Wie spricht man mit Kindern über den Krieg? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Wie spricht man mit Kindern über den Krieg?

Lesedauer: 6 Minuten

In Europa herrscht Krieg: Am Morgen des 24. Februar hat Russland eine Invasion seines Nachbarlandes Ukraine begonnen. Seither sind Hunderttausend Menschen in den Westen geflüchtet, viele Zivilisten wurden verletzt oder getötet. Bilder des Krieges und der Zerstörung sorgen für Angst und Verunsicherung in vielen Familien. Yvonne Müller, Co-Leiterin des Elternnotruf, unterstützt Eltern, Kindern eine sichere Basis zu vermitteln und liefert konkrete Tipps, wie man mit Kindern und Jugendlichen über den Krieg spricht.

Text: Florina Schwander
Bild: Rawpixel

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Frau Müller, unsere Kinder wollten heute am Mittagstisch wissen, «für wen wir denn sind, Ukraine oder Russland?» Es klang wie ein Fussballspiel. Was hätten Sie an meiner Stelle gesagt? (Meine Kinder sind knapp 6 und 8 Jahre alt)

Meine spontane Antwort wäre wohl gewesen: Für die Bevölkerung. Und für die Schwächeren. Vielleicht hätte ich sie gefragt, ob sie denken, dass bei einem Krieg wirklich jemand gewinnen kann. Und wenn sie mehr hätten wissen wollen, hätte ich das als Anlass genommen, ihnen etwas über unsere Weltordnung zu erzählen.

Wie spricht man denn ganz grundsätzlich mit Kindern oder Jugendlichen über den Krieg?

Hier gilt derselbe Grundsatz wie auch bei anderen schwierigen Themen, zum Beispiel bei der Sexual-Aufklärung: Soviel, wie die Kinder möchten, in einer ihrem Alter angemessenen Sprache und der gewünschten Informationsmenge.

Wichtig ist herauszuhören, was Kinder beschäftigt.

Das heisst, Eltern nehmen das Thema auf, wenn es die Kinder von sich aus ansprechen, aber sie zwingen es ihnen nicht auf. Vielleicht können sie nachfragen, ob der Krieg in der Ukraine in der Schule oder bei älteren Kindern im Kollegen- und Kolleginnen-Kreis ein Thema ist. Wichtig ist herauszuhören, was sie beschäftigt. Solche Gespräche können auch eine Möglichkeit sein, unseren Kindern unsere Werte weiterzugeben und Stellung zu beziehen. In der Familie sind wir nicht zur Neutralität verpflichtet.

Zur Person: Yvonne Müller ist diplomierte Sozialarbeiterin und leitet zusammen mit Ilona Segessenmann den Elternnotruf. Sie ist Mutter eines 16-jährigen Sohns. (zVg)

Wie viel Elend darf man ihnen zumuten?

Die Antwort ist abhängig vom Kind. Manche Kinder brauchen Informationen, um sich sicher zu fühlen, manche Beruhigung und Ablenkung. Zurückhaltung ist angezeigt mit Bildern. Wobei wir uns bewusst sein müssen, dass diese auch so an die Kinder herangetragen werden durch eigene oder fremde Handys, oder durch Gratis-Zeitungen. Bilder haben eine stärkere Wirkung als Worte. Die ungeschminkte Wahrheit, die wir schon kennen von anderen Kriegen, müssen wir den Kindern nicht 1:1 weitergeben. Hier ist weniger sicher mehr.

Lohnt es sich, auf mediale Unterstützung zurückzugreifen wie beispielsweise Kindernachrichten am Fernsehen?

Das kann eine gute Ergänzung zum Gespräch sein und ist in jedem Fall eher zu empfehlen als die Tagesschau für Erwachsene. Diese ist nicht für Kinderaugen gemacht. Die offizielle Empfehlung ist, die Tagesschau Kindern ab zwölf Jahren zugänglich zu machen. Auch hier gilt: Das ist eine Richtlinie, Kinder sind unterschiedlich unterwegs im Leben und wie sie Dinge verarbeiten. Eltern können ihre Kinder individuell am besten einschätzen. Kindernachrichten können auch eine spannende Informations-Quelle für Eltern sein und ihnen Ideen für eine altersentsprechende Vermittlung liefern. Wichtig ist, dass Eltern dabei oder in der Nähe sind, wenn Kinder solche Inhalte konsumieren. Kinder sollten nicht alleine gelassen werden damit, denn oft entsteht weiterer Gesprächsbedarf.

