«Ein Kind sollte Konflikte selbst lösen dürfen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Ein Kind sollte Konflikte selbst lösen dürfen»

Lesedauer: 5 Minuten

Der Psychologe Fabian Grolimund sagt, die Grundsteine für ein soziales Verhalten würden schon früh gelegt. Daher gelte es besonders für Eltern, ein solches vorzuleben.

Interview: Yvonne Kiefer-Glomme
Bild: Pixabay

Herr Grolimund, wir Eltern wünschen uns, dass sich unsere Kinder zu sozialkompetenten Menschen ­entwickeln. Wie wichtig ist dabei ­unsere ­Vorbild­funktion? 

Kinder machen das, was wir tun. Die Eltern sind daher in vielen Dingen Modell: Kinder beobachten genau, wie sich diese gegenüber ihnen oder dem Partner verhalten oder wie sie mit Konflikten in der Familie umgehen. Dies ist für Kinder prägender als alle Regeln, die zu Hause gesetzt werden.

Kinder können sich nicht beruhigen, wenn man als Elternteil laut, schnell und gestresst auf sie einredet.

Das heisst, als Eltern können wir uns bewusst machen, was uns wichtig ist, und diese Punkte − wie etwa Empathie oder den respektvollen Umgang mit anderen – vorleben. Das muss nicht perfekt sein, aber Eltern sollten sich bewusst machen, was sie vorleben und wie sie sich im Alltag in der Interaktion mit ihrem Kind verhalten. 

 Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen») und schreibt regelmässig für Fritz+Fränzi. Er ist Vater zweier Kinder. 
Fabian Grolimund ist Psychologe und leitet zusammen mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist Buchautor («Jaron auf den Spuren des Glücks», «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Lotte, träumst du schon wieder?») und Vater einer Tochter, 7, und eines Sohnes, 9. Fabian Grolimund lebt mit seiner Familie in Freiburg.

Zur Vorbildfunktion gehört auch der richtige Umgang mit dem Kind in schwierigen Situationen wie etwa bei Wutausbrüchen. Was empfehlen Sie Müttern und Vätern? 

Gerade bei Wutausbrüchen des Kindes sieht man oft, wie Eltern etwas anderes vorleben als das, was sie zum Kind sagen. Etwa wenn sie es mit den Worten anschreien: «Jetzt komm mal runter!» Kinder können sich nicht beruhigen, wenn man als Elternteil laut, schnell und gestresst auf sie einredet – sie nehmen diese Stimmung in sich auf.

Zwei Sätze, die helfen: Du bist ge­rade richtig wütend. Was hat dich so geärgert?

Gerade bei Wut können wir die Gelegenheit beim Schopf packen und dem Kind dabei helfen, das Gefühl zu benennen und einzuordnen: «Du bist ge­rade richtig wütend.» Um dann gemeinsam hinter die Wut zu blicken: «Was hat dich so geärgert?»

Dabei kann ich als Eltern meine Grenzen aufzeigen und gleichzeitig interessiert bleiben: «Hör auf, mich zu beschimpfen – und jetzt möchte ich gerne wissen, was dich so ärgert.»

Für mich gehört zur Vorbildfunktion in diesem Bereich, dass man das Gefühl der Wut zulassen kann und einen konstruktiven Umgang damit findet. ­Viele von uns haben damit aber Schwierigkeiten, weil wir selbst unseren Ärger nicht zulassen können oder von unserer Wut überschwemmt werden und dann destruktiv handeln. 

Was können Eltern tun, wenn sich ihr Kind in seinem Sozialverhalten ­auffällig zeigt?

Zunächst sollten wir uns anschauen, wie die Situation zum Verhalten des Kindes beiträgt. Vielleicht wird es gemobbt? Oder es erlebt in der Schule einen Misserfolg nach dem anderen, ist überfordert und steht dauernd unter Druck?

Dann braucht es eine gute Zusammen­arbeit mit der Schule und viel Verständnis für das Kind, um die Schwierigkeiten anzugehen. Dabei können wir auch an den Kompetenzen des Kindes arbeiten. Wir können eine schwie­rige Situation nachbesprechen und uns gemeinsam mit dem Kind überlegen, wie es bei einer ähnlichen Situation in Zukunft reagieren möchte.

Wie sollten Eltern dabei am besten vorgehen? 

Wird einem als Elternteil von der Schule zurückgemeldet, dass das Kind kein gutes Sozialverhalten zeigt, Regeln übertritt oder gemein zu anderen Kindern ist, wirkt das rasch bedrohlich. Man schämt sich vielleicht und reagiert entsprechend impulsiv oder aggressiv, indem man vom Kind verlangt, dass es sich sofort besser benimmt, oder schimpft lediglich mit ihm.

