«Eltern sollten mehr über die kindliche ­Entwicklung wissen»
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«Eltern sollten mehr über die kindliche ­Entwicklung wissen»

Lesedauer: 11 Minuten

Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch stellt fest, dass Eltern psychische Erkrankungen bei ihren Kindern schlecht erkennen. Er nennt die Gründe für deren Zunahme und sagt, was Mütter und Väter tun können.

Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Herr Bilke-Hentsch, welche ­psychischen Störungen sehen Sie bei Kindern und Jugendlichen am ­häufigsten? 

Das sind Angststörungen und unterschiedliche Depressionsformen, gefolgt von ADHS und mit einem gewissen Abstand Zwangs-, Ess- oder Traumafolgestörungen. Mädchen sind überwiegend von nach innen gerichteten Störungen wie Depressionen oder Angststörungen betroffen, Buben hingegen von nach aussen gerichteten Störungen wie ADHS oder Drogen- beziehungsweise Gamesucht. 

Und wie viele Kinder und Jugendliche haben eine psychische Störung? 

Es werden seit vielen Jahren regelmässig internationale Langzeitstudien durchgeführt, und zu jedem Zeitpunkt zeigten von den Teilnehmenden etwa 20 Prozent psychische Auffälligkeiten.

Der Druck und die Anforderungen der Leistungsgesellschaft gehen nicht spurlos an Kindern vorbei.

Das heisst: Wenn ich an einem beliebigen Tag 100 Kinder auf der Strasse untersuchen würde, würden rund 20 von ihnen eine seelische Auffälligkeit zeigen. Das ist ein recht hoher Prozentsatz, der aber relativ konstant ist. Während der Corona-Pandemie ist der Anteil allerdings auf 30 Prozent hochgegangen. 

Wie viele von den psychisch ­Auffälligen brauchen denn eine Behandlung? 

Etwa die Hälfte, also 10 von 100 Kindern – von denen aber wiederum nur ein Zehntel behandelt werden. Es ist ein grosses Problem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dass ein erheblicher Teil der Betroffenen gar nicht zur Diagnostik und Therapie kommt. Schon vor Corona ist der Bedarf stark gestiegen. Dies beobachten wir seit etwa 2010. 2017 gab es noch einmal einen Sprung.  

Oliver Bilke-Hentsch ist Chefarzt des kinder- und jugend­psychiatrischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie. Er ist zudem als Dozent und Fachbuchautor tätig.

Woran liegt das? 

Diese Situation wird durch viele verschiedene Ursachen bedingt. Wir befinden uns in der grundsätzlichen Krise der Leistungsgesellschaft, deren Druck und Anforderungen auch an Kindern und Jugendlichen nicht spurlos vorbeigehen. Dazu häufen sich in den letzten zwei bis drei Jahren akute Krisen: die glo­bale Erwärmung, die Massnahmen während der Corona-Pandemie und die Kriegssituation, von der wir zwar nicht direkt, aber indirekt emotional betroffen sind.

Früher ging es Trennungskindern gleich gut oder ­besser als jenen, ­deren Eltern noch zusammen waren – heute schlechter.

Man spricht in diesem Zusammenhang von einer sogenannten erlernten Hilflosigkeit, mit der wir immer wieder in Situationen kommen, in denen unsere individuellen und auch gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht ausreichen, um die Situationen zu bewältigen. Wir erleben uns als hilflos.

Ausserdem trägt die hohe Scheidungs- beziehungsweise Trennungsrate zu dieser Entwicklung bei. Studien belegen, dass es seit etwa zehn Jahren Scheidungskindern schlechter geht als in früheren Generationen. 

Was hat sich bei Trennungen geändert gegenüber den 80ern oder 90ern?

Zu dieser Zeit ging es Trennungskindern im Durchschnitt gleich gut oder sogar besser als Kindern, deren Eltern noch zusammen waren. Durch die Trennung ihrer Eltern sind sie aus den chronischen Streitsituationen herausgekommen. ­Heute trennen sich Paare viel früher und streiten danach um Unterhalt, Kindererziehung und so weiter. Die Trennung markiert also nicht das Ende, sondern den Beginn der für Kinder belastenden Situationen. 

Die Expertenmeinungen scheiden sich, ob es heute tatsächlich mehr ­psychisch belastete Kinder und Jugendliche gibt oder ob die ­Diagnostik einfach differenzierter geworden ist. Wie stehen Sie dazu? 

