Trennung
Merken
Drucken

Nicht jede Scheidung ist eine Katastrophe

Lesedauer: 2 Minuten

Eine Trennung ist für jede Familie eine schmerzhafte Erfahrung, doch es eröffnet auch ungeahnte Freiheiten, schreibt Michèle Binswanger in ihrer Kolumne.

Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Es herrscht Katastrophenstimmung in meinem Freundeskreis. Es hagelt Trennungen. Wir sind im perfekten Alter dafür: Mit den Kindern sind die meisten aus dem Gröbsten raus. Sie sind alt genug, um zu wissen, wie kurz das Leben ist. Und jung genug, um sich zu fragen, ob es denn das schon war. Jahrelang hat man sich der Familie zuliebe zusammengerauft, die Streitereien werden erbitterter, die Distanz wird grösser. Und jetzt, da der Druck abnimmt und die Kinder selbständiger sind, wird sich getrennt.

Das ist schmerzhaft, und zwar immer. Egal, wie einvernehmlich das Ganze ist, auch eine ideale Trennung tut weh, und die meisten sind alles andere als ideal. Eine Familie ist ein Organismus, zusammengewachsene Herzen, integrierte Existenzen werden abrupt auseinandergerissen. Ganz zu schweigen von den Kindern, die das miterleben müssen. Manche Eltern schaffen es zwar, sich gütlich zu einigen, aber in den allermeisten Fällen zerstört eine Flamme aus Hass, Selbstmitleid und Anklage die gemeinsame Vergangenheit.

Im allerbesten Fall schafft man es als Paar, die Ebene der Liebesbeziehung von jener des Elternseins zu trennen.

Schwierig sind solche Situationen auch für den Freundeskreis. Es stellen sich Loyalitätsfragen: Mit wem pflegt man die Beziehung weiterhin und wie? Wer wird weiterhin zum Abendessen eingeladen und wer nicht? Nicht selten rutschen getrennte und geschiedene Partner beide aus dem Fokus der Freunde. Weil sie nur als Paar gepasst haben, nicht aber als Individuen. 

Ich habe das alles schon hinter mir. Und wie für viele Menschen war es auch für mich eine der erschütterndsten Erfahrungen überhaupt. Mit dem Vater ­meiner Kinder habe ich mittlerweile eine gute Beziehung. Doch es dauerte ­einige Jahre, bis es so weit war. Und so kann ich mitfühlen. Wenn plötzlich felsenfest geglaubte Beziehungen auseinanderbrechen und die jeweiligen Partner je ihre Versionen erzählen, höre ich zu und versuche nicht zu werten. Oft versteht man ja beide Seiten. Und es ist einfach nur traurig, jedenfalls im Moment.

Dieser Moment wird vorübergehen. Denn die meisten Scheidungen sind wie gute Weine: Sie werden mit den Jahren besser. Man will sich deshalb trennen, weil die Situation unhaltbar war. Weil man sich im anderen getäuscht hat, weil man sich zu sehr auseinanderentwickelt oder neu verliebt hat. Im allerbesten Fall schafft man es als Paar, die Ebene der Liebesbeziehung von jener des Elternseins zu trennen. 

Gelingt das, kann eine Trennung ungeahnte neue Freiheiten eröffnen – zumindest, wenn man über einen Job, eigenes Geld und Freunde verfügt. Idealerweise muss man auch die Betreuung nicht alleine stemmen, sondern hat mit dem Vater der Kinder ausgehandelt, dass jeder einen Teil beisteuert. Ist dies aber der Fall, dann lebt man als geschiedene Mutter in der besten aller möglichen Welten. Die Hälfte der Zeit widmet man sich seinen Kindern, in der anderen Hälfte seinem Job und allem anderen, was im Leben noch wichtig ist.

Endlich mal nicht mehr nur vernünftig sein. Ausgehen und erst am Morgen nach Hause kommen. Oder gar nicht nach Hause kommen, weil man mit jemand anderem nach Hause gegangen ist. Man hat Zeit, sich auszuschlafen und das Erlebnis zu verarbeiten. Und wenn die Kinder vom Papi zurückkommen, steht man voller Vorfreude am Türrahmen und gratuliert sich dazu, solch wunderbare Geschöpfe grossgezogen zu haben. Und trotzdem noch ein eigenes Leben zu haben.

