Tochter leidet unter Intrigen – wenn Schule zur Qual wird
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Wenn Schule zur Qual wird

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Mutter meldet sich beim Elternnotruf, weil ihr Kind in der Schule unter Intrigen leidet. Durch das Gespräch mit der Beraterin erkennt sie klarer, wie sie weiter vorgehen möchte.

Aufgezeichnet von Martina Schmid
Bild: Adobe Stock

Mutter: Guten Tag. Ich habe früher schon einmal wegen meines Sohnes angerufen. Die Beratung hat mir damals geholfen. Dieses Mal möchte ich Ihnen gerne schildern, wo ich gerade anstehe, und wäre dankbar für Ihre fachliche Einschätzung dazu.

Beraterin: Das können wir gerne so  machen. 

Mutter: Ich bin Mutter von vier Kindern im Alter von drei bis elf Jahren. Hier geht es um meine neunjährige Tochter, die seit ein paar Wochen in der dritten Klasse ist. In unserem Kanton haben wir alle zwei Jahre einen Klassen- und Lehrpersonenwechsel. Sie ist nun also bei einer neuen Lehrerin, und auch die Klasse wurde neu zusammengesetzt. Unter den Mädchen war es von Anfang an schwierig. Es bildeten sich Gruppen, und ich hatte den Eindruck, dass viel Stress im Spiel war und Angst aufkam, ausgeschlossen zu sein.

Beraterin: Wie haben Sie Ihre Tochter in dieser Zeit erlebt?

Mutter: Sie schien mir von Beginn weg belastet. Ich versuchte, für sie da zu sein, sie zu unterstützen und mit ihr zu besprechen, wie sie sich verhalten könnte – in der Hoffnung, dass dies nur eine Phase ist.

Beraterin: Das tönt nach einem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrer Tochter.

Mutter: Ja, aber das reichte nicht. Leider wurde es schlimmer. Vor allem ein Mädchen wurde sehr dominant und begann, über andere zu bestimmen. Dies geschah alles im Verborgenen. Ich ermutigte meine Tochter, sich an ihre Lehrerin zu wenden. Tatsächlich schaffte sie es, ihr zu schildern, wie herausfordernd die Situation unter den Mädchen für sie ist und dass es ihr nicht gut geht.

Meiner Tochter geht es seither so schlecht, dass ich mir Sorgen mache. Sie weint viel, schläft schlecht und kann sich nicht mehr gut konzentrieren.

Daraufhin führte die Lehrerin ein Gespräch mit den Mädchen. Diese bestritten die Vorfälle offenbar glaubwürdig und bagatellisierten die Vorkommnisse. Seit diesem Gespräch hat sich die Situation noch weiter verschlimmert, denn die Mädchen nehmen es meiner Tochter übel, dass sie die Lehrerin informiert hat. Meiner Tochter geht es seither so schlecht, dass ich mir Sorgen mache. Sie weint viel, schläft schlecht und kann sich nicht mehr gut konzentrieren. Ich habe den Impuls, die Lehrerin zu informieren, aber meine Tochter will das überhaupt nicht und fleht mich an, nichts zu sagen. Sie befürchtet, dass es dann noch schlimmer wird. Ausserdem bin ich selbst Kindergärtnerin und habe mir vorgenommen, mich als Mutter nicht einzumischen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, es besser zu wissen.

Beraterin: Ich beginne zu verstehen, was Sie mit «anstehen» meinen. Einerseits spüren Sie deutlich, dass all dies ein Ausmass annimmt, bei dem die Lehrerin involviert werden müsste, um die Dynamik zu stoppen. Gleichzeitig ist unklar, ob dieses Eingreifen Ihrer Tochter wirklich hilft. Die Möglichkeit oder Vorstellung einer Verschlimmerung belastet nicht nur Ihre Tochter, sondern auch Sie. Unter diesen Bedingungen gegen den Wunsch Ihrer Tochter zu handeln, ist schwierig. Zusätzlich kommt Ihnen noch Ihr Vorsatz in die Quere, als Mutter nicht die besserwisserische Lehrerin hervorzukehren. Da kommt einiges zusammen!

Mutter: Ja genau. Ich habe einfach grosse Angst, dass es noch schlimmer wird oder ich etwas Falsches mache.

Beraterin: Diese Angst kann ich gut verstehen. Es ist belastend, nicht zu wissen, wie sich das Ganze entwickeln wird, was hilfreich und was verschlimmernd sein könnte.

Mutter: Was raten Sie mir?

