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Wie viel Elternangst ist normal?

Lesedauer: 12 Minuten

Eltern ängstigen sich um ihre Kinder. Dafür hat die Evolution gesorgt, damit unser Nachwuchs gesund und sicher aufwächst. Doch wann ist es zu viel der Angst? Was hat diese mit der eigenen Kindheit zu tun? Und wie beeinflusst sie die kindliche Entwicklung und das elterliche Wohlbefinden?

Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Joan Minder  / 13 Photo

In diesem Sommer wollte mein neunjähriger Sohn ohne mich am Strand übernachten. Wir waren gemeinsam im Italien-Urlaub. Unser Feriencamp hatte ein Kinder- und Jugendprogramm, das einmal pro Woche eine Strandübernachtung anbot. Die Gruppe sollte nach dem Abendessen aufbrechen und am nächsten Morgen zum gemeinsamen Frühstück zurückkommen. Mein Sohn war mit Abstand der Jüngste. Er war Feuer und Flamme, kein bisschen zögerlich.

Ganz im Gegensatz zu mir. Was, wenn er nachts Angst bekäme? Wenn er versuchen würde, allein zurückzukehren? Wenn er sich verlaufen würde? Mein Gedanken­karussell stellte sogar die abwegige Frage: Was, wenn er im Dunkeln zum Meer ginge, um zu schwimmen?

«Mama, darf ich?», fragte mein Sohn, zog mit Isomatte und Schlafsack von dannen und kam am nächsten Morgen strahlend zurück. Mir hingegen hatten meine Keine-Angst-Mantras kaum geholfen gegen die Was-da-alles-passieren-kann-Gedanken. Ich hatte schlecht geschlafen.

Ausserdem mochte ich mich nicht. Meine Kinder sollten mich doch nicht als ewig besorgte Glucke mit dicker Sorgenfalte im Gedächtnis behalten. Wo war meine Leichtigkeit geblieben? Wie viel Angst war eigentlich noch normal? 

Schon bevor ich Mutter wurde, kannte ich Sprüche wie «Mit den Kindern kommen die Ängste» oder «Kleine Kinder, kleine Sorgen; ­grosse Kinder, grosse Sorgen». Ich fand sie altbacken, nicht hilfreich und schlichtweg doof.

Ich entwickelte direkt mit dem Schwangerschaftstest einen ungeheuren Beschützerinstinkt.

Selbstverständlich wollte ich eine entspannte Mutter sein. Eine, die ihren Kindern viel Freiraum und Vertrauen schenkt. Eine, die sie ermutigt, sich auszuprobieren, und sie in ihrem Entdeckerdrang nicht ausbremst, sondern unterstützt. Ich wollte ihnen «Nur Mut» und «Du kannst das» zuraunen. So weit jedenfalls die Theorie. 

In der Praxis entwickelte ich direkt mit dem positiven Schwangerschaftstest einen ungeheuren Beschützerinstinkt gegenüber ­diesem kleinen Wesen, das in mir heranwuchs. Zu meiner Freude gesellten sich leise Zweifel, ob ich dieser Aufgabe gerecht werden würde.

Es gab so vieles, das schon in der Schwangerschaft unbedingt zu berücksichtigen war. Diese An­nahme wurde von Ärzten, den Gross­eltern in spe und auch von Aussenstehenden befeuert. Eine Erfahrung, die übrigens viele werdende Eltern und besonders Mütter machen. 

Die Ängste mit den Kindern besprechen: Marianne Maag und ihr Jüngster, Judah, 4. Lesen Sie hier ihre Erzählung «Wir können unsere Kinder nur bis zu einem gewissen Punkt beschützen»

Es schien, als ob dieses Kinderkriegen eigentlich ein Wahnsinnsprojekt sei, bei dem ganz schön viel schiefgehen kann. Diese Ehrfurcht wird nicht weniger, wenn man dann den Säugling im Arm hält und mit dem Kleinen oder der Kleinen nach Hause geht. Unser Instinkt sagt uns, dass wir dieses zerbrechliche, wunderbare Wesen mit allem, was wir haben, beschützen werden.

