Streit untereinander: Wie Kinder ihn am besten selber lösen
Merken
Drucken

Wie Kinder Streit am besten ohne Eltern lösen

Lesedauer: 3 Minuten

Wir alle wollen das Beste für unsere Kinder. Doch wenn wir sie überbehüten und ihnen zu viel abnehmen, schwächen wir ihr Selbstwertgefühl und vermindern ihr Erleben von Selbstwirksamkeit. Höchste Zeit, damit aufzuhören!

Text: Jörg Berger
Bild: Adobe Stock

Folgende Geschichte ist mir zu Ohren gekommen: Zwei Kinder aus der gleichen Schulklasse lösten über Wochen gemeinsam Rätsel. Die beiden versuchten sich an immer kniffligeren Aufgaben und knobelten, was das Zeug hielt. In ihrer Begeisterung wetteiferten sie so lange, bis es zum Streit kam. Anfänglich war es bloss eine Meinungsverschiedenheit bezüglich der vielversprechendsten Strategie. Weil aber beide auf ihrer Position beharrten und begannen, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, kippte die Stimmung.

Dies rief unweigerlich die Lehrerin auf den Plan. Doch noch bevor sie eingreifen konnte, fiel eine wüste Beleidigung zwischen den beiden Streithähnen, worauf das gekränkte Kind schrie: «Ich berichte alles meinem Mami. Sie wird in den Elternchat schreiben und dann können die Erwachsenen unser Problem lösen.»

Weshalb erzähle ich Ihnen das? Erst kürzlich veröffentlichte Psychologieprofessor Peter Gray vom Boston College in einem renommierten Wissenschaftsjournal einen Artikel, der ein heftiges Medienecho aus­löste. Die psychologischen Störungen und Suizide im Kindes- und Jugendalter, die beide seit Jahren markant zunehmen, stünden viel mehr mit der elterlichen Überbehütung im Zusammenhang als mit den Auswirkungen von Corona oder der aktuellen Weltlage.

Das Problem mit den Helikoptereltern

Peter Gray bezieht sich bei seiner Forschung auf den (amerikanischen) Erziehungsstil der «Helikopter­eltern», bei dem Mütter und Väter in einer Mischung aus Intensivbetreuung und Kon­trolle um ihre Kinder schwirren. Angetrieben von der Angst, dass dem eigenen Nachwuchs der Sprung in die höhere Bildung verwehrt bleibt, sind Eltern aus allen gesellschaftlichen Schichten von der Idee der Frühförderung besessen.

Kinder unbeaufsichtigt zu Hause, im Innenhof oder auf dem Quartierspielplatz spielen zu lassen – undenkbar. Langeweile als Quelle der Kreativität kommt einem Schreckensszenario gleich. Aber die meisten Kinder haben ohnehin ­keine Zeit zum Spielen. Direkt nach der Schule erwartet sie der Schwimmunterricht, das Kung-Fu, der Geigenunterricht und die Nachhilfestunde.

Wir sollten uns selbstkritisch fragen: Vertrauen wir in die Fähigkeiten unserer Kinder? Muten wir ihnen genug zu?

Unser Verhalten gegenüber unseren Kindern ist seit Jahrzehnten geprägt von Überbehütung und dem Bestreben, dass dem Nachwuchs nur das Beste zuteilwird. Dazu kommt der gesellschaftliche Druck der «perfekten Familie» und ein mancherorts schlechtes Gewissen, weil Beruf und weitere Verpflichtungen die effektive Zeit mit dem Kind zu einem raren und umso kostbareren Gut werden lassen. Und bestimmt trägt auch dazu bei, dass wir es schwer ertragen, wenn das eigene Kind strauchelt, eine Niederlage hinnehmen muss oder sich ängstigt.

So überrascht es nicht, dass Eltern oft unbewusst zu Mitteln der emotionalen Verwöhnung greifen und den Lehrbetrieb für die Schnupperlehre gleich selbst anrufen, statt den 14-jährigen Sohn dazu zu bewegen. Damit erweisen sie ihrem eigenen Nachwuchs allerdings einen Bärendienst, denn für viele Unternehmen ist es ein Killerkriterium, wenn sich die Jugendlichen nicht selber melden, sondern sich durch die Eltern am Telefon vertreten lassen.

Strategien und Fertigkeiten lehren

Wir sollten uns also an der eigenen Nase nehmen und selbstkritisch hinterfragen: Vertrauen wir auf die Fähigkeiten unserer Kinder? Muten wir ihnen genug zu? Machen wir uns die Mühe, ihnen die notwendigen Strategien und Fertigkeiten beizubringen, statt es kurzerhand selbst für sie zu erledigen?