Natürlich hat man heute viel mehr therapeutische Möglichkeiten als noch vor 50 Jahren, aber die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich in den letzten 20 Jahren nicht grundsätzlich verändert. Fakt ist: Seit vielen Jahren gehen in zahlreichen Ländern die Fallzahlen hoch und die Kinder werden den psychiatrischen Diensten vorgestellt, weil sie in der Schule oder in der Familie nicht mehr zurechtkommen.

Manche entdecken lieber eine Störung bei ­ihrem Kind, als sich einzugestehen, dass sie etwas im Erziehungsverhalten ­ändern sollten.

Einerseits hat die Komplexität der ­Fälle sicher zugenommen. Zu einer Grunderkrankung kommen zwei, drei oder sogar vier weitere Störungen hinzu und die Psychiaterin, der Psychiater muss sich überlegen, welche Störung sie oder er nun zuerst angeht. Andererseits ist es so, dass auch ­Fälle an uns Fachpersonen herangetragen werden, die eigentlich etwas anderes bräuchten als eine psychiatrische Behandlung. 

Erzählen Sie.

Es gibt gesellschaftliche Schichten, die bei ihren Kindern sozusagen lieber eine Störung entdecken, als sich einzugestehen, dass sie etwas an ihrem Erziehungsverhalten ändern sollten, zum Beispiel konsequenter werden, klarere Regeln aufstellen, in Konflikte gehen mit ihrem Kind.

Für diese Eltern ist es schlicht einfacher zu sagen, mein Kind hat ADHS oder es ist autistisch, so ist das Problem ausserhalb der Familie verortet und gesellschaftlich oder biologisch erklärbar. 

Von welchen Eltern sprechen Sie?

Das sind vor allem Mütter und Väter, die sich einerseits sehr stark mit der eigenen beruflichen Tätigkeit beschäftigen sowie gerne gut funktionierende, vorzeigbare Kinder haben und andererseits ungern ernsthafte Konflikte mit ihren Kindern eingehen und ihre eigenen Werte verteidigen. Sie hoffen, dass sich das Kind schon irgendwie gut entwickeln wird. Doch das Aushandeln von Aggressionen und Konflikten muss ich als Elternteil mit meinem Kind in jeder Altersphase üben. 

Wie gehen Sie mit diesen Fällen um?

Für uns Therapeuten ist die elterliche Intention zweitrangig. Wir schauen primär auf das Kind: Welche Funktionseinschränkung hat es überhaupt? Erfüllt es die üblichen Entwicklungsaufgaben, die alle anderen Kinder erfüllen? Kommt es mit dem üblichen Stress und der Belastung klar? Und ist es einigermassen stabil, guter Laune und kreativ? An diesen und weiteren Indikatoren messen wir, ob eine Behandlung oder eher erzieherische Beratung angezeigt ist.

Nur jedes zehnte Kind, das psychiatrische Hilfe bräuchte, wird je behandelt, sagt Oliver Bilke-Hentsch.

Welche Faktoren begünstigen eine psychische Störung? 

Es gibt immer eine Kombination von Faktoren. Die Genetik spielt eine ganz zen­trale Rolle. Vererbt wird aber nicht die psychische Störung als solche, sondern die Wahrscheinlichkeit, an ihr zu erkranken. Dann spielen soziale Faktoren eine Rolle, die dazu führen, dass diese Veranlagung überhaupt durchbricht, die sogenannte Epigenetik. 

Welche sind das?

Da gibt es viele, zu nennen wäre zum Beispiel langfristige Vernachlässigung, Gewalt in der Familie, Armut oder einzelne Traumata wie Unfälle oder auch die Scheidung der Eltern. Gesunde Kinder halten zwei bis drei Risikofaktoren meist ganz gut aus. Ab einer Anzahl von vier bis sechs bricht die seelische Erkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.

Unsere stationären Patienten haben acht bis neun Risikofaktoren und die ambulanten zwei bis sechs. Diese Faktoren stehen nebeneinander, verstärken sich gegenseitig und müssen einzeln oder in Kombina­tion angegangen werden. Die Kunst besteht darin, herauszufinden, welche Risikofaktoren man gemeinsam verringern kann und welche der Patient oder die Patientin auszuhalten lernen muss. 

Auch die Suizidfälle mehren sich. 

