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Eltern in der Sackgasse

Lesedauer: 7 Minuten

Dort, wo Kinder angeblich zu viel Macht über ihre Familie besitzen, lassen Eltern sie in Wahrheit mit zu viel Verantwortung allein.

Text: Jesper Juul
Bild & Illustration: Pexels & Petra Dufkova/Die Illustratoren

Um was geht es:

  • Eltern müssen sich stets vergegenwärtigen: Mütter und Väter tragen die Verantwortung
  • Entscheidend ist nicht, welche Regeln gelten, sondern wie Erwachsene sie einführen und handhaben.
  • Ein Nein ist ein Symptom und kein Machtkampf zwischen Kind und Eltern.
  • Viele Eltern versuchen, ihre Kinder zu Eigenverantwortung zu erziehen, indem sie sie permanent kontrollieren. Diese Methode scheitert fast immer.
  • Ein Kind wünscht sich Eltern, die auf eine Weise Verantwortung übernimmt, die es ihm ermöglicht, Kind zu sein.

Wie Eltern ihre Autorität zurückholen und somit die Situation beruhigt werden kann, lesen Sie im Beitrag von Jesper Juul.

«Ich will aber …», sagten wir als Kinder. «Wir wissen am besten, was gut für dich ist», antworteten unsere Eltern und brachten damit den aufgeklärten Absolutismus zum Ausdruck, der das Leben in vielen Familien prägte. Seitdem hat sich einiges verändert. Als Therapeut lerne ich oft Familien kennen, in denen die Eltern mehr oder weniger aufgegeben und die Kinder die Macht übernommen haben. Dabei sind Kinder keineswegs machtversessen. Doch was bedeuten Macht und Verantwortung in der Familie überhaupt?

Eltern tragen die Verantwortung

Die Verantwortung in der Familie liegt eindeutig bei den Eltern, bis die Kinder ein Alter um die 14 bis 16 Jahre erreicht haben. Die Eltern tragen die alleinige Verantwortung für die Atmosphäre in der Familie, also für den Ton, in dem mit- und übereinander gesprochen wird, sowie für die Art und Weise, in der Konflikte gelöst und Entscheidungen getroffen werden. In Bezug auf diese Dinge besitzen Kinder weder Kompetenz noch Erfahrung, und es entsteht niemals etwas Gutes, wenn Kindern die Verantwortung dafür überlassen wird. Natürlich sind Kinder kluge Beobachter und vertreten konstruktive Ansichten – sehr oft sogar –, doch ist es Sache der Eltern, Prozesse in Gang zu setzen, die für die Familie richtig und zweckmässig sind. Auch die Macht in der Familie ruht auf den Schultern der Erwachsenen. Nicht nur, was Aspekte wie Finanzen, Wohnort, Arbeitszeiten und Kinderbetreuung betrifft, sondern auch die Entscheidungen, die gefällt werden. Anders ausgedrückt: Verantwortung hat mit Prozessen, Macht mit Inhalten zu tun. Macht ist, was man beschliesst, und Verantwortung wird durch die Art und Weise der Beschlüsse wahrgenom-men. Auf lange Sicht ist die Qualität der Entscheidungen, die in der Familie getroffen werden, von der Qualität der Entscheidungsprozesse abhängig. Man könnte also auch sagen, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden der gesamten Familie fast vollkommen vom Prozess und nicht – wie die meisten glauben – vom Inhalt abhängen.

Entscheidend ist nicht, welche Regeln gelten, sondern wie Erwachsene sie einführen und handhaben

Es geht nicht darum, ob die Kinder eine, zwei oder fünf Stunden am Tag fernsehen, ob sie Süssigkeiten essen dürfen oder nicht, ob sie um 21 oder um 23 Uhr zu Hause sein müssen oder welche Bedeutung die Hausaufgaben haben. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Regeln und Vorgaben von den Erwachsenen eingeführt und gehandhabt werden. Viele Eltern versuchen beispielsweise, ihre Kinder zu verantwortlichem Handeln zu erziehen, indem sie sie permanent kontrollieren. Doch diese Methode scheitert fast immer. Die Kinder werden stattdessen zu Experten darin, sich der ständigen Kontrolle ihrer Eltern zu entziehen, worauf sich diese gern beklagen, «alles hundert Mal sagen zu müssen». Die Ursache besteht darin, dass Prozess und Inhalt sich widersprechen. Das ist so, als würde man sagen: «Ich will, dass du Eigenverantwortung übernimmst, deshalb kontrolliere ich dich die ganze Zeit.» Ein gedanklicher Widerspruch, der viel Energie kostet und beide Seiten ratlos zurücklässt.

