Geschwisterstreit:Geschwisterstreit: «Eltern sind keine Richter»
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Geschwisterstreit: «Eltern sind keine Richter»

Lesedauer: 4 Minuten

Die Sozialarbeiterin Madleina Brunner Thiam leitet Workshops für Kinder und Jugendliche zum Thema Geschwisterstreit. Sie weiss, warum manche Brüder und Schwestern mehr streiten als andere – und rät Eltern, sich so wenig wie möglich einzumischen.

Interview: Kristina Reiss
Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Frau Brunner Thiam, was lernen ­Kinder in Ihren Workshops?

Wer mit Geschwistern aufwächst, lernt täglich, wie man Konflikte austrägt – was ein super Übungsfeld fürs Erwachsenenleben ist. In unseren Workshops sensibilisieren wir Kinder und Jugendliche ausserdem dafür, zu erkennen, was in Streit­situationen okay ist und was nicht. Sie erfahren, welche Lösungsstrategien es gibt, aber auch, dass sie es selbst in der Hand haben, ob sie in einen Konflikt einsteigen. 

Geschwisterstreit ist also ganz normal.

Ja, sicher, Geschwisterstreit gehört dazu. Im Alltag, in Schule oder Kindergarten, müssen Kinder funktionieren. Zu Hause hingegen geben sich Gross wie Klein ungefiltert, halten sich weniger zurück, deshalb knallt es manchmal – weil sie ihre Wünsche durchsetzen oder einfach nur gesehen und gehört werden wollen.

Madleina Brunner Thiam, 34, ist Sozialarbeiterin und Geschäftsleiterin des National Coalition Building ­Institute Schweiz (NCBI). Der Verein setzt sich für den Abbau von Vorurteilen, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art ein. Er bietet ausserdem Workshops für Gewaltprävention und konstruktive Konfliktlösung an. www.ncbi.ch

Bedenklich wird es allerdings, wenn der Streit strukturell verankert ist. Oder wenn der Konflikt für Betroffene nicht mehr okay ist, weil etwa ein Machtungleichgewicht entsteht. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Eltern eingreifen. Dann eskaliert die Situation oft.

Weil sich die Erziehungsberechtigten auf eine Seite schlagen und Partei ergreifen?

Zum Beispiel. Wenn ein Kind das Gefühl hat, es werde als Täter beziehungsweise Täterin abgetan, es sich nicht gehört fühlt oder aber wenn sich Opfer- und Täterrollen manifestieren. Schwierig kann es auch werden, wenn eines der beteiligten Kinder Mühe hat, seine Gefühle zu regulieren, und das andere dies immer ausbaden muss. 

Warum streiten manche Geschwister mehr als andere? Welche Rolle spielen dabei Altersabstand, Geschlecht oder Charakter?

Grundsätzlich kommt Streit überall vor. Entscheidend ist vor allem, wie die Familie generell mit Konflikten umgeht: Werden diese gar nicht ausgetragen? Oder besonders heftig? Das alles färbt mehr auf das kindliche Verhalten ab als Altersabstand oder Charakter. 

Eltern haben es also in der Hand, ob und wie oft sich Geschwister in den Haaren liegen. 

Eltern können dies nur beschränkt beeinflussen. Es geht auch gar nicht so sehr darum, wie oft Kinder streiten, sondern eher, wie sie Konflikte lösen. Ich habe selbst drei Kinder – und diese streiten viel.

Wie verhalten Sie sich in solchen ­Situationen?

Ich mische mich so wenig wie möglich ein – am besten nur, wenn ich aufgefordert werde. Zumindest versuche ich das.

Wer hat angefangen? Das ist die dümmste Frage, die Eltern bei einem Streit stellen können.

Aus Sicht der Kinder reagieren Eltern bei einem Geschwisterstreit allerdings immer falsch.

Das stimmt. Haben Sie mal darauf geachtet, wie Kinder Eltern in der Regel um Hilfe bitten? Meist sagen sie: «Der oder die hat angefangen!» Um einen Streit zu schlichten, ist dies aber nicht wichtig. Es ist sogar die dümmste Frage, die Eltern in diesem Zusammenhang stellen können. Zu meinen Kindern sage ich immer: «Mich interessiert nicht, wer angefangen hat, sondern wer aufhört – indem er oder sie Hilfe holt oder sich aus der Situation zieht.»

Wie sollten Eltern bei einem ­Geschwisterstreit reagieren?