Ihr Sohn ist einiges älter als meine Kinder. Was hatte er für Fragen an Sie oder wie thematisieren Sie den Krieg mit ihm?

Als ich ihn fragte, wie er damit umgehe, meinte er: Er beschäftige sich lieber nicht zu sehr damit, sonst würde es ihn belasten. Das ist auch eine gute Strategie. Ich brauche manchmal ebenso eine Pause von diesem verrückten Weltgeschehen.

3 Tipps aus der Sicht von Yvonne Müller

  • Auf die Fragen und Themen der Kinder eingehen. In dem Umfang, den sie einfordern.
  • Die eigenen Ängste auf der Erwachsenen-Ebene angehen.
  • Trotzdem im Hier und Jetzt ein gutes Leben führen.

Kann man seine Kinder schützen, indem man solche Nachrichten komplett ausblendet und den Krieg in der Ukraine gar nicht thematisiert?

Ich glaube nicht, dass man das kann. Kinder wachsen nicht in einer Blase auf, die nur aus dem heimischen Tisch besteht. Hinzu kommt, dass der Krieg auch uns Eltern beschäftigt und Kinder dies spüren. Man kann sie schützen, indem man eigene Ängste im Erwachsenenkreis bespricht und sie nicht zum Dauerthema von Gesprächen in der Gegenwart der Kinder werden lässt. Gerade, wenn man selbst sehr verunsichert ist, kann es helfen, die Aufmerksamkeit bewusst auf positive Themen des Alltags oder des politischen Geschehens zu lenken. 

Sollen Eltern warten, bis Kinder mit konkreten Fragen zu einem bestimmen Thema kommen oder kann man heikle Themen auch selber aufgreifen?

Bei einem so dominanten Thema wie dem Krieg in der Ukraine kann es helfen mal nachzufragen, um sicher zu sein, dass die Kinder nicht etwas in sich hinein fressen, das sie nicht in Worte fassen können. Wenn Eltern spüren, dass es die Kinder nicht belastet, ist es nicht nötig, ein Gespräch zu forcieren.

Der aktuelle Konflikt ist nah bei uns, viele Familien sind durch Verwandte direkt betroffen. Was raten Sie solchen Kindern und Jugendlichen? Was, wenn der beste Freund des Teenagersohns plötzlich Partei ergreift und Kriegspropaganda betreibt?

Wenn Familien so direkt betroffen sind, bleiben uns Anteilnahme und Nachfragen, wie es geht. Da hilft kein Beschönigen der Situation. Gleichzeitig ist es erlaubt, hier trotzdem ein gutes, friedliches Leben zu führen.

Kinder und Jugendliche können früh lernen, dass Freundschaften nicht an unterschiedlichen Haltungen zerbrechen müssen.

Bei Verhalten, welches uns auf den ersten Blick extrem erscheint, helfen Interesse und der Wunsch zu verstehen. Wir können mit unserem Teenagersohn überlegen, was die Beweggründe seines Freundes sein können, ihn ermuntern, diesem Fragen zu stellen. Kinder und Jugendliche können so früh lernen, dass Freundschaften nicht an unterschiedlichen Haltungen zerbrechen müssen.

Ein Teil vom Sackgeld, die Einnahmen vom Quartierflohmi oder ein paar Gegenstände des täglichen Gebrauchs: Bei vielen Kindern und Erwachsenen ist aktuell der Wunsch nach Engement, nach konkreter Unterstützung für die Ukraine gross. Anbei eine Liste an nationalen, internationalen und lokalen Organisationen, die Sie unterstützen können, sowie ein paar Tipps zum Helfen bei Kindern ganz konkret.

Krieg in der Ukraine: Wie können wir helfen?

