«Kinder brauchen unsere Zuversicht»

Das seelische Wohlbefinden gehört zu den meistdiskutierten Gesundheitsthemen. Wie geht es Kindern und Jugendlichen diesbezüglich? Sind sie heute anfälliger für psychische Probleme? Was hat es mit sogenannten Modediagnosen auf sich? Antworten hat Alain Di Gallo, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Interview: Virginia Nolan
Bilder: Fabian Hugo/13 Photo / zVg

Herr Di Gallo, mit welchen Problemen kommen Heranwachsende zu Ihnen?

Die Bandbreite von psychischen Störungen ist gross. Vereinfacht gesagt unterscheiden wir zwischen internalisierenden, nach innen gerichteten Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen, unter denen Betroffene oft im Stillen leiden, und externalisierenden, nach aussen gerichteten Störungen wie etwa ADHS, die sich durch Hyperaktivität, Impulsivität, aggressives oder verweigerndes Verhalten äussern. Es gibt auch Krankheiten, auf die keine Kategorie eindeutig zutrifft, weil Betroffene ihre Bewältigungsstrategien sowohl nach innen als auch nach aussen richten. Das kann etwa bei Zwangs- oder Suchtstörungen der Fall sein.

Womit haben Sie es denn am häufigsten zu tun?

Mit Angststörungen, Depressionen und ADHS. Dabei ist jedes Störungsbild mit unterschiedlichen Ausprägungen verbunden. So können sich Angststörungen in Trennungs- und Nachtangst äussern, wie es bei Kleinkindern öfter der Fall ist, oder in Panikattacken und Phobien. Depressionen betreffen häufiger Jugendliche, sie können jedoch auch im Kindesalter auftreten. Kinder zeigen oft keine klassischen Symptome wie Antriebslosigkeit oder Traurigkeit, sondern reagieren subtiler, etwa mit Spielunlust oder Rückzug, was die Diagnostik anspruchsvoll macht. Ein grosser Teil unserer Arbeit betrifft ausserdem die psychosomatischen Störungen, die bei hohen emotionalen Belastungen auftreten. Dann werden psychische Reaktionen durch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafprobleme oder Essstörungen sichtbar.
Alain Di Gallo ist Chefarzt und Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Er ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne.
Alain Di Gallo ist Chefarzt und Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Er ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne.
Artikel kostenlos weiterlesen

Registrieren Sie sich gratis und profitieren Sie:

  • Begrüssungsgeschenk: Wahl aus 150 Angeboten
  • Unbegrenzter Zugriff auf über 2’000 Artikel
  • Artikel merken und Lesezeichen speichern
  • Elterntipps und wertvolle Unterstützung
  • 100% kostenlos für Sie
Jetzt Registrieren

Lesen Sie mehr zum Thema psychische Probleme:

Advertorial
Vitaminbombe im Herbst
Model und Mama Sarina Arnold liebt es, im Herbst ihr eigenes Süppli zu kochen und die schnell zubereiteten Energiespender in ihrer Vielfalt auszuprobieren.
Elternbildung
So stärken Sie das psychische Immunsystem Ihres Kindes
So stärken Sie das psychische Immunsystem Ihres Kindes: Drei einfache und alltagstaugliche Übungen für Eltern.
Gesundheit
Psychisch kranke Kinder: «Es fehlt an Zeit und Geld»
3 Fragen an Dirk Büchter, leitender Arzt am Kinderspital St. Gallen über den Anstieg an psychisch kranken Kindern und Jugendlichen.
Elternbildung
«Es gibt keine negativen Gefühle»
Jan-Uwe Rogge sagt, Aggressions­erziehung sei eine besonders wichtige Aufgabe von Eltern. Denn wenn ein Kind tobt, reagieren Mütter und Väter oft hilflos.
Gesundheit
Über die Klinik zurück ins Leben
Wenn ein Kind an psychischen Störungen erkrankt, hilft oft nur die Behandlung in einem geschützten Rahmen. Viola war vier Monate in einer Privatklinik.
Gesundheit
Jung, verletzt – und lebensmüde?
Fast jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal absichtlich selbst verletzt, etwa mit Rasierklingen. Sind diese Buben und Mädchen suizidgefährdet?
Unkategorisiert
Was ist mit Mama los? 
Yvonne B. leidet an schweren Depressionen. Ihre Kinder Niklas, Lena und Emilia leiden mit, jedes auf seine Weise. Eine Geschichte über Kinder von psychisch kranken Eltern, was die Krankheit mit ihnen macht und warum es so wichtig ist, sie stärker in die Therapie der Eltern miteinzubeziehen.  Niklas sagt: «Wenn Mama in die Klinik muss, geben […]
Gesundheit
«Viele Kinder schämen sich für die psychische Krankheit ihrer Eltern»
Was passiert mit Kindern, deren Mutter oder Vater psychisch erkrankt? Der Kinderpsychiater Kurt Albermann erklärt, warum sie häufig übersehen werden, worunter sie am meisten leiden und wie es Betroffenen gelingt, zu einem harmonischen Familienleben zurückzufinden.  Sozialpädiatrisches Zentrum Winterthur, erster Stock. Kurt Albermanns Händedruck zur Begrüssung ist fest, sein Lächeln charmant. Mit einer einladenden Geste weist […]