Wie Eltern sich als Paar wieder näher kommen - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie Eltern sich als Paar wieder näher kommen

Lesedauer: 5 Minuten

Der Alltag mit Kindern ist mitunter stressig, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kostet Kraft – da wird nicht selten an der eigenen Beziehung gespart. Was Eltern füreinander tun sollten.

Text: Stefanie Rietzler
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren


In der Zeit als Eltern haben wir oft am falschen Ende gespart, nämlich an uns. Wir haben die Dankbarkeit füreinander vergessen wie das Kostüm für den Fasnachtsanlass im Kindergarten. Und bei all den Einschlaf­geschichten, die wir in den letzten Jahren vorgelesen haben, ist nicht selten auch die Leidenschaft kurz eingenickt.

Müder als früher war sie: «Heute trage ich nichts für dich, ­ausser Augenringe», schreibt die Familientherapeutin Romy Winter auf Instagram und spricht damit ­vielen Eltern aus der Seele.

Wie steht es um Ihre Liebe? Gibt es noch echte Begegnungen oder schieben Sie sich nur noch die Kinder und Aufgaben hin und her? Wie nahe fühlen Sie sich Ihrem Partner, Ihrer Partnerin? Wann haben Sie sich zuletzt tief und persönlich ausgetauscht, anstatt Alltagskram zu regeln?

Studien zeigen, dass gemeinsame Kinder Partnerschaften zwar festigen, aber die Beziehungszufriedenheit massiv reduzieren. «Je neuer die Studie, desto stärker die Effekte», so Professor Guy Bodenmann von der Universität Zürich.

Warum ist es für Paare so herausfordernd, die emotionale Wärme aufrechtzuerhalten, wenn Kinder da sind? Man hat weniger Zeit für sich und füreinander, wird sich vielleicht fremd, rückt die Bedürfnisse des Kindes ins Zentrum und hat unter Umständen weniger Kraft, sich gegenseitig zu unterstützen. 

Statt sich auf den Partner ­einzulassen, ist man damit ­beschäftigt, innerlich Bilanz zu ziehen: Bekomme ich genug? Wo bleiben meine Bedürfnisse?

Wir wissen, wir sollten mal wieder eine Date-Night organisieren, ein neues Hobby miteinander aufnehmen, uns mehrmals wöchentlich zum Sex verabreden. Das muss uns die Beziehung doch wert sein! Aber gerade in turbulenten Phasen können solche Forderungen zu einem weiteren Punkt auf der mentalen To-do-Liste werden, der für Stress und Unzufriedenheit sorgt.

Unter Stress werden wir ­egoistischer

«Muss ich mich hier eigentlich um alles kümmern?», «Sie ist ständig am Nörgeln, sie lässt kein gutes Haar mehr an mir», «Du musst mir jetzt nicht auch noch damit kommen! Ich habe echt schon genug zu tun.»

Wenn wir unter Druck sind, richten wir den Fokus auf uns selbst – das Einfühlungsvermögen leidet. Anstatt sich auf die Partnerin oder den Partner einzulassen, ist man dann plötzlich damit beschäftigt, innerlich Bilanz zu ziehen: Bekomme ich genug? Was ist mit mir? ­Welchen Platz haben meine Bedürfnisse? 

Die Partnerschaft fühlt sich plötzlich an wie ein Konkurrenzkampf, bei dem um knappe Ressourcen gestritten wird. Beide sind mit dem Gefühl beschäftigt, zu kurz zu kommen – und wollen den anderen dazu bringen, einzulenken.

In solchen Momenten ist es hilfreich, das Augenmerk ganz bewusst auf das Wir zu richten. Studien zeigen, dass zufriedenere Paare ihre Beziehung oft wie eine dritte Instanz betrachten, um die man sich gemeinsam kümmern muss. Anstatt sich zu fragen, was man für sich aus der Partnerschaft herausholen kann, fragen sich diese Paare, was sie gemeinsam zur Beziehung beitragen können, um sie gesund und lebendig zu halten.

Hörtipp:

Im Podcast «Beziehungskosmos» besprechen die ­Paartherapeutin Felizitas Ambauen und die ­Journalistin Sabine Meyer die brennendsten ­Beziehungsfragen und geben praktische Tipps. www.beziehungskosmos.com

Beziehung lebt von kleinen ­Liebesgesten

Doch wie kümmert man sich in stressigen Zeiten gemeinsam um das Wir?

Wenn der Alltag stark durchgetaktet ist, nehmen liebevolle Berührungen rasch ab: Man ist mit dem Kopf schon bei der Arbeit und drückt sich noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Man steht am Herd und winkt kurz, wenn die Partnerin reinkommt, und schaut sich gar nicht mehr richtig an. 

