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Familienleben

Scheidungskinder: Wie geht eine Trennung im Guten?

In den letzten 50 Jahren hat sich die Scheidungsrate in der Schweiz mehr als verdoppelt. Eine Trennung muss aber nicht zwingend einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben. Vorausgesetzt, die Eltern schaffen es, sich zum Wohle des Kindes zu verhalten. Wie geht das? 
Text: Andres Eberhard  Bilder: Thomas Schweigert / 13 Photo
Es gab Zeiten, da wurde eine Scheidung der Eltern für fast alles verantwortlich gemacht, was im Leben der Kinder schiefgehen kann: psychische Störungen, Drogenmissbrauch, Straffälligkeiten und vieles mehr. Dass selbst einige Wissenschaftler diesen «Broken home»-Ansatz vertraten, war eine Steil­vorlage für konservative Scheidungsgegner. 

Heute weiss man: Kinder leiden nicht unter der Trennung an sich, häufig aber unter ihren Folgen. Die Scheidungsfolgenforschung hat die Zusammenhänge gut untersucht: Als direkte Folgen einer Trennung gelten Konflikte zwischen den Eltern, der Verlust eines Elternteils, die psychische Verfassung des erziehenden Elternteils und ein allfälliger «ökonomischer Abstieg». Als indirekte Folgen, welche Kinder im negativen Sinne prägen können, gelten ein Umzug, der Verlust von anderen Beziehungen und die Gründung einer Zweitfamilie.
Alternierende Obhut: Vier Tage pro Woche sind Lynn, Léna, Léon und Léonor bei Karin Benninger, drei Tage bei ihrem  Vater.
Alternierende Obhut: Vier Tage pro Woche sind Lynn, Léna, Léon und Léonor bei Karin Benninger, drei Tage bei ihrem  Vater.
Nun möchte aber kaum eine Mutter, kaum ein Vater, dass das Kind unter der Trennung seiner Eltern leiden muss. Nur, wie kriegt man das hin? Wir haben für dieses Dossier betroffene Familien und Expertinnen und Experten gefragt, worauf es an­­kommt.

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Dossier Scheidung: Kindeswohl nach der Trennung.
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Die neue Ausgabe: Ab 7. März am Kiosk kaufen oder online bestellen.
Die neue Ausgabe: Ab 7. März am Kiosk kaufen oder online bestellen.

Die gute Nachricht zuerst: Fast alle der erwähnten negativen Folgen einer Trennung können durch das Verhalten der Eltern positiv gesteuert werden. Das wiederum heisst nichts anderes als: Eine Trennung, bei der die Kinder glimpflich davonkommen, ist zu schaffen. Dass die Scheidungsrate von 1970 bis heute von 15 auf rund 40 Prozent gestiegen ist, klingt für viele erst einmal wie das Ende des Modells «Familie». Nicht vergessen werden sollte aber, dass es darunter sehr viele «gute Scheidungen» gibt: In etwa 85 Prozent aller Fälle schaffen es die Eltern, die Beziehung aufzulösen, die Familie aber in neuer Form zu erhalten. 
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Fast alle negativen Folgen
einer Trennung können durch das Verhalten der Eltern
positiv gesteuert werden.
Gleichwohl stellt eine Trennung eine grosse Herausforderung an die Eltern dar – gerade, weil sie sich selber in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden. Besonders schwer tun sich viele Eltern damit, ihre eigenen Konflikte nicht aufs Kind zu übertragen. Der Ratschlag, der von Experten bei Weitem am häufigsten zu hören ist, lautet deshalb: Trennen Sie die Rolle als Partner oder Partnerin von Ihrer Rolle als Mutter oder Vater, dann kommt es gut. 
«Viele Konflikte entstehen auf der Paarebene, werden aber auf der Elternebene ausgetragen», sagt Danielle Estermann vom Schweizerischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV). Und Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung (VeV) verdeutlicht: «Wenn man es schafft, zu erkennen, dass man selber seinen eigenen Partner unmöglich findet, der gemeinsame Sohn ihn aber lieb hat, dann ist man auf gutem Weg.»

Auf den Punkt gebracht: Kinder sollten nicht in den Streit der Eltern involviert werden. Das klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Denn kommt es zur Trennung, streiten die Eltern – so sehr man das auch zu verhindern versucht – oft auch um die Kinder. Erstens, weil niemand die Kinder verlieren möchte. Und zweitens, weil es im Trennungsverfahren immer auch um den Unterhalt der Kinder geht. Oliver Hunziker findet dafür einfachere Worte: «Kinder bedeuten eben auch Geld.»

Wenig förderlich zeigt sich dabei die Systematik unseres Rechtssystems. Eine Scheidung muss immer vor Gericht. Dafür braucht es in der Regel Anwälte. Und die sind dazu da, die Interessen einer einzigen Person zu vertreten. Wir werden also regelrecht auf ein Seilziehen ge­­trimmt, bei dem jeder seine eigenen Interessen durchsetzen will. «Die Aufgabe von Gerichten ist, herauszufinden, wer recht hat», sagt Hunziker. Dabei würde eine gute Scheidung, vor allem wenn Kinder im Spiel sind, ein pragmatisches Mitein­ander brauchen: Kommunikation, Kom­­promisse, aufeinander zugehen.

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