Wie Kinder Konzentration lernen können
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Wie Kinder lernen können, sich besser zu konzentrieren

Lesedauer: 4 Minuten

Nach einem langen Schultag fällt es vielen Kindern schwer, sich auf ihre Hausaufgaben zu fokussieren. Elterliches Mahnen bringt da wenig, Achtsamkeitsübungen hingegen viel.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Konzentration ist die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit bewusst auf einen Punkt auszurichten, beispielsweise auf eine Aufgabe oder eine Person. Dabei erbringt unser Gehirn eine erstaunliche Leistung: Es verstärkt Signale, die von der Quelle ausgehen, auf die wir uns fokussieren – und schwächt andere ab.

Treffen Sie sich beispielsweise mit jemandem in einem vollen Café, hören Sie nach einigen Momenten fast ausschliesslich diese Person und blenden all die anderen Reize aus. Nähme man dieselbe Situation mit einem normalen Mikrofon auf, würde man aufgrund der vielen Nebengeräusche kaum etwas verstehen.

Wer genügend schläft, sich ­regelmässig bewegt und gesund ernährt, kann sich auch besser fokussieren.

Wie gut unser Gehirn in der Lage ist, diese Leistung zu erbringen, hängt von vielen Faktoren ab. Zum einen vom Entwicklungsstadium: Je älter ein Kind ist, desto länger und besser kann es sich fokussieren. Dabei gibt es jedoch grosse individuelle Unterschiede. Bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beispielsweise entwickelt sich diese Kompetenz verzögert und nicht im gleichen Umfang.

Daneben wirken sich unsere Gewohnheiten auf die Konzentrationsfähigkeit aus: Wer genügend schläft, sich regelmässig bewegt und gesund ernährt, kann sich auch besser fokussieren. Zusätzlich können wir diese Fähigkeit aber auch bewusst trainieren und bei unseren Kindern und Schülerinnen und Schülern stärken.

«Konzentrier dich!», «Hör auf zu träumen!»: Kinder werden immer wieder darauf hingewiesen, wenn es ihnen gerade nicht gelingt, sich auf etwas zu fokussieren. Das ist selten hilfreich und kann bei einigen Kindern im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dazu führen, dass sie glauben, sich sowieso nicht konzentrieren zu können.

Konzentrieren Sie sich auf gelungene Momente

Gerade Kinder, die sich leicht ablenken lassen, profitieren, wenn wir sie auf Momente hinweisen, in denen es ihnen gelingt, sich auf eine Sache einzulassen: «Du bist gerade sehr konzentriert.» Damit stärken wir ihre Selbstwirksamkeit: Ich kann mich nicht immer fokussieren, aber es gelingt mir immer wieder. Zudem registrieren die Kinder, wie es sich anfühlt, sich auf etwas einzulassen, und sie fühlen sich durch Anerkennung eher motiviert als durch negative Rückmeldungen.

Gerade bei Kindern, die sich weniger gut konzentrieren können, erlebe ich immer wieder, dass bereits in der Primarschule stundenlang an den Hausaufgaben gesessen wird. Oft werden nicht einmal Pausen gemacht mit der Begründung: «Wenn ich das Kind eine Pause machen lasse, bringe ich es danach nicht mehr dazu, wieder anzufangen.»

Kinder lernen aber nicht, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern, wenn wir sie von aussen zwingen, ständig über ihre Grenzen hinauszugehen. Hilfreicher ist, wenn wir die Situation an das Kind anpassen. So kommt ein Kind mit Aufmerksamkeitsproblemen bei den Hausaufgaben oft schneller voran, wenn es dreimal zehn Minuten arbeitet, als wenn es eine Stunde ohne Pause vor den Heften sitzt.

Dabei kann das Kind sich bewusst darin trainieren, den Fokus auf die Aufgabe zu richten und ihn dann für eine kurze Pause wieder zu lösen. Als Elternteil können Sie es unterstützen, indem Sie es fragen: «Was willst du in den nächsten zehn Minuten schaffen? Weisst du, wie du die Aufgaben lösen kannst? Bereit? Los!» Nach zehn Minuten kann eine kurze Pause gemacht werden – nur zwei bis drei Minuten. Dabei sollte sich das Kind nicht auf etwas anderes einlassen, sondern einfach kurz die Gedanken schweifen lassen, indem es aus dem Fenster schaut, aufs WC geht, etwas Kleines isst oder trinkt, kurz ein Lied hört oder sich bewegt.

