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5 Ideen, wie das nächste Betreuungswochenende gelingt

Lesedauer: 5 Minuten

Noch immer sind viele Kinder, deren Eltern getrennt leben, nur am Wochenende bei Papi oder Mami. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen. Erfahren Sie in Teil 4 unserer Serie «Trennungseltern», worauf Sie als Eltern achten sollten.

Text: Vanessa Matthiebe
Bilder: iStockphoto und Stocksy

Immer mehr Trennungskinder wachsen multilokal auf. Das heisst, sie leben mindestens in zwei Haushalten. Dies geht aus dem im Juni 2022 erschienenen Bericht «Wenn die Eltern nicht zusammenwohnen – Elternschaft und Kinderalltag» der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen EKFF hervor. Dieser Bericht setzt sich mit verschiedenen Wohn- und Betreuungsarrangements von Familien auseinander.

Von rund 250 000 Kindern getrennter Eltern in der Schweiz verbringen 49 Prozent mindestens jedes zweite Wochenende beim anderen Elternteil, in den allermeisten Fällen beim Vater. Die Zuständigkeit des jeweils anderen Elternteils konzentriert sich damit auf das Wochenende. Dementsprechend werden an die Wochenendgestaltung oftmals hohe Erwartungen gestellt.

Attraktive Aktivitäten sollen Kinder und Elternteil glücklich machen. Dies ist nicht immer umsetzbar.

Vor dem Wechsel von einem Elternteil zum anderen findet idealerweise ein Austausch zwischen den beiden statt. Denn Informa­tionen über den emotionalen und gesundheitlichen Zustand des Kindes sowie über Erlebtes oder Schulisches können helfen, den Start ins Wochenende kindsorientiert zu gestalten. 

Drohen bei der Übergabe des Kindes Konflikte zwischen den Eltern, könnte ein Übergangsheft mit den entsprechenden Informationen helfen.

«Meine Freude ist jeweils so gross, wenn meine Kleine zu mir kommt, dass ich gar nicht weiss, was wir als Erstes unternehmen sollen», erzählte mir ein Vater kürzlich in der Beratung. Dementsprechend sei auch die Traurigkeit gross, wenn das Wochenende nicht so verlaufe, wie es angedacht gewesen sei. Erst letzten Sonntag habe Tochter Maja he­rumgequengelt. Maja habe nicht in den Zoo gehen wollen. Nichts habe ihr der Vater recht machen können. Die kostbare Zeit sei verstrichen. Als Maja von ihrer Mutter wieder abgeholt wurde, sei der Vater enttäuscht zurückgeblieben. 

Erst recht, wenn die gemeinsame Zeit knapp bemessen ist, ist die Freude gross und sind die Erwartungen an ein Betreuungswochenende hoch. Attraktive Aktivitäten sollen Kinder und Elternteil glücklich machen, um dieses bindende Gefühl noch möglichst lang in die kommenden Tage hineinzutragen. Dies ist nicht immer real umsetzbar und sollte daher auch gar nicht primär angestrebt werden, denn das Leben hat oft einen anderen Plan, beispielsweise dann, wenn das Kind an einem Betreuungswochenende des anderen Elternteils zu einer Geburtstagsparty eingeladen wird. In diesen Fällen scheitern geschmiedete Pläne.

Eltern gehen damit unterschiedlich um. Einige Eltern leben ihre Zuständigkeit und sind dafür besorgt, dass sie ihr Kind zur Party bringen oder wieder abholen. Andere Eltern einigen sich darauf, dass das Kind beim Mami bleibt und eventuell dafür das folgende Wochenende zum Papi geht. Es gibt viele Varianten, die Trennungseltern untereinander vereinbaren. 

Da das Leben nicht immer planbar und die Elternbeziehung nicht immer konfliktfrei ist, eignen sich die folgenden fünf Ideen für ein gelingendes Betreuungswochen­ende:

1. Aktivitäten gemeinsam kreieren

Sind Sie meist derjenige, der sich den Kopf zerbricht, was Sie mit Ihrem Kind unternehmen möchten? Natürlich möchten Sie möglichst viel bieten. Erst recht, wenn sich der Kontakt zu Ihrem Kind auf ein Wochenende beschränkt. 

Je nach Alter Ihres Kindes ergibt es aber Sinn, sich vorgängig mit ihm telefonisch oder per Messenger auszutauschen. Kinder haben viele Einfälle, wenn sie die Möglichkeit haben, diese zu äussern. 

Bleiben Sie also im Austausch! Entwickeln Sie gemeinsame Ideen, bis es für Sie beide stimmig ist. Dabei unterstützen Sie übrigens Ihr Kind, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äussern. Dies wiederum hat positive Auswirkungen auf seine emotionale und soziale Entwicklung. 

2. Don’t think too big oder weniger ist mehr

Unsere Welt bietet inzwischen immens viele Möglichkeiten an Unternehmungen. Angefangen von Trampolinhallen über Indoor-Minigolf, Spielzentren, 4-DX-Kino bis hin zu den Laserhallen und weiteren Entertainment-Locations. Bereits Vorschulkinder werden oft mit zu vielen Reizen konfrontiert, die sie am Ende müde oder gar aggressiv machen. Eltern meinen es gut oder wissen es nicht besser: Je jünger ein Kind, desto weniger Intensivreize braucht es von aussen. 

Jede Aktivität mit dem Kind wird erst dann zu einem gemeinsamen Erlebnis, wenn Sie wirklich präsent sind.