Krieg bedeutet meist Tod, Zerstörung und unendliches menschliches Leid. Das setzt wohl vielen Kindern und Jugendlichen psychisch sehr zu. Wie können Eltern hier früh für Sicherheit sorgen und altersgerecht Ängste besprechen? Haben Sie konkrete Ansätze für verschiedene Altersstufen?

In der Beratung fokussieren wir auf das, was die Beratenden selber verändern können, und ermutigen sie, daran zu arbeiten. Das, was sie nicht verändern können, können sie versuchen zu akzeptieren und einen Umgang damit zu finden. Diese Grundhaltung passt auch zu Gesprächen zum Thema Krieg.

Wichtig ist zu verstehen, welche konkreten Ängste da sind.

Wichtig ist zu verstehen, welche konkreten Ängste da sind. Hat ein Kind Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt? Dann kann man zum Beispiel auf einer Karte zeigen, wie viele Kilometer zwischen uns und der Ukraine liegen. Leidet eine Jugendliche unter dem Leid der Menschen weit weg, verdient sie Anerkennung für ihre Empathie. Ausserdem kann die Erlaubnis hilfreich sein, dass es ihr hier in der Schweiz trotzdem gut gehen darf. Und vielleicht gibt es Aktionen, bei denen man etwas spenden kann, oder es besteht die Möglichkeit, gegen den Krieg zu demonstrieren. Das können Handlungen sein, welche aus der Ohnmacht wieder hinausführen. Je älter die Kinder sind, desto eher können wir auch über unsere eigenen Ängste sprechen und zeigen, wie wir mit diesen umgehen. 

Wann ist der Zeitpunkt für Eltern da, professionelle Hilfe zu holen? Was gibt es für Anlaufstellen neben dem Elternnotruf?

Wenn Kinder durch ihre Ängste im Alltag eingeschränkt werden, weil sie während mehrerer Nächte nicht mehr schlafen können, zum Beispiel. Oder sich nicht mehr von zuhause wegtrauen, weil sie Angst um die Familie haben, dann ist fachliche Hilfe angezeigt. Wir empfehlen dafür die lokalen Erziehung- und Jugendberatungsstellen. Bei Schulkindern kann auch die Schulsozialarbeit eine Anlaufstelle sein. Für telefonische Beratung von älteren Kindern und Jugendliche empfehlen wir #147 der Pro Juventute. Und wenn die Einschränkungen gravierend sind und über längere Zeit anhalten, kann psychologische Hilfe sinnvoll sein. Hier braucht es Zeit und Geduld für die Suche, bis man jemanden findet, die oder der Kapazität hat.

Anlaufstellen für Kinder und Eltern

  • Elternnotruf: Telefon: 0848 35 45 55 oder www.elternnotruf.ch
  • Erziehungs- und Jugendberatungsstellen: Hier empfiehlt sich eine Google-Suche für die nächste Anlaufstelle. Auf Tschau.ch gibt es eine Online-Beratung für Jugendliche
  • Hilfe von Pro Juventute: Telefon 147 oder www.147.ch (mit Chatfunktion)
  • Schulsozialarbeit: Jede Schule verfügt über eine oder mehrere Schulsozialarbeiter und -arbeiterinnen. Erkundigen Sie sich bei den Lehrpersonen oder bei der Schulleiterin, beim Schulleiter.

Meine Tochter wollte später noch wissen, ob Putin jetzt unsere Heizung abstellen werde. Gilt ein «Ich weiss es nicht» als Antwort? Wann und wie können Eltern sagen, dass sie selber ratlos sind, ohne das Kind zu sehr zu verunsichern?

Zum «ich weiss nicht» würde ich noch so viel Zuversicht wie möglich packen im Sinne von «…, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich». Ich rate nicht zum Lügen, denn das merken sich Kinder, und wir werden unglaubwürdig. Wenn es uns aber gelingt, einen konstruktiven Umgang mit unseren eigenen Ängsten zu finden, können wir diesen auch unseren Kindern weitergeben.  

Florina Schwander
mag Kinder, Geschichten, Pflanzen, Kaffee, Flipflops und Code. Sie ist Mutter einer Tochter und von Zwillingsjungs im Primarschulalter.

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