Wenn Kinder stundenlang Hausaufgaben erledigen müssen, verlieren sie jegliche Motivation.

Lassen Sie die Hausaufgaben nicht ausufern

In der Primarschule tragen die Hausaufgaben wenig zum Schulerfolg bei. Und bei Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen schaden sie oft mehr, als sie nützen. Wenn Kinder stundenlang Hausaufgaben erledigen müssen, verlieren sie jegliche Motivation, können sich zu wenig erholen und arbeiten in der Schule oft noch weniger mit, weil sie sich dort die dringend benötigten Pausen holen.

Lassen Sie das nicht zu. Falls Ihr Kind viel zu lange an den Haus­aufgaben sitzt, melden Sie das der Lehrkraft zurück und bitten Sie um Hilfe. Die allermeisten Lehrpersonen möchten keinesfalls, dass die Hausaufgaben bereits in der Primarschule so lange dauern.

Hilfreich ist oft die folgende Abmachung: Gemeinsam mit der Lehrerin wird vereinbart, dass das Kind die Hausaufgaben abbrechen darf, sofern es eine bestimmte Zeit lang konzentriert daran gearbeitet hat. Das könnte so aussehen: Ein Drittklasskind erledigt während 30 Minuten Hausaufgaben. Diese 30 Minuten werden auf drei zehnminütige Sprints aufgeteilt. Hat es sich dabei auf die Arbeit eingelassen, vermerken die Eltern auf dem Arbeitsblatt «hat 30 Minuten ge­arbeitet» und das Kind darf abbrechen. Sehr oft entwickeln die Kinder durch dieses Vorgehen mehr Motivation, arbeiten zügiger und fokussierter.

Achtsamkeitstraining verbessert die Konzentration

Mittlerweile zeigen mehrere Studien, dass sich die Konzentration durch Achtsamkeitstrainings verbessern lässt – auch und gerade bei Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen. Bei Achtsamkeitsübungen trainieren wir genau das, was Konzentration ausmacht: Wir fokussieren uns auf eine einzige Sache – beispielsweise auf die Atmung, einen Klang, den Geschmack einer Frucht oder darauf, wie sich unser Körper anfühlt. Nach kurzer Zeit schweift unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich ab.

Probieren Sie es aus, schliessen Sie die Augen und fokussieren Sie sich auf Ihre Atmung. Denken Sie dabei an nichts anderes. Wie ­lange dauert es, bis der erste ablenkende Gedanke aufploppt? Meist nicht länger als zwei, drei Sekunden. Beim Achtsamkeitstraining wird nun geübt, das zu registrieren und die Aufmerksamkeit auf diese eine Sache zurückzulenken. Dadurch wird etwas trainiert, was man als Metaaufmerksamkeit bezeichnet: das Bewusstsein dafür, wo sich die eigene Aufmerksamkeit momentan befindet, um sie bewusst wieder neu auszurichten.

Veränderungen im Gehirn

Nach einigen Wochen mit regelmässigem Training lassen sich über bildgebende Verfahren sogar Veränderungen im Gehirn nachweisen. Die Bereiche, die für die Aufmerksamkeitslenkung zuständig sind, vernetzen sich stärker und nehmen sogar in ihrer Grösse zu.

Damit sich Kinder auf solche Übungen einlassen, ist es oft hilfreich, mit attraktiven Modellen zu arbeiten. Im Buch «Lotte, träumst du schon wieder?», das ich gemeinsam mit Stefanie Rietzler geschrieben habe, wird Hasenmädchen Lotte von der weisen Wölfin Sakiba der «Wolfsblick» beigebracht: die Fähigkeit, ganz im Hier und Jetzt zu sein und sich auf eine Sache zu fokussieren. Andere Kinder interessieren sich mehr dafür, wenn sie erfahren, dass Achtsamkeitsübungen früher in Form des Zen-Buddhismus von Samurai praktiziert wurden, um Klarheit, Stärke und Fokus zu gewinnen, und auch heute noch in vielen Kampfkünsten trainiert werden.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

Alle Artikel von Fabian Grolimund

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