Alles verwöhnte Saugoofen?
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Alles verwöhnte Saugoofen?

Lesedauer: 3 Minuten

Unser Kolumnist Christian Johannes Käser erinnert sich an seine Grossmutter und fragt sich, ob wir unsere Kinder manchmal zu sehr verwöhnen.

Text: Christian Johannes Käser
Bild: Adobe Stock

Bei meiner Oma in Herisau musste ich vor jedem Mittagessen eine halbe Grapefruit verspeisen. Diese bitter-saure Erfahrung war eine Tortur für meine kindlichen Geschmacksnerven. Trotzdem mochte ich meine Oma sehr. Sie war lustig und wir haben uns jeweils auf MTV Musikvideos von Europe und Madonna angeschaut. Wie mein jüngster Sohn sein Müesli jeden Tag mit noch mehr «Schoggibölle» anreichern darf, das hätte ihr wohl nicht gefallen. «En verwöhnte Saugoof isch das!»

Ich kann es ihr nicht verwehren. Ich verwöhne ihn aus Faulheit. Weil er sonst schreit und mir am Morgen ganz oft einfach die Geduld fehlt.

Das Verwöhnen aus Faulheit kennen vermutlich viele Eltern. Oft hat es auch damit zu tun, dass man Angst vor dem Konflikt mit den Kleinen hat. So gibt es dann das Paw-Patrol-Ei im Coop, weil ein halb aus dem Einkaufswagen hängender Schreihals nun mal schwieriger zu handhaben ist als ein schoggiverschmiertes Wohlfühlkind. Aus demselben Grund räume ich die herumliegenden Socken des zehnjährigen Sohnes im Kinderzimmer selber auf, weil ich den Sockenkonflikt dann doch scheue.

Auch aus der Angst vor der grossen, weiten Welt kann ein Verwöhnen wachsen. Dann etwa, wenn Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, oder ihrem Kind nicht zutrauen, allein über die Strasse zu einer Schulfreundin zu gehen.

Selbständig bedeutet nicht, dass das Kind allein sein muss in seiner Entwicklung zur Selbständigkeit.

Bei uns führt leider immer mal wieder auch ein Mangel an Kreativität zu Verhaltensweisen, die man verwöhnt nennen könnte. So haben wir es leider bis heute nicht geschafft unsere Wassergläser auf eine kindergerechte Höhe zu verstauen, sodass die Sechs- und Zehnjährigen noch immer nach «Waaaasser!» schreien und wir dann pflichtschuldig in die Küche hechten, weil wir ja kein dehydriertes Kind wollen.

Wie schlimm ist es denn nun, dieses Verwöhnen? Für uns Erwachsene scheint es ja eher umgekehrt zu sein. Mach dir nicht zu viel Stress, verwöhne dich selbst. Die ganze Ratgeberliteratur ist voll davon, dass wir uns Pausen gönnen, dass wir zur Ruhe finden sollten. Die Wellnessindustrie lebt davon, dass sich Menschen «verwöhnen lassen». Wieso soll es dann für Kinder schädlich sein?

Da wäre einmal die Befürchtung, dass verwöhnte Kinder zu Narzisstinnen und Egoisten werden. Das ist dann die einfache Rechnung, dass Kinder, die alles kriegen, nur noch den eigenen Vorteil und das eigene Ego im Blick haben. Sie können nicht verlieren, sind nicht belastbar und vertragen keine Kritik. Diese Angst richtet sich auf die Zukunft und verführt gewisse Erziehungsratgeber auch dazu, für eine stärkere «Abhärtung» zu plädieren.

Diesen Blick in die Zukunft kennen aber nicht nur letztere Ratgeber, sondern auch die eher «weicheren» Erziehungsmethoden begründen ihre Tipps mit dem Blick auf die Zukunft, auf das, was dann eines Tages einmal kommt. Auf den schulischen Erfolg, der sich dann mal einstellt, auf die soziale Kompetenz, die erreicht wird, auf die Persönlichkeit, die dann irgendwann mal ausgebildet ist. Doch wann genau kommt dieser Punkt? Findet das Leben nicht im Hier und Jetzt statt?

Jene Verwöhnarten, die wir als eher schädlich fürs Kind bezeichnen, sind einfacher zu handhaben.

Eine Kompetenz, die wir unseren Kindern so bald wie möglich wünschen, ist Selbständigkeit. Beim Verwöhnen sehen wir dann natürlich die Gefahr, dass unsere Kinder diese Selbständigkeit nicht entwickeln.

Der Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund bringt es für mich sehr schön auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass das Bedürfnis nach Autonomie beim Kind nur dann geweckt werden kann, wenn auch das Bedürfnis nach Bindung stark genug gestillt ist. Natürlich können wir unser Kind dazu bringen, allein einzuschlafen, indem wir es einfach im Zimmer weinen lassen. Wir unterdrücken dann aber dieses ebenso wichtige Bedürfnis nach Bindung. Selbständig heisst dann eben nicht, dass das Kind allein sein muss in seiner Entwicklung zur Selbständigkeit.

Was uns das als Eltern kostet: Zeit. Diese Währung sind wir halt oft nicht bereit zu zahlen.

Ich kenne das sehr gut. Die Kolumne muss noch fertig gestellt werden, das Badezimmer geputzt oder ich muss mir unbedingt das Siegerinterview mit Lukas Görtler anschauen. Ob das alles so wichtig ist, bleibt eine andere Frage.

Gerade diejenigen Verwöhnarten, die wir in grosser Menge als eher schädlich fürs Kind bezeichnen würden, sind halt einfacher zu handhaben.

Ein Peppa-Wutz-Video zu starten oder eine Glace aus dem Tiefkühler zu holen, kommt nun mal wesentlich günstiger, als mit dem Kind bastelnd, musizierend oder vorlesend in Beziehung zu treten. Gerade von diesen Arten des Verwöhnens sollten Kinder aber nicht genug kriegen.

Christian Johannes Käser
arbeitet als Schauspieler, Coach und Autor. Der gebürtige Appenzeller lebt mit seiner Familie in Zürich. Zusammen mit seiner Frau berichtet er im Podcast «Familienchaos» regelmässig über das Leben mit vier Kindern zwischen Trotzphase und Pubertät.

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