Die Angst ist in unseren Genen ­verwurzelt

Fortan sind wir innerlich darauf getrimmt, alle Gefahren rechtzeitig zu erkennen und abzuwenden. «An dieser Konditionierung ist an sich nichts falsch. Die Natur hat das so vorgesehen. Sie möchte, dass wir selbst und unser Nachwuchs überleben. Angst ist unser Warnsystem und soll uns vor Gefahr schützen», sagt die Psychologin und Familienforscherin Annette Cina. Sie arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg und hat selbst drei Kinder. 

Es ist also vollkommen richtig und normal, dass wir als Eltern abwägen, was wir unserem Kind zutrauen können und wobei wir es unterstützen sollten. «Das schafft er oder sie schon» entspricht vielleicht unserem Wunschdenken, ist aber nicht immer die richtige Option.

«Jüngere Kinder haben oft kein angemessenes Gefühl dafür, was sie schon können und was nicht. Sie wissen schlichtweg nicht immer, wie sie eine Situation einschätzen sollen», so Cina. Wer ist nicht schon mal einem Kind hinterhergesprintet, das mit dem Laufrad auf eine rote Fussgängerampel zuraste? Wer stand nicht schon mal in Alarmbereitschaft an einem Klettergerüst, die Arme gen Himmel gereckt, um einen Sturz zu verhindern? 

Angst ist unser Warnsystem und soll uns vor Gefahren schützen.

Annette Cina

Es ist leicht, dieses Elternverhalten aus der Aussenperspektive zu belächeln oder zu kritisieren. «Sei doch nicht so helikoptermässig unterwegs», lautet ein frommer Ratschlag, der auch gerne von Kinderlosen gegeben wird, ebenso wie: «Ängstliche Eltern haben ängstliche Kinder. Mutige Eltern haben mutige Kinder.» Aber stimmt das? 

Susanne Mudra, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, arbeitet als Oberärztin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und untersucht, inwiefern diese Annahme zutrifft. Seit 2015 erforscht sie im Rahmen der sogenannten PAULINE-Studie, wie die Gefühle von Eltern die Kinder beeinflussen.

«Ich bin mir der Gefahren bewusst, zeige aber Vertrauen», sagt Barbara Baur. Lesen Sie hier ihre Erzählung «Sie werden die richtigen Entscheidungen treffen»

Tatsächlich ist das Zusammenspiel von elterlicher Angst und kindlicher Entwicklung nicht so simpel, wie viele annehmen. Die Sorgen der Eltern zeigten in der Studie häufig Auswirkungen auf das kindliche Verhalten. «Wenn ich als Elternteil bestimmte angst- oder stressauslösende Reize meide, dann übertrage ich das oft auf mein Kind», sagt Mudra.

Ein Beispiel: Wenn ein Elternteil grosse Angst vor Hunden hat und deshalb bewusst viel Abstand hält, vielleicht die Stras­senseite wechselt oder extrem angespannt ist, sobald sich ein Tier nähert, wird das Kind Hunde sehr wahrscheinlich auch als Gefahr wahrnehmen. Dafür müssen die Eltern nicht einmal «Vorsicht, der könnte beissen» sagen. Kinder haben perfekte Antennen für die Gefühle ihrer Eltern, schon ein Stirnrunzeln oder ein festerer Händedruck vermittelt ihnen, wie etwas einzuschätzen ist. 

Die Entscheidung, ob man ein Kind eher ermutigt, ­etwas zu wagen, oder es zur Vorsicht ermahnt, ist sehr ­individuell zu treffen.

Aber die Interaktion mit den Eltern ist nicht alles. Wie mutig, abenteuerlustig oder bedächtig und umsichtig ein Kind agiert, hängt auch von (epi)genetischen und ­pränatalen Einflüssen sowie vom kindlichen Temperament ab.

«Kinder bringen bei Geburt schon ein unterschiedliches Repertoire an Verhaltensweisen und Regulationsstrategien mit», sagt Susanne ­Mudra. Auf dieses Temperament reagieren wiederum die Eltern und stehen vor der Herausforderung, die kindlichen Signale zu lesen und bestmöglich sensitiv zu beantworten. Mütter und Väter, die ein besonders wagemutiges Kind haben, neigen dann vielleicht dazu, das Kind eher zu bremsen, während Eltern eines ohnehin eher zurückhaltenden Kindes dieses bestärken möchten.

Die Entscheidung, ob man als Mutter oder Vater ein Kind eher ermutigt, etwas zu wagen, oder es eher ermahnt, umsichtig zu sein, ist also sehr individuell zu ­treffen.