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

Alle Artikel von Michèle Binswanger

Lesen Sie mehr zum Thema Trennung

Tipps für Familienferien im Berner Oberland, günstig und mit viel Spass
Advertorial
Familienferien im Berner Oberland – günstig und abwechslungsreich
Mit diesen Tipps für unvergessliche Sommerferien im Berner Oberland kommt die ganze Familie auf ihre Kosten.
Familienleben
«Familie ist eben nicht Privatsache»
Die Kinderombudsstelle setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Diese würden oft missachtet, sagt Leiterin Irène Inderbitzin.
Familienleben
«Stiefeltern sind für Eltern keine Konkurrenz»
Sabine Walper erforscht die Beziehungen in Stieffamilien. Sie erklärt, wie eine Patchworkfamilie Kinder prägt und warum sie eine Chance ist.
Foto
Elternblog
Wetteifern um das perfekte Foto aus den Ferien
Unsere Kolumnistin und ihr Ex verschicken sich jeweils gegenseitig Fotos des Nachwuchses aus den Ferien. Das nimmt zuweilen groteske Züge an.
Patchwork
Erziehung
Wie gelingt Patchwork? 10 Fragen und Antworten
Das Leben mit neuem Partner und dessen Kindern ist anspruchsvoll. Expertinnen und Experten antworten auf Fragen, die Patchworkfamilien umtreiben.
Patchworkfamilie Schmutz
Familienleben
Patchwork: «Der Weg hierhin war oft holprig»
Christoph und Regine Schmutz brauchten eine Weile, bis sich ihre Söhne in der neuen Patchworkfamilie gefunden hatten.
Patchworkfamilie Neue Liebe neues Glück?
Erziehung
Neue Liebe – neues Glück?
Gründen Eltern mit ihrer neuen Liebe eine Patchworkfamilie, warten viele Stolpersteine auf sie. Das Familienmodell bietet aber auch Chancen – dazu braucht es Ausdauer und Empathie.
Familienleben
«Die Trennung der Eltern kann für Kinder auch eine Chance sein»
Wie man ein Kind in die Neugestaltung der Familie einbindet, ohne es zu überfordern, erklärt Familientherapeutin Sabine Brunner.
Elternbildung
Vortragszyklus Kosmos Kind: Alle Daten und Infos
Kosmos Kind: Expertinnen und Experten erklären wichtige Entwicklungsaspekte von Kindern und Jugendlichen – alltagsnah und verständlich.
Trennung Patchwork
Elternbildung
Neue Liebe, neues Glück – und wie geht es den Kindern?
Alle haben das Recht, sich nach einer Trennung wieder zu verlieben. Doch wie geht es den Kindern damit? Worauf Patchworkfamilien achten müssen.
Getrennte Eltern Trennungsserie Scheidungskinder
Elternbildung
5 Ideen, wie das nächste Betreuungswochenende gelingt
Noch immer sind viele Kinder, deren Eltern getrennt leben, nur am Wochenende bei Papi oder Mami. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen.
Elternbildung
Wenn das Kind in einen Loyalitätskonflikt gerät
Wer sich von seinem Partner trennt, tut dies selten in bestem Einvernehmen. Sind die Gräben aber zu tief, kann das für die Entwicklung eines Kindes negative Folgen haben.
Elternblog
Wie lebt es sich mit einer Nachzüglerin? 
Unsere Bloggerin Valerie Wendenburg hat durch ihre Nachzüglerin oft das Gefühl, zwei Leben als Mutter zu führen. Über die Vor- und Nachteile.
Weniger Streit mit dem Ex-Partner
Elternbildung
Weniger Streit mit dem Ex-Partner
Meist erhoffen sich Paare nach einer Trennung mehr Ruhe im Familienleben, was nicht einfach ist. Fünf Tipps für eine friedvolle Kommunikation.
Erziehung
«Kinderrechte werden oft nicht umgesetzt»
Irène Inderbitzin erklärt, warum es die Kinderombudsstelle braucht und wie sie hilfesuchende Kinder konkret unterstützen.
Elternbildung
Getrennt: So bleiben dem Kind beide Eltern erhalten
Kinder können eine Trennung gut meistern, wenn Mütter und Väter zusammen- statt gegeneinander arbeiten. Dies kann im kooperativen oder im parallelen Modell funktionieren.
Wie spricht man mit Kindern über eine Scheidung?
Erziehung
Wie spricht man mit Kindern über eine Scheidung?
Eine Scheidung der Eltern ist für die meisten Kinder ein Schock. Sie können oft nicht verstehen, weshalb sich die Eltern nicht mehr lieben. Manche Kinder reagieren sehr verunsichert, andere aggressiv. 
Elternblog
Eine Patchworkfamilie im Strudel der Adventszeit
Unsere Bloggerin Valerie Wendenburg hadert mit dem Klischee der heilen Familie und wirft einen ehrlichen Blick auf die Herausforderungen und Chancen einer Patchworkfamilie vor und an Weihnachten.
Fabian Grolimund Kolumnist
Elternbildung
Was Kindern nach einer Trennung hilft
Fast jede zweite Ehe wird heute geschieden. Das stecken die Kinder nicht so leicht weg. Ihre Wut und Trauer gilt es auszuhalten.
Valerie Wendenburg: Ich heirate eine Familie
Familienleben
Ich heirate eine Familie
Sechs Prozent aller Schweizer Kinder wachsen in Patchworkfamilien auf. Wie gelingt es, das Familienkonstrukt wie ein Puzzle immer wieder neu zusammenzusetzen?
Wir leben Respekt und Toleranz vor
Entwicklung
«Wir leben Respekt und Toleranz vor»
Marcelle Graf ist Assistentin der Geschäftsleitung in einem Büro. Der Vater von Ariseo und Nelio wohnt auch in St. Gallen und ist trotz ­Trennung präsent.
«Ich möchte zu Papi ziehen!»
Blog
«Ich möchte zu Papi ziehen!»
Wenn der Sohn unerwartet zum Ex-Mann zieht, ist das für eine Mutter schmerzlich. Dass es sich lohnt, Realitäten zu akzeptieren, hat unsere Bloggerin erlebt.
Heute wohne ich bei Papa
Familienleben
Heute wohne ich bei Papa
Heute haben immer mehr Männer das Ziel, auch nach einer Trennung im Leben ihrer Kinder präsent zu bleiben.
Ich erzähle: «Mit der Trennung wuchsen bei mir die Schuldgefühle»
Elternbildung
«Mit der Trennung wuchsen bei mir die Schuldgefühle»
Benno Roth*, Vater von zwei Töchtern, lebt nicht mehr mit der Mutter seiner ­Kinder zusammen. Um diese schwierige Zeit zu bewältigen, brauchte er Hilfe.
Wie Familie gelingt: Wie gelingt Familie nach einer Trennung?
Familienleben
Wie gelingt Familie nach einer Trennung?
Wenn sich Eltern scheiden lassen, stellen sich viele Fragen. In der Praxis haben sich Beratungsmodelle und Mediation als hilfreiche Instrumente erwiesen.