Befähigen wir also unsere Kinder, indem wir mit ihnen üben, ihren Wunsch für die Schnupperlehre zu formulieren. Respektieren wir sie in ihrer Entscheidung, die Benotung zuerst selbst mit der Lehrperson zu besprechen, bevor wir dieser die nächste E-Mail schreiben. Ermutigen wir sie, es nochmals zu versuchen, wenn es nach dem Streit mit dem Gspänli mit dem Frieden­schliessen nicht auf Anhieb klappt. Konflikte gehören zum Leben. 

Die Schule gibt den Kindern Instrumente in die Hand, mit denen sie Konflikte lösen und Gewalt verhindern können.

Es wäre fatal, wenn wir aus lauter Sorge vor Mobbing beginnen würden, Schutzzonen auf Pausenplätzen zu definieren, auf denen kein Kind Gewalt erfahren darf. Und genauso kontraproduktiv ist es, wenn wir Erwachsenen die Konfliktlösung stellvertretend für die Kinder in den eingerichteten Chats angehen.

Streit selbst zu bewältigen, macht stolz

Einmal mehr heisst das Zauberwort: Selbstwirksamkeit. Und hier kommt die Schule ins Spiel. Sie trägt mit ihrer Kultur und ihren Instrumenten für Konfliktlösestrategien und Gewaltprävention entscheidend dazu bei, dass Kinder Selbstwirksamkeit erleben. Dank engagierten Elternmitwirkungsgremien arbeitet die Schule dabei oftmals eng mit den Eltern zusammen.

Die Lehrerin im zu Beginn beschriebenen Zwist erreichte im ausführlichen Gespräch mit den ­beiden Kindern, dass sich diese nochmals selbst mit den verbalen Grenzüberschreitungen auseinandersetzten. Mittels Social Stories und Comic-Strip-Gesprächen zeichneten sie auf, was sich zugetragen hatte. Bei diesen vor allem für autistische Kinder entwickelten Methoden laufen Gespräche wie gewöhnliche Unterhaltungen ab, nur dass man nebenher gleichzeitig zeichnet.

Die einfachen Zeichnungen holten die Gefühle der Kinder ab. Sie erfuhren voneinander, wie es dem anderen geht, und realisierten von selbst, dass die Idee mit dem Elternchat nicht zielführend ist. Wie um alles in der Welt hätten die Eltern diesen umfassenden Blick auf die Gesamtsituation erhalten können?

Also entschieden sie, den Konflikt selbst zu beenden. Zu Hause schrieben sie sich gegenseitig einen Brief, welchen sie aus lauter Stolz über ihre Leistung am Folgetag der Lehrerin zeigten. Die Eltern erfuhren nichts. Einzig der jüngere Bruder wurde eingeweiht.

Joerg_Berger

Jörg Berger
ist Mitglied der Geschäftsleitung des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) und leitet seit 2008 die Schule Knonau ZH und das Netzwerk Altersdurchmischter Schulen im Kanton Zürich.

