«Es ist normal, wenn Kinder miteinander konkurrieren» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Es ist normal, wenn Kinder miteinander konkurrieren»

Lesedauer: 4 Minuten

Die Sozialpädagogin und Supervisorin Katalin Nef sagt, Eifersucht zwischen Freundinnen oder Freunden komme häufig vor. Reagieren sollte man, wenn ein Kind in die Opferrolle rutscht oder unterdrückt wird.

Interview: Julia Meyer-Hermann
Bild: Mara Truog / 13 Photo

Frau Nef, eine Freundschaft ist doch eine selbst gewählte Verbindung. Trotzdem rutschen wir in Freundschaften manchmal in eine Rivalität. Besonders oft passiert das Teenagern. Warum?

Als Erwachsene meinen wir, eine Rivalität zwischen Teenagern sollte am besten nicht vorkommen. Aber die Realität ist eine ganz ­andere. Das ist ein Alter, in dem Freundschaften nicht unbedingt von sehr langer Dauer sind. In dieser Phase der Identitätsfindung braucht es wenig, um eine Freundschaft ins Wanken zu bringen. Da kann Eifersucht reinspielen, es werden erste sexuelle Erfahrungen gemacht, die Interessen können sich plötzlich  ändern. 

Eine Teenager-Freundschaft ist also ein relativ fragiles Gebilde. 

Genau. Es gibt unzählige Dinge, die diese Verbindung gefährden. Man vergleicht sich in dieser Zeit ständig: Vielleicht hat die Freundin oder der Freund etwas, wonach man sich selber sehnt – bessere schulische Leistungen etwa, ein lässigeres Auftreten oder einfach einen grösseren oder kleineren Busen. All das kann eine Rolle spielen und Druck machen. 

Katalin Nef, 38, hat Systemische Schulsozialarbeit studiert und viele Jahre in Schulen und Jugendtreffs als Sozialpädagogin gearbeitet. Sie absolviert derzeit ein zusätzliches Studium zur Supervisorin, Coach und Mediatorin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie hat eine fünfjährige Tochter und einen zweijährigen Sohn.

Rivalisieren Jungs eigentlich offener als Mädchen? 

Ja, sie tragen es deutlicher aus. Findet ein Machtkampf statt, kriegt es das Umfeld schnell mit. Das ist bei Jungs auch ein Stück weit natürlich, sozusagen evolutionsbiologisch verankert: Das war das Verhalten, das sehr lange das Überleben gesichert hat. Bei den Jungs ist in diesem Alter auch viel Spielerisches dabei, dieses körperliche Messen, das Reiben aneinander, auch das Sich-Spüren. Das sind verbale, aber auch physische Auseinandersetzungen, die völlig normal und schnell wieder vergessen sind. Bei Mädchen ist das subtiler, sie fangen an zu tuscheln, zu intrigieren. Sie arbeiten auch schnell mit sozialem Ausschluss, die Freundschaft wird gekündigt. Es geht um Positionierung. Oft fällt das nach aussen gar nicht auf.

Auch die Mädchen kämpfen um eine gute Position? 

Mädchen haben oft Angst, die Beziehung zu den anderen zu verlieren. Das spielt eine grosse Rolle. Da taucht vielleicht plötzlich eine Neue auf, die cooler oder mutiger ist als man selbst, und schon ist da die Angst: «An die werde ich meine Freundin verlieren». Ein weiteres Thema sind Liebesbeziehungen. Vielleicht hat eine Freundin eine Beziehung und die andere nicht. Da entsteht Konkurrenz. Oder die Freundin ist plötzlich nicht mehr wichtig, weil man jetzt verliebt ist.

Gibt es Situationen, in denen sich die Eltern einmischen sollten, egal ob das eigene Kind das unterlegene oder das in der mächtigeren Position ist?

Wenn ein Kind in die Opferrolle rutscht oder in der Gruppe unterdrückt wird, sollte man genau hinhören: Wie weit geht das? Kommt da jemand in seiner persönlichen Integrität zu Schaden? Dann darf man auch entsprechend reagieren oder beruhigend eingreifen. Falls verbale oder physische Gewalt im Spiel ist, sollte sofort gehandelt werden. Trotzdem sollten wir als Erwachsene wissen und unsere Kinder darüber aufklären, dass es ein Stück weit normal ist, miteinander zu konkurrieren. Wettbewerb hilft auch dabei, sich selbst weiterzubringen. Man entdeckt durch diese ­Vergleiche, wohin man will. Eine gesunde Konkurrenzfähigkeit ist eigentlich eine Kompetenz, die wir brauchen, um zu überleben.

