Wie entwickeln sich Kinder von 13 bis 17 Jahren? -
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Wie entwickeln sich Kinder von 13 bis 17 Jahren?

Lesedauer: 5 Minuten

Die Pubertät ist eine Zeit der Transformation. Teenager durchlaufen zahlreiche Phasen, die ihre körperliche, kognitive und soziale Entwicklung prägen.

Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Catherine Falls

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Die Entwicklung von Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren, auch als Adoleszenz bekannt, ist eine Zeit des rasanten Wandels und der Transformation. In dieser Phase durchlaufen Teenager zahlreiche Entwicklungsschritte, die ihre körperliche, kognitive und soziale Entwicklung prägen. Vielen Eltern fällt es schwer, mit den raschen Veränderungen mitzuhalten und umzugehen. Ihr Kind, das sich noch vor Kurzem an sie gekuschelt hat, schlägt ihnen nun die Tür vor der Nase zu. Wie kann man für jemanden da sein, der sich abwendet? Das ist die Frage, vor der viele Eltern stehen. Doch um die eigene Identität zu finden, brauchen viele Jugendliche eine gewisse Distanz zu den Menschen, die ihnen am nächsten stehen.

Physische Entwicklung: In der Pubertät erleben Teenager einen Wachstumsschub, bei dem sie an Grösse und Gewicht zunehmen. Es kommt zur Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Hormonelle Veränderungen führen zu körperlichen Veränderungen wie dem Wachstum der Brust oder dem Stimmbruch bei Buben. Dazu kommen das Wachsen von Haaren, hormonelle Veränderungen, die Entwicklung von unangenehmen Körpergerüchen, manchmal Hautunreinheiten und Akne.

Im Gehirn entwickelt sich das «Sensation Seeking» (engl. für Empfindung, Sensation suchen) schneller als die Impulskontrolle, was zu erhöhtem Risikoverhalten führen kann. Im Zuge der Pubertät erleben viele Jungen zudem einen erhöhten Kräftezuwachs, sie kämpfen häufiger mit Aggressionen sowie Wutausbrüchen. Regelmässiger Sport und ausreichend Bewegung können dabei helfen, dass die Teenager ihr Verhalten besser unter Kontrolle bekommen. Gleichzeitig können sich die Jungen so besser an das neue Kräfteverhältnis in ihrem Körper gewöhnen und lernen, damit umzugehen. Mädchen im Alter von 13 Jahren sind gleichaltrigen Buben in der Entwicklung im Durchschnitt um zwei Jahre voraus. Bereits im Alter von etwa 17 Jahren ist die körperliche Entwicklung bei Frauen abgeschlossen.

Kognitive Entwicklung: Das abstrakte Denkvermögen entwickelt sich in dieser Zeit weiter. Jugendliche sind besser in der Lage, logische Schlussfolgerungen zu ziehen, komplexe Probleme zu lösen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Sie beginnen, ihre eigenen Ideen, Werte und Überzeugungen zu entwickeln und stellen bestehende Normen und Autoritäten infrage. Doch obwohl sich die pubertierenden Mädchen und Jungen nach aussen hin oft selbstbewusst und unabhängig zeigen, fühlen sie sich dennoch unsicher.

Teenager glauben, dass ihre eigenen Erfahrungen aussergewöhnlich und einzigartig sind.

Psychische Veränderungen: Teenager erleben durch diese hormonellen, körperlichen und neurophysiologischen Veränderungen oft intensive emotionale Höhen und Tiefen. «Sie wechseln schnell zwischen verschiedenen Stimmungen und erleben Gefühle intensiver – oder zumindest haben sie das Gefühl, dass sie Emotionen intensiver erleben», sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie.

Es kommt zu so etwas wie «adolescent egocentrism»: Das beinhaltet unter anderem die verzerrte Annahme eines Fokus der Welt auf die eigene Person (alle schauen einem zu) und führt mitunter zu einem kritischen Verhalten gegenüber Autoritäten. Damit einher geht die sogenannte «imaginary audience», der Glaube, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Sorge anderer Menschen zu stehen, also ständig im Fokus eines imaginären Publikums zu sein. Ein dritter Aspekt ist die sogenannte «personal fable» (engl. für persönliche Legende), nach der die eigenen Erfahrungen aussergewöhnlich und einzigartig sind. Gleichzeitig glaubt man an die eigene Unverwundbarkeit, was Risikoverhalten begünstigt.

In der Pubertät stellen Jugendliche bestehende Normen infrage.

Soziale Kompetenz: Die soziale Kompetenz entwickelt sich durch die Interaktion mit Gleichaltrigen und die Erweiterung des sozialen Umfelds. Jugendliche lernen, Beziehungen aufzubauen, Empathie zu zeigen und Konflikte zu bewältigen. Freundschaften, Verliebtsein und erste Liebesbeziehungen spielen eine entscheidende Rolle in dieser Phase der Entwicklung. Jugendliche suchen nach Zugehörigkeit und sozialer Unterstützung. Sie entwickeln enge Freundschaften, die ihnen helfen, ihre Identität zu formen und ihre sozialen Fähigkeiten zu stärken. Freundschaften bieten ein Feedback, das unabhängig ist vom Elternhaus, was wichtig für die Entwicklung von Autonomie ist.