Alle Artikel von Jörg Berger

Mehr zum Thema Streit

Stress bei Kindern schnell und einfach mit Klopfen auflösen
Gesundheit
Stress bei Kindern schnell und einfach mit Klopfen auflösen
Prüfungsangst oder Bauchschmerzen wegen einem Konflikt? Mit der EFT-Klopftechnik können Kinder sich bei Stress schnell wieder beruhigen.
Advertorial
Vermögen aufbauen mit der Clanq Familien-App
Die kleinen Ausgaben im Alltag machen einen gewaltigen Unterschied. 3 Tipps, wie auch mit kleinem Budget ordentlich Geld zusammenkommt.
Familienleben
«Ich mag es nicht, wenn meine Eltern streiten»
Der 10-jährige Nico wendet sich an unsere Expertin Sarah Zanoni, weil er nicht will, dass seine Eltern miteinander streiten.
Was tun bei Geschwisterstreit?
Erziehung
Was tun bei Geschwisterstreit?
Geschwister streiten sich. Das ist normal. Dass man sich als Eltern darüber aufregt auch. Doch müssen Sie nicht bei jedem Streit sofort eingreifen.
Elternbildung
Was tun, wenn das Kind ständig am Handy klebt?
Die 15-jährige Anna verbringt viel zu viel Zeit am Handy, finden ihre Eltern, die deshalb Rat beim Elternnotruf suchen.
Elternbildung
Wenn Kinder dauernd streiten
In manchen Familien gibt es sehr häufig Konflikte zwischen den Kindern. Wie sollen Eltern dabei eingreifen?
Elternbildung
«Wir können nur unser eigenes Verhalten kontrollieren»
Eine Mutter verzweifelt an ihrer Überforderung mit ihren Kleinkindern – das sagt die Elternnotruf-Beraterin.
Elternbildung
«Während eines Streits lassen sich keine Lösungen finden»
Eine Mutter und ein Vater suchen Rat beim Elternnotruf. Sie fürchten, den Kontakt zu ihrem ­15-jährigen Sohn verloren zu haben. Dieser missachtet vereinbarte Gamezeiten und reagiert aggressiv, wenn die Eltern diese einfordern. So lief das Gespräch mit dem Elternberater in Zürich.
«Hilfe
Elternbildung
«Hilfe, mein Kind soll in einem Schul-Verhör andere anschwärzen!»
Mein 13-Jähriger ist kaum von seiner Playstation wegzukriegen, was oft zu Familienkrach führt – was tun?
«Hilfe
Elternbildung
«Hilfe, meine Tochter ist rotzfrech!»
So extrem wie bei meiner Tochter hatte ich mir die Pubertät nicht vorgestellt – was kann ich tun, um nicht dauernd mit ihr zu streiten?
Mit dir wollen wir nicht spielen!
Gesellschaft
Mit dir wollen wir nicht spielen!
Was Lehrpersonen dafür tun können, dass Kinder Mitschülerinnen und Mitschüler akzeptieren, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, und ihnen mitfühlend begegnen.
Was tun
Gesellschaft
Mein Kind lügt mich nicht an!
Konflikte unter Kindern gehören zum Kindergarten- und Schulalltag. Die Eltern sollten ihnen zuhören – sich aber auch in die Lage der anderen versetzen.
«Hilfe
Elternbildung
«Hilfe, in der Klasse unseres Sohnes wird viel gestritten!»
In der Klasse unseres Sohnes wird viel gestritten. Die Kinder mussten darauf einen Fragebogen ausfüllen. Die Antworten wurden von der Lehrerschaft präsentiert.
Kontaktabbruch erwachsene Kinder erzählen
Familienleben
Kontaktabbruch: «Kinder sind lange Zeit nachsichtig mit ihren Eltern»
Heute erwachsene Kinder schildern, warum sie den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben. Dabei stehen das Zuwenig, aber auch ein Zuviel an Liebe im Zentrum.
weshalb kinder so viele streiten claudia landolt elternmagazin kindergarten
Gesellschaft
Deshalb streiten Kinder
Kinder streiten gerne und oft. Wie sollen Eltern damit umgehen? Wie viel Streit ist normal? Und wann ist ein Eingreifen angebracht?
Juul: «Wir brauchen eine Diagnose für traumatisierte Scheidungskinder»
Gesellschaft
Probleme und Streitereien am Esstisch?
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul über Probleme am Esstisch, was Eltern tun können, wenn das Kind «nichts isst» und weitere Fragen.
Thomas Feibel
Medien
Mediennutzung: Ohne Regeln keine Orientierung
Vorschriften sind bei Kindern und Jugendlichen meist nicht besonders beliebt. Sie sind aber wichtig – insbesondere in der Medienerziehung.
«Hilfe
Familienleben
«Hilfe, unsere Kinder streiten sich ständig!»
Dass Geschwister auch mal streiten, ist normal. Unsere beiden Töchter liegen sich ständig in den Haaren. Was können wir tun? Reto, 41 und Katja, 38, Zürich
Tipps gegen Knatsch bei den Hausaufgaben
Lernen
Hausaufgaben? Keine Panik!
Hausaufgaben sind in vielen Familien ein dauerndes Reizthema. STEP-Kursleiterin Liselotte Braun beantwortet die häufigsten Elternfragen.
Leiden eines Vaters 
Blog
Leiden eines Vaters 
Seit der Trennung von der Ehefrau ist seine Tochter praktisch aus seinem Leben verschwunden. Ein Vater erzählt, wie sehr ihn das belastet.
Geschwister: Kriegsbeil und Friedenspfeife
Familienleben
Geschwister: Kriegsbeil und Friedenspfeife
Kinder können selten mit ihren Geschwistern, aber noch seltener ohne sie. Sie sind einander Halteseil, aber auch lästige Fessel.