Die Last der Entscheidung

Es gibt Familien, in denen die Kinder zweifellos einen Grossteil der Macht besitzen. In denen sie weitgehend über die Geschicke der Familie bestimmen, was zu einem kräftezehrenden Machtkampf zwischen Eltern und Kindern führt. Ein Beispiel: Finn will nicht zur Schule gehen. Er ist elf Jahre alt und wohnt mit seiner Mutter und seinem sechsjährigen Bruder. Die Mutter hat früh geheiratet, ihre Ehe zerbrach kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Ihr Mann trank viel und war gegenüber seiner Frau und seinen Kindern gewalttätig.

In den vergangenen vier Jahren ist Finns Verhalten zunehmend schwieriger geworden. Seinem kleinen Bruder gegenüber ist er oft aggressiv. Er tut nur selten, worum seine Mutter ihn bittet. Wenn sie versucht, ihren Willen durchzusetzen, fängt er an zu schreien und zerstört Gegenstände. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, weigert er sich seit einem halben Jahr, zur Schule zu gehen, ohne nähere Gründe dafür anzugeben. Bis dahin war er ein guter Schüler gewesen, der gerne zur Schule ging.

Ein Kind wünscht sich eine Mutter, die auf eine Weise Verantwortung übernimmt, die es ihm ermöglicht, Kind zu sein

Man könnte nun auf den Gedanken kommen, dass Finn die Macht in der Familie übernommen habe, aber das ist nicht der Fall. Vielmehr ist es der Mutter nie gelungen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Sie war mit einem Mann verheiratet, der sämtliche Macht innehatte und dies Verantwortung nannte. Wann immer sie versuchte, selbst Verantwortung zu übernehmen, etwa in Fragen der Kindererziehung, wurde sie von ihm an den Rand gedrängt. Sie hatte stets Angst vor Konflikten, da sie nie gelernt hat, diese zu lösen. Zugleich empfand sie ihren Mann als zu streng, hätte ihren Kindern gerne mehr Freiraum und eine sanftere Erziehung zukommen lassen. Als sie jetzt von ihrer Schwester eingeladen wird und Finn fragt, ob er Lust habe, seine Tante zu besuchen, antwortet er kurzerhand mit «nö».

Nein als Symptom

Als Finn jünger war, kooperierte er gerne. Im Laufe der Zeit wurde Nein jedoch zu seiner Standardantwort, und die vielen kleinen Neins verbanden sich zu einem grossen, unüberhörbaren Nein zur Schule – einer sogenannten Schulphobie. Doch die wenigsten Schulphobien haben etwas mit der Schule zu tun. Finn weigert sich aus verschiedenen Gründen, zur Schule zu gehen. Die beiden wichtigsten sind im Folgenden näher beschrieben:

  1. Seiner Mutter ist die Schule sehr wichtig. Sie hilft ihm jeden Tag bei den Hausaufgaben, spricht mit ihm viel über die Schule und bringt immer wieder zum Ausdruck, wie wichtig sie es findet, dass er dort gut zurechtkommt. In dieser Hinsicht verhält sich Finn wie viele andere Kinder, die Symptome in den Bereichen entwickeln, die von den Eltern auch mit Sicherheit wahrgenommen werden.
  2. Wie alle Erstgeborenen von alleinerziehenden Eltern trägt Finn eine grosse Verantwortung. Kinder in dieser Situation fühlen sich sehr viel mehr für das Wohlbefinden ihrer Mutter oder ihres Vaters verantwortlich, als die meisten sich vorstellen können. Hinzu kommt, dass seine Mutter ihm unwissentlich Verantwortung für die Entscheidungen aufbürdet, die ihre Familie betreffen. Das Verhältnis zu ihrem Mann war von mangelnder Autonomie geprägt, und obwohl sie inzwischen älter und erfahrener ist, überlässt sie viele Entscheidungen immer noch dem «Mann im Haus».

