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Elternbildung

Wie man übt, Frust zu ertragen

Viele Kinder reagieren auf Enttäuschungen und Niederlagen mit Wut und Aggression. Wie Eltern und Lehrpersonen einem Kind helfen können, seine Frustrationstoleranz zu verbessern und Bedürfnisse und Wünsche besser zu kontrollieren.  
Text: Ruth Fritschi
«Unser Erstklässler hat immer wieder Wutanfälle, zu Hause und manchmal auch in der Schule. Er ist viel aggressiver als sein älterer Bruder. Wie können wir das in den Griff bekommen?» 

Für viele Eltern und Lehrpersonen eine bekannte Frage. Und eine grosse Herausforderung. 
Klar ist, dass nicht Sie als Eltern das in den Griff bekommen sollen, sondern Ihr Sohn oder Ihre Tochter selber. Aber natürlich müssen Sie, liebe Eltern, und wir Lehrpersonen dem Kind dabei helfen. Dazu braucht es erstens eine Grundhaltung, dass Konflikte gewaltfrei zu lösen sind, und zweitens ein nicht wertendes Verständnis dafür, wie die Wut zustande kommt. Alle Gefühle, auch negative wie Ärger und Wut, sind berechtigt. Aber die Form, wie sie ausgedrückt werden, soll zivilisiert und fair sein. Das muss und kann man lernen. 

Ab wann sollten Kinder Frust aushalten können?

Viele Kinder kommen nur sehr schlecht mit Kritik und Misserfolgen zurecht. Sie reagieren mit Wut und Aggressionen, wenn ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht null Komma plötzlich erfüllt werden. Mal abwarten zu müssen oder hin und wieder enttäuscht zu werden, weil das Gewünschte nicht zu bekommen ist, halten sie nicht aus. Dies gehört im Kleinkindalter zum normalen Entwicklungsprozess. 

Bis zum Eintritt in die Primarschule sollte jedoch jedes Kind eine gewisse Frustrationstoleranz aufgebaut haben. Bei manchen Kindern geschieht dies ganz von selbst, andere brauchen auf dem Weg zu einem «reiferen» Umgang mit Frustrationen mehr Unterstützung. Findet diese Entwicklung nicht statt, weil etwa Eltern aus falsch verstandener Sorge ihrem Kind keine Enttäuschungen zumuten wollen, wirkt sich das für das Kind verheerend aus. 

Was ist Frustrationstoleranz? Es ist die Fähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen. Sie gehört neben anderen Kompetenzen wie zum Beispiel Beziehungs- und Konfliktfähigkeit oder auch Einfühlungsvermögen zum Bereich der emotionalen Intelligenz. Emotionale Intelligenz bedeutet, dass man seine Gefühle wahrnehmen kann, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Und dass man auch die Gefühle anderer erkennen und respektieren kann. 

Wie aüssert sich eine zu niedrige Frustrationstoleranz?

Tisch abräumen, Zimmer aufräumen, Flöte üben? «Keine Lust.» Wenn Eltern solchem Verhalten der Harmonie wegen immer wieder nachgeben oder sich ständig in Endlosdiskussionen verstricken, kann das problematisch werden.

Das Kind lernt so, dass es mit seiner bockigen Haltung Erfolg hat.
Wie soll es wissen, dass ein ähnliches Verhalten später in der Schule weniger Erfolg verspricht und es bei den Mitschülerinnen und Mitschülern und bei den Lehrpersonen nicht mit derselben elterlichen Nachsicht rechnen darf?

Mangelnde Frus­trationstoleranz äussert sich häufig auch beim Kontakt mit anderen Kindern. Die Betroffenen spielen zwar gerne mit Nachbarskindern und Freunden, aber nur solange alles nach ihren Wünschen läuft. Ist dies nicht der Fall, reagieren sie schnell aggressiv und verärgert. Sie empfinden das Nichterfüllen ihrer Wünsche als so starke Zumutung, dass sie sich gar nicht anders verhalten können.

In der Schule reden diese Kinder ständig dazwischen, weil sie in jungen Jahren nicht gelernt haben, dass sie jemanden nicht einfach unterbrechen dürfen, sondern warten müssen, bis sie an der Reihe sind. Und weil ihnen dieses unsoziale Verhalten bei Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern nur Misskredit beschert, spielen viele der betroffenen Kinder den Klassenclown. Die Folge: Die Situation spitzt sich weiter zu.
«Machen wir uns klar, dass es in der Erziehung nicht darum geht, einem Kind Enttäuschungen zu ersparen.»
Ruth Fritschi
Die Kinder beim emotionalen Lernen zu begleiten, ist für Eltern und Lehrpersonen eine Herausforderung. Machen wir uns klar, dass es in der Erziehung nicht darum geht, einem Kind Enttäuschungen zu ersparen. Diese gehören zum Leben.

Eltern können Kindern den positiven Umgang mit Fehlern und Niederlagen vor allem dadurch vermitteln, indem sie ihnen ein gutes Vorbild sind. Denn Kinder wollen gross werden, und sie wollen gross sein wie die Eltern. Sie beobachten genau, wie die Eltern sich verhalten. So ist Erziehung vor allem Selbsterziehung.
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