Hat mein Kind ernste Probleme oder ist es nur eine Phase?
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Hat mein Kind ernste Probleme oder ist es nur eine Phase?

Lesedauer: 7 Minuten

Eltern lassen sich rasch verunsichern, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn sich plötzlich anders benimmt: Handelt es sich um ernsthafte Probleme oder nur um einen Entwicklungsschritt? Wie Sie Verhaltensauffälligkeiten besser einschätzen können.

Text: Anja Lang
Bild: Stocksy

Auch Kinder und Jugendliche können – genau wie Erwachsene – einfach mal einen schlechten Tag oder eine schlechte Phase haben. Ebenso gehören bestimmte Verhaltensänderungen in verschiedenen Entwicklungsphasen typischer­weise dazu. So sind beispielsweise ein Rückzugsverhalten und eine zunehmende Distanzierung von den Eltern in der Pubertät ganz normal.

«Auch Protest und Widerspruch, die viele Eltern erst mal stark irritieren, gehören in dieser Entwicklungs­phase zum gesunden Abnabelungsprozess», sagt Judith Graf, Psychologin im Kantonsspital Luzern. «Weisen die Verhaltensänderungen jedoch darauf hin, dass es dem Kind nicht gut geht und es leidet, sollten Eltern aufmerksam werden.»

Die einen Kinder und ­Jugendlichen ziehen sich bei Problemen zurück, die anderen werden aggressiv.

Corsin Bischoff, Kinder- und Jugendpsychiater

Wenn Kinder und Jugendliche Sorgen oder Probleme haben, mit denen sie allein nicht mehr zurechtkommen, kann sich das auf unterschiedliche Weise zeigen.

«Wir sehen in der Praxis vor allem zwei Richtungen. Einerseits Kinder, die sich deutlich zurückziehen, de­pressive Verhaltensweisen zeigen, schlecht schlafen, Ängste, Zwänge oder verändertes Essverhalten entwickeln», erklärt Corsin Bischoff, Kinder- und Jugendpsychiater im Kantonsspital Winterthur. «Andererseits sehen wir Kinder, die Aggressionen nach aussen tragen, stören, nerven, verweigern und Regeln missachten.» Die Übergänge von normal bis besorgniserregend sind dabei oft fliessend. 

Anzeichen von ernsthaften Problemen

«Hellhörig sollten Eltern werden, wenn das veränderte Verhalten nicht nur sporadisch auftritt, sondern über Wochen und Monate anhält oder sich zunehmend verschlimmert», betont Bischoff. «Ein Alarmzeichen ist auch, wenn Kinder und Jugendliche sich nicht nur von den Eltern zurückziehen, sondern auch Freundinnen und Kollegen nicht mehr treffen.»

Auch wenn Hobbys und vorher gern unternommene Aktivitäten zunehmend vernachlässigt werden, es zu Selbstverletzungen kommt oder das Gewicht innert kurzer Zeit stark zu- oder abnimmt, ist das alarmierend. «Handlungsbedarf besteht auch, wenn die Schulleis­tungen plötzlich nachlassen oder das Kind gar den Schulbesuch verweigert», ergänzt Judith Graf.

Spürt das Kind Verständnis, entsteht ein Raum der ­Wertschätzung, in dem es sich öffnen kann.

Judith Graf, Psychologin

«Bei aggressiven, delinquenten und regelverletzenden Verhaltensweisen ist der Leidensdruck innerhalb der Familie meist ziemlich hoch.» Zu den Problemen im Familienalltag kommen dann oft noch Druck und negative Rückmeldungen vom sozialen Umfeld – wie der Schule – mit dazu. Oft stellt sich dann weniger die Frage, ob, sondern vor allem wie gehandelt werden kann.

Beratungsangebote für Eltern

  • Pro Juventute: Elternberatung: Professionelle Beratung von Eltern rund um die Uhr per Telefon, E-Mail und Chat bei allen Fragen rund um die Erziehung: projuventute.ch
  • Elternnotruf: 24/7-Beratung: Professionelle Beratung für Eltern in Krisen- und erzieherischen Belastungssituationen. Die Beratung ist per Telefon und E-Mail rund um die Uhr in fünf Sprachen möglich und kann auf Wunsch auch anonym erfolgen. Zu bestimmten Zeiten steht ein Chat zur Verfügung. Zusätzlich kann auch eine persönliche Beratung vereinbart werden: elternnotruf.ch
  • 147.ch: Suchmaske für wohnortnahe Familienberatungsangebote in der Schweiz nach PLZ und Themengebietenberatungsstellen.
  • Pro Familia: Dachverband der Familienorganisationen in der Schweiz: Ratgeber für Familien in rechtlichen, ökonomischen, sozialen und persönlichen Fragen: profamilia.ch
  • Schweizerischer Fachverband Mütter- und Väterberatung (für kleinere Kinder bis fünf Jahre): sf-mvb.ch

