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Kindergarten

Ängste: Mama, mach das Monster weg!

Während der Kindergartenzeit durchleben Kinder viele Ängste: vor Tieren, vor der Trennung von ihren Eltern, vor Gespenstern und Monstern unter dem Bett. Manches erscheint in den Augen eines Erwachsenen unverständlich oder sogar absurd. Doch bagatellisieren hilft nicht: Eltern müssen ihren Kindern zeigen, wie sie mit ihren Ängsten umgehen können. 
Text: Julia Meyer-Hermann
Bild: Frisch Fotografie
Neulich nachts. Aus dem Kinderzimmer ertönt ein Schrei, dann trappeln nackte Füsse über den Gang. Kurz darauf steht der Fünfjährige neben meinem Bett, tastet nach meiner Schulter und sagt: «Mama, ich habe Angst, in meinem Zimmer ist es zu dunkel.» 

Ich denke an das Nachtlicht, das dort in der Steckdose steckt und das mein Sohn vor dem Einschlafen noch als «Babyzeug» bezeichnet hat. Soll ich ihn zurückbringen? Ihm zeigen, dass dort nichts ist, wovor er sich fürchten muss? Aber noch bevor ich mich dazu aufgerafft habe, ist das Kind schon zwischen mir und meinem Mann ins Bett gekrabbelt und in Sekundenschnelle eingeschlafen. Am nächsten Morgen sind wir Eltern müde.
Bei Angsttherapien werden auch die Eltern gecoacht – sie sollen das Selbstbewusstsein des Kindes stärken.
Kein Wunder, wenn man dauernd eine Kinderhand oder einen Kinderfuss ins Gesicht gepatscht oder gekickt bekommt. «Schon die fünfte Nacht in Folge», denke ich. «Hoffentlich ist diese Phase bald vorbei.» Zurzeit tummeln sich ständig Monster unter dem Bett unseres  Sohnes. Manchmal klingt der Wind wie ein Gespenst. Vielleicht auch wie eine Hexe, die ums Haus fliegt.

«Woher kommen diese Ängste?», fragen wir uns. Hat ihn etwas aufgeschreckt? Ein Buch, ein Film, ein Spiel mit der grossen Schwester? Solche Ängste seien zunächst nicht besorgniserregend, sondern «ganz typisch für die Entwicklungsphase, in der sich der Fünfjährige befindet», erklärt Silvia Zanotta.

Die promovierte Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie arbeitet in ihrer Praxis in Zürich immer wieder auch mit Schülern und Kindergartenkindern, die auffallend ängstlich sind. Sie kennt die «Monster-Phase» ausserdem von ihren eigenen, inzwischen erwachsenen Kindern. «Ab drei Jahren beginnt das sogenannte magische Alter», sagt Zanotta. Der Erfahrungshorizont weitet sich, die Kinder beginnen sich mit der Welt ausserhalb der Familie aktiv auseinanderzusetzen. Sie spielen Rollenspiele mit Gleichaltrigen, in denen sie fliegen oder zaubern können. «Die Grenzen zwischen Realität und Fantasiewelt sind in diesem Alter fliessend.» Die Gespenster aus dem morgendlichen Spiel werden also abends Realität.

Von wegen unbeschwerte Kindheit

Es ist ein Sehnsuchtsbild von uns Eltern, dass die Kindheit eine unbeschwerte Zeit sein soll. «Kinder haben dieselbe Dimension an Ängsten wie Erwachsene, ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend», sagt Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Kinderkrankenhaus in Hamburg.

Manche Kinder haben vor ganz bestimmten Situationen oder Dingen Angst, vor Gewittern etwa oder vor Hunden. Andere haben soziale Ängste und sorgen sich, nicht gemocht zu werden. Manchmal überinterpretieren Kinder auch etwas, was sie zwischendurch aufgeschnappt haben. Michael Schulte- Markwort nennt zwei Beispiele: «Im Nachbarort hat es gebrannt. Vielleicht erscheint der Feuerteufel heute Nacht bei uns? Und im Zoo ist ein Krokodil entlaufen. Was, wenn es zu uns kommt?»

Mir fällt die Schilderung einer Freundin ein: Ihre Tochter versteckte plötzlich abends alle ihre Bilder unter dem Bett. Später wollte die Fünfjährige auf keinen Fall einschlafen. Es dauerte lange, bis meine Freundin die Ursache herausfand: Das Mädchen hatte ein Gespräch mitbekommen, in dem ihre Eltern sich über einen Museumseinbruch unterhalten hatten. Nun fürchtete sie, dass der Einbrecher auch bei ihnen einsteigen könnte.

Wie reagiert man in so einem Moment? Meine Freundin war müde. Sie hätte dem gern ein Ende gesetzt und gesagt: «Das ist doch Blödsinn. Der kommt nicht hierher. Schlaf jetzt.» Aber ihr war klar, dass sie der Furcht ihrer Tochter nicht mit Erwachsenenvernunft beikommen konnte. Stattdessen erfand sie also zusammen mit der Fünfjährigen eine Einbrecherfalle, spannte vor Tür und Fenster eine Schnur, an der ein Dieb hängen bleiben würde. So einfach, so wirkungsvoll.

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