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Wenn das Kind in einen Loyalitätskonflikt gerät

Lesedauer: 5 Minuten

Wer sich von seinem Partner trennt, tut dies selten in bestem Einvernehmen. Sind die Gräben aber zu tief, kann das für die Entwicklung eines Kindes negative Folgen haben. Erfahren Sie mehr in Teil 3 unserer Serie «Trennungseltern».

Text: Vanessa Matthiebe
Bild: Westend61/Getty Images

Trennen sich Eltern, geraten Kinder nicht selten in einen Loyalitätskonflikt, worum sich Mutter und Vater sorgen. «Dabei gehört der Loyalitätskonflikt zur elterlichen Trennung wie das Fieber zur Grippe-Erkrankung», schreibt Liselotte Staub in ihrem Buch «Trennung mit Kindern – was nun?».

Ist die elterliche Sorge demnach unbegründet? Eine Grippe geht nach ein paar Tagen oder Wochen schliesslich auch vorbei. Ganz so einfach ist es leider nicht.

Was bedeutet Loyalität im Kontext Familie überhaupt? Liselotte Staub beschreibt es so: Das kleine und von den Eltern abhängige Kind muss sich seinen Eltern anpassen, um zu überleben. Das Kind sei da­rauf angewiesen, so Staub weiter, dass seine Eltern ihm Schutz bieten und seine Bedürfnisse befriedigen, was dazu führe, dass sich das Kind der Realität seiner Eltern mit all ihren Wertvorstellungen beuge. Dies sei im Rahmen der Dreierbeziehung Vater-Mutter-Kind(er) unproblematisch, weil das Kind seine Eltern ­liebe und an Mutter und Vater gebunden sei, so die Autorin.

Trennen sich die Eltern und zeichnet sich ab, dass plötzlich jeder Elternteil um seine eigenen Wertvorstellungen oder Erziehungsgrundsätze kämpft und damit ein feindlich gesinntes Klima entsteht, fühlt sich das Kind zwischen Mutter und Vater hin- und hergerissen. Es entsteht beim Kind ein Loyalitätskonflikt. Verstärkt wird diese Spannung, wenn das Kind mit direkten oder indirekten Abwertungen des anderen Elternteils oder Beeinflussungen, um es auf die eigene Seite zu ziehen, konfrontiert wird.

Diese Situation erlebe ich in meinem Beratungsalltag häufig. «Meine Tochter kam letztes Wochenende zu mir und schrie mich an, dass ich schuld sei, dass sie nicht mehr ins Reiten gehen könne», erzählte mir kürzlich ein Vater. Immer wieder höre er solche Aussagen von Lara. Er habe seiner Ex-Frau schon oft gesagt, dass sie die gemeinsame Tochter nicht in Themen einbeziehen soll, die diese nicht einordnen kann. Es nütze aber nichts.

Die Trennung der Eltern erschüttert und verunsichert ein Kind unweigerlich.

Ein anderes Beispiel: Wenn der achtjährige Tom nach dem Vaterwochenende zurück zur Mutter kommt, sei er wie ausgewechselt, erzählt diese. «Er schreit herum, beschimpft mich und ich brauche zwei bis drei Tage, bis er sich wieder beruhigt hat und wir den Alltag normal bestreiten können.»

Die Verzweiflung in den Worten der Eltern ist deutlich hörbar. Dabei bekräftigen jeweils beide Elternteile, dass sie vor dem Kind niemals schlecht über den anderen sprechen. «Wir wollen doch das Beste für unser Kind.»

Die Trennung der Eltern erschüttert ein Kind unweigerlich, da die zerbrochene Dreierbeziehung zu einer Verunsicherung beim Kind führt. Akzeptieren Mutter und Vater die Bindung und Beziehung des Kindes zum jeweils anderen Elternteil und können sie ihrem Kind Sicherheit vermitteln, indem sie Vereinbarungen einhalten, schwindet der anfängliche Loyalitätskonflikt wie das zuvor erwähnte Fieber bei einer Grippe.

Sollten die Eltern jedoch in einen anhaltenden Kampf um das Kind verwickelt oder derart emotional verletzt sein, dass sie auf Rache aus sind, entwickelt sich der Loyalitätskonflikt zu einem dauerhaften Symptom und kann dabei die Psyche des Kindes massiv belasten.

Kleine Kinder fragen sich, wer auf sie achtet, wenn die Eltern sich in kämpfende Monster verwandeln.

In ihrem Buch «Das Wohl des Kindes bei Trennung und Scheidung» beschreibt die Autorin Liselotte Staub eindrücklich, wie stark das Kind damit beschäftigt ist, um die eigene Sicherheit zu ringen. Kleine Kinder fragen sich, wer auf sie achtet, wenn die Eltern sich in kämpfende Monster verwandeln. Ältere Kinder wollen herausfinden, welcher Elternteil im Recht beziehungsweise Unrecht ist.

Dies zeigt sich dann, wenn Ihr Kind zu Ihnen kommt und Sie mit Aussagen oder Fragen konfrontiert, bei denen Sie genau spüren, dass diese vom anderen Elternteil stammen müssen, weil Ihr Kind entweder von diesem Thema nichts wissen sollte oder weil es sich altersbedingt bestimmte Zusammenhänge noch gar nicht erschliessen kann.