Kinder müssen sich autonom ­ausprobieren können

Manchmal differiert das auch stark innerhalb einer Familie. Der erstgeborene Sohn meiner Schwester war schon als Kleinkind sehr vorsichtig. Er wagt sich erst nach eingehender Beobachtung und einigem Zögern an Neues heran.

Sein jüngerer Bruder war schon immer ein ­«Danger Seeker», er sucht die Gefahr. Sein System ist, sich sofort in Unbekanntes hineinzustürzen, Unfälle inklu­sive. Das haben alle im Blick, denn natürlich hat keine Betreuungsperson Lust auf eine Platzwunde, eine Fahrt im Krankenwagen, das Warten in der Notaufnahme. 

«Ganz ohne Exploration gibt es keine Entwicklung», sagt die Psychologin und Familienforscherin Annette Cina. «Wenn wir versuchen, alles so zu organisieren, dass nichts passieren kann, nehmen wir den Kindern die Gelegenheit, selbst zu lernen, mit was sie wie umgehen können.»

Wir nehmen ihnen damit auch die Möglichkeit, ein Urver­trauen in sich zu entwickeln, so die Expertin. Denn Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit bilden sich aus, wenn man das Gefühl hat, generell in Sicherheit zu sein und sich ausprobieren zu dürfen. Wichtig ist auch: Es muss nicht immer alles gelingen. Wenn etwas danebengeht, ist es keine Katastrophe.

«Kinder werden ab dem Tag der Geburt autonomer. Eltern müssen sich permanent und immer wieder von ihnen loslösen. Das macht Angst», sagt Jeannette Fischer. Die Psychoanalytikerin aus Zürich ist Autorin des Buchs «Angst – vor ihr müssen wir uns fürchten». Sie ist zudem Mitregisseurin des Dokumentarfilms «Lisa und Yvonne», der von der Angstübertragung eines ehemaligen Verdingkindes auf seine Tochter handelt.

Elija Maag war diesen Sommer zum ersten Mal allein im Schwimmbad. Der elfjährige ist das älteste von vier Geschwistern.

Als Eltern müssen wir die vielen Ablösungsschritte unserer Kinder begleiten. «Wenn beispielsweise ein Kind das erste Mal bei einem Freund oder einer Freundin übernachten möchte, aber eigentlich noch immer in den Schlaf begleitet wird, kann man das trotzdem probieren», sagt Jeannette Fischer. «Das Einzige, was passieren kann, ist, dass man sein Kind nachts abholen muss.» Das Kind nimmt dabei keinen Schaden. Es ist vielleicht in der Situation untröstlich, aber lernt auch, was ihm gelingt und was noch nicht. 

Wenn ich selbst an meine Kindheit zurückdenke, dann hatte ich reichlich Gelegenheit, dieses Fallen und Aufstehen zu üben. Ich bin als Tochter einer alleinerziehenden, voll berufstätigen Frau ­aufgewachsen. Meine Mutter wusste schon aus Zeitmangel oft nicht, wo meine beiden Geschwister und ich unsere Nachmittage verbrachten. Aber auch die anderen Eltern schien das wenig zu interessieren.

Hatte die Generation unserer Eltern generell weniger Angst um uns?

Die Regel war, dass wir zum Abendessen wieder zu Hause sein mussten. Manchmal verliefen meine Freunde und ich uns zwischen Feldern und Waldstücken oder in den Strassen unseres Vorortes und mussten erst mal irgendwie den Weg zurückfinden. Ab und an sagte meine Mutter beim Abendessen, wenn wir von unseren Erlebnissen erzählten: «Da hattest du aber einen Schutzengel.» Hatte sie Angst? Sie wirkte nicht so. Hatte die Generation unserer Eltern generell weniger Angst um uns?

Viele Eltern sorgen sich heute, ob sie ihre Kinder genug fördern

«Eltern sind ihren Kindern heute viel näher, als es früher der Fall war», sagt die Psychologin Julia Tomuschat. Sie beschäftigt sich seit Langem mit der Frage, was Kindern und Erwachsenen ein gutes Selbstbewusstsein ermöglicht, und hat zu diesem Thema den Ratgeber «Nestwärme, die Flügel verleiht» geschrieben.

