«Lehrpersonen müssen Entwicklungsspezialisten sein» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

«Lehrpersonen müssen Entwicklungsspezialisten sein»

Lesedauer: 9 Minuten

Der Entwicklungspädiater Oskar Jenni ist überzeugt, dass Fachpersonen in der Schule ein breites Wissen über die kindliche Entwicklung brauchen, um angemessen auf Kinder zu reagieren. Deshalb hat er ein Buch für sie geschrieben – und für Eltern.

Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Filipa Peixeiro  / 13 Photo

Herr Jenni, Sie haben vor Kurzem das Buch «Die kindliche Entwicklung ­verstehen» publiziert. Nennen Sie uns eine Kernaussage?

Das Buch gibt einen Überblick über die Entwicklung von der Geburt bis in das Erwachsenenalter und vermittelt Entwicklungswissen an Fachpersonen, aber auch an Eltern. Die Kernaussage ist, dass jedes Kind einzigartig ist und über ganz viele verschiedene Facetten verfügt.

Grundsätzlich gilt, dass sich Kinder nicht über ihr individuell angelegtes Entwicklungspotenzial hinaus entwickeln können.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater

Diese sind beim einzelnen Kind nicht alle gleich ausgeprägt und entwickeln sich unterschiedlich schnell. So kann etwa ein Erstklässler in seinen ko­­gnitiven Fähigkeiten bereits auf dem Stand eines Achtjährigen sein, in seinem Sozialverhalten aber auf dem eines jungen Kindergartenkindes.

Warum entwickeln sich Kinder so unterschiedlich?

Die Verschiedenartigkeit entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen der genetischen Anlage und der Umwelt. Die Anlagen bestimmen dabei ein maximales Entwicklungspotenzial, das ein Kind bei günstigen Lebensbedingungen verwirklichen kann. Sind die Umweltbedingungen ungünstig – wenn zum Beispiel die Eltern psychisch krank sind –, dann wird nur der untere Grenzbereich ausgeschöpft.

Grundsätzlich gilt, dass sich Kinder nicht über ihr individuell angelegtes Entwicklungspotenzial hinaus entwickeln können. Ich bin in den letzten 20 Jahren durch ­meine Beratungstätigkeit von Familien und Fachpersonen zur Überzeugung gelangt, dass man auf ein fundiertes Entwicklungswissen zurückgreifen können sollte, um Kinder und Jugendliche «lesen» und verstehen zu können.

Es geht in meinem Buch nicht darum, konkrete Ratschläge zu geben, denn jede Situation und jedes Kind ist anders. Aber es soll eine wissenschaftlich fundierte Grundlage von Entwicklungswissen bieten, die den Umgang mit dem Kind begründen kann.

Die stellvertretende Fritz+Fränzi-Chefredaktorin Evelin Hartmann im Gespräch mit Oskar Jenni. Der Kinder- und Jugendarzt leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungs­pädiatrie am Universitäts-­Kinderspital Zürich; Jenni ist zudem ausserordentlicher Professor ad personam für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsgebieten zählt die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen ausserdem Leiter der «Akademie. Für das Kind».
Die stellvertretende Fritz+Fränzi-Chefredaktorin Evelin Hartmann im Gespräch mit Oskar Jenni. Der Kinder- und Jugendarzt leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungs­pädiatrie am Universitäts-­Kinderspital Zürich; Jenni ist zudem ausserordentlicher Professor ad personam für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsgebieten zählt die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen ausserdem Leiter der «Akademie. Für das Kind».

Geben Sie uns bitte ein konkretes ­Beispiel.

Nehmen wir an, ein Kind hatte bis in den Kindergarten wegen einer Sprachentwicklungsstörung eine logopädische Therapie. Weil es ­schöne sprachliche Fortschritte ­zeigte, wurde die Logopädie ausgesetzt. In der Schule bemerken nun aber die Lehrpersonen zunehmende Konzentrationsschwächen und Verhaltensauffälligkeiten. In solch einer Situation sind Kenntnisse über den Verlauf einer Sprachentwicklungsstörung hilfreich, damit man angemessen mit den kindlichen Problemen umgehen kann.

Viele dieser Kinder zeigen mit zunehmendem Alter zwar einen mehr oder weniger normalen sprachlichen Ausdruck, aber ihr Verständnis für die Sprache und ihr Gedächtnis bleiben oftmals schwächer. Eine Lehrperson muss Entwicklungsspezialistin sein. So kann sie entsprechend reagieren und das Konzen­trationsdefizit des Kindes einordnen. 

