Autorität: Wie streng erziehen wir?  - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Autorität: Wie streng erziehen wir? 

Lesedauer: 3 Minuten

Gleichberechtigung oder klare Grenzen? Wir haben Familien gefragt, wie sie das Thema Autorität in ihrer täglichen Erziehung sehen.

«Ich setze meinem Kind klare Grenzen!»

Nadine Berner, 30, Büroangestellte aus Stäfa ZH, wurde streng erzogen. Mit ihrem Sohn Lionel, 6, handhabt sie es mit der Autorität gleich.

Nadine Berner erzählt:

«In den ersten zwei Lebensjahren meines Sohnes war ich alleinerziehend. Ich habe früh klare Strukturen eingeführt – fixe Bettgeh- und Ruhezeiten etwa –, ganz einfach, weil ich es musste, um bei Kräften zu bleiben. Aber auch aus der Überzeugung heraus, dass Ordnung Kindern Sicherheit vermittelt.

Meine Eltern haben mich liebevoll, aber streng erzogen, und ich handhabe es mit meinem Sohn genauso. Es ist ein Miteinander, und damit dieses funktioniert, muss jeder seinen Beitrag leisten, sich an Regeln halten.

Für das Kind fängt es im Kleinen an, mit Ämtchen wie Tischdecken oder Wäscheaufhängen. Mir sind aber auch althergebrachte Werte wie Tischmanieren, Bitte- oder Dankesagen wichtig – warum soll es nicht zeitgemäss sein, einander mit Respekt zu begegnen? Vor allem aber handle ich aus Liebe, lege Wert auf solche Dinge, weil ich glaube, dass sie meinem Kind das Leben vereinfachen werden.

 «Es ist erstaunlich, wie viele Eltern sich nicht dazu aufraffen, ihren Kindern Grenzen aufzuzeigen.»

Nadine Berner, Mutter des 6-jährigen Lionel.

Mein heutiger Partner erzieht meinen Sohn mit. Wir haben in dieser Hinsicht dieselben Vorstellungen, ein Glück. Aber wir sind damit fast schon Exoten. Es ist erstaunlich, wie viele Eltern sich nicht dazu aufraffen, ihren Kindern Grenzen aufzuzeigen. Stattdessen drohen sie ihnen zigfach mit Konsequenzen, die dann nicht eintreffen. Davon halte ich nichts.
Nadine Berner ist stolz auf ihren Sohn Lionel.
Nadine Berner ist stolz auf ihren Sohn Lionel.
Wenn ich Lionel mit etwas beauftrage, Zimmer aufräumen zum Beispiel, gebe ich ihm zur Orientierung einen Zeithorizont vor: Er hört dazu eine Geschichte; bis die fertig ist, sollte es erledigt sein. Danach essen wir meist.

Kommt es zu Verzögerungen, weil er sich querstellt, fangen wir ohne ihn an. Dann gibts eben kalte Küche. Mein Sohn ist ein starker Charakter, es ist nicht so, dass ich es nie mit Widerstand zu tun hätte. Meist gelingt es mir, ihm zu vermitteln, dass, wenn er etwas von mir möchte, ich auch etwas von ihm verlangen darf: Räumst du dein Zimmer auf, haben wir wieder Platz, sei es zum Kuscheln oder für ein gemeinsames Spiel.

Ein Geben und Nehmen ist auch unsere Freizeitgestaltung als Familie. Für meinen Sohn ist der Zoo das Highlight, für uns ein Essen auswärts. Beides muss möglich sein. Natürlich muss sich Lionel nicht mit stundenlangen Tischgelagen herumplagen. Aber es ist mir wichtig, ihn für ein einfaches Nachtessen ins Restaurant mitnehmen zu können, ohne dass er dort herumturnt oder für Dauerbeschallung sorgt. Und es erfüllt mich mit Freude und Stolz zu sehen, wie gut er das macht.»

«In unserer Familie sind alle gleichberechtigt»

Tanja Suppiger, 40, Hochsensiblen-Beraterin aus Ermensee LU, will ihre Kinder Nael, 6, Nova, 5, und Enie, 3, begleiten statt formen.

Tanja Suppiger erzählt:

«Im Zusammenleben mit unseren drei Kindern ist mir das Wichtigste, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Für meinen Mann und mich bedeutet das, sie nicht als unvollständige Erwachsene zu sehen, die es zu formen gilt, sondern als gleichwertige Menschen. Es tut mir weh, wenn Erwachsene über Kinder hinweggehen, ohne sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Lange wollte ich keine Kinder haben – aus Angst, genau in dieses Muster zu fallen.

So kenne ich es von Haus aus: Wenn ich als Kind Widerworte gab oder wütend war, schickte man mich aufs Zimmer, damit ich mich beruhigte. Klar gibt es Momente, in denen mir danach wäre, so zu verfahren, sich die altbekannte Stimme im Kopf meldet: Jetzt musst du durchgreifen!

Diese Prägung sitzt tief. Stattdessen versuche ich dann, kurz in mich zu gehen, mich zu fragen, warum die Wut des Kindes mich jetzt so herausfordert, auf mich übergeht. Meist passiert das, wenn ich mir selbst zu viel vorgenommen habe. Ich probiere dann, nachsichtiger mit mir zu sein.

Dem Kind gegenüber versuche ich, Gefühle zu benennen und sie nicht abzuwerten: Du fühlst nun Wut, und manchmal ist die so stark, dass es einem den Bauch zusammenzieht. Wut darf sein, und sie geht wieder vorbei. Wie sollen Kinder lernen, ihre Gefühle zu regulieren, wenn wir sie damit allein lassen oder sogar dafür bestrafen?

Die Kinder von Tanja Suppiger sollen sich frei und ohne psychische Gewalt entfalten können.
Die Kinder von Tanja Suppiger sollen sich frei und ohne psychische Gewalt entfalten können.
Die Hirnforschung belegt, dass Bestrafung, also psychische Gewalt, die gleichen Hirnareale aktiviert wie körperliche Gewalt. Als Kind und Jugendliche habe ich diesen Schmerz am eigenen Leib erfahren. Ich hatte es mit Erwachsenen zu tun, die mich nicht sehen und verstehen wollten, die mir kein Gehör schenkten, sondern nur Ansagen machten. Die Ohnmacht, die das in mir auslöste, hat mir als junge Frau einiges an Aufarbeitung beschert. Das will ich meinen Kindern ersparen.

«Ich habe mit klassischer Autorität nichts am Hut.»

Tanja Suppiger, Mama von Nael, 6, Nova, 5, und Enie, 3.

In unserer Familie sind alle gleichberechtigt, jeder hat ein Mitspracherecht. Dass ich mit klassischer Autorität nichts am Hut habe, bedeutet nicht, dass ich nicht auch mal Anweisungen gebe. Aber ich bin flexibel, was deren Umsetzung betrifft. 

Wenn unser sechsjähriger Sohn seine Wäsche selbständig einräumen soll und sagt, ich müsse ihm helfen, vermute ich dahinter nicht gleich die Weigerung, es selbst zu tun, sondern sehe es als das, was es ist: die schlichte Bitte um etwas Hilfe. Wer hat die zwischendurch nicht nötig?»


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