Es lohnt sich immer, das Gespräch zu suchen

In allen Fällen, in denen Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen Sorgen bereiten, lohnt es sich, zuerst den Kontakt zum Kind selbst zu suchen und das Thema direkt anzusprechen. «Dabei ist es wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass man sich Sorgen macht, dass das Kind einem wichtig ist und dass es einfacher ist, zusammen nach einer Lösung zu suchen als allein», appelliert die Kinder- und Jugendpsychologin und sagt weiter: «Spürt das Kind Verständnis und erhält die Botschaft ‹Da ist ein Problem – und nicht ich bin falsch›, entsteht ein Raum der Wertschätzung, in dem das Kind sich öffnen kann.» 

Oft preschen besorgte und genervte Eltern aber in einer solchen Situation impulsiv mit Vorwürfen nach vorne und verbalisieren in ihrer Hilflosigkeit vor allem das, was sie am Verhalten des Kindes stört: «Du bist immer so schlecht drauf!», «Du isst viel zu wenig!», «Du machst ständig alles kaputt!». Werden die Kinder im Gespräch jedoch vor allem mit Vorwürfen konfrontiert, ziehen sie sich in aller Regel weiter zurück und die Eltern verlieren noch mehr den Kontakt.

«Auch wenn es sicherlich nicht immer leichtfällt, rate ich Eltern deshalb, für ein klärendes Gespräch ein Stück weit ihr eigenes Befinden zurückzustellen und möglichst auf einen geeigneten Zeitpunkt mit ausreichend Ruhe und Raum für den Austausch zu achten», ergänzt Kinder- und Jugendpsychiater Bischoff. «In den meisten Fällen erfahren die Eltern dann, was ihr Kind bedrückt.»

Hilfe im nächsten Umfeld holen

Wenn die Situation aber schon sehr verfahren ist und der Kontakt zum Kind entsprechend schwierig, sollten Eltern sich nicht scheuen, auch Hilfe von aussen zu holen. Dazu können andere Bezugs- und Vertrauenspersonen des Kindes – wie die Grosseltern, die Gotte oder der Götti, Vertrauenslehrer oder der Kinderarzt – angesprochen und mit ins Boot geholt werden. 

Darüber hinaus stehen in allen Kantonen der Schweiz sogenannte Erziehungs- und Familienberatungsstellen bereit, die von den Städten und Gemeinden betrieben und durch Angebote von Kirchen, gemeinnützigen Stiftungen und Vereinen wie etwa Pro Familia oder auch dem Elternnotruf ergänzt werden.

Für Jugendliche gibt es ein breites Angebot an Beratungsstellen, die sie auch ohne Eltern nutzen können. (Bild: Rachele Daminelli / Connected Archives)

Hier können sich Eltern in allen Fragen der Erziehung, vor allem aber auch in akuten Krisensituationen von geschulten Fachpersonen umfassend, unverbindlich und in aller Regel auch kostenlos beraten lassen. Die Beratung ist telefonisch, per E-Mail sowie meist auch im persönlichen Kontakt möglich. 

Wo sich die nächste Elternberatungsstelle befindet, kann man bei der Stadt- beziehungsweise Gemeindeverwaltung erfragen oder auf den Internetseiten der jeweiligen Träger einsehen. Darüber hinaus stehen auch Beratungsangebote zur Verfügung, die sich direkt an betroffene Kinder und Jugendliche wenden.

Wenn das Kind sich abwendet

Falls es Probleme, Sorgen oder Nöte gibt, die Kinder und Jugendliche nicht mit ihren Eltern teilen wollen oder können, besteht die Möglichkeit, sich bei den Jugendberatungsstellen Rat und Hilfe von Fachpersonen zu holen.

Unter 147.ch zum Beispiel können Kinder und Jugendliche sich telefonisch, per E-Mail und Whatsapp rund um die Uhr schnelle und kostenlose Hilfe holen, die sie, wenn es gewünscht wird, auch anonym erhalten. Ausserdem steht ein Peer-Chat zur Verfügung, über den sie sich mit Gleichaltrigen austauschen können. So können Kinder und Jugendliche in Not sehr schnell und unbürokratisch Hilfe erfahren; wenn es sein muss, auch ohne dass die Eltern schon davon erfahren.

Äusserungen wie ‹Vielleicht ist es besser, wenn ich nicht mehr da bin› sollten Eltern immer sehr ernst nehmen.

