Gamen: «Ein Verbot schlägt einen Keil in die Beziehung»
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«Ein Game-Verbot schlägt einen Keil in die Beziehung»

Lesedauer: 4 Minuten

Warum es Jugendliche manchmal schlicht nicht schaffen, selbst mit dem Gamen aufzuhören, und was es mit der «30 Minuten pro Tag»-Regel auf sich hat, weiss Präventionsexpertin Christina Thalmann.

Text: Mirjam Oertli
Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Frau Thalmann, sind Sie selbst eine Gamerin?

Nein, gar nicht. Durch meine beruflichen Aufgaben habe ich viele Games kennengelernt und realisiert, wie sehr sie einen in ihren Bann ziehen können. Dennoch spiele ich bis heute lieber Brettspiele.

Wie können Eltern die Gaming-Faszination ihres Kindes nachvollziehen, gerade wenn der eigene Bezug fehlt?

Man sollte sich unbedingt mit den Interessen des Kindes auseinandersetzen. Dabei geht es weniger ums Gamen als schlicht um Beziehungsarbeit. Auch wer gar keinen Zugang hat, sollte versuchen, einmal gemeinsam mit dem Kind in diese Game-Welt einzutauchen. Der Reiz lässt sich dann besser verstehen. Natürlich ist es nicht immer leicht, im Alltag Zeit dafür zu finden. Es kann sich aber lohnen – und ist letztlich eine Prioritätensache.

Gamen: «Ein Verbot schlägt einen Keil in die Elter-Kind-Beziehung»
Christina Thalmann leitet das Ressort Kindheit bei Akzent Prävention und Suchttherapie Luzern und ist zudem in diverse Projekte involviert, die die Jugendphase betreffen. Sie begleitet Lehrpersonen, Jugend- und Schulsozial­arbeitende der Primarstufe sowie Fach­personen aus Kinderheimen und ­-betreuung in der Präventionsarbeit.

Gut, man hat das Spiel kennengelernt, versteht den Reiz … Worauf sollte man nun achten?

Wichtig ist es, mit dem Kind von Anfang an Abmachungen zu treffen. Häufig hört man von Eltern, dass ihre Kinder 30 Minuten pro Tag gamen dürfen. Das kann funktionieren, doch stelle ich es mir brutal vor. Ich sage ja auch nicht: «Du kannst 30 Minuten lesen, dann nehme ich dir das Buch weg.»

Deshalb empfehle ich gemeinsam festgelegte Lösungen, die der Logik des Spiels entsprechen. Bei Mario Kart oder Fortnite könnte man die Anzahl Runden festlegen. Bei Minecraft liesse sich vereinbaren, dass der Ausstieg erfolgt, wenn es im Spiel Nacht wird. Oder, da Minecraft sehr zeitintensiv ist, dass es nicht jeden Tag, dafür am Wochenende länger gespielt werden darf.

Um so zu verhandeln, müssen Eltern das betreffende Spiel gut kennen.

Auch deshalb ist es wichtig, es sich zeigen zu lassen. Eltern sollten sich aber auch nicht den Stress machen, über jedes Detail Bescheid wissen zu müssen. Zumal es x Spiele gibt und laufend neue hinzukommen. Viele Informationen und Empfehlungen lassen sich zudem im Internet recherchieren.

Einmal getroffene Abmachungen sind von Zeit zu Zeit neu zu verhandeln.

Gibt es Dinge, die Eltern unterlassen sollten?

Es gibt nur zwei «Don’ts»: das strikte Verbot und den komplett unbegleiteten und unlimitierten Zugang. Gamen gehört zur Realität heutiger Kinder und ein Verbot schlägt einen Keil in die Eltern-Kind-Beziehung. Aber vor einer guten Begleitung und dem Aushandeln von Regeln zu Spieldauer und -inhalten sollte man sich auch nicht drücken. Allerdings sind einmal getroffene Abmachungen von Zeit zu Zeit wieder neu zu verhandeln.

Eignet sich Gamen auch als erzieherisches Mittel, beispielsweise in Form eines Verbots, weil nicht aufgeräumt wurde, oder als Belohnung für gute Leistungen?

Ich würde Gamen weder als Bestrafung noch als Belohnung einsetzen. Dies verleiht ihm nur mehr Wichtigkeit. Das Belohnen etwa von Schulnoten suggeriert zudem – bei weniger guten Noten – die Haltung: Du hast dich nicht angestrengt. Unterstützender wäre die Frage, wo noch Hilfe nötig ist. Ein Game-Verbot wäre aber allenfalls dann sinnvoll, wenn es auf eine Verletzung der Game-Regeln erfolgt, also eine logische Konsequenz darstellt.

