Mit dir wollen wir nicht spielen! - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Mit dir wollen wir nicht spielen!

Lesedauer: 4 Minuten

Was Lehrpersonen dafür tun können, dass Kinder Mitschülerinnen und Mitschüler akzeptieren, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, und ihnen mitfühlend begegnen.

Text: Aisha Schnellmann
Bild: Rawpixel.com

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf www.boldblog.org.

Für junge Heranwachsende mit Verhaltensproblemen oder schulischen Schwierigkeiten kann die Schule ein hartes Pflaster sein. Viele dieser Kinder werden von Gleichaltrigen eher ausgeschlossen als normal entwickelte Kinder. Sich mit einer Klassenkameradin anzufreunden ist zwar eine persönliche Entscheidung, doch die aktuelle Forschung zeigt, dass im Klassenzimmer geltende Normen dabei eine Rolle spielen. Sie können beeinflussen, wie Kinder Inklusion wahrnehmen und ob sie diese als vorteilhaft oder als unnötig empfinden. Somit beeinflussen Klassennormen ganz allgemein auch die Haltung von jungen Heranwachsenden gegenüber Kindern mit Verhaltensproblemen oder schulischen Schwierigkeiten.

Wie schwer haben es Kinder mit ADHS?

Während eines Jahres nahmen 1209 Kinder aus 61 Schweizer Schulklassen an einer Studie der Pädagogischen Hochschule Luzern teil. Die Studie analysierte die Auswirkungen inklusiver Klassennormen auf das Mitgefühl und die inklusive Haltung gegenüber hyperaktiven Klassenkameraden. In allen Klassen erhielt mindestens ein Kind zusätzliche Unterstützung durch eine Lehrperson mit einer sonderpädagogischen Ausbildung. Bis zu sieben Kinder pro Klasse hatten die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Aisha Schnellmann ist selbständige Kommunikationsfachfrau. Sie verfügt über einen Abschluss in Sozialwissenschaften der National University of Singapore. Vor ihrem Umzug in die Schweiz war sie für das Erziehungsministerium Singapurs und eine internationale philanthropische Stiftung tätig. Sie arbeitet hier weiterhin für Start-ups und Organisationen, wobei sie sich ­hauptsächlich auf die Erstellung von digitalen Inhalten zur Dialogförderung konzentriert.

Die Studie hatte zwei Messzeitpunkte: am Ende der 5. Klasse und ein Jahr später am Ende der ­6. Klasse. Zu beiden Messzeitpunkten präsentierten die Forscherinnen den Schülerinnen und Schülern eine hypothetische Geschichte mit einem hyperaktiven Protagonisten. Danach wurden die Schülerinnen und Schüler gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, der ihr Mitgefühl mit dem Protagonisten bewertete und die Wahrscheinlichkeit einschätzte, wie sie dieses Kind in ihre sozialen Aktivitäten einbeziehen würden.

Eine Studie untersuchte, welche Auswirkungen inklusive Normen auf das Mitgefühl von Kindern haben.

Um die Klassennormen zu evaluieren, wurden den Schülerinnen und Schülern anschliessend sechs weitere Fragen gestellt. Sie mussten sagen, wie ihrer Meinung nach ihre ­Klassenkameraden und -kameradinnen auf Situationen reagieren würden, in denen der hyperaktive Protagonist ausgeschlossen würde. Eine Frage lautete etwa: «Wie viele Kinder in deiner Klasse würden Klaus/Maria – das heisst die hyperaktive Figur in der Geschichte – in ihre Arbeitsgruppe aufnehmen?» Die Antwortmöglichkeiten reichten von 1 = «Keines» bis ­­4 = «Alle».

Die subjektive Wahrnehmung aller Schülerinnen und Schüler über das Verhalten des Klassenkameraden wurde anschliessend zusammengefasst, um ihre gemeinsame Einschätzung des Klassenumfeldes und daraus dessen Normen abzuleiten. Die Forschenden stützten ihre Annahmen dabei auf frühere Studien, indem Sie die Inklusivität der Normen von jedem einzelnen Klassenzimmer auf einer Systemebene beurteilten und die verschiedenen Klassenzimmer auf einer Skala verglichen.

Kompetitive Normen fördern die Ausgrenzung

Die Studie kam zum Ergebnis, dass Kinder aus inklusiveren Klassenzimmern eher Verständnis für hyperaktive Gleichaltrige aufbringen und allgemein eine inklusive Haltung gegenüber Kindern mit Verhaltensproblemen entwickeln. Weiter ergab die Studie, dass die Art und Weise, wie einzelne Kinder das inklusive Verhalten ihrer Klassenkameradinnen wahrnehmen, einen grossen Einfluss darauf hat, wie wahrscheinlich es ist, dass sie mit hyperaktiven Gleichaltrigen mitfühlen und diese in ihre Aktivitäten einbeziehen.