Wie macht sie das?

Indem die Lehrperson versucht, komplizierte Instruktionen oder Ausdrücke zu vermeiden, oder vermehrt nachfragt, um sich zu versichern, dass das Kind alles verstanden hat. Auch wird sie ein betroffenes Kind bewusster beim Sprechen anschauen. Oder auch Beispiele zu einer Aufgabe vorzeigen und nicht nur mündlich erklären.

«Es besteht ein Spannungsfeld zwischen kindlicher Variabilität und den Anforderungen von uns Erwachsenen», sagt Oskar Jenni.

Wann entwickelt sich ein Kind aus Sicht eines Entwicklungspädiaters normal?

Wenn es sein Entwicklungspotenzial verwirklichen kann, keine Verhaltensauffälligkeiten zeigt und es ihm gut geht. Diese Beschreibung beruht weder auf Entwicklungsnormwerten noch bezieht sie sich auf die Erwartungen des Umfeldes – sie orientiert sich vielmehr am Kind selbst.

Man muss akzeptieren und anerkennen, was das Kind zu leisten vermag – und wozu es aufgrund seines individuellen Entwicklungsstandes noch nicht bereit ist.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater

Selbstverständlich gibt es auch gestörte Entwicklungsverläufe. So spricht man zum Beispiel bei einem IQ von unter 70 von einer geistigen Entwicklungsstörung, die bei etwa zwei Prozent aller Kinder auftritt. Diese Kinder zeigen häufig auch Verhaltensstörungen und leiden darunter; daher benötigen sie gezielte Unterstützung und entsprechende Förderung durch Fachpersonen.

Was unterscheidet eine ­Entwicklungsverzögerung von einer Entwicklungsstörung?

Von einer Entwicklungsverzögerung spricht man beim jungen Kind, wenn noch nicht klar ist, ob es den Rückstand nicht doch noch aufholt. Auch sind in der frühen Kindheit Entwicklungsprognosen wegen der grossen Variabilität der Entwicklung meist noch unzuverlässig.

Bei einer Entwicklungsstörung geht man generell davon aus, dass die zeitliche Abweichung des Entwicklungsalters vom Lebensalter bestehen bleibt. Aber unabhängig davon, ob es sich um eine diagnostizierte Störung oder eine leichte Entwicklungsauffälligkeit handelt: Wie sich eine Beeinträchtigung im Alltag konkret auswirkt, hängt vom sozialen Verhalten des Kindes, aber auch ganz wesentlich von den Erwartungen und Anforderungen des Umfeldes ab.

Sie sprechen das von Ihrem Vorgänger Remo Largo entwickelte Fit-Prinzip an.

Genau. Stimmen die Anforderungen und Erwartungen mit den individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten überein, fühlt sich das Kind wohl, ist selbst aktiv und gewinnt an Selbstwertgefühl. Diese Passung herzustellen, ist die grosse Herausforderung im Alltag mit Kindern.

Wie kann das gelingen?

Indem wir uns Wissen über die kindliche Entwicklung aneignen, um das Verhalten des Kindes einordnen zu können. Wir müssen uns auf ein Kind einlassen, es in verschiedenen Kontexten erleben, ihm zuhören, es beobachten. Man muss akzeptieren und anerkennen, was das Kind zu leisten vermag – und wozu es aufgrund seines individuellen Entwicklungsstandes noch nicht bereit ist.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Nehmen wir ein achtjähriges Kind, das nicht vor 22 Uhr einschlafen kann. Es ist eine sogenannte Eule, seine biologische Uhr ist so eingestellt. Die Erwartung der Eltern ist aber, dass das Kind bereits um 21 Uhr ins Bett geht, damit es am nächsten Tag für die Schule fit ist. 

Mit welchen Folgen?

Die Erwartungen der Eltern passen nicht zu den biologischen Eigenheiten des Kindes. Es wird den Eltern signalisieren, dass die Bettzeit zu früh ist und es noch nicht müde ist. Es wird aufstehen, die Aufmerksamkeit der Eltern beanspruchen und durch die Wohnung geistern. Konflikte sind somit programmiert.

Was raten Sie den Eltern?

Dass sie die Erwartungen an die Eigenheiten des Kindes anpassen und eine spätere Bettzeit zulassen. Sie könnten zum Beispiel sagen: «Du darfst noch aufbleiben, bis 21.30 Uhr in deinem Zimmer lesen oder spielen und dann löschen wir das Licht.»

