Wie bereiten wir unsere Tochter auf die erste Mens vor? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie bereiten wir unsere Tochter auf die erste Mens vor?

Lesedauer: 9 Minuten

Die erste Regelblutung ist ein wichtiges Ereignis im Leben eines Mädchens. Eltern können dabei viel zu einem entspannten Umgang mit der Menstruation beitragen. Wir haben für Sie Ideen und Denkanstösse gesammelt, wie Sie Ihre Tochter liebevoll auf dem Weg zur jungen Frau begleiten.

Stellen Sie, liebe Mutter, sich vor, Sie hätten sich so richtig fest auf Ihre erste Menstruation gefreut. Mit lachendem Herzen und einem warmen Gefühl im Bauch. Sie wären beim ersten Blut voller Stolz gewesen und Ihre Mutter, Grossmutter, Tanten und Gotte, Ihr Vater und Ihre Brüder hätten Sie in Ihrem neuen Lebensabschnitt als junge Frau herzlich willkommen geheissen. 

Das haben Sie wohl kaum so erlebt. In Frauenköpfen hocken ganz andere, häufig schambehaftete Bilder der ersten Blutung.

Dabei ist Menstruieren die natürlichste Sache der Welt. Ohne Mens, kein Mensch. Wir alle existieren, weil unsere Mütter einen Zyklus hatten. Mittlerweile haben Sie selbst eine Tochter und wünschen sich als Mutter wie auch als Vater, dass das irgendwie offener zu und her geht und auch etwaige Brüder die erste Mens ihrer Schwester als etwas Feierliches erleben. Nur wie? 

Wussten Sie, dass…

… eine Frau im Schnitt ungefähr 390 Menstruationszyklen durchlebt? Am Stück gerechnet blutet sie fast fünfeinhalb Jahre lang. Das sind rund 2000 Tage.

Wie und wann reden wir am besten darüber? Wie merken wir, dass es bald losgehen könnte? Welche Hygieneartikel eigenen sich besonders gut für junge Frauen und muss die Tochter nach der ersten Blutung bereits zur Gynäkologin? Wir haben bei zwei Expertinnen nachgefragt und für Sie viele wertvolle Tipps, Infos und Denkanstösse zusammengetragen. 

Die Eltern als Wegweiser

Stellen Sie, lieber Vater, sich folgende Szene vor: Ihre Partnerin hat ihre Tage, liegt gemütlich auf dem Sofa mit einer Wärmeflasche auf dem Bauch, umhüllt von einer flauschigen Decke. Ihre fünfjährige Tochter kuschelt sich an sie. Ihr achtjähriger Sohn bringt ihr eine heisse Tasse Tee.

Sie stehen in der Küche und kochen für Ihre Liebsten. Sie wissen, Ihre Partnerin mag es in diesen Tagen ruhig und sie drosselt das Alltagstempo der Familie herunter. Das schätzen Sie sehr. Schliesslich tun Pausen im hektischen Familienalltag allen gut. 

Liest sich das für Sie wie Science Fiction, doch Ihnen gefällt diese Vision? Dann tauschen Sie sich mit Ihrer Partnerin darüber aus und reden Sie auch mit anderen Vätern! Mit Ihrer Offenheit und Neugier stellen Sie eine wichtige Weiche für Ihre Tochter und für Ihren Sohn.

Wussten Sie, dass…

… das Gewicht von über 2100 weiblichen asiatischen Elefantenkühen in der Schweiz pro Jahr in Form von gebrauchten Wegwerfbinden in den Abfall geworfen wird?

«Es lohnt sich für die ganze Familie, wenn die Mutter ihre eigene Menstruation reflektiert, dabei den Partner involviert und beide gemeinsam nach Lösungen suchen, wie sie den Familienalltag in diesen Tagen organisieren wollen. Sie beschenken ihre Kinder dadurch mit einer positiven Wahrnehmung der Menstruation», sagt Josianne Hosner, 41. 

Die Zyklusmentorin und Buchautorin hat in ihren Kursen schon über 900 Frauen dabei begleitet, ein besseres und achtsameres Verständnis für ihren Zyklus zu entwickeln.

Mama machts vor
Wie stehen Sie zu Ihrer Mens?

 

 

  • Ist Ihnen dieses Thema wichtig, egal oder eher lästig?
  • Haben Sie Schmerzen?
  • Werden Sie von Ihrem Partner unterstützt?

Reden Sie mit Ihrer Familie offen darüber. So entwickeln alle ein gutes Gespür für Ihre Tage.