Woran merken Eltern, wenn ein Game ihrem Kind nicht guttut?

Jüngere Kinder spielen oft Dinge nach, um sie zu verarbeiten. Es könnte also zu komischen Spielen oder Verhaltensauffälligkeiten kommen. Grössere Kinder schlafen vielleicht schlechter ein, sind gereizter oder fluchen ständig während des Gamens. Haben Eltern das Gefühl, es stimme etwas nicht, sollten sie nachfragen: «Mir scheint, du reagierst in letzter Zeit gereizter. Ist dir das auch aufgefallen?» Natürlich ist es dann kontraproduktiv, zu sagen: «Du erträgst dieses Spiel nicht, also streichen wir es.» Besser forscht man gemeinsam nach, welche Gefühle es auslöst und wie das Kind damit umgehen könnte.

Stehen Eltern dem Gamen kritisch gegenüber, könnte eine solche Haltung schwer einzunehmen sein.

Haben Eltern Vorbehalte gegenüber einem bestimmten Game, sollten sie diese dem Kind erläutern – auch für den Fall, dass es das Game dann bei Freunden spielt. Ansonsten hilft den Eltern vielleicht der Gedanke, dass viele Spiele auch bestimmte Fähigkeiten trainieren, etwa strategisches Denken, Geschicklichkeit oder Kreativität. Tröstlich sein kann zudem das Bewusstsein, dass neue Medien schon immer erst Angst ausgelöst haben. Früher hatte der Fernseher einen ähnlichen Effekt auf ganze Elterngenerationen. Noch früher glaubte man an negative Auswirkungen durch das Lesen von Romanen.

Manche Eltern sind wohl trotzdem hin und wieder nah dran, die Konsole aus dem Fenster zu schmeissen.

In der Hitze des Gefechts ist das verständlich. Wichtig ist aber, das Kind nicht auf sein Game-Verhalten zu reduzieren, sondern es ganzheitlich anzuschauen. Schläft es genug, sind seine schulischen Leistungen im Rahmen, trifft es Freunde – oder steht das Gamen über allem? Schaut man das Kind so an, merkt man oft, dass gar nicht alles so schlecht läuft.

Wann ist dennoch der Moment gekommen, um den sprichwörtlichen Stecker zu ziehen?

Man weiss, dass der Hirnumbau während der Pubertät in vollem Gang ist. Dabei wird der präfrontale Kortex, der für Kontrolle und Planung zuständig ist, erst spät voll ausgebildet. Auch schüttet Gamen Hormone aus, die Glücksgefühle erzeugen. Etwa Dopamin, das bei Jugendlichen stärker als bei Erwachsenen auf das emotionale System wirkt. Das erklärt eine teilweise mangelnde Impulskontrolle und unausgeglichenes Verhalten.

Kinder lernen mehr durch Vorleben als durch tausend Worte.

Dieses Wissen hilft Eltern, mehr Verständnis aufzubringen. Sie können noch so sagen: «Du hast morgen einen Test», die Jugendlichen schaffen es nicht, auszuschalten. Den Stecker ziehen würde ich trotzdem nicht, sondern weiterhin das Gespräch suchen und die Jugendlichen auch mal Konsequenzen erfahren lassen. Dann gehen sie eben unvorbereitet zum Test. Wichtig ist, danach zu schauen: «Wie bekommst du das künftig in den Griff?»

Wie steht es um die Vorbildwirkung?

Sie ist enorm wichtig! Kinder lernen mehr durch Vorleben als durch tausend Worte. Deshalb sollten wir auch als Erwachsene die Handyregeln einhalten, die für unsere Kinder gelten. Man kann Kindern aber auch schon früh zeigen, was man selbst am Handy macht. So sehen sie, dass es nicht nur Fun-Faktor, sondern auch ein Arbeitsgerät ist. Gerade deshalb fällt es uns ja auch oft schwer, es wegzulegen. Sind wir wieder mal selbst in die Falle getappt, sollten wir das auch zugeben. Wenn wir uns auf diese Art als Familie immer wieder mit dem Thema auseinandersetzen, lernen alle dabei.

Mirjam Oertli
ist freie Journalistin und Buchautorin («Wer auf dem Handy kein gratis Internet hat, ist tot!», «Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!»). Sie ist Mutter von zwei Teenagern und einem Primarschulkind und lebt mit ihrer Familie in Luzern.

Alle Artikel von Mirjam Oertli

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