In der Peergroup erkunden sie ihre eigene Identität, probieren sich aus und holen dazu Rückmeldung ein. Das hilft, Werte und Interessen zu entwickeln und Dinge auch wieder zu verwerfen. Freundschaften bieten emotionale Unterstützung: Dadurch, dass Freundschaften oft «Ähnlichkeit» als wichtige Basis haben, bekommt man das Gefühl, sich verstanden zu fühlen und vielleicht auch mal Trost zu finden (wenn beispielsweise die Eltern mal wieder so schrecklich ungerecht waren und so gar nicht kapieren, wie es einem gerade geht). Insgesamt ist es für Teenager wichtig, dazuzugehören, gerade weil sie sich in einer Phase der starken Veränderung befinden, die verunsichernd wirken kann.

Ängste in diesem Alter: Teenager können verschiedene Ängste erleben, wie beispielsweise die Angst vor Ablehnung, dem Versagen in der Schule, der Unsicherheit über ihre Identität oder davor, den Erwartungen ihrer Eltern nicht zu genügen. Diese Ängste können sich auf ihr Selbstwertgefühl und ihre psychische Gesundheit auswirken. Teenager haben häufig das Gefühl, schlagartig mit dem Ernst des Lebens konfrontiert zu werden: Niemand lächelt ihnen einfach so zu, wie man es mit kleinen Kindern macht. In der Schule sollen sie gute Leistungen abliefern und es wird ihnen eingeschärft, dass es aufs Berufsleben zugeht.

Nicht zuletzt betrachten Jugendliche sich im Alter zwischen 13 und 19 Jahren selbst zunehmend aus einem anderen Blickwinkel. Sie sind kritischer gegenüber sich selbst und werfen leichter die Flinte ins Korn. All das zusammengenommen ist ein idealer Nährboden für Sorgen und Ängste. Zahlreiche Studien belegen auch, dass Jugendliche in dieser Zeit ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme wie Depressionen und Angststörungen haben. Gleichzeitig zeigen sie auch eine erhöhte Kreativität, ein gesteigertes Interesse an sozialen und politischen Themen sowie eine Verbesserung ihrer Problemlösungsfähigkeiten.

Bindung zu den Eltern: Die Bindung zu den Eltern verändert sich während der Teenagerjahre. Jugendliche streben zunehmend nach Unabhängigkeit und entwickeln eine stärkere Identifikation mit Gleichaltrigen. Dennoch bleibt die Unterstützung und Verfügbarkeit der Eltern wichtig, um Sicherheit und emotionale Stabilität zu bieten. «Man muss als Eltern einfach zur Verfügung stehen, wenn die Kinder den Kontakt suchen und etwas erzählen wollen», sagt Oskar Jenni, Kinderarzt und Professor für Entwicklungspädiatrie. «Die Hauptaufgabe der Eltern in der Adoleszenz ist, eine psychologische Sicherheit zu bieten und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder alles erzählen können.»

Die Kommunikation mit Teenagern kann dennoch herausfordernd sein. Es kommt öfter zum Streit, einige Eltern empfinden ihre Kinder als rebellisch. Das ist allerdings nicht bei allen Teenagern so, die Protesthaltung gegenüber den Eltern ist an sich kein Kriterium für eine gelungene Entwicklung. «Dass sich ein adoleszentes Mädchen oder ein adoleszenter Junge noch einmal neu mit seiner Identität und mit seinem Platz in der Welt beschäftigt, kann auch stattfinden, ohne dass er rebelliert», sagt Heidi Simoni.

Was braucht mein Kind?

Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder sich gut entwickeln. Was das konkret bedeutet, ist vielen aber gar nicht bewusst. Eine «gute Entwicklung» ist in der eigenen Vorstellung oft verknüpft mit einer unauffälligen, störungsfreien oder leistungsstarken Kindheit.

Wenn Eltern mit sorgenvollem Blick die Entwicklung ihrer Kinder beobachten, fragen sie sich oftmals auch, was sie im Familienalltag besser machen könnten. Vielleicht muss das Kind stärker gefördert werden. Vielleicht braucht es einen Schubs in die richtige Richtung, denken einige.

Doch Studien zeigen: Die Bandbreite dessen, was gut und richtig ist, ist viel grösser, als Eltern gemeinhin annehmen. Es hilft, diese Entwicklungsvariabilität zu akzeptieren – und bei Fragen einen Experten zu konsultieren.

Wir haben das getan. In unserem Dossier «kindliche Entwicklung» fassen wir Grundlegendes zu Entwicklungsschritten in verschiedenen Altersgruppen zusammen.

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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