Einerseits sei es gut, dass Mütter und Väter heute mehr mitbekommen wollen von den Gefühlen und den Problemen ihrer Kinder. Andererseits begrenze diese Nähe oft die Freiheit und den Spielraum der Kinder, findet Tomuschat, denn: «Wenn ich etwas nicht weiss, mache ich mir darüber auch keine Gedanken.»

Angst ist immer ein Hinweis und ­gleichzeitig die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Begleitung durch die Eltern und ihre Erziehungsleistung sind gestiegen. Viele Eltern, so Julia Tomuschat, übernähmen gefühlt die Verantwortung für den Werdegang ihrer Kinder. Eine neue Angst der heutigen Eltern­generation sei, ob sie sich genug Zeit nähmen, ihren Nachwuchs zu fördern. Begleiten sie ihre Kinder hinreichend im schulischen Alltag? Helfen sie ihnen, sich zu integrieren und Freunde zu finden? 

Das sei gut gemeint, sagt Tomuschat. «Wenn Eltern aber all diese Aufgaben für ihre Kinder übernehmen, können diese nicht lernen, was in ihrer eigenen Verantwortung liegt.» Eine schlechte Prüfung, weil vorher nicht geübt wurde, kann auch einen Lerneffekt haben. «Und den Anschluss an eine Gruppe oder in einer unbekannten Situation zu finden, ist eine wichtige soziale Kompetenz, die sich jede und jeder erarbeiten muss.»

Tiago Balmer nimmt den Eltern mit seinem Entdeckerdrang manche Unsicherheit. Lesen Sie hier ihre Erzählung «Wir gehen mit unseren Ängsten bewusst und konstruktiv um»

Statt sich als Eltern wegen Ungewissheiten zu ängstigen, kann man auch die Lehrer fragen: Wie steht mein Kind gerade da – bezüglich Leistungspensum und im Klassenverband? Wird da Entwarnung gegeben, lässt man das Kind einfach machen. «Es muss nicht brillieren, sondern nur zufrieden sein.»

«Wir können Ängste nicht einfach ausschalten»

Oft spielten die eigenen Erfahrungen eine Rolle bei den Ängsten, die wir wegen unserer Kinder hegen, meint Julia Tomuschat. Immer wenn die Kinder in eine bestimmte Entwicklungsphase einträten, würden ­unsere Erinnerungen an die eigene Biografie reaktiviert. «Das ist wie eine Parallelspur.» 

Wenn wir uns als Eltern also um unsere Kinder sorgen, lohnt es sich, daran zu denken: Angst ist immer ein Hinweis und gleichzeitig die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Oder wie Julia Tomuschat sagt: «Wir können uns mit negativen Überzeugungen und Gefühlen, die wir unbewusst aus unserer Kindheit mitgeschleppt haben, beschäftigen und uns fragen, ob sie noch angemessen sind.» Der erste Schritt im Umgang mit den Elternängsten ist also das bewusste Reflektieren der eigenen Muster.

Kinder dürfen ­mitbekommen, dass ihre Eltern in bestimmten ­Situationen Angst haben.

«Wir sollen unsere Ängste nicht bagatellisieren, aber eben auch nicht pathologisieren», sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Mudra. «Wir können unsere Ängste nicht einfach ausschalten.» Aber wenn wir erst einmal anerkennen, dass bestimmte Ängste uns einschränken und uns dadurch Freiheit und Lebenslust nehmen, können wir uns damit beschäftigen und im Austausch mit dem Partner oder der Partnerin, dem sozialen Umfeld oder auch professionellen Helfern Strategien im Umgang mit der Angst finden.

Verbringen wir genug Zeit mit unserem Kind? Stefan Balmer und sein Sohn Tiago.

Wir können beispielsweise Freunde mit gleichaltrigen oder älteren Kindern fragen, wie sie mit bestimmten Situationen umgegangen sind. Ab wann durften ihre Kinder den Weg zur Schule mit dem Fahrrad fahren? Wann durften sie allein ins Schwimmbad? Wie lange dürfen ihre Teenager ausgehen und wie sind die Regeln für den Heimweg? Der Austausch hilft, um die – oftmals berechtigten – Sorgen zu rationalisieren.

Die eigenen Ängste vor den Kindern zu verstecken, das klappt nicht

Wir können gegebenenfalls auch ein niederschwelliges Beratungsangebot aufsuchen und dort Hilfe bekommen. «Es ist viel besser, sich bei elterlicher Sorge oder Belastung frühzeitig beraten zu lassen, als Wochen oder Jahre vergehen zu lassen, die das Erleben des Kindes und der Elternschaft womöglich nachhaltig belasten», so Mudra. Schon ein Beratungstermin kann manchmal ausreichen, die eigenen Sorgen besser einschätzen zu können.

