Eifersucht: Rivalen in der Familie - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Eifersucht: Rivalen in der Familie

Lesedauer: 16 Minuten

Warum streiten manche Geschwister erbittert und andere kaum? Wie behandeln Eltern ihre Kinder gleich, und sollten sie das überhaupt? Wann bringt uns Eifersucht weiter und wann wird sie zum Problem? Sechs namhafte Expertinnen und Experten beantworten die 23 wichtigsten Fragen zum Thema kindliche Eifersucht.

Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Mara Truog / 13 Photo

Das Wichtigste zum Thema:

Es gibt für Kinder und Teenager viele – vermeintlich – gute Gründe, um eifersüchtig zu sein. Ein Klassiker ist die Geburt eines Geschwisterchens. Aber auch bei anderen Anlässen kommt es zu Eifersüchteleien und Rivalitätskämpfen: Weil der jüngere Bruder so herzig ist, die grosse Schwester so viel kann. Weil der beste Freund besser aussieht oder der besten Freundin in der Schule alles zuzufliegen scheint, während man selbst für gute Noten fleissig sein muss. Eifersucht ist ein Minus-Gefühl. Man befürchtet, dass ein anderer etwas bekommt, was man selbst gerne hätte. Soweit, so normal. Aber woher kommt es, wenn sich Kinder übermässig mit anderen vergleichen und im schlechtesten Fall ihr eigenes Licht unter den Scheffel stellen? Psychologen und Pädagogen zufolge hat das immer auch etwas mit dem Elternhaus, den Ansprüchen und Rollenaufteilungen in der Familie zu tun. Das Gute ist: Als Eltern kann man ziemlich einfach lernen, wie man seine Kinder darin unterstützt, an sich selbst zu glauben – und anderen ihre Erfolge zu gönnen ohne sich selbst abzuwerten.

1. Was ist Eifersucht psychologisch gesehen? 

Eifersucht ist ein Minus-Gefühl. Es ist die Angst, dass man schlechter abschneidet und nicht mehr das bekommt, was man gerne hätte, liebt und zu brauchen meint. Man ist deshalb traurig oder wütend. Oftmals ist man dabei auch neidisch, zum Beispiel auf die Schönheit, die Leistung, das Ansehen oder die Position eines anderen. Oder man hätte gerne etwas, zum Beispiel ein Spielzeug oder ein ­Handy, das der andere hat. Es gibt zwischen Eifersucht und Neid also grosse Überschneidungen. Der Unterschied ist, dass ein eifersüchtiger Mensch Angst hat, etwas zu verlieren, aber ein neidischer Mensch das haben will, was andere besitzen.

Jürg Frick, Entwicklungspsychologe und Geschwisterforscher

2. Woher kommt der Begriff Eifersucht? 

Eifersucht kommt ursprünglich aus dem Althochdeutschen. «Eibar» bedeutete so viel wie «scharf, bitter» oder auch «schmerzhaft», «Suht» war eine allgemeine Bezeichnung für Krankheit. Der Begriff Eifersucht bedeutete ursprünglich also so viel wie «krankhafte Verbitterung». Ich finde es nicht hilfreich, den Begriff «Eifersucht» in der Beschreibung der Geschwisterbeziehung zu verwenden, weil darin diese krankhafte Komponente mitschwingt. Ich plädiere dafür, stattdessen von Rivalität zu sprechen. Rivalität kommt aus dem Lateinischen, das Wort wird abgeleitet von «rivus», der Bach. Die Menschen, die am Bach leben, sind sozusagen Rivalen. Sie müssen sich die Grund­stücke am Ufer teilen und dort miteinander auch auskommen. Wenn man das auf die Geschwisterbeziehung überträgt, ist es so, dass ein Kind als erstes Bewohner oder Bewohnerin des Ufers war. Dann kommt ein zweites Kind hinzu und aus den beiden werden Rivalen, und die müssen sich jetzt miteinander einigen. Zu so einer Einigung gehört oftmals ein Dissens. Geschwisterstreit ist also ganz zentral und mehr oder minder normal. 

