Hilf mir, es selbst zu tun - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Hilf mir, es selbst zu tun

Lesedauer: 5 Minuten

Hausaufgaben sorgen in vielen Familien regelmässig für Streit. Sie sollten und können jedoch für Eltern eine Brücke zur Schule sein – und das Kind beim Lernen unterstützen.

Text: Franziska Peterhans
Bild: Pexels

Damals, in meinem ersten Jahr als Lehrerin, unterrichtete ich Kinder einer altersgemischten ersten und zweiten Klasse. Bestrebt, meinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht eine möglichst grosse Vielfalt zu bieten, nahm ich mir dieses Vorhaben auch für die Hausaufgaben zu Herzen: Die Kinder sollten sich damit bloss nicht langweilen. Und so gab ich ihnen für zu Hause jeweils zwei bis drei verschiedene kleine Dinge auf – bis mich eines Tages die Mutter von Lara, einer Schülerin, auf einen Kaffee einlud. Sie schätze mein Engagement, sagte mir die Mutter im Gespräch, eröffnete mir in ihrer wertschätzenden Art aber auch, dass die Tochter zwar sehr gerne zur Schule gehe, es zu Hause aber oft Tränen gebe: Lara falle es schwer, die Hausaufgaben im Kopf zu behalten. Zu Hause angekommen, wisse das Mädchen oft bereits nicht mehr, was die Lehrerin alles aufgetragen habe.

Fragen über Fragen

Für mich als junge Lehrerin, die wenig Berufserfahrung und zu diesem Zeitpunkt noch keine eigenen Kinder hatte, war die Rückmeldung dieser Mutter sehr hilfreich: In meinem Übereifer hatte ich einige Kinder wohl überfordert. Ich hatte schlicht nicht bedacht, dass Erstklässlerinnen und Erstklässler noch nicht so viele verschiedene Dinge im Kopf behalten können.

Mitunter werden Hausaufgaben für manche Eltern zur Zitterpartie: Hoffentlich gibt es heute nicht schon wieder Tränen!

Seit meiner Zeit als Berufseinsteigerin hat sich in der Schule vieles verändert. Geblieben ist die Tatsache, dass Hausaufgaben in vielen Familien Fragen aufwerfen oder für Zündstoff sorgen. Sei es, weil der Nachwuchs am freien Nachmittag mal wieder behauptet, nichts aufzuhaben, sich ruckzuck aus dem Staub macht – um sich dann spätabends zu erinnern, dass doch noch Hausaufgaben anstehen. Oder, weil das Kind schon beim ersten Anlauf am Pult die Augen verdreht und lautstark die Unterstützung der Eltern einklagt, die sich wiederum Sorgen machen, so klappe das mit der Selbständigkeit nie. Mitunter werden Hausaufgaben für manche Mütter und Väter zur regelrechten Zitterpartie: Hoffentlich gibt es heute nicht schon wieder Tränen!

«Viele Schulen führen die Hausaufgaben wieder ein – auf Druck der Eltern hin.»

Auch bei Lehrpersonen sorgt das Thema für schwierige Situationen, deren Lösung nicht gleich auf der Hand liegt. Fünftklässlerin Mina hat statt ihrer Hausaufgaben etwas anderes gelöst. Sie hat offenbar nicht verstanden, was zu tun ist. Drittklässler Tim vergisst seine Hausaufgaben regelmässig, obwohl die Lehrperson seine Eltern mehrmals darauf hingewiesen hat. Der Vater von Sechstklässler Noah beschwert sich, weil er findet, sein Sohn habe zu viel Arbeit mit den Hausaufgaben.

Antworten aus der Forschung

Hausaufgaben sind inzwischen fast zum Politikum avanciert und ein entsprechend viel diskutiertes ­Thema: Braucht es sie überhaupt? Haben die Kinder mit dem Schulstoff nicht schon genug zu tun? Kann man sie abschaffen? Manche Schulen haben genau dies getan – nicht wenige führten die Hausaufgaben allerdings wieder ein, oft auf Druck der Eltern hin. Denn viele Mütter und Väter, so scheint es, schätzen die Hausaufgaben als ­Brücke zur Schule, als Möglichkeit, Einblick ins kindliche Lernen zu erhalten. Andere wiederum würden die knapp bemessene gemeinsame Zeit mit der Familie lieber anders nutzen oder können den Nachwuchs bei den Schulaufgaben schlicht nicht unterstützen. Sie sehen die Zuständigkeit für schulische Inhalte bei der Lehrperson oder empfinden Hausaufgaben gar als unnütz.

Wozu sind Hausaufgaben denn nun gut? Und wie viel darf es sein? Antworten hat der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie, der eine der grössten und wichtigsten Studien über schulisches Lernen leitete. Hattie zufolge dienen Hausaufgaben im Idealfall dem Vertiefen des Schulstoffs und fördern selbständiges Arbeiten. Sein Fazit: Hausaufgaben sind für das Lernen hilfreich, aber eher bei älteren Kindern. Insgesamt, betont der Forscher, seien altersgemässe Zeitvorgaben dabei entscheidend.