Bereits kleine, achtsame Berührungen reduzieren Stress und Ärger und führen zu mehr Zuneigung, Vertrauen und Dankbarkeit. 

Es ist erstaunlich, wie viel näher sich Paare fühlen, wenn sie sich da und dort Zeit nehmen für bewussten Körperkontakt: Eine längere Umarmung, bevor man aus dem Haus geht, sich mal wieder an der Hand nehmen, einander übers Gesicht streicheln. Wer jetzt bereits denkt, dass er dafür keine Zeit hat: Wir sprechen von 5 bis 20 Sekunden. Bereits kleine, achtsame Berührungen reduzieren Stress und Ärger und führen zu mehr Zuneigung, Vertrauen und Dankbarkeit. 

Dankbarkeit können wir auch ganz bewusst kultivieren, indem wir uns fragen: Warum ist es schön und gut, dass der andere im eigenen Leben ist? Was trägt er zur Familie bei? Welche Phasen hat man besser überstanden, weil gerade dieser Mensch an unserer Seite war? Was hat man durch ihn lernen dürfen?

Wenn wir uns bewusster werden, was wir am anderen haben, seinen Beitrag stärker sehen und zurückmelden, steigt fast automatisch die Zufriedenheit der ganzen Familie. Und wenn wir eine Kritik anbringen oder eine Forderung stellen müssen, so wird unser Gegenüber in einem Klima der Dankbarkeit eher darauf eingehen, als wenn es glaubt, es uns «ja sowieso nie recht machen zu können». 

Unter Stress fangen wir unmerklich an, unseren Mitmenschen böse Absichten zu unterstellen. Hier können wir aktiv gegensteuern. Ertappen Sie sich manchmal beim Gedanken, dass der Partner, die Partnerin Ihre Gefühle absichtlich missachtet, sich nicht genügend um die Kinder oder den Haushalt kümmert, die Beziehung nicht wichtig nimmt?

Es lohnt sich, wenn man sich als Paar darüber austauscht, in welchen Momenten man sich vom anderen besonders geliebt und gesehen fühlt. 

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment durchführen. Überlegen Sie sich: «Angenommen, ich gehe davon aus, dass meiner Partnerin unsere Beziehung wichtig ist, sie ihre Rolle als Elternteil gut ausfüllen möchte und einen Beitrag zum Familienleben leisten will – was sehe ich dann?» Vielleicht kommen Sie zum Schluss, dass Ihre Partnerin beziehungsweise Ihr Partner eigentlich sehr vieles für die Familie tut. Vielleicht ist es aber nicht das, was Sie sich am meisten wünschen, und Sie nehmen diese Erkenntnis zum Anlass, um darüber zu sprechen und Verantwortungsbereiche neu auszuhandeln.

Manchmal bemühen sich beide Partner sehr stark um die Beziehung, sind aber dennoch unzufrieden. Vielleicht, weil das, was man sich wünscht, nicht mit dem übereinstimmt, was der andere gibt. Der amerikanische Paarberater Gary Chapman spricht von verschiedenen Liebessprachen.

So stellt sich bei manchen Menschen das Gefühl, geliebt zu werden, dann ein, wenn sie Lob und Anerkennung erhalten, andere reagieren stark auf körperliche Zärtlichkeiten, wieder andere auf gemeinsame Paarzeit, Hilfsbereitschaft im Alltag oder Geschenke und Aufmerksamkeiten. Es ist eine wertvolle Investition in die Paar­beziehung, wenn man sich darüber austauscht, in welchen Momenten man sich vom anderen besonders geliebt und gesehen fühlt. 

Zurück zu den Anfängen

Oft kommen sich Paare auch wieder näher, wenn sie sich an ihre gemeinsame Anfangszeit erinnern. Paartherapeutinnen oder -therapeuten lassen sich gerne die Phase der Verliebtheit schildern: Wie hat sich das Paar kennengelernt? Was hat die beiden angezogen und aneinander fasziniert? Wann war klar, dass man den Rest des Lebens miteinander verbringen möchte? Was gab diese Sicherheit? An welche Momente in der Beziehung erinnert man sich am liebsten? Vielleicht haben Sie ja Lust, Ihre gemeinsame Liebesgeschichte anstatt der Paartherapeutin Ihren Kindern zu erzählen.

Buchtipp:

Holger Kuntze: Lieben heisst wollen. Wie Beziehung gelingen kann, wenn wir Freiheit ganz neu denken. Kösel 2018, ca. 29 Fr.

 

Stefanie Rietzler
ist Psychologin und Autorin. Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Zürich.

Alle Artikel von Stefanie Rietzler

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