Jan-Uwe Rogge, Buchautor und Familienberater

3. Hat Eifersucht, evolutionär betrachtet, einen Sinn? 

Alle Grundgefühle, die Menschen haben, lassen sich letztlich auch aus der Evolution erklären. Verlustangst ist ebenfalls ein ungeliebtes Gefühl, dient aber dazu, unsere Bindungen zu schützen. Die Verlustangst zeigt uns deren Wert. Wenn man eifersüchtig ist, dann sieht man beim anderen etwas, das man auch haben möchte. Man hat möglicherweise das Gefühl, man schneide schlechter ab oder es fehle einem etwas. Und das kann im günstigen Fall dann der Antrieb sein, sich anzustrengen und das auch zu erreichen. Man versucht, auch so gut zu werden, wie man das Gegenüber einschätzt. Und solange das mehr mit «Eifer» verbunden ist und eben nicht die «Sucht» überhandnimmt oder zu extrem ist, ist das durchaus auch ein Motor der menschlichen Entwicklung. 

Jürg Frick

Die 9-jährige Lilly Meyer hat oft Revierkämpfe mit ihren jüngeren Geschwistern.

4. Wann beginnt eine Rivalität zwischen Geschwistern?

Rivalität kann bereits am Tag nach der Geburt eines Geschwisterkindes auftreten. Es kann sein, dass das ältere Kind umgehend das Gefühl hat, dass es nun besser für sich selbst und seine Rechte sorgen muss. Viel häufiger tritt Rivalität aber erst auf, wenn das ältere Kind merkt, dass sein jüngeres Geschwisterkind kein vorübergehendes Ereignis ist, sondern tatsächlich bleibt. Dann kommen auch Fantasien auf, welche die älteren Kinder teilweise artikulieren: «Können wir das Kind nicht wieder abgeben?» 

Jan-Uwe Rogge

5. Wie zeigt sich Eifersucht? 

Die eine Form von Rivalität, die natürlich am häufigsten bemerkt wird, ist die aggressive Variante. Das ältere Kind attackiert das jüngere Kind und bekommt dadurch dann Aufmerksamkeit von Mutter, Vater, Oma, Opa oder wem auch immer. Das ist nicht krankhaft, sondern ein Mittel, um verloren geglaubte Zustände wiederherzustellen. Die zweite Form der Rivalität ist die umgekehrte, die regressive Form. Das heisst, wenn das ältere Kind merkt, dass sein jüngeres Geschwisterkind noch gestillt wird, gefüttert und getragen wird, dann kann es passieren, dass dieses ältere Kind in der Entwicklung einen Rückschritt macht. Es will beispielsweise nicht mehr alleine schlafen oder wieder gefüttert werden. Es wird wieder klein, um dadurch Aufmerksamkeit zu bekommen. Die dritte Form wird sehr, sehr häufig übersehen, weil man dahinter keine Rivalität vermutet. Dabei geht es um die älteren Geschwisterkinder, die mit einem Mal ganz vernünftig daherkommen. Das ältere Geschwisterkind geht ausgesprochen behutsam mit dem jüngeren Geschwisterkind um, übernimmt praktisch fast eine Mutter-, manchmal auch eine Vaterrolle. Auch durch diese Aktivitäten bekommt ein ältestes Geschwisterkind natürlich Aufmerksamkeit. Eltern sollten diese Aktivitäten, egal ob aggressiv, regressiv oder helfend, nicht einfach nur wahrnehmen, sondern die Botschaft hinter den Handlungen erkennen.

Jan-Uwe Rogge

Eltern können Streit nicht verhindern. Aber sie können Kindern beibringen, wie man mit Konflikten gut umgeht.

6. Manche Familien wirken harmonisch, in anderen wird oft gestritten. Gibt es ­Konstellationen, in denen Kinder stärker rivalisieren und sich mehr streiten? 