Haben Sie noch ein Beispiel des Fit-Konzepts aus dem schulischen Kontext?

Ein Kind, das kognitiv schwächer ist, ist in der Regel nicht in der Lage, mathematische Konzepte gleich schnell zu verstehen wie ein kognitiv stärkeres Kind. Die Lehrperson benötigt daher didaktische Strategien, die an den Entwicklungsstand und das individuelle Entwicklungsprofil des Kindes angepasst sind.

Idealerweise begleitet sie das Kind in «der Zone der proximalen Entwicklung» – wie der russische Entwicklungspsychologe Lew Wygotski es genannt hat. Darunter versteht man die Spannbreite zwischen den spontanen Fähigkeiten eines Kindes und seinem möglichen Entwicklungspotenzial, das es mit einer guten Lernumgebung und Unterstützung der Lehrpersonen erreichen kann.

Nun ist es für Eltern und auch ­Lehrpersonen oftmals schwer, diese von Ihnen beschriebene Passung ­herzustellen. So muss das Eulen-Kind, das gerne spät ins Bett geht, trotzdem morgens aufstehen, wenn der Wecker klingelt. Und spätestens ab der 3. Klasse gibt es Noten, die den ­Leistungsstand der Kinder bewerten.

Es besteht tatsächlich eine Spannung zwischen der Variabilität der Kinder und den Anforderungen von uns Erwachsenen. Die Gesellschaft ­sollte aber bereit sein, einen Schritt auf die Kinder zuzugehen. Das ist nicht unmöglich.

Ich freue mich zum Beispiel sehr, dass man in vielen Kantonen darüber diskutiert, ob man nicht den Schulbeginn am Morgen verschieben sollte, damit er besser mit den biologischen Eigenheiten der Kinder und Jugendlichen übereinstimmt.

Und zu den Noten: Ich würde mir wünschen, dass die Kinder mit sanfteren Methoden an ihr Stärken- und Schwächen-Profil herangeführt werden als mit einer frühen Selektion in der Primarschule und einem starren Notensystem.

Aber regelmässige Rückmeldungen von den Lehrpersonen zur Leistung des Kindes sind doch wichtig?

Natürlich. Das Selbstkonzept eines Kindes – also die Vorstellung über sich selbst, seine Merkmale, Fähigkeiten, Neigungen und Interessen – entwickelt sich durch Vergleiche mit anderen und aufgrund von Leistungsrückmeldungen der Lehrpersonen. Das ist wichtig, damit sich ein Kind zu einem authentischen Menschen entwickeln kann.

Bei den Rückmeldungen an das Kind ist aber entscheidend, welche Vergleichsnormen herangezogen werden. Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass eine Berücksichtigung des individuellen Entwicklungsstandes für die Ausbildung des Selbstkonzeptes und das Leistungsvermögen eines Kindes förderlicher ist, als wenn die kindliche Leistung in einer Gruppe von Gleichaltrigen einfach mit Noten bewertet und mit festgelegten Lernzielen verglichen wird. Dazu ist es wichtig, den Entwicklungsstand und das Entwicklungsprofil des einzelnen Kindes zu kennen.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem Eltern, die sich wegen des Verhaltens ihres Kindes sorgen, eine ­Expertenmeinung einholen sollten?

Wenn sich Eltern Sorgen machen, sollten sie lieber früher als später eine Beratung in Anspruch nehmen. Und vielleicht ist dann ja auch eine Abklärung des Kindes angezeigt; diese kann durchaus helfen, ein Kind zu verstehen, sein Verhalten einzuordnen und zu wissen, wo es in seiner Entwicklung steht.

Eine aktive, von den Eltern ausgehende Förderung beeinträchtigt die kindliche Lernbereitschaft.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater

Eine Abklärung bedeutet nicht unbedingt, dass in der Folge unmittelbar eine Massnahme oder Therapie notwendig ist. In einem ersten Schritt geht es immer auch darum, das Umfeld an das individuelle Entwicklungsprofil des Kindes heranzuführen und dabei die Erwartungen sowie Anforderungen anzupassen.

Von Ihnen stammt die Aussage, dass Eltern nur einen geringen Einfluss auf den Werdegang ihrer Kinder haben. Wie erklären Sie dann, dass so viele Buben und Mädchen aus ­Akademikerfamilien das Gymnasium besuchen und nur wenige Kinder von bildungsfernen Eltern?