Wenn ein Kind die Beziehung kappt

Verharrt ein Kind in seinem Loyalitätskonflikt, kann es seine eigenen Entwicklungsaufgaben nicht gut bewältigen. Dieses Kind ist stets damit beschäftigt, das Verhalten seiner Eltern zu überwachen und zu kontrollieren. So kann es mit Rückzug oder Aggression reagieren oder manchmal sogar aktiv einschreiten. Dieser Dauerzustand löst anhaltenden Stress beim Kind aus, was bekanntermassen die Gesundheit stark belasten kann.

Die Autoren und Autorinnen des Forschungsprojekts «Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft» des Deutschen Jugendinstitutes in München geben an, dass Kinder aufgrund der andauernden hohen psychischen Belastung die Beziehung zu dem Elternteil, bei dem sie nicht leben, kappen und sich verweigern, auch wenn sie vor der Trennung emotional mit diesem Elternteil verbunden waren. Dies ist als Bewältigungsstrategie der Kinder anzusehen, sich mindestens bei einem Elternteil sicher aufgehoben zu fühlen.

Getrennte Eltern haben das Bedürfnis, dem Kind die eigene ‹Wahrheit› mitzuteilen. Am Ende weiss das Kind nicht mehr, wem es noch glauben soll.

Ausgehend von der Haltung, nur das Beste für das Kind zu wollen, sollten Mütter und Väter eine Chronifizierung des Loyalitätskonflikts zugunsten einer gesunden Entwicklung unbedingt vermeiden. Was jedoch, wenn jeder Elternteil das Gefühl hat, er trage alles dazu bei, dass das Kind nicht in diesen Konflikt gerät, und der andere sich genau andersherum verhält?

Wenn ich in Beratungsgesprächen nachfrage, wie Eltern auf die beeinflussten Aussagen oder Fragen ihrer Kinder reagieren, wird deutlich, wie stark das Bedürfnis ausgeprägt ist, recht zu haben und dem Kind «die Wahrheit» mitzuteilen.

Wie ein schwerer Klotz

Diese Reaktion, so menschlich sie auch erscheint, ist kontraproduktiv. Sie zwingt das Kind in der Regel dazu, diese «Wahrheit» vom anderen Elternteil überprüfen zu lassen. Dabei wird das Kind mit einer anderen «Wahrheit» konfrontiert, die es wiederum überprüfen muss. Dieses Muster bewirkt, dass sich jeder Elternteil erst einmal subjektiv entlastet fühlt, weil er seine Sicht der Dinge dargelegt hat. Beim Kind jedoch wirken diese «Wahrheiten» wie ein schwerer Klotz, den es nicht mehr loswird. Am Ende ist das Kind der Meinung, dass die Eltern lügen und es nicht mehr weiss, wem es noch glauben soll.

Die Lösung besteht darin, zunächst einmal aus dem Reaktionsmuster herauszutreten und auf Rechtfertigungen im Sinne der eigenen «Wahrheit» zu verzichten. Wahrheit wird subjektiv erlebt. Der andere Elternteil hat eine Situation ganz anders wahrgenommen und konstruiert somit eine andere eigene «Wahrheit». Wie soll sich das Kind zwischen verschiedenen Wahrheiten positionieren? Wenn Sie sich diese Frage stellen, wird die Zerrissenheit des Kindes deutlich spürbar.

Das Kind emotional begleiten

In einem zweiten Schritt verlassen Sie die sachliche Ebene der Rechtfertigung und fokussieren auf die emotionale Ebene des Kindes. Statt in Laras Beispiel zu kontern: «Lara, das stimmt doch so nicht. Ich zahle deiner Mutter jeden Monat genug Unterhalt!», könnte ihr Vater sagen: «Lara, ich höre, du kannst aktuell nicht mehr reiten gehen, was mir sehr leidtut. Du bist traurig, nicht wahr?» Lara ist nicht traurig. Sie ist wütend darüber und schreit immer noch. «Okay, du bist wütend, das höre ich ganz deutlich und ich kann dich gut verstehen. Was machen wir jetzt mit deiner Wut? Wie willst du sie herauslassen? Soll ich dir dabei helfen? Du könntest zum Beispiel hier fest in das Kissen schlagen. Komm, ich mache mit!»

Dies ist der dritte Schritt. Das Kind in seiner Emotion zu begleiten, bis diese vorübergezogen ist. Mit dieser Begleitung fühlt sich das Kind wahr- und ernst genommen; auch wenn das Reiten noch nicht real wird. Hier kann der Vater Lara mitteilen, dass er mit ihrer Mutter sprechen und schauen werde, wie ihr Hobby wieder möglich werden könnte.

Oft achten Eltern nicht auf ihre indirekte Kommunikation. Abwertungen oder Beschuldigungen hört oder spürt ein Kind auch, wenn seine Mutter mit ihrer Freundin über den Vater flucht oder Papa sich über den Brief vom Scheidungsanwalt aufregt.

Vanessa Matthiebe
ist Sozialpädagogin FH und Gründerin von «Familie im Wandel – Eltern bleiben» (www.familieimwandel.ch). Sie hilft ­getrennten Eltern mittels Online-SOS-­Coachings, ein möglichst unbeschwertes, friedvolles Elternbleiben nach der Trennung zu leben. Vanessa Matthiebe ist getrennterziehende Mutter von zwei Kindern und lebt in Zürich.

Alle Artikel von Vanessa Matthiebe

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