Das ist zum Teil richtig. Die Fallzahlen gehen seit etwa zehn Jahren ­kontinuierlich hoch und seit der Corona-Pandemie noch deutlich mehr. Wir müssen aber unterscheiden zwischen dem vollzogenen Suizid, der zum Tod der oder des Jugendlichen führt, und den Suizidversuchen. Gerade bei Letzteren verzeichnen wir einen deutlichen Zuwachs. Dabei handelt es sich meist um impulsive Reaktionen auf eine psychisch belastende Situation.

Wenn Selbsttötung in der Filterblase einer Jugendlichen im Netz ständig ein Thema ist, gerät sie in eine Art Sog.

Wir beobachten auch die Tendenz, den Suizid als eine Lösungsmöglichkeit unter mehreren regelmässig in Erwägung zu ziehen. «Suicidal Ideation» heisst der Fachbegriff, bei dem die betroffene Jugendliche immer und immer wieder über einen möglichen Suizid nachdenkt. Und wenn sie dann noch in einer Filterblase im Netz hängt, in der die Selbsttötung ständig ein ­Thema ist, gerät sie in eine Art Sog.

Das ist eines der Hauptprobleme unserer Patientinnen und Patienten: Sie verbringen sehr viel Zeit mit der Bewältigung ihrer Gedanken und Gefühle und verbrauchen dabei seelische Energie, die sie eigentlich für andere ­Dinge einsetzen könnten – für das Lernen oder Partys zum Beispiel. Während gesunde Jugendliche diese negativen Gedanken, die sie natürlich auch haben, meistens beiseiteschieben können. 

Für Eltern ist es oft sehr schwer, eine beginnende psychische Störung von normalem pubertärem Verhalten zu unterscheiden. 

Eltern sind bekanntermassen relativ ungeeignet dafür, depressive und ängstliche Symptome ihrer eigenen Kinder festzustellen. Sie sind einfach zu nah dran. Lehrpersonen, Trainerinnen oder andere Personen, die in ihrem Alltag viele Kinder treffen, sind wesentlich besser darin, zu spüren und zu merken, dass Veränderungen bei einem Kind stattfinden. 

Warum ist das so?

Diese Personen haben den Vergleich zu den anderen Gleichaltrigen. Wenn die ganze Klasse auf eine bestimmte Weise reagiert, nur ein Schüler nicht, ist das auffällig. Die Lehrpersonen und Trainer erleben die Kinder ausserdem permanent in einer Leistungssituation, in der sie messen können, ob ein Kind aufnahme- und leistungsfähig ist oder nicht. Und sie haben immens viele Kinder und Jugendliche bereits gesehen und können über Jahre stattfindende Veränderungen beobachten.

Von Burnouts sind meist besonders fleissige, intelligente Mädchen mit hohen Ansprüchen an sich selbst betroffen.

Da spielen natürlich auch die Kinder selbst eine Rolle. Sie ­wollen ihre Eltern, die sowieso schon mit vielen Anforderungen konfrontiert sind, oft schonen. Sie fühlen sich leicht schuldig. So zieht sich beispielsweise das 12-jährige depressive Mädchen mit seinen Gedanken erst einmal zurück. Kommt dann noch die Pubertät hinzu, wird es noch unwahrscheinlicher, dass sich das Kind den Eltern anvertraut. 

Aber was können Eltern dann tun? 

Eltern sollten sich schlicht Wissen über die kindliche und adoleszen­täre Entwicklung, das heisst die Entwicklung im Teenageralter, aneignen. Das steht in den Büchern der Entwicklungspsychologie und diese sind in jeder Buchhandlung erhältlich. Dieses Wissen ergänzt dann die elterliche Intuition.

Es ist beispielsweise beruhigend zu wissen, dass viele 13-Jährige aus Sport- oder Musikvereinen austreten und lieber mit Kollegen abhängen, während sich die 7- bis 9-Jährigen zu vielen Aktivitäten noch prima motivieren lassen. Also erst einmal kein Grund zur Sorge.

Auf Ebene der Bundespolitik passiert im ­Bereich der psychischen Gesundheit zu wenig, kritisiert Bilke-Hentsch.

In einem zweiten Schritt würde ich mir die Frage stellen: In welchen Bereichen weicht mein Kind denn vom durchschnittlichen Entwicklungsstand der Gleichalt­rigen ab? Und wie sehr? Und dann erst überlegen, ob irgendwo ein pathologisches Verhalten vorliegen könnte. Es gibt Experten, die zu mehr Gelassenheit in der Erziehung aufrufen. Das ist sehr hilfreich, doch noch gelassener kann ich auf der Basis eines Grundwissens sein. 