(Klein-)Kinder können in der Natur so viel erleben. Planen Sie einen Ausflug in den Park, an den See, in den Wald, in die Berge. Vielleicht werden Sie jetzt sagen: «Mein Kind interessiert sich leider nur für die virtuelle Welt und langweilt sich draussen.» Lassen Sie nicht locker! Gehen Sie zusammen los. Erfahrungsgemäss gefällt es Kindern im Verlauf des Ausflugs eben doch – obwohl sie anfangs gemotzt haben. 

3. Enttäuschungen entlarven als das, was sie sind: Ent-Täuschungen

Falls Sie doch nochmals in die Falle tappen, durch Ihre hohen Erwartungen an Ihr Wochenende enttäuscht worden zu sein, kann diese Sichtweise helfen: Wenn sich Menschen enttäuscht fühlen, dann meinen sie oft, dass eine andere Person für dieses Gefühl verantwortlich sei. Das macht sie noch trauriger oder ärgert sie und das bittere Gefühl bleibt. 

Ich lade in solchen Situationen dazu ein, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Ein Beispiel: Sie haben das Bild in Ihrem Kopf, dass Sie mit Ihrer Tochter an diesem Wochenende schwimmen gehen. Sie planschen im Wasser, Sie geniessen, tauchen, springen, rutschen und  bringen sie zufrieden und glücklich wieder nach Hause. 

Jede Aktivität wird erst dann zu einem gemeinsamen Erlebnis, wenn Eltern wirklich präsent sind.

Es zeigt sich aber am Wochenende, dass Ihre Tochter keine Lust auf Wasser hat. Sie war gestern schon schwimmen und eigentlich wollte sie zu ihrer Freundin. Die Laune bleibt mies und Sie bringen sie gefrustet heim. Sie sind enttäuscht. Sie fühlen sich schlecht. Alles hätte anders laufen sollen. 

Dabei entsteht dieses Gefühl durch nichts anderes als schlicht durch die Tatsache, dass Ihre Täuschung entlarvt wurde. Sie haben sich täuschen lassen durch Ihr kreiertes Bild. Und nun wurden Sie ent-täuscht. Mehr ist es nicht. Sie dürfen also Ihre Traurigkeit oder Ihren Ärger dieser Enttäuschung zuschreiben, jedoch nicht der Situation an sich oder gar Ihrem Kind. Entweder haben Sie künftig keine Erwartungen mehr oder Sie erkennen einfach, dass Sie sich eben getäuscht haben. 

4. Erlebnisse entstehen durch Beziehung

Egal, was Sie mit Ihrem Kind unternehmen: Es kommt nicht darauf an, was Sie ihm bieten. Jede Aktivität wird erst dann zu einem gemeinsamen Erlebnis, wenn Sie wirklich präsent sind. Wie oft sehe ich Väter oder Mütter, deren Kinder die Welt voller Freude entdecken, aber diese bekommen es gar nicht mit. Sie starren auf ihr Handy und verpassen wertvolle Momente gemeinsamen Erlebens, die die Beziehung stärken.

Seien Sie also da! Beobachten Sie Ihr Kind. Leiten Sie es an und lassen Sie es selbst probieren. Schauen Sie ihm zu und loben Sie es. Machen Sie Quatsch miteinander und nehmen Sie sich so oft wie möglich in den Arm. Auch wenn Sie später von Ihrem Kind wieder weiter weg sind, wird es sich genau an diese Erlebnisse erinnern und wissen, dass Sie ein wichtiger Teil in seinem Leben sind. 

5. Man muss gehen, um wiederzukommen

Die Verabschiedung nach einer intensiven Zeit des Wiedersehens schmerzt oftmals. Die meisten Menschen mögen keine Abschiede. Ihr Kind wieder der Lebenswelt des anderen Elternteils zu übergeben, kann sehr traurig machen. Falls Sie zu jenen Eltern gehören, die sich von ihrem Kind nicht trennen können, sich an es klammern und nicht aufhören, «Tschüss» zu sagen, werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem niedergeschmetterten oder gar hilflosen Zustand den Heimweg antreten.

Der Übergang zwischen Papa und Mama ist schon schwierig genug und wird durch lange Abschiedsszenarien erschwert.

Ihrem Kind wird es dabei auch nicht besser gehen, denn der Übergang zwischen Papa und Mama ist schon schwierig genug und wird durch lange Abschiedsszenarien erschwert. Probieren Sie doch stattdessen das: Ein Abschiedsritual hilft Ihrem Kind und Ihnen, sich auf den Moment des Wechsels vorzubereiten.

Sie könnten beispielsweise vor dem Abschied gemeinsam ein Lied singen oder Ihrem Kind eine kleine Zeichnung von Ihnen mitgeben, die es erst zu Hause anschauen darf. Vielleicht dichten Sie zusammen einen Abschiedsvers, den Sie sich jeweils abwechselnd aufsagen. Es gibt viele Ideen! Wichtig ist, dass Sie das Ritual kurzhalten und sich mit der inneren Haltung «Ich gehe, um wiederzukommen» liebevoll von Ihrem Kind lösen können.

Vanessa Matthiebe
ist Sozialpädagogin FH und Gründerin von «Familie im Wandel – Eltern bleiben» (www.familieimwandel.ch). Sie hilft ­getrennten Eltern mittels Online-SOS-­Coachings, ein möglichst unbeschwertes, friedvolles Elternbleiben nach der Trennung zu leben. Vanessa Matthiebe ist getrennterziehende Mutter von zwei Kindern und lebt in Zürich.

Alle Artikel von Vanessa Matthiebe

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