Die Geschwister streiten lassen, sich als Elternteil dabei möglichst nicht aufregen, Abstand wahren. Sich nur einmischen, wenn die Kinder Hilfe verlangen. Dann fragen: «Was kann ich tun?», «Wobei braucht ihr Unterstützung?» Aber auch: «Was ist passiert?» Die Kinder ernst nehmen, ihnen zuhören, sie ausreden lassen. Über Anschuldigungen wie «er lügt» hinweggehen. Klarmachen, dass alle Seiten angehört werden, schliesslich hat jeder seine eigene Perspektive. Aber auch die verschiedenen Positionen spiegeln: «Ach, du hast das so erlebt?», «Wie gehts dir dabei, wenn du das von deinem Bruder beziehungsweise deiner Schwester hörst?» Wichtig ist vor allem, sich nicht in die Rolle des Richters oder der Richterin ziehen zu lassen. Das ist nicht die Aufgabe von Eltern.

Wobei die Versuchung als Mutter oder Vater gross ist, sich auf die Seite der vermeintlich schwächeren Partei zu stellen.

Ich kenne selbst den Reflex, automatisch zur Ältesten zu sagen :«Von dir erwarte ich eigentlich …» Doch hier müssen Eltern sich bewusst machen: Das ist ungerecht. Schliesslich steckt das grosse Kind ebenfalls mitten im Konflikt. Streiten sich zwei und eines weint, finde ich es deshalb auch wichtig, nicht nur das Weinende in den Arm zu nehmen. Beide brauchen in so einer Situation körper­liche Zuwendung. Anschliessend ­sollte man gemeinsam nach einer Lösung suchen.  

Und die Kinder dazu bringen, sich zu entschuldigen?

Ich bin kein Fan von erzwungenen Entschuldigungen, wie das manche Eltern, aber auch Lehrpersonen oft verlangen. Denn dabei verliert das Wort an Bedeutung. Besser finde ich, zu fragen: «Was braucht ihr, damit ihr weiterspielen könnt?» Auch die Forderung «Umarmt euch!» finde ich übergriffig. Ich kann doch nicht jemanden umarmen, auf den ich gerade hässig bin!

Ich bin kein Fan von erzwungenen Entschuldigungen. Dabei verliert das Wort an Bedeutung.

Was lässt sich präventiv gegen Geschwisterstreit tun?

In Alltag und Schule erwarten wir von unseren Kindern sehr viel Anpassung, sie müssen den ganzen Tag kooperieren. Können sie dann nicht mal zu Hause streiten, wird es schwierig. Es braucht Gelegenheiten, bei denen Kinder über ihre Gefühle reden können, über das, was sie am Tag beschäftigt.

Wichtig ist auch, dass nicht ein Programmpunkt den nächsten jagt, sondern dass sie zwischendurch runterkommen können. Gleichzeitig sollten wir unseren Nachwuchs so wahrnehmen, wie er ist, uns auf seine Stärken fokussieren anstatt auf seine Schwächen. Und uns – wenn die Geschwister mal wieder streiten – vor Augen führen: Kinder handeln nicht böswillig. 

Manchmal hilft es vielleicht auch, sich an seine eigene Kindheit zu erinnern, an die Konflikte mit den eigenen Geschwistern.

Genau. Sich zum Beispiel zu fragen: Was hätte ich mir damals von meinen Eltern gewünscht? In Workshops wollen wir von den Kindern manchmal wissen, was sie später mit dem eigenen Nachwuchs anders machen würden. Die meisten sind ganz zufrieden mit Mutter und Vater als Vorbild. Oft wird allerdings auch gesagt: «Meine Eltern sollen mehr Zeit für mich haben» oder «Meine Eltern sollen netter sein».

Für mich als Mutter nehme ich daraus mit, in Stresssituationen meine Grenzen besser zu erkennen und nicht so streng mit mir selbst zu sein. Es ist okay, wenn ich mich meinen Kindern gegenüber mal nicht korrekt verhalte, ich entschuldige mich dann. Wir haben alle so viel zu stemmen, da ist das unvermeidlich. Aber es würde sehr helfen, wenn Eltern offen untereinander über ihre Überforderung reden, anstatt zu denken: «Ich bin eine schlechte Mutter, ein schlechter Vater».

Kristina Reiss
ist freischaffende Journalistin und Mutter einer Tochter, 12, und eines Sohnes, 9. Sie lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

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