Es gibt kleinere statistische Anhaltspunkte: Wenn Geschwister weniger als drei Jahre auseinander sind, streiten sie statistisch häufiger, lautet einer. Aber schlussendlich liegt es nicht so sehr daran, wie alt die Kinder sind oder welches Geschlecht sie haben, sondern mehr an ihrem Temperament, an der Situation in der Familie und wie ihre Mitglieder damit umgehen. Zum Beispiel streiten zwei Kinder mit eher ruhigen, ausgleichenden Temperamenten natürlich weniger miteinander als zwei wildere Kinder. Die gute Nachricht ist: Sie können als Elternteil immer darauf einwirken. Sie können Streit nicht verhindern, aber Sie können Ihren Kindern beibringen, wie man mit Konflikten gut umgeht. Dann streiten sie vielleicht zunächst nicht seltener, aber auf Dauer weniger heftig, kürzer und schliesslich dann doch auch seltener. 

Nicola Schmidt, Wissenschaftsjournalistin und Bestsellerautorin

7. Sind Kinder mit einem ruhigen Temperament weniger eifersüchtig? 

Wenn ein Kind offen mit seinen Gefühlen umgeht, sehr impulsiv ist, dann zeigt sich auch Eifersucht in der Regel deutlich. Das heisst aber nicht, dass stillere Kinder weniger eifersüchtig sind. Ein Kind kann sich zum Beispiel einfach aus Eifersucht zurückziehen oder resignieren und sagen: «Ich will das sowieso nicht, ich kann das nicht.» Das Temperament kann also eine Rolle beim Ausdruck von Eifersucht spielen. Es ist auch wichtig, wie das Temperament die Rolle eines Kindes in der Familie prägt. Ist das ältere Kind eher extrovertiert oder in­­trovertiert? Wie reagieren die Eltern zum Beispiel auf explosives oder aggressives Verhalten? 

Jürg Frick

Papazeit: Patric Thomann und sein jüngerer Sohn Robin, 4.

8. Wo verläuft die Grenze ­zwischen normaler Rivalität und ausgeprägter Eifersucht?

Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass Konkurrenz und Rivalitätskämpfe an sich ganz normal sind. Die geschwisterlichen Positionskämpfe sind wichtig für das soziale Lernen. Die Grenze zwischen Normalität und übertriebener Eifersucht verläuft dabei fliessend. Wenn es zu Machtkämpfen kommt, bei denen es nicht nur um einen kurzen Schlagabtausch geht, sondern wenn ein Kind systematisch versucht, dem anderen zu schaden, dann ist das ein Indiz dafür, dass das eifersüchtige Kind verunsichert und bedürftig ist. Bei so einem Geschwisterstreit sollten Eltern das eigene Verhalten und Interaktionsmuster hinterfragen.

Ursula Davatz, Ärztin, Psychotherapeutin und Systemtherapeutin

9. Sind besonders die jüngeren oder die älteren Geschwister eifersüchtig?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Zu Eifersucht neigen Kinder, die gerade das Gefühl haben, dass sie nicht bekommen, was sie brauchen. Das kann das grösste Kind sein, weil da zwei kleinere sind, aber es kann auch das mittlere sein, das zwischen dem «tollen» Grossen und dem bedürftigen Kleinsten hängt. Die Jüngeren sind eifersüchtig, weil die Grossen mehr dürfen, mehr bekommen und alles schon können, die Älteren sind oft eifersüchtig, weil die Kleinsten noch mehr geschont werden. Mein Sohn war mal total sauer, weil er sagte, seine Schwester würde alles früher bekommen als er im gleichen Alter. Und er hatte Recht! Sie durfte früher Süssigkeiten essen – er mit zwei Jahren, sie viel früher, weil ich es dem Grossen nicht vorenthalten konnte und sie das nicht verstand. Sie durfte früher andere Filme schauen – weil er sie halt sehen wollte, und wohin sollte ich mit der kleinen Schwester? Das fand er gemein. Dann haben wir gemeinsam mit der kleinen Schwester etwas ausgesucht, das nur er darf und sie erst, wenn sie «alt genug» ist, und seitdem sind beide wieder zufrieden.

Nicola Schmidt

Wenn man möchte, dass Kinder sich ablehnen und miteinander konkurrieren, wirken Vergleiche immer.