Haben Sie keine Erwartungen an Ihr Kind. Signalisieren Sie ihm: Genau so, wie du bist, bist du richtig. Du bist okay.

Was hat Einfluss darauf, wie stark in den Peergroups konkurriert wird?

Es hat ganz viel mit der frühen Kindheit zu tun, inwieweit ich mich in solche Rivalitäten als junger Mensch hineinbegebe. Welche ­Werte wurden zu Hause gelebt? ­Welche Anerkennung hat das Kind bekommen? Lief zu Hause viel über Leistungsbewertung? Schliesslich mündet alles im Selbstwert. Wenn der auf einem guten Boden steht, muss ich mich viel weniger stark vergleichen oder konkurrieren. Dann weiss ein Kind, dass es so akzeptiert und geliebt wird, wie es ist. Es kann sich dann besser abgrenzen und entscheiden: «Da muss ich gar nicht mitmachen.»

Wie stärken wir denn den Selbstwert unserer Kinder dahingehend?

Indem wir unseren Kindern zeigen, dass wir keine Erwartungen an sie haben. Das klingt leichter, als es ist. Wir alle haben gewisse Erwartungen an unsere Kinder, zum Beispiel, dass sie uns ähnlich sind, oder eben ­gerade nicht. Ich habe mich da auch selbst bei meiner Tochter ertappt: Sie ist tatsächlich anders, als ich mir sie vorgestellt habe. Ich musste lernen, die Einzigartigkeit meiner Tochter zu sehen und zu respektieren. Ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe und nicht versucht habe, sie zu formen. Ich habe mich bemüht, das ganz eigene Wesen, das sie mitbringt, zu stärken. Wenn einem das schon in der frühen Kindheit widerfährt, ist eine gute Basis gelegt, mit Konkurrenzfragen später klarzukommen. 

Wie soll man sich als Mutter oder als Vater bei Konkurrenzkämpfen also verhalten?

Signalisieren Sie Ihrem Kind mit einer guten Portion Gelassenheit: «Genau so, wie du bist, bist du richtig. Du bist okay.» Eltern können ein offenes Ohr haben und zeigen, dass sie es wertschätzen, wenn das Kind sich ihnen anvertraut. Sie können dessen Fragen auch zum Anlass nehmen, in einen Austausch zu gehen. 

Jüngere Kinder sind vielleicht gar nicht in der Lage, ihre negativen Gefühle und den Konkurrenzkampf mit einem Freund zu verbalisieren.

Für jüngere Kinder müssen die Eltern als eine Art Übersetzer fungieren. Manchmal ist es schon für uns Erwachsene schwierig, Emotionen kognitiv zu erfassen und zu verbalisieren. Für kleinere Kinder ist es wichtig, dass ihre Eltern die Wut auf einen Freund oder den Kummer über einen Streit anerkennen und aussprechen. Dann lernen Kinder, dass diese Gefühle okay sind und sie damit umgehen können. Aber auch Teenagern ist es oft unmöglich, ihre Eifersucht oder Zwist in Freundschaften anzusprechen. Dafür braucht es hohe soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz. Auch da ist es die Aufgabe von Eltern und von Pädagogen ausserhalb des Elternhauses, aufmerksam zu sein, ein offenes Ohr zu haben und den Raum zu bieten, um Dinge zu klären.  

Wie können denn Einrichtungen wie Schulen oder Verbände ein entsprechendes Vertrauensklima schaffen?

Es ist sehr wichtig, dass die Leitung ganz generell eine klare Position bezieht, was einen respektvollen Umgang angeht, und sich stark macht für Gleichwürdigkeit. Das gelingt, indem man ganz gezielt andere Werte als den Wettbewerbsgedanken fördert: Selbstverantwortung und Hilfsbereitschaft zum Beispiel. Eine wirksame Methode dazu ist das System der Schulpaten, das Götti-Gotti-Prinzip. Ältere Schülerinnen und Schüler unterstützen dabei jüngere, sind im Gegenzug aber auch offen, sich von den jüngeren Kindern anleiten zu lassen. Dadurch lernt man Verantwortung, Teamgeist, Vertrauen. Dann entsteht ein Klima, in dem Rivalität gar nicht so wichtig wird.

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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