«Paolo tut es leid, dass er so aufbrausend war» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Paolo tut es leid, dass er so aufbrausend war»

Lesedauer: 2 Minuten

Gianna Odermatt*, 46, aus Kriens hat zusammen mit ihrem Mann vier Kinder: 12-jährige Zwillinge, eine ­14-jährige Tochter und einen 19-jährigen Sohn. Seit Juni letzten Jahres nimmt sie mit Paolo, 12, am Familienklassenzimmer ihrer Schule teil.

Aufgezeichnet von Yvonne Kiefer-Glomme
Bild: Rawpixel.com

 

* Alle Namen geändert 

«Im Kindergarten und in den ersten beiden Schuljahren hatte Paolo keinerlei Probleme. Im dritten kam er in eine neue Klasse, in der mehrere Kinder bereits seit dem Kindergarten Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Bei Problemen schickte die Lehrperson diese sowie auch Paolo in einen Nebenraum. Dort kam es zu Streitereien und Schlägereien.

In den nächsten anderthalb Schuljahren kam es fünfmal zum Wechsel der Klassenlehrperson unseres Sohnes, keine von ihnen schien der Klasse gewachsen. Paolos Noten rutschten ab und er wollte nicht mehr in die Schule gehen. Er hatte sein Selbstwertgefühl sowie das Vertrauen in die Lehrpersonen verloren. Oft kam Paolo frustriert nach Hause, hatte Wutanfälle und sogar ­Suizidgedanken – und ich war sein Blitzableiter.  

Als sein jetziger Lehrer zusammen mit einer Klassen­assistenz die Klasse übernahm, räumte er Paolo viel Zeit ein. Dennoch wollte sich unser Sohn zunächst nicht helfen lassen, stattdessen beleidigte er seinen Lehrer oder büxte aus. Ich fühlte mich als Versagerin, weil meine Erziehungsmethoden nicht funk­tionierten. Da ich keine andere Lösung mehr sah, bat ich den Lehrer darum, uns im Juni 2021 notfallmässig in das Familienklassenzimmer FKZ aufzunehmen.

Paolo wollte zuerst nicht, doch dann hat er sich sehr gut in die Gruppe eingefügt. Als wir uns im FKZ spielerisch darstellen sollten, habe ich meinen Sohn als zornig, aufbrausend und lustlos beschrieben. Er wiederum empfand mich als gereizt und wütend. Die Konsequenzen seines Verhaltens sind Paolo jedoch erst bewusst geworden, als ich ihm in drastischer Weise aufgezeigt habe, dass er ohne einen guten Schulabschluss seinen Traum von einer Automechatronikerlehre verspielt und wohin ihn sein Weg dann noch führen könnte. 

Ich beschrieb meinen Sohn als zornig, aufbrausend und lustlos. Er empfand mich als gereizt und wütend.

Mittlerweile hat Paolo gelernt, dass er sich nicht schämen muss, wenn er etwas nicht versteht, sondern dass er die Lehrpersonen fragen kann. Das gibt ihm Vertrauen. Auch seine Lehrpersonen haben dazugelernt: Mittlerweile besprechen sie Kritikpunkte nur im Vieraugengespräch mit ihm, wodurch er diese besser annehmen kann. Auch seine Schulnoten haben sich verbessert.

Beim letzten Elterngespräch erklärte sein Lehrer: ‹Jetzt bist du genau dort, wo du sein musst, um deine Wunschausbildung machen zu können.› Auch zu Hause haben wir nun weniger Probleme. Heute ist Paolo glücklich und es tut ihm leid, dass er früher so aufbrausend war. Er fand es hart, auf welche Weise ich ihn wachgerüttelt habe, und zugleich ist er auch sehr dankbar dafür.

Als Mutter habe ich gelernt, mehr auf Augenhöhe mit meinem Sohn zu reden. Ich versuche noch mehr auf ihn einzugehen und mein südländisches Temperament zu zügeln. Wenn er wütend ist, warte ich, bis er sich beruhigt hat, und spreche dann mit ihm. Das Familienklassenzimmer war eine wertvolle Unterstützung für uns und ich bin froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe.»

Yvonne Kiefer-Glomme
ist freie Journalistin, Mutter einer Tochter, 11, und lebt mit ihrer Familie im Aargau.

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