Wenn ein Kind intensiv gefördert wird und zusätzliche Nachhilfe erhält, dann ist die Wahrscheinlichkeit natürlich grösser, dass es die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium besteht. Diese Möglichkeiten haben Akademikerfamilien eher, die über die notwendigen finanziellen Mittel und Zeitressourcen verfügen. Dazu kommt, dass das genetische Potenzial bei Kindern aus Akademikerfamilien in der Regel höher ist als bei Kindern aus bildungsfernen Familien.

Was für das eine Kind ideal sein mag, kann für ein anderes völlig unpassend sein.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater

Doch der Schulerfolg sagt noch nichts über den späteren Berufserfolg und vor allem über die Lebensqualität im Erwachsenenalter aus. Studierende, die sich nur mit Fleiss und knapp genügenden Noten durch ein Studium kämpfen, werden es auch im Berufsleben nicht einfach haben und unter Druck stehen.

Haben wir Eltern denn überhaupt einen Einfluss?

Selbstverständlich haben wir eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung unserer Kinder. Besonders zentral ist, dass wir ihnen ein ­vertrautes, verfügbares, verlässliches und liebevolles Umfeld bieten. Eltern sollten Interesse an den Aktivitäten eines Kindes zeigen, ihm Fragen dazu stellen und Impulse geben.

Aber eine übermässige Kontrolle ist nicht angezeigt, denn eine aktive, von den Eltern ausgehende Förderung beeinträchtigt die kindliche Lernbereitschaft. Eltern sollten auch verfügbar sein, wenn die Kinder älter werden.

Kinder suchen den Austausch mit ihren Eltern, besonders dann, wenn sie negative Erlebnisse erfahren haben, in Schwierigkeiten geraten sind oder ihre schulische und berufliche Zukunft planen wollen. Sie brauchen dabei Gelegenheiten für Gespräche und den Rückhalt bei den Eltern, die aber nicht versuchen sollten, sie in ihrem Denken, ihren Gefühlen und Zielen zu beeinflussen.

Gemäss Prognosen werden in der Schweiz in 20 Jahren 60 Prozent der Jugendlichen einen höheren ­Bildungsabschluss haben. Wie ­beurteilen Sie dies?

Ich sehe eine solche Entwicklung durchaus kritisch. Mit diesem Bestreben werden die nichtakademischen Berufe ihre gesellschaftliche Anerkennung zunehmend verlieren. Man unterteilt dann in gute und schlechte Berufe, in eine gute und eine schlechte Ausbildung. Nur noch ein höherer Bildungsabschluss gilt dann als wirklich wertvoll und erstrebenswert.

Die Gesellschaft täte gut daran, die Unterschiede unter Kindern und Jugendlichen anzuerkennen – anstatt sie als störend zu betrachten.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater

Diejenigen Kinder mit einer «schlechten» Bildung sind die Verlierer. Ich bin der festen Überzeugung: Es muss nicht jedes Kind ein Akademiker werden, um ein zufriedenes, gelingendes Leben führen zu können. 

Nun wollen Eltern in der Regel das Beste für ihr Kind. Doch was ist, wenn die eigenen Vorstellungen nicht dem entsprechen, was das Kind ausmacht und zu leisten vermag? Was sagen Sie den Eltern?

Dass sie ihre Erwartungen an die kindlichen Eigenschaften und Fähigkeiten anpassen sollen. In der Beratung versuche ich stets, verschiedene Aspekte mit den Eltern zu besprechen: Wie sehen der Tagesablauf und die Wochenenden aus? Welche Erwartungen haben sie an das Kind? Wie schätzen sie seine Fähigkeiten und seine Entwicklung ein? Wie fördern sie das Kind konkret? Wie oft? Wir versuchen dann, einen gemeinsamen Weg zu finden, damit die Kinder nicht unter Druck geraten und die Eltern zugleich gelassen sein können.

Während der Corona-Pandemie haben familiäre Spannungen zugenommen. Gerade Jugendliche haben unter der Situation gelitten.

Die Jugendlichen haben das Bedürfnis, sich von den Eltern abzulösen, neue Erfahrungen unabhängig von den Eltern zu machen und selbst zu entscheiden. Diese wohl wichtigste Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz war ihnen im letzten Jahr praktisch verwehrt. Sie waren zu Hause richtiggehend eingesperrt.