Aufklärung fängt bei den ganz Kleinen an

Es gibt eine Zeit im Leben, da begleiten uns Kleinkinder überall hin. Auch ins Badezimmer. Es ergibt sich dabei von alleine, dass das Kind Sie beim kleinen oder grossen Geschäft sieht. 

Warum also nicht auch ganz selbstverständlich die Binde, den Tampon oder die Menstruationstasse vor den neugierigen Kinderaugen wechseln? Sie zeigen damit, dass dies ein völlig natürlicher Vorgang ist, der zum Leben einer Frau gehört.

Möchte das Kleinkind von Ihnen wissen, was da genau passiert, könnte eine altersgerechte Erklärung gemäss Josianne Hosner so aussehen: «In meinem Bauch hat es eine kleine Höhle, die Gebärmutter. Das war auch deine Höhle, als du in mir drin gewachsen bist. Die ist ganz kuschlig und weich und rot. Einmal im Monat putzt sich die Höhle, damit sie wieder ganz gemütlich ist.»

Viele kleine Gespräche sind nachhaltiger

Die Menarche, wie die erste Menstruation in der Fachsprache genannt wird, setzt normalerweise zwischen dem 10. und 16. Lebensjahr ein. Das Durchschnittsalter liegt bei ungefähr 13 Jahren. 

Die Erfahrung von Josianne Hosner zeigt, dass viele kleine Gespräche über die Jahre verteilt, nachhaltiger sind, als ein einmaliges langes Gespräch kurz vor der ersten Blutung. Gerade Mädchen zwischen sieben und zehn Jahren erlebt sie meist als sehr offen. «Sie sind neugierig und gehen ziemlich unbeschwert mit dem Thema um.»

Zyklusmentorin Josianne Hosner hat in ihren Kursen schon über 900 Frauen begleitet.

In ihren Menstruations-Kursen für Mädchen nutzt sie diese Unbeschwertheit und lässt die Teilnehmerinnen beispielsweise einen Tampon ins Wasser legen und beobachten, wie er sich vollsaugt. Oder sie kreieren aus Knete eine Vulva. «Beides finden sie total spannend und nebenbei stellen sie völlig ungeniert ihre Fragen.»

Ein wichtiges Anliegen der Zyklusmentorin ist, dass Eltern die Worte Menstruation, Gebärmutter, Vagina oder Vulva schon ganz früh im Wortschatz von Kindern anwenden. «Das hilft ihnen, Selbstvertrauen und eine gute Beziehung zu ihrem Körper zu entwickeln.»

So kündigt sich die Menarche an

Mögen Sie sich als Mutter noch an die grosse Metamorphose Ihres Mädchenkörpers vor Einsetzen der ersten Regel erinnern? Stellen Sie als Vater staunend und vielleicht mit einer gewissen Wehmut fest, wie sich Ihr kleines Mädchen nach und nach verändert?

Fallen Ihnen diese Veränderungen als Eltern leicht oder haben Sie Mühe damit? Verständnis und viel Geduld mit dem wankelmütigen Teenager und auch mit sich selbst können vieles entschärfen.

Führen wir uns kurz vor Augen, was da alles passiert: Plötzlich riecht der Schweiss. Der zarte Flaum der Intim- und Achselhaare wird immer dichter und krauser. 

Es gehört zum Abnabelungsprozess, dass Mädchen sich beim Duschen nun zurückziehen, die Badezimmertüre verschliessen und eine gewisse Scheu entwickeln. Sie möchten sich eine Zeit lang nicht mehr nackt zeigen.

Die Brustknospen sind zu Beginn pickelhart und können richtig schmerzen. An Hüften, Oberschenkeln, am Po und Bauch setzt sich Fett an. Der ganze Körper wird runder und die Stimmung schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

«Die Menstruation beginnt, wenn der Körper eines Mädchens bereit ist und über genügend Fettanteil verfügt für eine mögliche Schwangerschaft», sagt Birgit Link. Die 47-jährige Gynäkologin arbeitet seit vielen Jahren in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich. 

«Es gibt Mädchen, die von Anfang an einen regelmässigen Zyklus haben. Andere brauchen zwei Jahre dafür», sagt Gynäkologin Birgit Link.

Ein wichtiger Hinweis ist der vorangehende Ausfluss. Dieser setzt mindestens sechs Monate vor der ersten Menstruation ein, kann aber auch schon mehrere Jahre davor auftreten. «Der Ausfluss ist weiss und durchsichtig und sollte nicht riechen. Ist er grünlich oder riecht ganz übel, sollte das von einer Fachperson abgeklärt werden», erklärt Birgit Link.