Auf den ersten Blick mag dieser Zusammenhang nicht ins Auge fallen. Die Vorstellungen der Mutter hinsichtlich der Kindererziehung sind einer demokratischen, entgegenkommenden und flexiblen Einstellung zum Verwechseln ähnlich. Die meisten Menschen würden sie für diese Einstellung loben, doch mindert ihre Angst vor Konflikten – die mit der wachsenden Zahl der Konflikte immer grösser wird – die Qualität des Prozesses erheblich. Deshalb muss Finn eine viel grössere Verantwortung tragen, als gut für ihn ist. Seine «Schulphobie» bedeutet unter anderem: «Ich bin für meine Mutter verantwortlich. Das belastet mich so, dass ich nicht auch noch zur Schule gehen kann.»

Viele Eltern versuchen, ihre Kinder zu Eigenverantwortung zu erziehen, indem sie sie permanent kontrollieren. Diese Methode scheitert fast immer.

Doch warum sagt Finn so oft Nein? Er wünscht sich vor allem eine Mutter, die Verantwortung übernimmt. Die den Mut hat, Farbe zu bekennen. An der er sich reiben, dank der er sich entwickeln kann. Was keinesfalls bedeutet, dass er sich eine autoritäre Mutter wünscht, die für alles strenge Regeln erlässt und diese kompromisslos durchsetzt. Doch er möchte eine Mutter haben, die auf eine Weise für sich selbst und ihre Familie Verantwortung übernimmt, die es ihm ermöglicht, Kind zu sein. Natürlich befindet Finn sich in einem Dilemma. Denn Kinder in seinem Alter sind noch nicht in der Lage, die richtigen Worte für den Prozess in ihrer Familie zu finden.

Finn kann nicht zu seiner Mutter gehen und sagen: «Hör mal, Mama. Es ist ja schön, dass du meine Meinung hören willst, aber ich bin noch nicht alt genug, um Entscheidungen für unsere Familie zu treffen. Letztlich bist du es, die diese Verantwortung übernehmen muss. Falls dir das allein zu schwer ist, solltest du dir die Hilfe eines zweiten Erwachsenen suchen.»

Wie alle Kinder kann Finn nicht Nein zum Prozess, sondern nur zu dessen Inhalt sagen. Und wenn seine Mutter nicht in der Lage ist, dieses Nein zu hören und richtig zu deuten, muss er es immer öfter und immer lauter wiederholen – in der Hoffnung, dass sie irgendwann versteht, was er ihr damit sagen will. Finns Situation ist ernst, und leider entwickeln sich Kinder in seiner Lage allzu oft in eine destruktive Richtung, werden zu Hause und in der Schule zu kleinen Diktatoren oder wenden ihren Frust nach innen und werden selbstzerstörerisch.

Es geht nicht um Macht

Eltern wie Finns Mutter wird häufig dazu geraten, strengere Grenzen zu setzen. Doch so nachvollziehbar dieser Rat auch erscheinen mag, so ist er doch fast ausnahmslos zum Scheitern verurteilt, denn er richtet das Augenmerk auf den Machtkampf in der Familie. Der eigentliche Konflikt hat jedoch nicht mit Macht, sondern mit Verantwortung zu tun, was dazu führt, dass der Machtkampf verbissener denn je geführt wird. Es ist sicherlich eine gute Idee, dort Grenzen zu setzen, wo sie vorher gefehlt haben. Doch erst einmal müssen Eltern darin unterstützt werden, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Sonst kann es allzu leicht passieren, dass ihr Kind nun auch noch die Einhaltung der Grenzen über-wachen muss und der symptomschaffende Prozess in der Familie verstärkt wird.

In welcher Form Eltern Verantwortung übernehmen und welche Grenzen benötigt werden, ist von Familie zu Familie verschieden. Es hängt von den Normen und Werten der Erwachsenen ab. In jedem Fall ist es bereits eine grosse Erleichterung für Kinder, wenn ihre Eltern nicht länger behaupten, sie nicht steuern zu können, sondern sich Hilfe holen und sagen: «Wir wollen lernen, für unsere Familie auf konstruktive Weise verantwortlich zu sein.

Originaltitel «Når børn får ansvaret». Übersetzt von Knut Krüger, Juli 2021

Jesper Juul
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

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