Es war zwar ein Austausch über die sozialen Medien möglich, aber dieser kompensierte den Austausch im realen Leben in keiner Art und ­Weise. Jugendliche wollen Aussergewöhnliches erleben, es fehlten diese Momente mit den starken Gefühlen. Das war hart, aber ich bin zuversichtlich, dass wir bald wieder eine Normalität erlangen.

Gibt es etwas, das Sie sich für die ­Kinder und Jugendlichen wünschen?

Die Gesellschaft täte gut daran, die Unterschiede unter Kindern und Jugendlichen anzuerkennen – anstatt sie als störend zu betrachten. Kinder entwickeln sich dann am besten, wenn ihre vielfältigen Eigenschaften und Fähigkeiten mit den Anforderungen und Erwartungen der Umwelt übereinstimmen.

Eine Voraussetzung dafür ist, dass es für jedes Kind viele verschiedene Umwelten und Möglichkeiten gibt. Tatsächlich lehren uns die Modelle der kindlichen Entwicklung, dass es nicht eine einzige bestmögliche Umwelt für alle Kinder gibt, sondern unterschiedliche Umwelten mit den verschiedenen Anlagen zusammenwirken.

Mit anderen Worten: Was für das eine Kind ideal sein mag, kann für ein anderes völlig unpassend sein. Aus diesem Grund wünsche ich mir, dass wir der jungen Generation viele verschiedene Umwelten anbieten, in denen möglichst alle Heranwachsenden in einer vielfältigen Art und Weise wertvolle Leistungen einbringen können.

Buchtipp:

Oskar Jenni: Die kindliche ­Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer 2021, 472 Seiten, ca. 70 Fr. 
Oskar Jenni: Die kindliche ­Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer 2021, 472 Seiten, ca. 70 Fr. 

Evelin Hartmann
ist stellvertretende Chefredaktorin von Fritz+Fränzi. Sie wohnt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Luzern.

Alle Artikel von Evelin Hartmann

Mehr zum Thema Entwicklung:

Advertorial
Geschenktipp: Filmmusik-Konzert
Die einzigartige Magie des Disney-Klassikers «Die Eiskönigin – völlig unverfroren» zusammen mit der bewegenden Filmmusik live gespielt vom 21st Century Orchestra & Chorus im KKL Luzern hinterlässt bei Klein und Gross leuchtende Augen. «Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt» (Schneemann Olaf) – und auch manche Filme: Mit dem grossartigen Welterfolg «Die […]
Entwicklung
«Eltern sollten mehr über die kindliche ­Entwicklung wissen»
Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch stellt fest, dass Eltern psychische Erkrankungen bei ihren Kindern schlecht erkennen. Er nennt die Gründe für deren Zunahme und sagt, was Mütter und Väter tun können.
Erziehung
«Wenn wir Eltern Lern-Polizisten spielen, erreichen wir nichts»
Stress und Noten demotivieren viele Kinder und hindern sie am Lernen, sagt der Entwicklungspsychologe Moritz Daum im Monatsinterview.
Elternbildung
Vortragszyklus Kosmos Kind: Alle Daten und Infos
Die Stiftung Elternsein, Herausgeberin des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi, lanciert mit der «Akademie. Für das Kind» den Vortragszyklus «Kosmos Kind».
Video
Mythen und Fakten zur Kindheit
«Die kindliche Entwicklung verläuft auf unterschiedlichen Ebenen – und bei jedem Kind unterschiedlich schnell», sagt Oskar Jenni. Der Co-Leiter Entwicklungspädiatrie am Zürcher Kispi über Mythen und Fakten zur Kindheit.
Podcast
Früh geboren – späte Folgen?
«Wie entwickeln sich Frühchen?» Bea Latal ist Co-Leiterin der Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals, Zürich. Sie hat sich auf Entwicklungsrisiken spezialisiert. Im Vortrag gibt sie alltagsnahe Tipps, was frühgeborene Kinder stärkt.
Podcast
Der Medienalltag von Kindern
«Eltern und Pädagogen können viel dazu beitragen, dass Kinder Medienkompetenz entwickeln», sagt Daniel Süss.
Podcast
Kinder beim Lernen begleiten
«Positive Beziehungen sind die Basis für die Entwicklung von Kindern», sagt Sonja Perren. Die Professorin für Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit lehrt unter anderem an der Uni Konstanz.
Kindergarten
«Kinder möchten mit Kindern zusammen sein, nicht mit Erwachsenen»
Entwicklungs­psychologin Claudia M. Roebers erklärt, inwiefern Frühförderung oft falsch verstanden wird, was an unseren Schulen schiefläuft und warum Erziehende heute einen schwereren Job haben als vor 30 Jahren.
Entwicklung
«Schüler profitieren, wenn sie mehr Verantwortung erhalten»
Teenager könnten viel von Gleichaltrigen lernen und Lehrpersonen müssten lernen, sich zurückzuhalten, sagt die Schweizer Lehrerin Renée Lechner im Interview.
Entwicklung
Vorschulkinder können intuitiv multiplizieren und dividieren
Die Forschung in der Entwicklungspsychologie zeigt, dass Vorschulkinder, Kleinkinder und sogar Neugeborene über einige wirklich erstaunliche Zahlenfähigkeiten verfügen.
Entwicklung
Mobbing reduzieren durch Sozialunterricht
Das Fördern der sozialen Verantwortung im Schulunterricht könnte Aggressionen und Mobbing unter Schulkindern reduzieren.
Entwicklung
Mein Bruder, der Draufgänger
Ob Geschwister sich gegenseitig beeinflussen, hängt vor allem von ihrer Beziehung ab. Das gilt auch für ihr Risikoverhalten.
Entwicklung
Familienpolitik im Fokus
Welche Entwicklungen prägten die Familienpolitik hierzulande? Wo steht sie heute und wo muss sie handeln? Diese und weitere Fragen beleuchtet das neue, über 400 Seiten starke Werk «Familienpolitik in der Schweiz».
Entwicklung
Wie können Eltern ihren Teenies zu mehr Schlaf verhelfen?
Teenager können nichts dafür, dass sie morgens todmüde sind und nicht aus den Federn kommen, sagt die Schlafforscherin Joëlle Albrecht. Doch Eltern können einiges für die Schlafhygiene ihrer Kinder tun.
Entwicklung
Eine gute Beziehung aufbauen – 5 Tipps für Lehrpersonen und Eltern
Heranwachsende befinden sich in einer Phase, in welcher sie sich oft ganz bewusst von Erwachsenen abgrenzen. Wie gelingt es, trotzdem eine gute Beziehung aufzubauen? Die Antworten des Lehrers Beat Schelbert.
Entwicklung
Generation Corona
Die Pubertät ist ein spannender Lebensabschnitt. Und ein herausfordernder. Umso mehr, wenn eine Pandemie wichtige Entwicklungsaufgaben erschwert. Wie also gelingt Erwachsenwerden? Und welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Entwicklung
«Ich habe meine Kollegen wahnsinnig vermisst»
Hedi Sucksdorff, 14 Jahre, aus Schindellegi SZ hat eine 12 Jahre alte Schwester und lässt ihre ­Gefühle gerne beim Thaiboxen raus.
Entwicklung
Wann beginnt die Pubertät?
Eine Frage, die die Wissenschaft beschäftigt, ist: Beginnt die Pubertät tatsächlich immer früher?
Entwicklung
«Ich war echt froh, als das Training wieder losging»
Nils Zimmermann, 14 Jahre, lebt mit seiner Schwester und seinen Eltern in Schindellegi SZ. Während der Corona-Einschränkungen hat er am meisten seine Kollegen und das Fussball spielen vermisst. Später möchte er Architekt werden.
Entwicklung
«Zusammen mit meinen Freunden habe ich viel Scheiss gebaut»
Nadja Bader, 16 Jahre, aus Brienz BE hat eine Schwester und einen Bruder und möchte später als Sozialarbeiterin anderen Jugendlichen helfen.
Entwicklung
«Als es hiess, die Schule macht zu, fanden wir das super»
Nils Duff, 15 Jahre, lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder in Bern. Er spielt leidenschaftlich gern Unihockey.
Entwicklung
Wie Eltern und Gene prägen
Wie ein Kind sich entwickelt, hängt von einem komplexen Zusammenspiel zwischen seinen Erbanlagen und Umweltfaktoren ab.
Gesellschaft
Kindergarten: Spannende Bücher für Eltern & Kinder
Wir haben ausgewählte Bücher rund um den Kindergarten für Sie zusammengestellt. Viel Spass beim Stöbern!
Elternbildung
«Eltern müssen ihre Kinder viel mehr führen» 
Platz 2 / Best-of 2021: Der Neuropsychologe Lutz Jäncke zeichnet in seinem neuen Buch ein düsteres Zukunftsbild und fordert von den heutigen Eltern viel Engagement.