Eine weitere Faustregel lässt sich von der Entwicklung der Brüste herleiten: «Meistens kommt es eineinhalb bis drei Jahre nach der Brustknospenbildung zur ersten Menstruation. Das ist aber von Mädchen zu Mädchen verschieden», so die Frauenärztin.

Checkliste für ein Mens-Set
Damit ist Ihre Tochter sicher unterwegs:

  • Binden
  • Ersatzunterhose
  • Verschliessbarer Plastikbeutel
  • Parfümfreie Feuchttücher

Die Mens pendelt sich individuell ein

Ebenso unterschiedlich verläuft der Weg zu einer regelmässigen Menstruation. «Es gibt Mädchen, die von Anfang an einen regelmässigen Zyklus haben. Andere brauchen zwei Jahre dafür», sagt Birgit Link.

Grund für eine unregelmässige Menstruation können Stress, viel Sport oder eine sehr schlanke Körperkonstitution sein.

Wussten Sie, dass…

… die Kosten rund um die Periode eine Frau insgesamt rund 20’000 Franken kosten? Das entspricht dem Wert eines Kleinwagens.

Bei starken Schmerzen braucht es eine Fachperson

Die erste Menstruation sei kein Grund eine Gynäkologin aufzusuchen. «Eine Konsultation macht dann Sinn, wenn das Mädchen starke Schmerzen hat oder mit 16 Jahren ihre Menstruation noch nicht bekommen hat», sagt Birgit Link.

Die meisten jungen Frauen suchen sie auf, wenn es ums Thema Verhütung geht. «Es ist wichtig, dass Mädchen wissen, dass sie unmittelbar vor der ersten Blutung, bereits fruchtbar sind, da dieser ein Eisprung vorausgeht. Deshalb beim Sex immer ein Kondom benutzen, um nicht schwanger zu werden, auch wenn sie die Mens noch nicht hat. Und selbstverständlich auch, um sich vor Geschlechtskrankheiten zu schützen.»

Ihre Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit der jungen Frauen eine beschwerdefreie Menstruation erlebt. «Etwa ein Drittel spürt dabei Schmerzen. Bei drei bis fünf Prozent sind die Schmerzen sehr stark, so dass einzelne Mädchen davon ohnmächtig werden. Das muss man dann unbedingt anschauen und behandeln.»

Bücher-Tipps:

Blog- & Podcast-Tipps

  • Die Vision von www.erdbeerwoche.com ist es, allen Mädchen und Frauen einen selbstbestimmten und wertschätzenden Umgang mit ihrem Zyklus/Körper zu ermöglichen und Menstruation in unserer Gesellschaft als etwas Natürliches zu verankern.
  • Haben Sie eine starke Regelblutung? Hier finden Sie zahlreiche Blogbeiträge dazu: www.starke-regelblutung.ch
  • Podcast von Lena Lange auf Spotify: Wilde Weiblichkeit, Folge 1: Wieso dein Menstruationszyklus ein Geschenk ist. Zum Podcast gehts hier.

Geschenkideen zur Menarche

Wir haben in unserer Gesellschaft bis auf die Konfirmation der reformierten Kirche keine Rituale, die den Übergang vom Kind ins Erwachsenenleben sichtbar machen und festlich umrahmen. Eine Menarchefeier wäre eine wunderbare Gelegenheit, das zu ändern. 

Da wir hier kulturelles Neuland betreten, verlangt das von Eltern allerdings viel Fingerspitzengefühl. Es muss Ihnen und vor allem Ihrer Tochter wohl sein dabei und funktioniert nur, wenn Ihr Kind das auch will.

Das Alter bei der ersten Mens spielt ebenfalls eine Rolle: Mädchen mit zehn Jahren haben andere Bedürfnisse und Wünsche als eine 15-Jährige.

Eine Menarchefeier kann im ganz kleinen Rahmen mit den engsten Familienmitgliedern, ein paar Freundinnen oder als grosse Sause stattfinden. Ob mit oder ohne Fest, etwas schenken, können Sie auf jeden Fall.

Wie wärs zum Beispiel mit einer angekündigten Schatzkiste, die Sie über Jahre mit kleinen Geschenken füllen und am Tag der Menarche Ihrer Tochter überreichen? Hier ein paar Ideen aus Josianne Hosners Buch «Back to the roots».

Eine Schatzkiste zur Menarche
Feiern Sie die erste Mens!

