten Lebensmut zu bewahren. Woher kommt diese Widerstandskraft und wie können Kinder sie lernen?
Mindful Self-Compassion: 5 Übungen
Familienleben
5 Übungen für einen achtsamen Umgang mit sich selbst
Mindful Self-Compassion bezeichnet das Mitgefühl, das wir mit uns selbst haben. Wir zeigen Ihnen, wie Sie dieses im Alltag trainieren können.
Resilienz: Kinder müssen Scheitern lernen
Erziehung
«Kinder müssen das Scheitern lernen»
Kinder werden heute zu sehr geschützt, sagt Psychologe Peter Gray. Dies hindert sie am effektivsten Resilienz-Training: dem freien Spiel.
Selbstfürsorge: Was ich wirklich brauche
Familienleben
Wie können wir uns im Familienalltag besser Sorge tragen?
Selbstfürsorge ist im oft hektischen Familien- und Berufsalltag nicht einfach. Was es für einen achtsamen Umgang mit sich selbst braucht.
Schulstart: Die neue Rolle der Eltern
Elternbildung
Schulstart: Die neue Rolle der Eltern
Beim Übertritt an die Primarschule brauchen Eltern in der Erziehung viel Feinfühligkeit und Beziehungsstärke. Was ist damit gemeint?
Schulangst
Psychologie
Wenn die Schule zur Qual wird
Bei Schulabsentismus ist immer häufiger Angst im Spiel. Wie sollten Lehrpersonen reagieren? Und wie können Eltern ihr Kind stärken?
Familienleben
«Familie ist eben nicht Privatsache»
Die Kinderombudsstelle setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Diese würden oft missachtet, sagt Leiterin Irène Inderbitzin.
Entwicklung
Aus der Bahn geworfen
Noch nie waren in der Schweiz so viele Kinder und Jugendliche in psychotherapeutischer Behandlung. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
«Es gibt nicht reife oder ­unreife, sondern einfach ­unterschiedliche Kinder»
Entwicklung
«Es gibt nicht reife oder ­unreife Kinder – nur ­unterschiedliche»
Die Entwicklungspsychologin Claudia M. Roebers sagt, was Kinder wirklich brauchen, um ihr Potenzial zu entfalten – und was nicht.
Familienleben
Wie können Eltern besser mit Stress im Alltag umgehen?
Viele Eltern fühlen sich im Alltag mit seinen unendlichen To-do-Listen permanent gestresst und gehetzt. Woran liegt das? Und vor allem: Wie kommen wir da wieder raus?
Kindergarten
So lernt Ihr Kind den Umgang mit seinen Emotionen
Wie Kinder emotionale Fähigkeiten entwickeln und was Eltern tun können, um sie dabei zu unterstützen.
Elternbildung
Was ist das Wichtigste, das wir unserem Kind mitgeben sollen?
Ein solides Erbe oder Geduld mit sich selbst? Die Antworten unseres Expertenteams fallen einmal mehr ganz unterschiedlich aus.
Krieg
Elternblog
Wie kommen wir aus der Sorgenspirale raus?
Auf die Corona-Krise folgt der Krieg in der Ukraine. Was macht das mit uns als Eltern? Was mit unseren Kindern? Fritz+Fränzi-Redaktorin Maria Ryser wirft einen kritischen Blick nach Innen und fragt sich, was handeln für sie bedeutet.
Medienerziehung
Hat die Gesellschaft Einfluss auf das Internet oder umgekehrt?
Das Web bringt leider oft die schlechten Seiten der Menschen zum Vorschein. Eltern sollten hier Vorbilder sein – denn Kinder und Jugendliche brauchen einen moralischen Kompass.
Elternbildung
«Auch Eltern dürfen sagen: Das macht mir Angst»
Resilienzforscherin Isabella Helmreich: Wie Eltern und Kinder mit ihrer Verunsicherung in Krisenzeiten umgehen können.
Familienleben
Wie unser Gehirn bei Stress reagiert
Unsere Gene und unsere Umwelt haben Einfluss darauf, wie wir in stressigen Situationen umgehen, sagt die Psychologin Nicole Strüber.
Familienleben
Wie bleibt man ruhig im Familienalltag?
Wie reagiert man gelassen, wenn der Familienalltag einen mal wieder an seine Grenzen bringt? Leider ist die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, nicht ­angeboren. Die gute Nachricht: Sie kann erlernt werden, sagen Experten.
Familienleben
Die besten Apps zum Abschalten
Wie kommt man zur Ruhe, wenn rundherum das Chaos tobt? 7 Apps und Tipps, wie man zu mehr Gelassenheit im Familienalltag kommt.