Ein Buch, das in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt hat, ist ­«Burnout-Kids» des deutschen Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Schulte-Markwort. 

Hinter einem Burnout verbirgt sich in der Regel eine Erschöpfungs­depression, die bei Kindern und Jugendlichen aus einer Überforderung im schulischen und im Freizeitbereich resultiert. Das Thema betrifft meist besonders fleissige, intelligente, hohe Ansprüche an sich selbst stellende Mädchen und geht auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte zurück.

Gerade im ­städtischen Umfeld beobachten wir ­neben der Schule auch in der Freizeit hohe Ansprüche.

Besonders problematisch sind in diesen Fällen Eltern, die ein sehr ausgeprägtes Leistungsdenken vorleben, dem Kind aber verbal andere Botschaften senden. «Uns ist gleich, was du später beruflich machst, Hauptsache du wirst glücklich.» Dann steckt das Kind leicht in einer sogenannten «Double-Bind-Situa­tion». Einerseits hat es das tägliche elterliche Vorbild und andererseits sagen die Eltern etwas ganz anderes, als sie vorleben. 

Was raten Sie Eltern?

Sich genau zu überlegen: Wo lebe ich etwas wirklich vor? Und wo rede ich nur davon? Ehrlichkeit ist hier anstrengend, aber notwendig. ­Gerade im städtischen Umfeld beobachten wir neben den direkten schulischen auch hohe Ansprüche im Freizeitbereich: Klavier, Tennis, Ballett, Kreativkurs – die Liste ist lang.

Das Problem ist, dass durch diesen eng getakteten Tagesablauf kaum noch unverplante Familienzeit bleibt. Diese wäre aber wichtig, damit die Kinder Raum und Zeit haben, ihre Gedanken einfach mal so zu äussern.

Ein weiterer Rat an Eltern wäre also, Kindern diese Zeit zu geben und sie unverbindlich zu fragen, wie es mit der besten Freundin gerade läuft oder wie der neue Lehrer so ankommt in der Klasse, dies aber nicht konfrontativ, sondern locker und ganz nebenbei. Auch eine kleine Geschichte aus der eigenen Kindheit kann ein Türöffner sein, wenn sie nicht in epischer ­Länge erzählt wird. 

Nehmen wir an, der 10-jährige Sohn kommt mit einem Zeugnis nach Hause, das schlechter ausgefallen ist als das letzte. Wie sollte ich als Mutter oder Vater damit umgehen? 

Nun denn, das gibt es. In so einem Fall würde ich mich erst einmal fragen: Um welche Fächer geht es? Was sind das für Inhalte? Was sind das für Themen und hat er den Anforderungen entsprechend gelernt und sich gut vorbereitet? Wo muss ich mit meinem Kind etwas mehr hinschauen und üben?

Bildet dieses Zeugnis nicht einfach die Realität ab, dass der Schulstoff schwieriger wird? Und dann würde ich mich im Stillen freuen, wenn das Kind auf schlechte Noten mit einer gewissen Verärgerung und Frust reagiert und daraus Motivation schöpft, nach dem Motto: Der blöden Lehrerin zeig ichs aber! 

Und wenn es das nicht tut?

Dann müsste ich das Kind dahingehend anleiten und mir anschauen, wo sein eigener Anteil an dieser Note ist und was es tun muss, um das auszugleichen. Ansonsten ­gaukle ich dem Kind eine Fantasiewelt vor und irgendwann taucht dann die Realität auf. 

Wie meinen Sie das? 

Lassen Sie es mich anhand eines Beispiels erklären: Da ist eine ­Gruppe von 15 Skischülerinnen und -schülern, die alle nach dem Abschlussrennen eine Goldme­daille bekommen. Keiner von ihnen steht zuoberst auf dem Podest, alle sind Siegerinnen und Sieger. Doch am nächsten Tag wird noch eine Skigruppe gegründet, die gegen das Nachbarlager antreten soll und drei von den 15 werden ausgewählt. Da fragen sich doch die restlichen 12: Ich habe gestern auch die Goldmedaille bekommen und heute bin ich nichts?

Aus meiner Sicht ist es eine ganz eigenartige, vermutlich unbewusste Gegenreaktion mancher Erwachsener, unsere Leistungsgesellschaft in einigen Bereichen symbolisch zu verschleiern. In der Kinderrealität schlägt sie aber voll durch. Das meine ich mit dieser Diskrepanz zwischen Handeln und Sprechen.