10. Wie viel Konkurrenz sollen Eltern zulassen?

Generell sind Konkurrenzvergleiche dann eher unbedenklich, wenn Kinder in etwa gleich stark sind. Wenn aber ein Kind in vielen Belangen sehr begabt oder früh entwickelt ist und ein anderes nicht, kann das Vergleichen zu negativen Unterlegenheitsgefühlen führen. Es kann dann passieren, dass die Eifersucht zum alles dominierenden Gefühl wird. Dann behindert sie das betroffene Kind und auch die Geschwister in ihrer Entwicklung und man spricht von pathologischer Eifersucht. Es ist sinnvoll, wenn Eltern auch leichtes Konkurrenzdenken aufgreifen und mit älteren Kindern thematisieren: Der Fokus sollte darauf liegen, sich gemeinsam an den jeweils positiven Charaktereigenschaften und den Stärken zu erfreuen, also etwa ein nachdenkliches Kind in seinen Überlegungen zu unterstützen oder einem extrovertierten Kind Raum für seine Offenheit zu bieten.  

Joëlle Gut-Lützelschwab, Fachpsychologin für Psychotherapie, Paar- und Familientherapeutin

11. Gibt es Verhaltensweisen, die Eifersucht fördern können?

Wenn man möchte, dass Kinder sich ablehnen und miteinander konkurrieren, wirken Vergleiche immer: «Dein grosser Bruder kann schon so toll das Zimmer aufräumen. Du bist eine kleine Chaotin.» Es fördert ebenfalls Eifersucht, wenn man Kinder in bestimmte Rollen drückt, ein Kind etwa «die liebe Kleine» und das andere «der wilde Rabauke» ist. Auch positive Vergleiche oder Bewertungen fördern Rivalität. Etwas zu sagen wie «Wow, du kannst so gut aufräumen, deine Schwester kann das nicht» ist für beide schwierig, weil es die Kinder spaltet. Vergleiche und Rollenzuweisungen schaffen generell ein unglaubliches Potenzial an Rivalität und Streitigkeiten unter den Kindern. 

Nina Trepp, Familienberaterin

Bei aller Bruderliebe geht es auch bei Milo und Kian nicht ohne Zwist.

12. Können Eltern die Eifersucht zwischen Kindern auch unbewusst fördern? 

Rivalität und Eifersucht tauchen ganz generell in allen menschlichen Beziehungen auf: in Geschwisterbeziehungen, in Partnerschaften oder Freundschaften. Auch wenn die Eltern sich sehr um einen liebevollen Umgang bemühen, kommt Rivalität zwischen Geschwistern vor. Wir wissen ausserdem aus vielen Untersuchungen, dass Eltern zwar mit dem Vorsatz antreten, ihre Kinder gleich lieb zu haben oder gleich zu behandeln, aber das sehr vielen Eltern nicht gelingt. Es passiert ziemlich häufig, dass Eltern nicht bewusst ist, wann und wie sie ihre Kinder ein Stück weit ungleich behandeln. Die Gründe dafür sind unterschiedlich:  Es kann sein, dass ein Kind ein Verhalten zeigt, das einen selber stört. Manchmal sind Eltern auch unbewusst frustriert, weil ein Kind gewisse Verhaltensweisen nicht zeigt, die man ziemlich wichtig findet. Wenn Eltern etwa frustriert sind, weil ein Kind eher ängstlich beim Sport agiert und das Geschwisterkind supersportlich ist, dann fühlt das unsportlichere Kind – auch unausgesprochen – diese Enttäuschung. 

Jürg Frick

13. Gibt es keine Rivalität ­zwischen Geschwistern, wenn Eltern ihre Kinder gleich behandeln?  

Es wäre keine gute Lösung, wenn Eltern ihre Kinder immer exakt gleich behandeln, denn Kinder brauchen nicht in jeder Situation das­selbe. Kinder brauchen das Gefühl, dass sie in der Situation, in der sie gerade sind, ein angemessenes Echo bekommen. Sie sollten das Gefühl haben, sie werden insgesamt fair behandelt. Fair heisst nicht gleich. 

