Juul: «Wir brauchen eine Diagnose für traumatisierte Scheidungskinder»

Es ist in Mode gekommen, auffälliges Verhalten bei Kindern sofort abklären zu lassen. Das macht in manchen Fällen Sinn, sagt unser Kolumnist Jesper Juul. 
Vor ein paar Jahren ­­­­war ich Gastredaktor eines Magazins. In manchen Berichten schrieb ich über die Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche schon in sehr jungen Jahren eine Diagnose erhalten und dass ich das bedenklich finde. Daraufhin bekam ich von vielen Lesern Zuschriften. Einer der eifrigsten Diskutanten kam zum Urteil: «Juul mag keine Diagnosen.»

Andere betonten, dass ihre Kinder nach Jahren der Frustration und Hilflosigkeit endlich eine Diagnose erhalten hätten. Oft werde ich auch gebeten, selbst eine Diagnose zu den Kindern und Jugendlichen zu stellen, über die ich in meiner Kolumne schreibe. Deshalb will ich hier meine Einstellung zu Diagnosen im Allgemeinen klar zum Ausdruck bringen.

Vielleicht sollte ich zunächst anmerken, dass ich nicht befugt bin, irgendwelche Diagnosen zu stellen, was sowohl für Menschen gilt, die mir beschrieben werden, als auch für Menschen, denen ich persönlich begegnet bin. Ich habe auch schon Menschen kennengelernt, denen meiner Meinung nach mit einer Diagnose gedient gewesen wäre.

Ich bin also nicht generell gegen Diagnosen – weder aus fachlichen Gründen noch aus allgemeiner Überzeugung. Ich wende mich jedoch gegen die Tendenz, sofort nach einer Diagnose zu suchen, wenn Erwachsene frustriert sind, weil sie das Verhalten ihres Kindes nicht verstehen. Sie können sich natürlich weigern, ihr eigenes Verhalten als möglichen Faktor zu überprüfen – ein Verhalten, das ich insbesondere bei Lehrpersonen und Pädagogen bedenklich finde.

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