 «Inklusive Normen in Klassenzimmern sind wertvolle Bezugspunkte für Kinder, die einen positiven Effekt auf deren Verhalten gegenüber ihren hyperak­tiven Klassenkameraden haben», erklärt ­Jeanine Grütter, Mitglied des Forschungsteams. Grütter ist an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Kinder mit eher kompetitiven Normen schliessen dagegen eher Gleichaltrige mit Verhaltensauffälligkeiten oder akademischen Schwierigkeiten aus. Insbesondere tendieren sie häufiger dazu, hyperaktive Kinder auszuschliessen, weil sie glauben, deren Verhalten sei Absicht und deshalb unverantwortlich. Aus diesem Grund nehmen sie das Verhalten im schulischen Umfeld als besonders störend wahr.«Kinder verstehen oft nicht, was Hyperaktivität ist. Sie sind sich nicht bewusst, dass es sich dabei um eine schwer zu kontrollierende Störung handelt», sagt Grütter. In einem solchen Umfeld sind leistungsbereite und erfolgreiche Kinder ganz besonders anfällig dafür, Gleichaltrige mit Verhaltensproblemen oder schulischen Schwierigkeiten auszuschliessen. Damit stellen sie sicher, dass ihre Gruppe weiterhin effektiv funktionieren kann und sie ihre persönlichen Lernziele erreichen. 

Kindern ist oft nicht bewusst, dass es sich bei ADHS um eine schwer zu kontrollierende Störung handelt.

Jeanine Grütter

Akademische Leistung und Inklusivität müssen sich jedoch nicht gegenseitig ausschliessen. Tatsächlich sind jene Klassenzimmer schulisch erfolgreicher, deren Umfeld eine inklusive Haltung gegenüber Kindern mit Verhaltensproblemen oder schulischen Schwierigkeiten fördert.

 «Dies ist eine Herausforderung, mit der Schulen im Allgemeinen konfrontiert sind, da sie versuchen, ihren Schülerinnen und Schülern die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie für ihre Zukunft benötigen. Im Jugendalter entscheidet primär der akademische Erfolg über den Zugang zur höheren Bildung und somit ist Leistungsdruck untrennbar mit dem Klassenzimmer verbunden. Lehrpersonen können jedoch inklusive Normen auch in einem kompetitiven Lernumfeld fördern. Sie können zum Beispiel mit ihrer Klasse offen darüber diskutieren, dass jeder Schüler unterschiedliche Bedürfnisse hat und ein unterschiedliches Mass an Unterstützung benötigt. Sie können auch darauf hinweisen, dass die ganze Klasse erfolgreich sein kann, wenn sich die Schülerinnen gegenseitig helfen», erklärt Grütter. «Fairness, soziale Inklusion und eine effektiv funktionierende Gruppe schliessen sich nicht zwingend aus», fügt sie hinzu.

BOLD Blog

Der Blog, eine Initiative der Jacobs ­Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen. ­Spitzenforscherinnen wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und ­entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen.

Mehr lesen: www.boldblog.org

Lehrpersonen spielen eine wichtige Rolle

Laut Grütter sind sich Lehrpersonen jedoch häufig nicht bewusst, dass sie eine wichtige Rolle dabei spielen, wie sich die Beziehungen ihrer Schüler untereinander gestalten. Wenn Lehrpersonen beispielsweise alle Schülerinnen emotional unterstützen und sie fair behandeln, unterhalten diese eher eine gute Beziehung zu ihren Lehrpersonen und zeigen ein positives Verhalten in ihren Interaktionen mit Gleichaltrigen. «Wenn Lehrpersonen Schüler mit ADHS häufig vor ihren Klassenkameraden tadeln oder negativ über sie sprechen, wirkt sich das darauf aus, wie diese von ihren Mitschülerinnen behandelt werden», erklärt Grütter.

Kompetitive Kinder schliessen eher Gleichaltrige mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten aus.

Wenn aber Lehrpersonen ihren Schülern im Klassenzimmer häufiger die Gelegenheit geben, sich über gemeinsame Interessen auszutauschen, fördern sie die Bildung von gruppenübergreifenden Freundschaften, was wiederum eine inklusive Haltung der Heranwachsenden begünstigt.