Sie sagten einmal in einem Interview, dass bei Ihnen ab dem Teenageralter ­überwiegend Mädchen behandelt werden. Wo bleiben die Buben?

Wir wissen es nicht genau. Aber lassen Sie mich zunächst differenzieren. Im ambulanten Bereich sehen wir in Luzern etwa 1200 Kinder und Jugendliche pro Jahr, im stationären etwa 300. Letztere sind schwer erkrankt und oftmals akut suizidgefährdet. Und in diesem Bereich sehen wir seit etwa zweieinhalb Jahren definitiv mehr Mädchen als Buben, ein Verhältnis von 9:1. Das macht uns Sorgen. Aber vielleicht schaffen es die Buben, mit den Unsicherheiten der letzten Jahre auch besser umzugehen, was eine gute Nachricht wäre. 

Woran könnte das liegen?

Buben – und Männer – haben eher die Fähigkeit, Probleme auszublenden, zu verdrängen und sich einfach anderen Dingen zuzuwenden. Natürlich nicht jeder Junge, ich spreche vom Durchschnitt. So weiss man beispielsweise, dass in Trennungs- und Scheidungssituationen Jungs in der Regel besser klarkommen als Mädchen.

Die sozialen ­Netzwerke ziehen besonders zu ­Depressivität ­neigende Mädchen und Frauen stark runter.

Jungs brauchen auch nicht so viele gelingende Beziehungen – und diese werden auch nicht wie bei Mädchen ständig überprüft. «Bist du noch meine beste Freundin?» – diese Frage stellen sich Buben meist gar nicht, das ist geregelt. Was heute noch dazukommt, ist die Möglichkeit von Buben, sich durch hochpersönliche Computerspiele genau in den Bereichen ­Erfolge zu organisieren, die sie im realen Leben nicht haben. 

Während sich Mädchen überwiegend in sozialen Netzwerken aufhalten. 

Und diese «Vergleichsportale» ziehen besonders zu Depressivität neigende Mädchen und Frauen stark runter. Irgendwann verinnerlicht man: Ich bin sowieso nichts wert. Und dann helfen auch die Zusprüche der Eltern nicht mehr. Die Algorithmen sind ja genau so programmiert, dass Abwertendes, Kritisches und Negatives einen Hauch länger gezeigt wird als Positives, da diese Dinge mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Oliver Bilke-Hentsch im Gespräch mit der stellvertretenden Fritz+Fränzi-Chefredaktorin Evelin Hartmann. 

Zum Beispiel im Fall von Selbstverletzungen: «Wir sehen ja gar nichts», bekommt ein Mädchen zu hören, das seinen geritzten Arm zeigt. Also vergrössert das Mädchen das Bild. «Aber so meinten wir das doch nicht, mach die Verletzung grösser!» Das Mädchen zögert, sieht aber, dass von 18, die zugeschaut haben, schon sieben abgeschaltet haben. Also macht sie die Verletzung grösser. Auf einmal sind es 23. Dann taucht ein Teenager mit einer noch grösseren Verletzung auf und das Mädchen ist raus. Aber der Gewebeschaden ist da und die bleibenden Schäden im psychischen Bereich werden oft unterschätzt. 

Nun wird dem Thema psychische Gesundheit seit einiger Zeit mehr ­Aufmerksamkeit geschenkt und es wurden zahlreiche Kampagnen ­lanciert. 

Auf städtischer und kantonaler Ebene ist das definitiv so. Auf Bundesebene müsste noch mehr passieren. Dort, wo die Schulbehörden und das Gesundheitswesen konstruktiv zusammenarbeiten und ein gemeinsames Interesse an seelisch gesunden Schülerinnen und Schülern, Lehrlingen und im Idealfall auch Studierenden haben, geht es deutlich besser.

Dies ist eine entscheidende Schnittstelle. Die Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter sind von grösster Wichtigkeit, auch ein schulpsychologischer Dienst muss entsprechend ausgestattet sein. Wir haben es ja eingangs besprochen: Gelassene und gut geschulte Fachpersonen, die regelmässig mit den Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sind die wichtigsten Menschen, wenn es darum geht, seelisches Leid zu entdecken und den Familien frühzeitig zu helfen.

Evelin Hartmann
ist stellvertretende Chefredaktorin von Fritz+Fränzi. Sie wohnt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Luzern.

Alle Artikel von Evelin Hartmann

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