Schulangst: «Ich habe nur noch geweint»
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«Als Colin in die Psychiatrie sollte, habe ich geweint»

Lesedauer: 2 Minuten

Der 14-jährige Colin wollte wochenlang nicht mehr zur Schule. Er und seine Mutter erzählen, wie sie diese Zeit erlebt haben und was ihnen geholfen hat.

Aufgezeichnet von Sandra Markert
Bild: Ladina Bischof / 13 Photo

Diana Vonarburg, 43, leitet eine Waldspielgruppe und lebt mit ihrem Mann Michael, 42, Projektmanager, und ihren Söhnen Colin, 14, und Jason, 12, in ­Frauenfeld TG. Colin hat sich viele ­Wochen in seinem Zimmer verkrochen, weil er nicht mehr zur Schule gehen wollte. Nun ist er auf einem Internat und wünscht sich, nach dem Schul­abschluss eine gute Lehrstelle zu finden.

Diana: «Bis zur 5. Klasse ist Colin gern zur Schule gegangen. Plötzlich hatte er dann dienstags immer Bauchweh oder Kopfweh. Mir war schnell klar, dass das so nicht stimmt. Aber mir ist es nicht gelungen, ihn an diesen Tagen zum Gehen zu motivieren, also habe ich ihn entschuldigt. Das war eine enorme Belastung, weil man als Eltern natürlich weiss: Das ist nicht richtig.

Nach Gesprächen mit den Lehrern kam Colin für zwei Monate auf eine Spezialschule mit kleinen Klassen, das hat ihm gutgetan. Dann erfolgte der Wechsel in die Oberstufe. Obwohl sich Colin darauf gefreut hatte, ist er schon bald nur noch stundenweise hingegangen und hat irgendwann komplett dicht­gemacht. Er war nur noch in seinem Zimmer, hat die Decke über den Kopf gezogen und ge­schlafen.

Gesehen haben wir ihn nur noch zum Essen. Es war eine schlimme Zeit. Dazu noch die Nachbarn, die gefragt haben: Was ist da los? Wo ist Colin? Der muss doch zur Schule! Mein Mann und ich sind einfach nicht mehr an ihn herangekommen. Wir wissen bis heute nicht, was die Gründe waren, wir können nur spekulieren.

Jetzt sind wir wieder in Sorge, was nächstes Jahr ­passiert, wenn er eine Lehre beginnt und vielleicht auf eine grosse Gewerbeschule muss.

Mutter Diana

Er ist ein kleiner, feiner Junge. In seiner Primarschulklasse waren alle anderen grösser und kräftiger, vielleicht ist er deswegen auch gemobbt worden. Als es dann auf die grosse Schule mit den vielen neuen Mitschülern ging, kam Colin damit nicht gut zurecht. Ich denke, es hat ihm Angst gemacht. Das ging etwa fünf Monate lang so. Die Schule und wir mussten dann eine Meldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) machen.

Eine gute Lösung

Eines Tages kam ein Anruf, Colin müsse noch am selben Tag in die Psychiatrie, die Schulpsychologin habe Sorge, dass er abrutsche. Da habe ich nur noch geweint – es war immerhin die Akutstation, wo vor allem Jugendliche sind, die sich das Leben nehmen wollen. Da gehört doch Colin nicht hin, habe ich gedacht.

Es gibt gute und schlechte Momente, aber ich versuche, mich morgens immer auf den Schulalltag zu freuen.

Colin, 14

Aber der Aufenthalt dort und die Zeit danach in der Kinderpsychiatrie haben ihm gutgetan. Jetzt ist er unter der Woche in einem Internat mit kleinen Klassen. Er hat sich dort sehr gut entwickelt. Und er ist schlau, der Schulstoff war nie das Problem. Jetzt sind wir wieder in Sorge, was nächstes Jahr ­passiert, wenn er eine Lehre beginnt und vielleicht auf eine grosse Gewerbeschule muss. Ob er das packt? Oder gibt es eine andere Lösung? Da sind wir gerade am Schauen.»

Colin: «Ich würde nicht sagen, dass mir die Schule Angst gemacht hat. Ich bin gut gestartet, hatte eine verständnisvolle Lehrerin und viele Kollegen, mit denen ich mich oft getroffen habe. Aber dann kamen andere Lehrer, es gab Unstimmigkeiten, da bin ich dann nicht mehr immer gegangen und irgendwann ganz zu Hause geblieben. Zu der Zeit hat mir ein strukturierter Tagesablauf gefehlt. Inzwischen weiss ich: Es gibt gute und schlechte Momente in der Schule, aber ich versuche, mich morgens immer auf den Schulalltag zu freuen. Und ich weiss, dass es wichtig ist, hinzugehen, damit ich eine gute Lehrstelle finden kann.»

Sandra Markert
ist freie Journalistin und Mutter von drei Kindern im Kindergarten- und Primarschulalter. Sie lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

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