Grütter und ihr Team arbeiten zurzeit an Wegen, die Lehrpersonen helfen sollen, die Inklusivität unter Gleichaltrigen im Klassenzimmer aktiv zu fördern. «Lehrpersonen erhalten ein intensives Training in der Klassenführung. Doch erst seit Kurzem beinhaltet die Lehrerausbildung auch nützliche Strategien, um Diversität und Inklusion im Klassenzimmer anzuleiten und zu fördern. Das ist ein wichtiges Thema in der Ausbildung angehender Lehrpersonen», setzt Grütter hinzu.

Lesen Sie mehr zum Thema ADHS:

Entwicklung
«Eltern sollten mehr über die kindliche ­Entwicklung wissen»
Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch stellt fest, dass Eltern psychische Erkrankungen bei ihren Kindern schlecht erkennen. Er nennt die Gründe für deren Zunahme und sagt, was Mütter und Väter tun können.
Erziehung
«Wir hören einander zu»
Thomas Lottermoser, 52, und seine Frau Gunda Lottermoser-Niedermeyer, 48, erzählen, dass sich die Familie ihr Glück erarbeiten musste.
Advertorial
Geschenktipp: Filmmusik-Konzert
Die einzigartige Magie des Disney-Klassikers «Die Eiskönigin – völlig unverfroren» zusammen mit der bewegenden Filmmusik live gespielt vom 21st Century Orchestra & Chorus im KKL Luzern hinterlässt bei Klein und Gross leuchtende Augen. «Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt» (Schneemann Olaf) – und auch manche Filme: Mit dem grossartigen Welterfolg «Die […]
Elternblog
Mein Kind ist anders
Manche Eltern stehen vor der Herausforderung, dass ihr Kind wegen einer Behinderung oder Entwicklungs­störung von Normvorstellungen abweicht.
ElternPass
Entdeckertag für die ganze Familie
Im Berner Naturpark Diemtigtal gibt es für wenig Geld viel zu erleben. Dies ist nur eines von über 80 tollen ElternPass-Angeboten für Familien. Wir stellen Ihnen unsere fünf Favoriten für den Juni vor.
Psychologie
Soforthilfe für ADHS-betroffene Familien
Was hat sich in den letzten Jahren im Umgang mit ADHS verändert und welche Fragen beschäftigen Eltern in der aktuellen Corona-Ausnahmezeit am meisten? Wir haben bei der Fach- und Beratungsstelle elpos nachgefragt.
Familienleben
6 Tipps für den Alltag mit ADHS
Was kann den Alltag von ADHS-betroffenen Familien wirklich entlasten? Elpos, der Schweizer Dachverband für ADHS, hat 6 wertvolle Tipps für Eltern zusammengetragen.
Schule
«Ich weiss, welche grosse Arbeit Lehrpersonen leisten»
Die Primarlehrerin Jasmin, 38, und der ­Ingenieur Fabian Bertschi, 38, leben mit zwei Söhnen, 10 und 11, und einer Tochter, 6, im Aargau. Von der Zusammenarbeit mit Lehrkräften können sie viel Positives berichten.
Psychologie
Wenn ADHS in der Familie liegt
Ein Kind mit ADHS stellt die Eltern vor besondere Herausforderungen. Noch schwieriger wird es, wenn auch Mutter oder Vater von ADHS davon betroffen sind.
Gesellschaft
«Eltern sollten für eine Klassenwiederholung kämpfen, wenn sie grosse Lücken sehen»
Fernunterricht, Quarantäne und Homeoffice haben Kinder wie Eltern an ihre Grenzen gebracht. Die Psychotherapeutin Ruth Huggenberger erklärt die Folgen.
Elternbildung
Juul: «Wir brauchen eine Diagnose für traumatisierte Scheidungskinder»
Es ist in Mode gekommen, auffälliges Verhalten bei Kindern sofort abklären zu lassen. Das macht in manchen Fällen Sinn, sagt unser Kolumnist Jesper Juul.
Gesundheit
Susanne Walitza, warum nehmen so viele Schulkinder Ritalin? 
Eine neue Leitlinie empfiehlt, Ritalin bereits in mittelschweren ADHS-Fällen zu verabreichen. Jugendpsychiaterin Susanne Walitza über die richtige Dosierung.
Gesundheit
Akupunktur ohne Nadeln für Kinder
Nadeln im Körper? Bitte nicht! Und schon gar nicht für Kinder. Doch es gibt eine sanfte Alternative: Die wirksame Heilmethode Shōnishin kommt ohne Piekser aus.