Beraterin: Gerne erzähle ich Ihnen, was mir durch den Kopf geht. Dass Sie sich nicht einmischen wollen, weil Sie selbst beruflich im Schulsystem eingebunden sind, finde ich vernünftig, solange es Ihren Kindern gut geht beziehungsweise sie bei auftretenden Schwierigkeiten selbst Lösungen finden. In der von Ihnen beschriebenen Situation verhält es sich jedoch anders.

Eine Lösung ohne Eingreifen von Erwachsenen ist nicht in Sicht. Da müssen Sie Ihren Vorsatz zur Seite schieben und die Rolle der Mutter einnehmen, die sich für ihre Tochter einsetzt.

Martina Schmid, Beraterin

Ihre Tochter scheint unter grossem Leidensdruck zu stehen und eine absehbare Lösung ohne Eingreifen von Erwachsenen ist nicht in Sicht. In solch einer Situation erachte ich es als notwendig, Ihren Vorsatz zur Seite zu schieben und die Rolle der Mutter einzunehmen, die sich für ihre Tochter einsetzt. Ich finde es wichtig und wertvoll, dass Sie Ihre Tochter dabei unterstützt haben, die Lehrerin über die Vorfälle zu informieren, und dass Ihre Tochter den Mut hatte, dies selbst anzugehen. Sie muss hören, dass sie nicht versagt hat. Sie war mutig und hat das Richtige gemacht, auch wenn es momentan noch nicht zur Lösung geführt hat.

Mutter: Ich bin sehr froh, dies so klar zu hören.

Beraterin: Zurück zu Ihrer Frage, ob Sie die Lehrerin informieren sollen. Für mich klingt das nach einer sehr verfahrenen Situation, in der die Mädchen Unterstützung brauchen. Gerade weil sich die Vorfälle nur an unbeaufsichtigten Orten abspielen, ist die Lehrerin darauf angewiesen, das Ausmass der Konflikte von einer aussenstehenden Person zu erfahren. Ihre Tochter wird dem verständlicherweise nicht zustimmen und es würde sie auch überfordern, wenn Sie ihr diese Entscheidung überlassen.

Mutter: Das fühlt sich sehr stimmig an und macht Sinn, wenn ich das so höre.

Beraterin: In einer ersten Phase kann es tatsächlich schlimmer werden. Besprechen Sie darum unbedingt mit Ihrer Tochter, vor welchen Momenten sie sich fürchtet und was ihr in diesen Situationen helfen würde. Sie könnte zum Beispiel in der Pause immer in der Nähe der Pausenaufsicht sein oder diese Zeit mit einer Freundin im Klassenzimmer verbringen. Auf jeden Fall braucht sie die fokussierte Aufmerksamkeit der Lehrperson. Die unterstützende und klare Haltung der Lehrerin ist wichtig und das Involvieren der Schulsozialarbeit ist meiner Einschätzung nach ebenfalls notwendig. Eine Möglichkeit ist auch, direkt mit der Schulsozial­arbeit Kontakt aufzunehmen, denn es fällt in deren Aufgabenbereich, die Lehrerin bei solchen Prozessen zu unterstützen, mit der Klasse oder einzelnen Gruppen an diesem Thema zu arbeiten und betroffene Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Elternnotruf

Bei Themen rund um den Familien- und Erziehungsalltag ist der Verein Elternnotruf seit 40 Jahren für Eltern, Angehörige und Fachpersonen eine wichtige Anlaufstelle – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die Beratungen finden telefonisch, per Mail oder vor Ort statt. www.elternnotruf.ch 

An dieser Stelle berichten die Berater aus ihrem Arbeitsalltag.

Mutter: Das hilft mir sehr. Ich habe Klarheit gewonnen und fühle mich bestärkt in dem, was ich eigentlich machen wollte. Nach unserem Gespräch fühlt es sich nun richtig an. Gerne möchte ich dies heute Abend noch mit meinem Mann besprechen und dann entscheiden, wie wir weiter vorgehen.

Beraterin: Das finde ich eine gute Idee. Sie können auch jederzeit wieder anrufen und weitere Schritte mit uns besprechen.

Mutter: Vielen Dank und auf Wiederhören.

Beraterin: Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Martina Schmid Elternnotruf

Martina Schmid
ist gelernte Primarlehrerin und Heil­pädagogin und arbeitet seit zehn Jahren als dipl. systemisch-lösungsorientierte Therapeutin beim Elternnotruf. Sie ist Mutter von drei Kindern.

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