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Entwicklung

Frau Stamm, warum spielen Kinder heute so wenig?

Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm erklärt, weshalb das freie Spiel die beste Frühförderstrategie bei Kindern ist. Und plädiert für mehr elterliche Gelassenheit. 
Interview: Claudia Landolt
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo

Frau Stamm, warum spielen Kinder heute viel zu wenig? 

Das freie Spiel, also das Spielen, bei dem nicht die Erwachsenen bestimmen, wie, wo und was die Kinder spielen, hat eine andere Wertigkeit als noch vor 15 oder 20 Jahren. Der Durchschnittswert von 300 Eltern in unserer Studie ergab, dass Erwachsene dieses kindliche Spiel schlicht banal finden. Also spielt es im Alltag eine untergeordnete Rolle. 

Warum ist es banal, wenn Kinder miteinander spielen? 

Weil es nicht in unsere Erwachsenenwelt passt. Es ist nicht zielorientiert. Zeit ist in unserer Gesellschaft ein kostbares Gut. Wir haben zu wenig Zeit für uns, und das gilt auch für die Kinder selbst. Ausserdem erzeugt das freie Spiel bei vielen Erwachsenen Angst. 

Warum? 

Das freie Spiel ist mit vielen Ängsten besetzt. Bewegt sich das Kind draussen, befürchten viele Eltern, dass es sich an gefährlichen Orten verletzen könnte. Oder auch dreckig wird.
Faulenzen, die Grashüpfer beobachten oder den eigenen Gedanken nachhängen. Fachleute wissen: Langeweile ist gesund für Kinder – übrigens auch für Erwachsene.
Faulenzen, die Grashüpfer beobachten oder den eigenen Gedanken nachhängen. Fachleute wissen: Langeweile ist gesund für Kinder – übrigens auch für Erwachsene.

Der deutsche Forscher Hans Bertram hat festgestellt, dass das freie Spiel innerhalb der letzten 15 Jahre um 50 Prozent abgenommen hat. Was sind die Gründe dafür? 

Erstens die Überängstlichkeit, wie schon erwähnt. Dazu gehört auch, das Kind zur Schule zu fahren oder draussen beim Spielen zu überwachen. Zweitens die Frühförderung. Eltern glauben, permanent aktiv sein zu müssen. Sie verwechseln aber gute frühkindliche Bildung mit der Anzahl Frühförderkurse, die das Kind besuchen soll. Das hat zur Folge, dass das Wochenprogramm der Kinder enorm getaktet wird und wenig Zeit bleibt, um draussen oder im Quartier zu spielen oder sich einfach mal zu langweilen.
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Vielleicht steckt ja Unsicherheit dahinter. Man will einfach alles richtig machen.

Ich nenne das Elterndeterminismus. Eltern kriegen heute immer zu hören, dass sie schuld seien, wenn etwas mit den Kindern nicht gut kommt. Das gab es zu meiner Zeit als Mutter nicht, da konnten wir die Kinder noch viel mehr wachsen lassen. Heute werden Eltern für alles verantwortlich gemacht. Meine These ist: Heute wachsen Kinder viel behüteter auf, und aus dieser Überbehütung entstehen viele Probleme. Aber nicht die Eltern sind schuld, sondern die Gesellschaft. Sie war es, die den Eltern fortwährend einredete, wie sehr sie sich um ihre Kinder kümmern sollen. Und heute verhalten sie sich genauso ängstlich und unsicher.

Was bedeutet kindliches Lernen im erziehungswissenschaftlichen Sinne?

Das kindliche Lernen ist ein Lernen in einer alltäglichen Umgebung, in der ein Kind sich mit all seinen Sinnen entfalten kann, also emotional, sozial, kognitiv, taktil, motorisch.
Frühförderung kann doch auch positiv sein. In der Forschung stellt man fest, dass Kinder heute tatsächlich schon viel mehr können. Sie können früher schreiben und früher rechnen als vor 20 Jahren. Aber emotional und sozial sind nicht wenige retardiert. Sie können nicht warten, empfinden sich als Königskinder und so weiter. Emotionale Entwicklung ist aber auch Bildung.
«Langeweile ist ein wichtiges Erziehungsprinzip.» 
Margrit Stamm

Also ist das ganze strukturierte Freizeitangebot eigentlich unnötig?

