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Schule

Herr Largo, woran fehlt es in unserem Bildungssystem?

30 Jahre lang hat er die Abteilung für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich geleitet, seine Elternratgeber «Babyjahre» und «Kinderjahre» stehen in fast jedem elterlichen Bücherregal. Der bekannteste Kinderarzt der Schweiz über die heutige Massengesellschaft, überforderte Kinder, neue Formen des Zusammenlebens.
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Christian Grund / 13 Photo
Ein trüber Dienstagmorgen, Schneeflocken wirbeln durch die Luft, Autos mühen sich eine steile Strasse in Uetliburg, Kanton St. Gallen, hinauf. Dort oben wohnt Remo Largo, schönes Einfamilienhaus, traumhafter Blick bis zum Zürisee. «Habens Sie’s gut gefunden?», fragt der Kinderarzt, nimmt Mantel und Schal ab. «Ich mache Ihnen einen Tee», sagt er und bittet in den Salon, wo man sich die nächsten Stunden unterhalten wird.

Remo Largo, Ihr Buch «Das passende Leben» ist seit einem Jahr auf dem Markt. Das Medienecho war gross, zum Teil nicht gerade positiv. Hat Sie das überrascht?

Im Nachhinein nicht. Ich kann verstehen, dass meine Thesen vielen Lesern nicht behagen. Sie erwarten leicht umsetzbare Ratschläge. Im Buch geht es darum, sich selbst und sein Leben zu hinterfragen.
Remo Largo, 1943 in Winterthur geboren, studierte Medizin und Entwicklungs­pädiatrie. Von 1978 bis zur Pensionierung leitete er die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Universitäts­ Kinderspital Zürich. Die Longitudinalstudien, die er leitet, zählen zu den umfassendsten Studien in der weltweiten Entwicklungsforschung.
Remo Largo, 1943 in Winterthur geboren, studierte Medizin und Entwicklungs­pädiatrie. Von 1978 bis zur Pensionierung leitete er die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Universitäts­ Kinderspital Zürich. Die Longitudinalstudien, die er leitet, zählen zu den umfassendsten Studien in der weltweiten Entwicklungsforschung.

Was ist für Sie ein «passendes Leben»?

Ein passendes Leben zu führen, ist ein Grundprinzip der Evolution. Das will jedes Lebewesen, sei es ein Bakterium, eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch. Wir sind ständig bemüht, uns anzupassen oder eine Umwelt zu finden, die unseren Bedürfnissen entspricht. Ausserdem geht es darum, seine ganz eigenen Kompetenzen anwenden zu können – ohne dauerhaft überfordert oder unterfordert zu sein. Dies nenne ich das «Fit-Prinzip» – das wesentlich den Sinn des Lebens ausmacht. 

Sich selbst treu bleiben zu können und als derjenige wahrgenommen zu werden, der man wirklich ist, das wünscht sich jeder Mensch. Warum gelingt dies nur noch wenigen?

Wir verändern unsere Umgebung seit etwa 150 Jahren massiv. Das hat vor allem mit dem technischen Fortschritt sowie der Vermassung der Gesellschaft, der Globalisierung zu tun. Doch wir Menschen sind nicht beliebig anpassungsfähig. Unsere Vorfahren haben während mindestens 200'000 Jahren in Lebensgemeinschaften mit vertrauten Menschen gelebt. Nur selten kam jemand vorbei, den man nicht kannte. Diese Art des Zusammenlebens hat uns geprägt. Jetzt leben wir in einer anonymisierten Massengesellschaft, für die wir nicht gemacht sind.
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Und in der Massengesellschaft können wir unsere Grundbedürfnisse nicht mehr ausreichend befriedigen? 

Davon bin ich überzeugt. Insbesondere die sozialen und emotionalen. Geborgenheit, soziale Anerkennung und eine gesicherte Stellung in der Gemeinschaft sind Grundbedürfnisse, die wir immer weniger befriedigen können. Darunter leiden vor allem Kinder und ältere Menschen. 

Das müssen Sie genauer erklären.

«Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen», besagt ein afrikanisches Sprichwort. Da reicht eine Kleinfamilie nicht aus. So bekommen die Kinder nicht mehr die Geborgenheit, die sie eigentlich brauchen. Zusätzlich sind viele Eltern gestresst. Sie haben Angst, in unserer Leistungsgesellschaft den Anschluss zu verlieren. Diese Angst geben sie als Druck an ihre Kinder weiter.

Unsere Kinder wachsen heute mehrheitlich in Kleinfamilien auf ...

... und haben zu wenig weitere Bezugspersonen. Die Grosseltern wohnen oftmals zu weit weg, um sich an der Kinderbetreuung aktiv beteiligen zu können, zu seinem direkten Umfeld, etwa der Nachbarschaft, pflegt man keinen intensiven Kontakt. Wir haben uns an ein Leben mit grossen individuellen Freiheiten und wenig zwischenmenschlichem Umgang und Verantwortung gewöhnt und sind nur ungern bereit, darauf zu verzichten.

Ganz nach dem Motto: «Wir als Familie müssen es alleine schaffen.» 

Aber das ist quasi unmöglich. Die Familie war zu keiner Zeit ein soziales Eiland, auf dem die Eltern ihre Kinder alleine grossgezogen haben. Sie war immer in eine Lebensgemeinschaft eingebunden, in der es mehrere tragende Bezugspersonen gab: die erweiterte Familie, Nachbarschaft, Menschen, mit denen Kinder das Leben geteilt haben – und natürlich viele andere Kinder.

Man kann Aufgaben an Dienstleister delegieren: Haushaltshilfen, Kitas ...

... zu mehr emotionaler Unterstützung sowie Geborgenheit gelangt man dadurch aber nicht. Oder anders gesagt: Der Krippenerzieherin erzähle ich nichts von meinen Eheproblemen, der vertrauten Nachbarin vielleicht schon. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Vereinzelung unser Wohlbefinden beeinträchtigt. Gerade Kleinfamilien sind damit völlig überfordert. Als zutiefst soziale Wesen brauchen wir langjährige tragfähige Beziehungen mit vertrauten Menschen.
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