Jürg Frick

14. Was sagt es über die familiäre Struktur aus, wenn ein Kind besonders eifersüchtig ist? 

Es sagt etwas darüber aus, wie sich das Kind in diesem Familiensystem fühlt, dass es sich vielleicht unter­legen oder vernachlässigt fühlt. Das heisst aber nicht automatisch, dass das tatsächlich so ist oder die Eltern das so gesteuert haben. Viele Eifersuchtsreaktionen sind auch Missverständnisse: Jüngere Kinder verstehen nicht, warum sie etwa nicht länger aufbleiben dürfen. Die daraus resultierende Eifersucht hängt dann nicht vom elterlichen Verhalten ab. 

Jürg Frick

Kinder brauchen das ­Gefühl, dass sie insgesamt fair behandelt werden. Fair heisst nicht gleich.

15. Gibt es typische ­Rivalitätsphasen? 

Mit jeder Entwicklungsphase, die ein Kind durchläuft, kann immer nochmals eine andere Ausprägung von Rivalität auftauchen. Wenn das jüngere Kind beispielsweise lernt zu gehen und sich für die Sachen des älteren Kindes interessiert, kann das beim älteren Kind auslösen, seinen Bereich stärker schützen und verteidigen zu müssen. Wenn das ältere Geschwisterkind in den Kindergarten kommt und das jüngere zu ­Hause bleibt, können auch Fantasien beim älteren Kind auftauchen: «Die schicken mich nur weg, damit sie zu Hause für sich alleine bleiben können.» Eine weitere Phase beginnt, wenn das ältere Geschwisterkind in die Schule kommt und das jüngere im Kindergarten bleibt: Dann kommen sehr häufig Gefühle von Dominanz und «Ich kann ganz viel mehr» beim älteren Geschwisterkind auf. Da zettelt das ältere Kind die Rivalität in einer Art Selbstaufwertung an. Das hat damit zu tun, dass es für seinen eigenen Entwicklungsschritt in eine grössere Unabhängigkeit einige Ängste bewältigen muss. 

Jan-Uwe Rogge

Die Zwillinge Eva und Rita Fleer, 30, rivalisierten in ihrer Jugend heftig. 

16. Kann eine Rivalität unter Geschwistern auch erst in der Pubertät losgehen? 

Die Rivalität besteht schon vorher, aber sie zeigt sich nicht in jeder ­Phase gleich deutlich. Sie kann mit den Veränderungen und Verunsicherungen in der Pubertät auch eine andere Dimension bekommen. Manchmal entwickelt das pubertierende Kind gegenüber dem jüngeren Geschwisterkind Gefühle wie «Die hat ja überhaupt keine Ahnung» oder «Der blickt ja überhaupt nicht durch». Da kann so eine Haltung von Geringschätzung und fehlender Wertschätzung entstehen. Das kann arrogant wirken und das Umfeld ziemlich nerven. Es sollte aber nicht darum gehen, die Rivalität dann einfach zu verhindern. Diese Rivalität sollte in eine produktive Sichtweise, in eine konstruktive Handlungs­weise überführt werden. Kinder lernen voneinander und übereinander. Wenn das ältere Geschwisterkind darin ermutigt wird, seinen Erfahrungsschatz ab und an mit dem jüngeren zu teilen und so eine Art Lehrer, Lehrerin, Begleiter, Begleiterin für das jüngere Kind zu sein, dann erfahren beide die Wertschätzung und Bestätigung, die sie brauchen. 