Kurse sind nicht grundsätzlich schlecht. Aber wenn ein Kind nur noch in Kurse geht, statt draussen zu spielen, ist das ungünstig. Drei bis vier Kurse pro Woche neben Kindergarten oder Primarschule ist für die meisten zu viel. Eine Viertel- oder eine halbe Stunde pro Tag draussen ist zu wenig.

Was ist mit der Natur, dem Wald?

Das ist die beste frühkindliche Bildung. Nach Vorträgen sagen mir viele Mütter, sie hätten keine Zeit, mit den Kindern in den Wald zu gehen. Dabei fahren sie sie ja beispielsweise in die Kletterhalle, warten dort und fahren sie wieder zurück. Das braucht auch Zeit. Die Vorstellung, in Kursen könne das Kind auf die Unbill des Lebens vorbereitet werden, während das Kind im Wald überfordert sein könnte, diese Diskrepanz hat sich in den Köpfen festgesetzt. Das halte ich für verkehrt.

Es gibt auch das Gegenteil. Mütter, die ihre Kinder nicht mindestens einmal die Woche zu Hobbys fahren, sind vielen suspekt.

Auch das höre ich oft. Solche Eltern sagen mir, wie schwierig es sei, gegen den Strom zu schwimmen. Es brauche viel emotionale Energie, um sich zu vergewissern, dass man es gut macht. Mütter bekämpfen sich oft gegenseitig. Das ist doch grässlich!

5 Kommentare

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Von helene am 27.12.2016 12:13

super bericht👌🏻

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Von Corinne am 24.09.2016 15:20

Sehr geehrte Frau Stamm, ich teile Ihre Ansichten durchaus. Aber können Sie mir sagen, wann eine 2. Klässlerin mit 27 Lektionen Schule, 40 bis 60 Minuten Hausaufgaben pro Tag plus Lernen für zwei Prüfungen pro Woche noch grossartig Zeit zum spielen hat? Klar, ich könnte ihr das geliebte zweistündige Hobby pro Woche streichen - aber ist das zielführend? Vielleicht sind ja auch die immensen Anforderungen, die die Schule heute stellt, an den von Ihnen geschilderten Zuständen schuld? Meine Tochter ist übrigens keine schlechte Schülerin. Wie das die schwächeren Kinder machen ist mir schleierhaft.

Von Corinna am 28.12.2016 13:16

27 Lektionen - nehme an, dass das 27 Stunden sind? Dann wären das nicht ganz 6 Stunden pro Tag, plus eine Stunde Hausübung, 30 Minuten lernen. Bleiben also 16 h, 30 min pro Tag übrig. Wenn ich zwölf Stunden Schlaf rechne (10 wahrscheinlich), bleiben noch immer 4 Stunden 30 Minuten.

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Von Hanspeter am 17.08.2016 20:08

Grossartig, dieser erfrischende und ermutigende Text! Das Verplanen der Freizeit mit Aktivitäten aller Art ist für ganze Familien ein Stress. Allerdings gibt es heute eine Gefahr, die das geplante Lenken der Freizeit noch übertrifft: der ungehemmte Dauerkonsum von elektronischen Botschaften bei Jugendlichen, manchmal auch schon bei jüngeren Kindern. Bei Kindern bis zur Unterstufe sollte dies aber noch nicht das grosse Thema sein. Die Schule selber ist leider nicht frei von der Vorstellung, man könnte das Lernen bestimmter Kompetenzen verpassen, wenn nicht möglichst früh mit gezieltem Lernen begonnen würde. Da müssten die Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogischer Vernunft entgegenwirken. Die Gesellschaft ist dazu nur bedingt imstande, da ein immenser Druck aufgebaut wurde.

Von Corinna am 28.12.2016 13:19

"Da müssten Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogischer Vernunft entgegenwirken". Ich kenne nur die Situation in Österreich, und da schwebt über allen Lehrern in der Grundschule (ab spätestens der dritten Stufe) das Damoklesschwert "Bildungsstandartsüberprüfung". Und wehe, die fällt schlecht aus - für den Lehrer nämlich. Schlecht heißt da unter dem Durschnitt der anderen Schulen in einem Bereich. Wenn ich will, dass Lehrer Druck nehmen, dann muss ich erst einmal den Lehrern den Druck nehmen. Wie heute Bildungspolitik läuft - das ist teilweise gegen jede pädagogische Vernunft.

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