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Jugend in der Krise: Unser Thema im Mai

Lesedauer: 2 Minuten

Warum immer mehr Kinder und Jugendliche psychisch erkranken – und worauf Eltern achten sollten. Chefredaktor Nik Niethammer stellt Ihnen das Dossier Jugend in der Krise und weitere Themen der Mai-Ausgabe vor, die am Mittwoch, 10. Mai 2023, erscheint. Sie können das Heft auch online bestellen.

Text: Nik Niethammer
Bild: Fabian Hugo / 13 Photo

Die Einsicht, dass ich krank war, kam auf die harte Tour. Die Ärzte waren unmissverständlich: ‹Wenn du so weitermachst, stirbst du.›» Mit diesen Worten schildert die 16-jährige Sara meiner Kollegin Virginia Nolan den Moment, als ihr bewusst wurde, dass sie die Essstörungen nicht allein in den Griff bekommt. Was war der Auslöser der Krise? «Der Verlust einer Freundschaft hatte mich sehr mitgenommen. Ich begann an mir zu zweifeln, versuchte, Kontrolle über meinen Körper zu erlangen, indem ich härter trainierte und weniger ass.»

Sara ist eine von 12 000 jungen Frauen zwischen 10 und 24 Jahren, die sich 2021 in der Schweiz in stationäre psychotherapeutische Behandlung begaben. Das ist ein Viertel mehr als im Jahr davor. Der Anstieg ist beispiellos, die Gründe besorgniserregend und vielschichtig.

Viele Jugendliche stehen unter enormem Druck, sind sich Psychiater und Psychologen einig. Top-Stressor sei dabei die Schule. Nicht nur Prüfungen und Hausaufgaben, auch Belastungen durch Streit in der Klasse, Konflikte mit Lehrpersonen oder Mobbing verursachten Stress. In der Primarschulstufe sind ungefähr zwei Kinder pro Klasse von Angststörungen betroffen; in der Sekundarstufe ein Schüler oder eine Schülerin depressiv.

Andere verorten die seelische Not von Jugendlichen in der Weltlage. Die Pandemie, die Klimakrise, dann der Ukrainekrieg; der permanente Krisenzustand erzeugt Ohnmachtsgefühle, wirft viele aus der Bahn. Wie auch die exzessive Nutzung von sozialen Medien. Der ständige Vergleich mit anderen, die Flut von Negativnachrichten – das alles macht unglücklich.

Kinder erleben zu wenig, dass sie im realen Leben bestehen können. Selbstwirksamkeit erfährt man nur in der echten Welt, nicht virtuell.

Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

In der Pubertät sind Jugendliche besonders anfällig: Die Zufriedenheit mit dem eigenen Dasein nimmt rasant ab, viele fühlen sich halt- und orientierungslos, verspüren eine grosse Leere. «Sie tauchen ab in virtuelle Welten. Dabei bräuchten sie mehr Bodenhaftung», sagt die Psychologin Eliane Perret.

Eine psychische Erkrankung ist heute kein Stigma mehr. Eltern, Kinder und Jugendliche sind schneller bereit, Hilfe anzunehmen. Wie die 15-jährige Lea, die den Beginn ihrer seelischen Krise so schildert: «Die Stimmungsschwankungen rollten schleichend an. Ich war verwirrt, zusehends verzweifelt, verlor die Freude an dem, was mir lieb war. Dann begann ich, mich selbst zu verletzen.» Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie einmal eine Therapie brauche.

Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.

In einem Punkt sind sich Expertinnen und Experten einig: Ein stabiles Selbstwertgefühl und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit können das Risiko einer psychischen Erkrankung senken. Eltern sollten ihrem Kind eine optimistische Grundhaltung vermitteln – und nicht versuchen, ihm Frustmomente zu ersparen.

«Erwachsene sollen Kindern zeigen, was das Leben ist. Dass es uns vor Herausforderungen stellt und dass diese durchaus zu meistern sind», sagt Eliane Perret. Denn: Nicht das Scheitern an einer Aufgabe macht das Selbstwertgefühl kaputt, sondern das Verhindern, dass ein Kind überhaupt Selbstwertgefühl entwickeln kann.

Herzlichst, Ihr
Nik Niethammer

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Nik Niethammer

Nik Niethammer
ist seit 2014 Chefredaktor von Fritz+Fränzi. Er ist Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt in Zürich und in Freiburg im Breisgau.

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