Jan-Uwe Rogge

17. Wie geht man mit einem eifersüchtigen 4-Jährigen, wie mit einem eifersüchtigen 14-Jährigen um? 

Ich muss als Elternteil der Entwicklungsstufe und der Ausprägung einer kindlichen, autonomen Persönlichkeit gerecht werden. Wichtig in jeder Altersstufe ist, bei Kindern die Bedürfnisse zu eruieren, die hinter der Eifersuchtsthematik stecken.  Es ist bei einem 4-Jährigen nicht sinnvoll, zu sagen: «Du bist doch schon gross, du kannst doch mal nachgeben». Ich presse das Kind dann in eine Rolle hinein, die es noch nicht ausfüllen kann. Ein 4-jähriges Kind könnte als Gegenstrategie zu Eifersuchtsattacken zum Beispiel vermehrt Ausflüge mit einem Elternteil machen und ab und zu eine Einzelbetreuung bekommen. Das Kind fühlt sich dann erneut geliebt, anerkannt und beachtet. Bei einem 14-Jährigen könnten ebenfalls die Sorgen angehört und herausgefunden werden, was die Auslöser und Bedürfnisse sind. Werden vielleicht zu viele Vergleiche von anderen Kindern, durch die Eltern oder andere Bezugspersonen hergestellt? Dann könnte dadurch ein geringes Selbstwertgefühl entstehen. Als Eltern oder Bezugspersonen sollte man immer die Stärken der jeweiligen Kinder betonen. Den Älteren sollte man bewusst Freiheiten gewähren und diese fördern. Kann ein Teenager Verantwortung übernehmen und zum Beispiel allein später nach Hause kommen, fördert dieser Vertrauensvorschuss ein positives Selbstwertgefühl. 

Joëlle Gut-Lützelschwab

Eltern sind oft gewillt, sofort einzugreifen. Kinder ­brauchen aber Gelegenheit, zu lernen, ihre Konflikte selbst zu verhandeln.

18. Was tue ich, wenn mein Kind aus Eifersucht aggressiv agiert? 

Ganz generell ist es sinnvoll, dass Geschwisterrivalität nicht immer unter elterlicher Aufsicht stattfindet. Wenn Eltern vom Nebenraum einen Streit hören, sind sie oft gewillt, sofort einzugreifen. Gerade ältere Kinder brauchen aber die Gelegenheit, zu lernen, ihre Konflikte selbst zu verhandeln. Das Alter ist da entscheidend: Kleinkinder zwischen ein und zweieinhalb Jahren können Konflikte noch nicht alleine lösen und brauchen ganz viel Begleitung. Bei älteren Kindern hilft es, wenn man vorab gemeinsam mit ihnen bestimmte Streitregeln ausgehandelt hat. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich eingreifen muss: Wenn eine Situation gefährlich wird, jemand tatsächlich verletzt werden könnte und ein Kind beispielweise eine Schere in der erhobenen Hand hält, muss ich sofort handeln. Dabei kommt es allerdings sehr auf das Wie an. Es bringt nichts, den Aggressor vor den Augen des Opfers zu verurteilen und zu einer oberflächlichen Entschuldigung zu zwingen. Dann kommt es zu Wut- und Rachegefühlen. In einer brenzligen Situation trennt man die Kinder mit einer Begründung wie «Stopp mal. Schau, dein Geschwister weint. Ich nehme euch jetzt kurz auseinander». Danach führt man mit seinem Kind in Ruhe ein Gespräch unter vier Augen. Das Kind sollte auch in diesem Gespräch spüren, dass es unterstützt wird. Man kann Dinge sagen wie «Das war gerade schwierig für dich. Wie könntest du das beim nächsten Mal anders lösen, wenn du etwas haben willst?». Es ist wichtig, seinen Kindern Handlungsalternativen anzubieten, statt sie einfach zu verurteilen. 

Nina Trepp

Der Jüngste ist öfter im Fokus: Selina Meyer mit Diego, 2, und Lilly, 9. 

19. Wächst sich Rivalität unter Kindern eventuell auch ­einfach aus?

Sobald ein Kind bemerkt, dass es ein eigenes Individuum mit seinen eigenen Stärken ist und darin eine gewisse Bestätigung bekommt, verringern sich Rivalitätsgefühle. Der Fokus liegt dann oftmals auch weniger auf der Stellung innerhalb der Familie, sondern ausserhalb, also in der Peergroup, in der Schule oder im Verein zum Beispiel. In der Pubertät richtet sich das Augenmerk ohnehin eher auf andere, so dass nicht nur die eigene Familie als Vergleichsstandard hinzugezogen wird, sondern die Erkundung eines weiteren Umfeldes. Die Rückmeldungen der Peers, also der Gleichaltrigen, und deren Anerkennung werden wichtiger als die innerfamiliären Rückmeldungen, wodurch sich die Definition des Selbstbildes erweitern und verändern kann. Ebenfalls kann das Antreten einer Lehrstelle das Selbstbild und den Selbstwert positiv ­prägen.

