Eltern sein heisst nie mehr nicht Vater oder Mutter sein
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Eltern sein heisst nie mehr nicht Vater oder Mutter sein

Lesedauer: 3 Minuten

Dies ist der letzte Beitrag von Mikael Krogerus für Fritz+Fränzi. Darin zieht der Kolumnist viele lehrreiche Fazite zum Eltern sein und verabschiedet sich mit einem persönlichen Dank bei allen Leserinnen und Lesern.

Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Es ist eigentlich verrückt: Eltern sein ist die einzige Tätigkeit, die man ohne Vorkenntnisse ausüben darf. Autofahren? Schwimmen im tiefen Becken? Operationen am offenen Herzen? – Alles erst erlaubt mit dem Nachweis einer abgeschlossenen Fähigkeitsprüfung. Elternsein hingegen? Nur zu, einfach los!

Dabei ist es eine hochkomplexe, vielschichtige Aufgabe. Vor allem auch eine lebenslängliche: Denn du bist nie mehr nicht Vater oder Mutter. Bis ans Ende deines Lebens wird es eine Verbindung zwischen dir und deinem Kind geben. Dass man diese Tätigkeit völlig unvorbereitet ausüben darf, hat natürlich auch etwas Gutes. Wüsste man, worauf man sich da einlässt, würde man allenfalls dankend ablehnen. 

Das Einzige, was hilft, ist die Einsicht, dass Fehlermachen zum Leben dazugehört. Und dass man den Humor nicht verlieren darf.

Der Mantel, den man mit dem Kinderkriegen überstreift und nie wieder ablegen wird, besteht aus einem unbekannten Material, einer Mischung aus Liebe und Blei. Über Nacht muss man Verantwortung übernehmen. Für einen anderen Menschen. Aber auch für sich selbst. Man muss sein eigenes Leben in den Griff kriegen. Und es sich zu nehmen, ist keine Option mehr, denn plötzlich hältst du das Leben eines anderen Menschen in deinen Händen.

Das führt zu extremen Gefühlen der Verbundenheit, aber auch zu solchen der Überforderung und Einsamkeit. Weil du instinktiv spürst, dass du gegenüber deinen Kindern vieles falsch machen wirst. Das Einzige, was nach meiner nun fast zwanzigjährigen Erfahrung im Kinderhaben hilft, ist die Einsicht, dass Fehlermachen zum Leben dazugehört. Und dass man den Humor nicht verlieren darf. Die Kunst liegt wohl darin, sein Bestes zu geben und sich selbst dabei nicht so wichtig zu nehmen. Denn im Leben geht es weder um beste Eltern noch um beste Kinder, aber als Eltern können wir versuchen, das, was uns idealerweise als Menschen ausmacht, wenigstens zu üben: für jemand anderen da zu sein.

Mit Kindern geht es wie im Leben nicht darum, seine Träume zu realisieren, sondern das Leichte im Schweren zu finden.

Eltern sein heisst, sich von Idealvorstellungen zu verabschieden. Machen wir uns nichts vor, wir alle haben Bilder im Kopf, wie eine glückliche Familie ist. Bei mir war es die Vorstellung einer Art Bullerbü-Kindheit: Meine Kinder sollten sorglos und selbstbestimmt in Skandinavien aufwachsen. Es kam dann anders. Natürlich gibt es Tage, an denen mir das Elternsein flirrend und leicht vorkommt. Es gibt aber auch Tage, die schwerer wiegen. Vieles hatte ich mir halt anders vorgestellt. Aber ich glaube, mit Kindern geht es wie im Leben nicht darum, seine Träume zu realisieren, sondern das Leichte im Schweren zu finden.

Eltern sein heisst, die Radikalität des Moments zu erleben, denn viele Situationen fühlen sich an, als würden sie ewig andauern. Das Kind kann nicht einschlafen? Es wird einem vorkommen, als ­würde es für den Rest seines Lebens nicht mehr einschlafen. Das Kind isst kein Gemüse? Es wird nie mehr Gemüse essen! Es hat Schwierigkeiten in der Schule? Es wird keinen Abschluss machen!

Meine Kinder sollten wissen, dass sie eines im Leben extrem richtig gemacht haben: Sie haben meine Frau und mich glücklich gemacht.

Man lebt als Eltern maximal im Moment. Das gilt gemeinhin als etwas Erstrebenswertes, es kann aber auch zermürbend sein, wenn der Moment, in dem man lebt, langatmig, zehrend oder gar grenzüberschreitend ist. Zu dieser Radikalität des Moments gesellt sich aber eine Radikalität der Veränderung. Wenn ich könnte, würde ich meinem jüngeren Ich zurufen: Nichts bleibt so, wie es ist. Alles ändert sich. Alles geht vorüber. Das Gute leider, das Schlechte zum Glück.

Eltern sein heisst auch, sich immer mal wieder zu fragen, ob man überhaupt irgendwas in seinem Leben richtig gemacht hat. Auf diese Frage habe ich kürzlich in einem Roman eine Antwort gefunden. Sinngemäss lautet sie, dass ich selbst nie wissen werde, ob das, was ich gemacht habe, richtig war. Meine Kinder aber sollten wissen, dass sie eines im Leben so oder so extrem richtig gemacht haben: Sie haben meine Frau und mich glücklich gemacht. So glücklich, dass ich fast denke, dass es der einzige Grund ist, warum es mich gibt. Allein das Wissen, dass es möglich ist, so glücklich zu sein, ist schon etwas wert, auch wenn das Gefühl nicht immer da ist. 

Dies ist meine letzte Kolumne, die ich für Fritz+Fränzi schreibe. Meine Kinder sind nun gross, ich kann ihnen nichts mehr beibringen, ich kann ihnen nur noch zusehen und staunen, wie sie, um die ich mir immer so viel Sorgen gemacht habe, im Leben so viel besser klarkommen als ich. 

Bei Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, möchte ich mich bedanken, dass Sie mich auf meiner Reise durch das Elternsein begleitet haben. Ich habe mich über jede Reaktion gefreut, über die kritischen schon auch, aber vor allem über die zustimmenden, weil sie mir das Gefühl gaben, dass ich nicht allein bin, dass es auch anderen schwerfällt, dass aber auch andere diese unbändige Freude spüren, die nur Kinder in einem auslösen können.

Mikael Krogerus
ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter ­und eines Sohnes und lebt in Basel. Von 2013 bis 2023 war er Kolumnist für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi.

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