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Familienleben

Frau Tazi-Preve, warum sind Mütter heute so erschöpft?

Das heutige Mutterbild treibt die Frauen in die Erschöpfung, sagt die österreichische Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve. Schuld sei das vermeintliche Ideal der Kleinfamilie.
Interview: Claudia Landolt
Bilder: Martin Mischkulnig / 13 Photo
Grosse Ehrfurcht. Ich treffe Mariam Irene Tazi-Preve, die Retterin der Frauen. Die österreichische Politikwissenschaftlerin, die als Erste die Vereinbarkeitslüge publik gemacht hat, sitzt im Café Sacher in Innsbruck, ihrer Geburtsstadt. Lüster glitzern, das Holz ist poliert, die Sessel laden in rotem Plüsch. An den Wänden Bilder aus der kaiserlich-­königlichen Zeit Österreichs. Die Männer tragen Kaiser-Wilhelm-­Schnäuze, die Frauen rauschende Roben. Eine Kulisse, die besser nicht passen könnte zu Mariam Irene Tazi-Preve, einer Frau, welche die Lebensumstände von Müttern und Vätern erforscht. Ein Gespräch mit vielen Doppelmokkas und zwei Stück Sachertorte. 

Frau Tazi-Preve, warum sind Mütter oft müde?

Sie sind müde vom Dauerspagat zwischen Job und Familie, Haushalt und den vielen Tausend anderen Dingen, um die sie sich kümmern. Doch das ist nicht ihre Schuld.

Wessen Schuld ist es dann?

Die Schuld trägt unser Lebensmodell, die Kleinfamilie. Sie ist der Quell unseres Unglücks. 

Können Sie das erklären?

Die Kleinfamilie ist falsch aufgesetzt. Familie ist ein weiterer Begriff, er umfasst Geschwister, Onkel, Tanten. Doch in der Politik, den Medien, der Gesellschaft ist stets von der Kleinfamilie die Rede.
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Was ist daran falsch?

Die Kleinfamilie ist ein winzig kleines, sehr fragiles Konstrukt, das sich permanent emotional selbst aufladen muss. In diese isolierte Einheit, die die Politik gern die kleinste Zelle des Staates nennt, sperrt man zwei Dinge zusammen und behauptet, das müsse so sein. 
Mariam Irene Tazi-Preve ist  Professorin an der University of New Orleans. Sie war an den Universitäten Wien und Innsbruck wissenschaftlich tätig und ist Zivilisationstheoretikerin. Die gebürtige Österreicherin hat  zahlreiche Werke (wie etwa «Die  Vereinbarkeitslüge») zu den Schwerpunkten Geschlechterfragen, Mutter- und Vaterschaft sowie Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik publiziert. Im April 2017 ist ihr Buch «Vom Versagen der Kleinfamilie.  Kapitalismus, Liebe und der Staat» erschienen. Sie ist Mutter eines erwachsenen Sohnes.
Mariam Irene Tazi-Preve ist 
Professorin an der University of New Orleans. Sie war an den Universitäten Wien und Innsbruck wissenschaftlich tätig und ist Zivilisationstheoretikerin. Die gebürtige Österreicherin hat  zahlreiche Werke (wie etwa «Die 
Vereinbarkeitslüge») zu den Schwerpunkten Geschlechterfragen, Mutter- und Vaterschaft sowie Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik publiziert. Im April 2017 ist ihr Buch «Vom Versagen der Kleinfamilie.  Kapitalismus, Liebe und der Staat» erschienen. Sie ist Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Welche beiden Dinge?

Erstens die lebenslange romantische Beziehung und zweitens das sichere Aufziehen von Kindern. Nun gibt es die lebenslange romantische Zweierbeziehung nur in Ausnahmefällen. Suggeriert wird aber, sie sei die Normalität. 

Die ewige Liebe existiert nicht?

Nein. Die Statistik zeigt es ja. Die Hälfte aller Ehen wird geschieden. Die Paare, die im Konkubinat leben und sich trennen, werden statistisch gar nicht erfasst. Trennungen und Scheidungen aber werden noch immer moralisch sanktioniert. Die Politik spricht von einem Verfall der Werte. Oder man beschuldigt die Frau, die sich anmasst, arbeiten zu gehen. 

Trotzdem sehnen wir uns alle nach romantischer Zweisamkeit.

Das muss uns nicht verwundern. Uns wird ununterbrochen suggeriert, dass die romantische, legitimierte Liebe, die ein Leben lang hält, die anzustrebende Norm sei. Und dass jene, die daran scheiterten, selber schuld seien. Die Ironie dabei ist: Die romantische Idee von der Ehe ist historisch erst spät aufgekommen. Schon die Römer, die das juristische Fundament für die Ehe- und Familiengesetze legten, haben sich überhaupt keine Illusionen darüber gemacht, was sie für die Menschen bedeutet. Sie haben offen gesagt, dass die Ehe eine «Quelle des Verdrusses» für die Beteiligten sei, aber dass sie «Bürgerpflicht» sei und man sie für das Funktionieren von Politik und Gesellschaft eben brauche. Damit wird klar, dass das Wohl zweier Menschen nie im Vordergrund gestanden hat, wenn es um Heirat ging. Trotzdem sind wir der Idee bis heute verfallen. 

1 Kommentar
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Von Simonetta am 30.08.2017 11:46

Herzlichen Dank für diesen wichtigen, glasklaren Artikel. So fundiert und deutlich spricht selten jemand zu uns Eltern. Ein richtiger Augenöffner, für Mütter und Väter (hätte gerne etwas über mehr die Väter gehört). Ich würde gerne wissen, ob das Thema der Vereibarkeit(slüge) auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums so stark thematisiert wird. Ich arbeite (100% und mehr, leitende Funktion, internationale Tätigkeit) im Ausland, postsowjetischer Kontext, bin Mutter eines kleinen Kindes, habe einen erwerbstätigen Partner und werde hier NIE auf die Vereinbarkeit angesprochen (muss auch keine Fragen zu irgendwelchen Hüten beantworten - gottseidank!) Zu Hause in der Schweiz aber ständig. Warum ist das so? Warum ist es schon in Frankreich kaum ein Thema? Ist diese Kleinfamilie als allselig machendes Konzept nur bei unsverbreitet?

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