«Es bringt nichts, die eigenen Ängste einfach vor den Kindern ­verstecken zu wollen. Das klappt nicht, weil wir unsere Emotionen auch nonverbal ausdrücken», sagt An­nette Cina. Wenn wir nicht wollen, dass unsere elterlichen Befürchtungen sich unbewusst übertragen, hilft ein offener und konstruktiver Umgang damit. Sobald Kinder alt genug sind, kann man die negativen Gefühle thematisieren.

Wir alle brauchen die Überzeugung, auch herausfordernde Situationen zu meistern.

«Dabei ­sollte man klarmachen, dass die Sorge einen selbst und nicht das Kind an sich betrifft», sagt die Psychoanalytikerin Jeannette Fischer. «Die Botschaft sollte lauten: Ich habe Mühe mit dieser Situation. Und nicht: Davor musst du Angst haben und gut aufpassen. Sonst wird die Angst der Eltern auf die Kinder übertragen, das gilt es zu verhindern.»

Kinder dürfen mitbekommen, dass ihre Eltern in bestimmten Situationen gestresst sind oder sich fürchten – und dann nach einem guten Weg suchen, mit den Ängsten umzugehen. Bei einem kleineren Kind funktioniert ein Satz wie «Da bin ich jetzt ein bisschen aufgeregt und ängstlich, aber wir gucken mal, dass wir das gut hinbekommen».

Mit einem Teenager kann man die Lage konkret besprechen. Die Tochter oder der Sohn möchte das erste Mal allein nachts ausgehen? Dann kann man thematisieren, welche Verhaltensweisen sie schützen. Man kann über Alkohol, Drogen und Belästigung reden, ohne misstrauisch oder panisch zu wirken. Man kann sich auf Regeln einigen, deren Einhaltung nicht verhandelbar ist. Es gehe nicht darum, existierende Gefahren auszublenden, sondern einen vernünftigen Umgang damit zu vermitteln, sagt Jeannette Fischer. 

Bei äusseren Krisen dem Kind Handlungsansätze bereitstellen 

«Das gilt auch für die Krisen, die von aussen an Familien herangetragen werden. Kriege, Klimakrise und Pandemie können das Gefühl entstehen lassen, der Welt ausgeliefert zu sein», sagt Cina. Es helfe, wenn wir bei solchen existenziellen Fragen Handlungsansätze bereitstellen, etwa indem wir konkret zeigen, wie wir uns umweltschonend verhalten oder wie wir Menschen in Krisengebieten helfen können.

«Wir werden damit umgehen und einen Weg finden, ist eine Herangehensweise, die wir Kindern vorleben und mitgeben sollten», so die Psychologin. Wir alle brauchen die Überzeugung, herausfordernde Situationen zu meistern, und Vertrauen in unser Miteinander.

Wo ist mir zu Recht mulmig? Judah Maag, 4, mit seinem Vater Samuel.

Während mein Sohn am Strand übernachtete und ich schlaflos im Feriencamp wartete, dachte ich an meine eigenen Teenager-Nächte. Meine Mutter wusste oft nicht genau, wann ich von einer Party nach Hause kommen würde. Aber sie hatte vorab immer geklärt, mit wem ich unterwegs war und wie der Notfallplan aussah.

Wenn ich morgens am Frühstückstisch sass, sagte sie manchmal etwas wie: «Das war ziemlich spät heute Nacht.» Sie ­hatte mich im Blick. Vermutlich sorgte sie sich auch. Aber ihr Wille, mir zu vertrauen, war stärker. 

Als mein Neunjähriger morgens zurück ins Ferienlager kam, merkte ich ihm die Erleichterung an, obwohl er vor den älteren Jungen in seiner Gruppe betont lässig tat. «Das Meer war krass laut und der Sand hat gekratzt», sagte er. «Aber daran gewöhnt man sich. Easy.» «Bist du stolz?», fragte ich ihn. «Ja, auf dich», sagte mein Sohn und lachte lautstark über seinen Witz. «Ich auch», erwiderte ich. Ich fand, dass ich allen Grund dazu hatte.

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Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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