Mein Bruder, der Draufgänger - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Mein Bruder, der Draufgänger

Lesedauer: 5 Minuten

Ob Geschwister sich gegenseitig beeinflussen, hängt vor allem von ihrer Beziehung ab. Das gilt auch für ihr Risikoverhalten.

Text: Juanita Bawagan
Bild: Rawpixel.com

Die Forschung zeigt: Wir schauen viel von unseren älteren Geschwistern ab – gute wie schlechte Gewohnheiten und möglicherweise auch die Art und Weise, wie wir Risiken bewerten. Wie Forscher nämlich in einer neuen US-Studie herausgefunden haben, können sich das Verhalten und die Hirnmuster von Kindern verändern, wenn sie das Risikoverhalten ihrer älteren Geschwister beobachten. Der Einfluss hängt jedoch von der Beziehung zwischen den Geschwistern ab.

Geschwister können den Rat geben, der nötig ist, um einen jungen Menschen durch die Adoleszenz zu führen.

Forscherin Christy Rogers

«Geschwister beeinflussen sich gegenseitig auf verschiedenen Ebenen, das betrifft auch das Gehirn», sagt Studienleiterin Christy Rogers, Assistenzprofessorin im Bereich Ent­wicklung und ­Familienforschung an der Texas Tech University in den USA. Laut Rogers hat sich die Geschwisterforschung bisher hauptsächlich auf Umfragen gestützt. Diese bieten zwar wertvolle, aber unter Umständen limitierte Erkenntnisse. Demgegenüber konnten die US-­Forscherin und ihr Team nun erstmals in Echtzeit aufzeigen, wie sich Geschwister in ihrem Verhalten gegenseitig beeinflussen. Dabei hat das Team ausserdem neue Erkenntnisse über neurobiologische Wirkungen gewonnen.

Juanita Bawagan ist freischaffende Wissenschafts­journalistin und Kommunikatorin. Ihre Artikel sind in verschiedenen Medien erschienen, darunter BBC Science Focus, Science und Motherboard sowie ­führenden Forschungsorganisationen. Sie hat an der Carleton University in Kanada Journalismus studiert und verfügt über einen Master in Wissenschafts­kommunikation des Imperial College London.

Die im Journal of Research on Adolescence veröffentlichte Studie umfasste 43 Geschwisterpaare, von denen das ältere Kind zwischen 14 und 17 Jahre alt war und das jüngere zwischen 11 und 13. Um ihr Risikoverhalten zu testen, liessen die Forscherinnen die Geschwister getrennt ein Fahrsimulationsspiel spielen. Anschliessend sahen sich die jüngeren Kinder eine Aufnahme ihres älteren Geschwisters beim Spielen an, während eine funktionelle Magnetresonanztomografie durchgeführt wurde. Danach wurden die jüngeren Kinder aufgefordert, nochmals zu spielen. Beim zweiten Mal ahmten die Kinder das Risikoverhalten ihrer älteren Geschwister nach. Das heisst, sie gingen mehr Risiken ein, wenn ihr Geschwister hohe Risiken eingegangen war, oder spielten vorsichtiger, wenn ihr Geschwister auf Sicherheit gesetzt hatte.

Ähnliche Wertvorstellungen bewirken ähnliches Verhalten

Bei der Untersuchung der Hirnscans der jüngeren Geschwister fanden Rogers und ihre Kollegen heraus, dass Kinder, die nach eigener Aussage ihre älteren Geschwister bewunderten, ähnlichere Hirnmuster aufwiesen. Insbesondere war die neuronale Aktivität im ventromedialen präfrontalen Cortex ähnlicher. Dieser Bereich im Gehirn wird mit der Bewertung von Belohnungen und Entscheidungen in Zusammenhang gebracht. Dies deutet darauf hin, dass besagte Geschwister ähnliche Wertvorstellungen haben.

Kinder spielten vorsichtiger, wenn ihre Geschwister auf Sicherheit gesetzt hatten.

Kinder folgen jedoch nicht immer dem Vorbild ihrer älteren Geschwister. Tatsächlich können sie in einigen Fällen gegen diese rebellieren. In einer Folgestudie, die gegenwärtig begutachtet wird, untersuchte Rogers Merkmale, die beeinflussen, wie Jugendliche das Verhalten ihrer älteren Geschwister verarbeiten. Dabei machte sie eine interessante Beobachtung: Inwiefern sich die Hirnmuster der untersuchten Kinder von dem ihres älteren Geschwisters unterschieden, schien davon abzuhängen, wie stark dessen Vorbildfunktion auf das betreffende Kind wirkte. Einen Einfluss hatten in diesem Zusammenhang beispielsweise das gleiche Geschlecht, ein geringer Altersunterschied und ob das Kind sein Geschwister eher als Vorbild betrachtete denn als jemanden, von dem es sich abgrenzen will. Alle Kinder beobachteten ihre grossen Brüder und Schwestern sehr genau, doch verarbeiteten sie ihre Beobachtungen je nach Geschwisterdynamik in unterschiedlichen Gehirnarealen.

Die Adoleszenz ist eine Phase, in der Kinder vermehrt zu riskanterem Verhalten neigen, indem sie beispielsweise sexuelle Beziehungen eingehen, Drogen missbrauchen oder Alkohol trinken. Die vorliegende Studie kann eine Erklärung dafür liefern, wie Jugendliche lernen, zu entscheiden, wie sie mit Risiken umgehen. Sie kann auch den besonderen Einfluss von älteren Geschwistern aufzeigen.

Wir schauen viel von älteren Geschwistern ab. Möglicherweise auch die Art, Risiken zu bewerten.

«Man könnte sagen, dass ältere Geschwister je einen Fuss in zwei Welten haben. Auf der einen Seite agieren sie manchmal wie Gleichaltrige, auf der anderen Seite aber auch wie Eltern», sagt Rogers. «Geschwister können den Rat geben, der nötig ist, um einen jungen Menschen durch die unangenehmen und oft herausfordernden Erfahrungen der Adoleszenz zu führen.

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