Joëlle Gut-Lützelschwab 

20. Gibt es auch Geschwister, die sich ein Leben lang ohne Rivalitätskämpfe blendend vertragen?

Natürlich gibt es Geschwisterbeziehungen, die sehr harmonisch verlaufen. Aber auch in solchen Beziehungen gibt es Eifersucht und Missverständnisse. Das mag vielleicht nicht so auffallen, weil sie nicht laut ausgetragen werden und letztendlich keine zentrale Rolle spielen. Aber in kaum einer Geschwisterbeziehung versteht man sich ein Leben lang immer nur ­blendend. Das ist kein Manko: Es hilft bei der Erkenntnis, dass Beziehungen trotz Schwierigkeiten gelingen können. Wenn Eltern dabei unterstützend wirken, lernen ihre Kinder, mit Beziehungskonflikten umzugehen.

Jürg Frick

Bei Eifersucht werden Liam, 6, und Robin Thomann, 4, oft handgreiflich.

21. Sind Einzelkinder weniger von Eifersucht betroffen?

Rivalitätsgefühle können sie trotzdem haben, dafür braucht man ­keine Geschwister. Es reicht, wenn die Eltern oder andere aus dem Umfeld sie vergleichen und ihnen bestimmte Rollen zuweisen. Da ­reichen Sätze wie «Schau mal, dieses tolle Mädchen übt jeden Tag eine halbe Stunde Cello. Und du übst nie. Würdest du mal so wie das andere Mädchen Cello spielen, dann könntest du das schon viel besser». Wenn Einzelkinder sehr gleichwertig denkende, bewusste Eltern haben, dann haben sie zu Hause einfach Ruhe vor der Konkurrenzgesellschaft. Aber diese Beruhigung kann es auch geben, wenn man zwei, drei oder vier Geschwisterkinder hat. 

Nina Trepp 

22. Sind eifersüchtige Kinder später eifersüchtige und ­vielleicht sogar missgünstige Erwachsene? 

Eifersucht innerhalb der Geschwisterreihenfolge muss nicht zwingend zu Beziehungsängsten im Erwachsenenalter führen. Beidem liegt jedoch ein geringer Selbstwert zugrunde. Das heisst, wenn ich im Erwachsenenalter ­meine Schwächen kenne, aber ­meine Stärken überwiegen sehe und dadurch einen gesunden Selbstwert besitze, habe ich keine übertriebene und damit krankhafte Angst, dass mich ein Kollege verdrängen ­könnte, eine Freundin mich weniger mag oder ich durch einen angeblich besseren, anderen, neuen Partner ersetzt werden könnte. Ich bin dann nicht grundlos eifersüchtig auf die vermeintlichen Rivalen. Ich schätze die Beziehung, wie sie ist, und weiss aber auch, dass es sonst noch an­dere Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde oder auch Jobs gäbe, die zu mir passen würden und die mich schätzen würden. 

Joëlle Gut-Lützelschwab

Wenn ich als Erwachsener einen gesunden Selbstwert habe, bin ich nicht grundlos eifersüchtig.

23. Was kann man tun, wenn man als Erwachsener die Rivalität zu seinen Geschwistern endlich ­überwinden möchte?

Wenn man diese geschwisterliche Rivalität von der Kindheit ins Erwachsenenalter mitschleppt, ist das immer ein Indiz dafür, dass man selbst seinen Platz noch nicht gefunden hat. Es mag schon sein, dass man weiterhin das Gefühl hat, dass die Eltern mit dem Weg des Bruders oder der Schwester zufriedener sind. Aber eigentlich legt man dieses Schielen auf die Erfolge der Geschwister ab, wenn man sich für einen Job und einen Lebensstil entschieden hat und damit zufrieden ist. Ist das nicht der Fall, sollte man sein Augenmerk auf sich selbst und das eigene Selbstwertgefühl richten. 

Ursula Davatz

Die Experten und Expertinnen

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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