  • Ein Tagebuch mit einem roten Stift
  • Eine Auswahl an Baumwoll- und Wegwerfbinden, eine schöne Menstruations-Unterhose
  • Eine rote Kerze
  • Einen feinen Frauentee
  • Eine Entspannungsanleitung mit Audiolink dazu
  • Eine Kuscheldecke
  • Eine Bettflasche mit einem flauschigen Überzug oder ein Kirschsteinsäcklein
  • Die Lieblingsschokolade
  • Briefe von Freunde und Freundinnen der Tochter, die sie ihr im Voraus geschrieben haben

Eine schöne Geste ist auch, wenn der Vater seiner Tochter etwas schenkt, beispielsweise einen Blumenstrauss, ein Armband, einen Brief oder auch einfach einen Vater-Tochter-Ausflug in freier Natur oder an ein Konzert. 

Indem Sie als Eltern die Menarche Ihrer Tochter nicht einfach ignorieren, sondern wertschätzen, beteiligen Sie sich daran, das Thema Menstruation auf familiärer wie auf gesellschaftlicher Ebene zu enttabuisieren, salonfähig zu machen und ja: zu feiern. Wäre das nicht grossartig? Legen wir los!

Maria Ryser
liebt grosse und kleine Kinder, zyklisch leben, Rilke, reinen Kakao, Klangreisen und Kreta. Die gebürtige Bündnerin arbeitet als Stv. Leiterin auf der Onlineredaktion und ist Mutter einer erwachsenen Tochter und zweier Söhne.

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Mens-Hygieneartikel im Überblick:

Ökologische Wegwerfbinden und Tampons: Im Unterschied zu herkömmlichen Produkten enthalten sie keine schädlichen Inhaltsstoffe, Weichmacher oder synthetische Parfüms. Es lohnt sich, hier genau hinzuschauen, schliesslich berühren Binden wie Tampons direkt die Schleimhaut. Ökologische Wegwerfbinden und Tampons werden mittlerweile von vielen Herstellern angeboten, sind im Supermarkt erhältlich und kosten pro Packung zwischen drei bis sieben Franken.

Baumwollbinden: Aus waschbarer Biobaumwolle, in verschiedenen Farben und Grössen. Die Binden müssen nicht von Hand ausgewaschen werden. An der Luft trocknen lassen und der nächsten 60 Grad Wäsche beilegen genügt. Gut zu wissen: Blut riecht nur im Kontext synthetischer Unterwäsche oder plastifizerter Binden schlecht. Sonst nicht! Baumwollbinden sind in verschiedenen Onlineshops erhältlich und kosten zwischen 10 bis 20 Franken.

Menstruations-Unterwäsche: Eine tolle Alternative für junge Mädchen! Sie sehen aus wie normale Unterhosen und fassen das Blutvolumen von ein bis drei Tampons. Es gibt sie in verschiedenen Modellen und mit verschiedenen Saugstärken. Sie eignen sich hervorragend als Back-up, wenn man noch nicht genau weiss, ob die Binden ausreichen oder wenn man Angst vor dem Auslaufen hat. Menstruations-Unterhosen sind in verschiedenen Online-Shops erhältlich und kosten zwischen 30 bis 40 Franken.

Menstruationstasse: Sie wird vaginal eingeführt, dockt direkt am Muttermund an und fängt so das Blut auf. Ist die Tasse voll, läuft das Blut einfach aus. Sie kann problemlos auch über Nacht eingeführt werden. Mit der Zeit entwickelt sich ein Gefühl für die volle Tasse. Es gibt sie in verschiedenen Modellen und Grössen. Eine gute Beratung lohnt sich, denn nicht jede Tasse passt zu jeder Frau! Die Menstasse braucht etwas Übung und eignet sich nicht als Einstieg für Mädchen. Aber gut zu wissen, dass es sie für später gibt! Langfristig handelt es sich nebst dem Mens-Schwämmchen um das kostengünstigste und umweltfreundlichste Mens-Produkt. Die Menstasse ist mittlerweile auch in Supermärkten erhältlich. Sie kostet in der Schweiz zwischen 15 und 70 Franken (Tipp: teuer heisst nicht automatisch besser) und hält mehrere Jahre. 

Mens-Schwämmchen: Das Schwämmchen wird mit lauwarmem Wasser nass gemacht und vaginal eingeführt. Zur Reinigung eignet sich lauwarmes Essigwasser. Es braucht etwas Übung und den Einsatz der Beckenbodenmuskulatur, das Schwämmchen wieder aus dem Körper rauszuholen. Als Hilfe kann ein reissfester Faden daran befestigt werden. Im Unterschied zur Menstasse aus Kunststoff handelt es sich um ein reines Naturprodukt. Der Schwamm ist ein Tier und daher nicht für Veganerinnen geeignet. Mens-Schwämmchen sind mittlerweile in Supermärkten erhältlich, kosten ungefähr drei Franken und halten mehrere Jahre.