Kindergarten

Spielen ohne Spielzeug – ein Kindergarten testet es

Was passiert in einem Kindergarten, wenn alle Bücher, Plüschtiere, Duplos und Verkleidungssachen vorübergehend in den Keller wandern? Wir haben eine Kindergartenklasse begleitet, die während drei Monaten komplett auf Spielsachen verzichtete. 
Text: Florina Schwander  
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photos
Spielst du mit mir?» – «Klar, gerne.» – «Oh nein, wir haben ja gar keine Spielsachen mehr!» – «Wir können ja trotzdem etwas spielen, was möchtest du denn machen?» – «Keine Ahnung!»
Diese Szene hat sich bei meinem ersten Besuch im Kindergarten Wartegg in Luzern abgespielt.

Die rund 20 Kinder sind gerade dabei, all ihre Spielsachen in Kisten zu verpacken, als ein Mädchen mit mir spielen will. Nur: womit? Denn Puzzles, CDs und Jenga-Stäbe – alles wurde in den Keller verfrachtet, die Regale sind leer. Spielzeug, das nicht verändert werden kann, wird weggeräumt. Auf Nachfrage wieder geholt werden dürfen Materialien, mit denen neue Objekte geschaffen werden können wie Tücher, Schnur, Malutensilien und Klebeband.
Initiiert vom Luzerner Verein «Akzent», der sich mit der Unterstützung von Kanton und Gemeinden für nachhaltige Prävention und Suchttherapie einsetzt, macht der Kindergarten Wartegg zusammen mit anderen Deutschschweizer Kindergärten beim Projekt «spielzeugfreier Kindergarten» mit.

Spielen, insbesondere das freie Spiel, ist für viele Pädagogen die wichtigste Grundlage für eine gesunde Entwicklung eines Kindes, wie auch Professor André Frank Zimpel, Professor an der Uni Hamburg und Autor von mehreren Büchern zum Thema, betont. «Spielen ist die Arbeit des Kindes und seine wichtigste Tätigkeit.» Für Zimpel ist Spielen das Beste, was ein Kind tun kann.

In ihrem Sammelband «Play = Learning» zeigen die US-Forscherin Dorothy Singer und ihr Team auf, dass Kinder, denen zu Hause und in der Schule genügend Zeit zum Spielen gegeben wird, sich später durch bessere schulische Leistungen, durch Kreativität, Widerstandsfähigkeit (Resilienz), Selbstvertrauen und soziale Fähigkeiten auszeichnen.

Kinder sollen nicht nur so viel wie möglich spielen, sie sollen es auch so frei wie möglich machen: Das Projekt «spielzeugfreier Kindergarten» geht deshalb noch einen Schritt weiter: weg vom Konsumzwang, weg von vorgegebenen Spielideen, hin zum konzentrierten, kreativen, vertieften Spielen, so die Grundidee der Aktion, die 1993 von Elke Schubert und Rainer Strick von der Aktion Jugendschutz München gegründet wurde. Ihr Credo:
Die Stärkung der Lebenskompetenzen ist die wirksamste Form der
Suchtprävention. 

Lang lebe die Langeweile

Auch in Luzern möchten die beiden Kindergärtnerinnen Pia Christen und Yvonne Enzmann die Kinder in ihrer Kreativität stärken. Denn sie sind überzeugt: Aus kreativen Kindern werden starke Erwachsene.

Angst vor Langeweile? Fehlanzeige. Die Kinder freuen sich auf die spielzeugfreie Zeit. Emma, 6,  zum Beispiel, spielt gerne Verkleiderlis in der Familienecke. Sie meint: «Das wird kein Problem: Kleider tragen wir ja eh immer, das reicht zum Spielen.»

Im Kindergarten erhalten Kinder viele externe Impulse zum Spielen, es gibt festgelegte Spielsequenzen, vorgefertigte Spielideen. Ohne Regeln, ohne Spielzeug, ohne Anleitung der Lehrpersonen ist die Lange­weile dann doch ein Thema in Luzern. 
Viele Kinder seien heute «stimulationssüchtig» oder schlichtweg zu «Konsumenten» geworden, schreibt Jesper Juul in seinem Text «Kinder sollen sich langweilen dürfen». Diese Kinder hätten ohne Anregung oder Bespielung regelrecht Entzugserscheinungen. Doch, so betont Juul: «Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance.» In Kontakt mit der eigenen Kreativität komme nur, wer die innere Unruhe der Langeweile vorbeiziehen lasse. Und: «Kreativität ist zentral, um Selbstwert zu entwickeln.»

Was also tun, wenn sich ein Kind langweilt?
Die Zauberformel ist simpel: zulassen und warten. Kommt Zeit, kommt Rat – das gilt auch für die Kreativität. Jesper Juul empfiehlt Eltern, deren Kinder sich langweilen, das Kind zu umarmen und zur Langeweile zu beglückwünschen. Und: Interesse zu zeigen, was es aus seiner Langeweile heraus als Nächstes tun wird. 
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Die Idee hinter dem Projekt: Aus kreativen Kindern werden starke Erwachsene. 
Im Kindergarten in Luzern gibt es einen blauen Stuhl, angelehnt an das gleichnamige Bilderbuch zum Thema Langeweile und Fantasie von Claude Boujon. Wenn sich ein Kind langweilt, setzt es sich auf den Stuhl und wartet, bis es von einem anderen Kind zu einem Spiel eingeladen wird. 

Anfangs ist der blaue Stuhl rege in Gebrauch, mit der Zeit wird er immer seltener benutzt. Die Kinder wissen sich zu helfen, schauen sich Ideen untereinander ab. Es wird laut im Kindergarten: Auf Schränken wird getrommelt, die Möbel werden bespielt wie noch nie. Aus Stühlen und Klebeband entsteht ein Schloss, unter einem Tisch ein Gefängnis. «Versteckis, Fangis, Chutzele, Hütten bauen, Versteckis und nomal Fangis», antworten Leo und Lian, beide 6, auf die Frage, was sie denn nun gerne spielen im Kinder­garten.

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