Der Lehrplan 21 berücksichtigt diese Vorgabe – er sieht deutlich weniger Hausaufgaben vor, als bis zu seiner Einführung üblich war. Dies unter anderem aufgrund der Tatsache, dass die Lektionenzahl in den Fachbereichen Deutsch, Mathematik sowie Medien und Informatik erhöht wurde, was bedeutet, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit in der Schule verbringen. Neben dem Unterricht, so das Credo, sollen die Schülerinnen und Schüler genügend Zeit finden, sich zu erholen und einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen.

Daher gibt der Lehrplan 21 folgende Empfehlungen zur Dauer von Hausaufgaben:

Dauer Hausaufgaben:


1. Zyklus (bis zweite Klasse, ohne Kindergarten): 30 Minuten pro Woche.
2. Zyklus (dritte bis sechste ­Klasse): 30 bis maximal 45 Minuten pro Woche.
3. Zyklus (Sekundarstufe I): 90 Minuten pro Woche.

Quelle: Lehrplan 21

 

So unterstützen Sie Ihr Kind

Hilf mir, es selbst zu tun: Die Maxime der Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori sei Ihnen, liebe Eltern, ans Herz gelegt, wenn Sie Ihr Kind bei den Hausaufgaben unterstützen wollen. Bestärken Sie das Kind darin, dass es schon so viel kann – «Ich glaube, du kannst das» könnte ein Zaubersatz sein. Sie können einiges dafür tun, dass dies auch wirklich gelingt.

Empfangen Sie Ihr Kind nach der Schule, essen Sie mit ihm einen Zvieri und sprechen Sie mit ihm. Es ist immer hilfreich, wenn Sie sich für Ihr Kind und die Schule interessieren, denn es verbringt viel Zeit dort, lernt und erlebt dabei so manches. Lassen Sie das Kind in aller Ruhe zu Hause ankommen, seine kleinen und grossen Sorgen abladen oder Ihnen einfach von seinem Tag erzählen. Dabei eine kleine Stärkung in den Bauch zu kriegen, schafft eine gute Voraussetzung für das anschliessende Erledigen der Hausaufgaben.

Wichtig ist auch, dass Ihr Kind einen ruhigen Platz zum Arbeiten hat. Es soll sich auf seine Hausaufgaben konzentrieren können und seine Energie nicht dafür aufwenden, Ablenkungen zu widerstehen. «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen» – solche Glaubenssätze müssen Sie Ihrem Kind nicht unbedingt sagen. Aber Sie können danach handeln: Seien Sie konsequent darin, dass die Aufgaben prioritär und nicht erst am Abend erledigt werden, wenn das Kind müde ist. Aber: Es darf auch einmal eine Ausnahme geben. Und, wie gesagt: Hausaufgaben können eine Brücke zur Schule sein. Lassen Sie sich daher von Ihrem Kind zwischendurch erklären, was es als Hausaufgabe gemacht und dabei gelernt hat – aber bitte nicht jeden Tag.

In aller Regel erteilen Lehrpersonen Hausaufgaben in angemessenem Umfang und so, dass das Kind sie selbständig lösen kann. Wenn Ihr Kind Fragen hat, kann es auch sein, dass es einfach Ihre Nähe sucht. Weisen Sie es nicht ab, aber erledigen Sie auch nicht seine Hausaufgaben – die sind Sache des Kindes. Auf Fragen reagieren Sie am besten mit einer Gegenfrage: Was genau begreifst du nicht? Welcher Teil der Aufgabe ist für dich einfach? Könntest du vielleicht an diesem Punkt mit der Aufgabe beginnen?

«Alles ist schwierig, bevor es einfach wird»

Seien Sie sich gewiss: Lehrerinnen und Lehrer sind sich bewusst, dass Sie beschränkte Zeitressourcen haben und überdies nicht alle Eltern ihre Kinder so unterstützen können, wie diese es bräuchten. Umso wichtiger ist das mittlerweile an den meisten Schulen übliche kostenlose Angebot für Hausaufgabenbetreuung.

Und falls es vermehrt nicht rund läuft, dann sprechen Sie doch einmal mit der Lehrperson. Lehrerinnen und Lehrer wissen oft nicht Bescheid über die Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben. Ihre Rückmeldung kann hilfreich sein. Anerkennen Sie ausserdem immer wieder, was Ihr Kind schon alles gelernt hat, und denken Sie auch daran, dass Lernen wirklich anstrengend sein kann. An einer Schulzimmertüre habe ich einmal in grossen Lettern gelesen: «Alles ist schwierig, bevor es einfach wird.» Stimmt doch! Hinzu kommt: Mütter und Väter leisten sehr viel. Dass nicht jeden Tag alles ideal läuft, gehört zum Leben dazu.

4 Wege aus dem Hausaufgaben-Frust
Wie bringe ich mein Kind dazu, endlich seine Hausaufgaben zu machen? Fabian Grolimund zeigt in diesem Video Tipps und Tricks für einen entspannteren Umgang im Alltag. 

Franziska Peterhans
ist Zentralsekretärin und Mitglied der Geschäftsleitung des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.