«Das ist vor allem in Krisensituationen sehr wichtig, in denen Kinder und Jugendliche keinen Ausweg mehr sehen und dann auch Kurzschlussreaktionen in Betracht ziehen», betont Judith Graf. «Bei weiterhin bestehender Suizidalität oder Suizidgedanken sollten Eltern oder nahe Bezugspersonen dann aber sehr wohl involviert werden.» Laut der Weltgesundheits­organisation WHO rangiert Suizid noch immer auf Platz drei der häufigsten Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen.

Notfälle – wenn es schnell gehen muss

Äusserungen wie «Ich mag nicht mehr leben» oder «Vielleicht ist es besser, wenn ich nicht mehr da bin» sollten Eltern also immer sehr ernst nehmen. «Spätestens jetzt ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen und das Thema Suizid gezielt anzusprechen und gut zuzuhören, auch wenn dafür eigene Termine verschoben oder abgesagt werden müssen», erklärt Judith Graf. «Es ist wichtig, dass das Kind oder der Teenager jetzt nicht alleine bleibt, sondern aufgefangen wird und Hilfe bekommt.» 

Zur Unterstützung können sich Eltern zusätzlich an eine Beratungsstelle, ein Krisentelefon, den Kinderarzt oder auch eine kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz wenden. «Bei starken Suizidgedanken sollte möglichst auch eine fachliche Abklärung erfolgen, um herauszufinden, inwieweit das Kind oder der Jugendliche noch stabil und absprachefähig ist», ergänzt Judith Graf. «Mitunter kann auch ein kurzer stationärer Aufenthalt sinnvoll sein, um das Kind wieder zu stabilisieren.» 

Eltern sollten schnell aktiv werden, wenn Kinder beginnen, den Schul­besuch zu verweigern.

Nicht ganz so akut, aber auch möglichst rasch handeln sollten Eltern, wenn ihr Kind auffällig an Gewicht verliert. «Dauerhaft starkes Untergewicht wirkt sich negativ auf die Gesundheit und die Entwicklung eines Kindes aus», weiss Psychiater Corsin Bischoff. «Steckt eine Essstörung dahinter, kann die Erkrankung schnell chronisch werden. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich gegenzusteuern.»

Schnell aktiv werden sollten Eltern auch, wenn Kinder oder Jugendliche beginnen, den Schul­besuch zu verweigern. «Dahinter können soziale Ängste, Mobbing oder Depressionen stecken, die sich oft auch mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen bemerkbar machen», erklärt Judith Graf.

«Hier tun Eltern dem Kind nichts Gutes, wenn sie dem Vermeidungsverhalten ihres Kindes dauerhaft nachgeben.» Ganz im Gegenteil verschlimmern und chronifizieren sich die Ängste dadurch nur weiter. «Zudem ver­lieren die Kinder den sozialen Anschluss, was noch viel schwer­wiegendere Probleme nach sich ziehen kann», warnt die Kinder- und Jugendpsychologin. «In der Regel ist auch hier eine fachliche Abklärung und Begleitung sehr sinnvoll.»

Externe Hilfe holen ist ein Zeichen von Stärke

Kindererziehung gehört zu den herausforderndsten Aufgaben überhaupt und bei den meisten läuft nicht immer alles glatt. «Kinder, aber auch Jugendliche brauchen – obwohl das auf Erwachsene manchmal nicht so wirkt – lange Halt und das Gefühl, dass die Eltern für sie da sind und sich für sie interessieren», weiss Judith Graf.

«Wenn Eltern das vermitteln können, bleiben sie mit ihrem Kind in gutem Kontakt und können gemeinsam nach Lösungen suchen.» Ist der Kontakt aber abgebrochen oder sind die Probleme so ernst, dass sie sich nicht mehr alleine bewältigen lassen, sollten Eltern sich nicht scheuen oder gar schämen, auch Hilfe von Dritten in Anspruch zu nehmen. «In schwierigen Situationen Unterstützung von Beratungsstellen oder Psychotherapeutinnen oder -therapeuten zu suchen, zeugt nicht von Schwäche oder Unvermögen, sondern von Stärke und gelebter Verantwortung», betont Corsin Bischoff.

Manchmal können schon einige wenige Sitzungen mit einem Elternberater oder einer Elternberaterin ausreichen, um geeignete Strategien an die Hand zu bekommen, die helfen, mit seinem Kind wieder in Kontakt zu kommen und gemeinsam Lösungen zu finden. In anderen Fällen übersteigt die Problematik aber auch die Kompetenz von Beratenden und Eltern – dann ist psychotherapeutische Hilfe gefragt (Lesen Sie hier den Artikel «So finden Sie die richtige Therapie für Ihr Kind»).

Beratungsangebote für Kinder und Jugendliche

Anja Lang
Anja Lang ist langjährige Medizinjournalistin. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.

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