Hilfreich wäre jedoch, diese erste Reaktion herunterzuschlucken und kurz nachzudenken, bevor man mit dem Kind spricht. Ein Beispiel: In der ersten Klasse rief mich die Lehrerin meines Sohnes an und meinte, dass er und sein bester Freund gemein zu drei anderen Kindern gewesen ­seien.

Was kann mein Kind aus diesem Problem lernen? Und was braucht es dazu von uns Eltern?

Natürlich war ich im ersten Moment wütend. Es war mir auch unangenehm. In solchen Situationen ist es hilfreich, wenn man sich fragt: Was kann mein Kind aus diesem Problem lernen? Und was braucht es dazu von uns Eltern? Wenn ich möchte, dass mein Kind Empathie entwickelt, muss ich das vorleben. 

Was haben Sie Ihrem Sohn gesagt, als er nach Hause kam?

Dass seine Lehrerin mich angerufen hätte. Er wurde sofort rot – es war ihm peinlich und er wollte sich in Ausflüchte retten. Ich bin dann mit ihm spazieren gegangen und habe ihm erzählt, dass meine Freunde und ich damals in seinem Alter einen Klassenkameraden gemobbt haben.

Wir haben darüber geredet, dass ich deswegen heute noch Schuldgefühle habe. Er hörte gespannt zu und fand es sehr schade, dass ich mich damals so benommen habe, und war dann bereit, darüber zu sprechen, warum man sich manchmal dazu verleiten lässt, gemein zu anderen zu sein – und was das für Folgen haben kann.

Mit grossem Ernst haben er und sein Freund Entschuldigungsbriefe geschrieben und sich in den nächsten Wochen einiges überlegt, um die Beziehungen zu reparieren.  

Mit welchen Rückmeldungen können Eltern ihr Kind dabei unterstützen, sich sozialkompetent zu verhalten?

Wir können unsere Kinder immer wieder auf die Folgen ihres Verhaltens hinweisen und etwas sagen wie: «Hast du gemerkt, wie sehr sich ­deine kleine Schwester gefreut hat, als du sie gefragt hast, ob sie mitspielen will?»

Dabei lernen Kinder im Allgemeinen schneller, wenn man sie auf erfreuliche Beispiele hinweist, anstatt sie dauernd bei «Fehlern» zu kritisieren. Darüber hinaus sollten Eltern ihren Kindern ermöglichen, viel Zeit mit anderen Kindern zu verbringen. Denn Sozialverhalten für Gruppen lässt sich nur in solchen üben.

Ein Kind benötigt Raum, um Verhaltensweisen auszuprobieren und deren Wirkung zu testen.

Währenddessen sollten sich die Eltern zurücknehmen und nur eingreifen, wenn sich der Nachwuchs überfordert fühlt. Ein Kind sollte alleine Erfahrungen sammeln dürfen, wie es etwa Konflikte konstruktiv lösen kann.

Es benötigt Raum, um Verhaltensweisen auszuprobieren und deren Wirkung zu testen. So kann ein Kind lernen, wie eine Gruppe funktioniert und wann es sich anpassen oder durchsetzen sollte. Um dies aktiv zu üben, benötigt das Kind ausreichend unstrukturierte, unverplante Zeit. 

Wie entwickeln Kinder Verantwortungs­gefühl? 

Wenn Eltern ihre Kinder in Tätigkeiten wie Kochen, Gartenarbeit oder Reparaturen einbeziehen, entwickeln diese ein Gefühl dafür, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Auch durch den Umgang mit einem Haustier oder durch eine ehrenamtliche Tätigkeit, etwa im Rahmen eines Kinderferienprogramms oder einer wohltätigen Organisation, können Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Kinder sollten von den Erwachsenen dazu angeleitet werden, sich in einer Gruppe so zu ver­halten, dass alle gewinnen können.

Wie Studien belegen, zeigen Kinder, die eine Stunde pro Woche gemeinnützige Arbeit leisten, bereits weniger Risikoverhalten, mehr Verantwortungsgefühl und prosoziales Verhalten und entwickeln ein grös­seres Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. 

Worauf kommt es also an?

Die Kunst bleibt, Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, die sich dennoch flexibel auf ihr Umfeld einstellen und sich in dieses inte­grieren können. Kinder sollten von den Erwachsenen dazu angeleitet werden, sich in einer Gruppe so zu ver­halten, dass alle gewinnen können.

Yvonne Kiefer-Glomme
ist freie Journalistin, Mutter einer Tochter, 11, und lebt mit ihrer Familie im Aargau.

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